bekommt kräftigen

Die Bereitschaft, sich zu plagen, ist auch in Forschung und Entwicklung gesunken“, erklärt Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft mit Sitz in München. „Statt Neues auf den Markt zu bringen, beschäftigen wir uns immer mehr damit, Bestehendes zu verbessern.“ Das ist uns aus dem Herzen gesprochen. In den letzten sechs Jahren haben die Deutschen ihre Ausgaben für Forschung nur um sechs Prozent gesteigert, die Schweden um dreißig. Noch schlimmer aber ist die zukunftsfeindliche Grundhaltung bei Politikern und in Unternehmen. Denen redet Bullinger ins Gewissen: „Nur solche Leute sollten ganz nach vorn kommen, die kreativ sind und etwas Neues entwickelt haben.“ Toll, finden wir auch. Das Prinzip sollte auf Universitäten, Verlage und Medien ausgedehnt werden. Wer kann das ewig gleiche Gerede noch mit anhören? Wir wollen endlich etwas Neues. Die Fraunhofer-Gesellschaft ist dazu prädestiniert. Nach dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) die zweitgrößte Einrichtung für angewandte Forschung in der Welt, hat sie einen Forschungsetat von über einer Milliarde Euro pro Jahr. Hier werden nicht abgehoben die Welträtsel gelöst, sondern Innovationen entwickelt, die möglichst viel finanziellen Gewinn abwerfen sollen. Das geht aber nur, wenn sich der technische Schnickschnack im Alltag auch durchsetzt. Paradebeispiel ist der 1948 erfundene Transistor als Keimzelle für die gesamte Elektronik-Industrie. Heutzutage überläßt man Visionen nicht dem Zufall. Vielleicht erinnert sich noch einer an den „Trendforscher“ Matthias Horx. Hier ist es zum Beispiel Ulrich Schmoch von der Arbeitsgruppe Innovationsstrategien am Fraunhofer-Institut für Innovationsforschung in Karlsruhe. Erstmals in diesem Jahr stellt die Gesellschaft der deutschen Öffentlichkeit zwölf bestimmte Trends vor, die aus der wirtschaftlichen Misere helfen sollen. „Stärken stärken und nicht Schwächen ausbessern“, lautet die Devise. Was sind also die deutschen Stärken im kreativen Sektor? Nach so großer Ankündigung sind wir ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Eine Kaffeemaschine mit Web-Adresse mag ganz nützlich sein, wenn man nach Feierabend von frischem Kaffeeduft empfangen werden will; eine persönliche Pille, die unser genetisches Profil berücksichtigt, ein preiswerter Flachbildschirm aus organischem Material oder eine Fernbedienung auf Fingerzeig erscheinen uns, vorsichtig formuliert, entbehrlich. Sicher, ältere Semester behaupten das gleiche noch vom Handy, während längst Handykameras unentbehrlich geworden sind. Aber alles lassen sich die Leute eben doch nicht andrehen. 3-D-Brillen zum Beispiel oder diese Cyberhelme sind über das pubertäre Stadium nie hinausgekommen. Man braucht sie einfach nicht. Wenn unsere Zukunft auf solchen Hoffnungen ruht, dann braucht man schon ganz, ganz viel Optimismus.

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