Bald fällt selbst das Eiserne Kreuz

Keine Armee eines Staates der Neuzeit kann ohne Tradition existieren, es sei denn, es handele sich um eine Fremdenlegion, und selbst die pflegt ihre eigene Tradition. Das Erbe der Vergangenheit in die jeweiligen Streitkräfte zu übernehmen, das warf für die der Bundesrepublik Deutschland vorangegangenen Regimes keine besonderen Probleme auf. Die Heere der deutschen Teilstaaten vor 1871 lebten durchaus in der Tradition ihrer Vorgänger, was soweit ging, daß in der bayerischen Armee auch jener Landeskinder gedacht wurde, die unter Napoleon 1813 nach Moskau marschieren mußten. Mitten in München steht heute noch der Obelisk zur Erinnerung an die dort gefallenen bayerischen Soldaten, von dem auf dem Denkmal behauptet wird, daß auch sie „für Deutschlands Befreiung“ starben, was nur schwer nachzuvollziehen ist. Aber, so fragte General a.D. Günter Kießling in einem Aufsatz 2003 im Deutschland Journal der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (SWG), „kann und darf man soldatische Leistungen und Haltungen nur dann würdigen, wenn sie im Rahmen politischer Zielsetzungen vollbracht wurden, die unseren Wertevorstellungen entsprechen?“ Vorangegangene Generationen haben diese Frage verneint, und so hielt man dann auch in der Armee des deutschen Kaiserreiches, die bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges aus mehreren Armeen der deutschen Länder bestand, die großen Taten der Vorgänger in Erinnerung, mögen sie für Preußen, Bayern oder Sachsen vollbracht worden sein. Bindungen an das deutsche Soldatentum kappen Die Reichswehr der Weimarer Republik hielt es genauso. Obgleich das Deutsche Reich seit 1918 keine Monarchie mehr war, achtete und ehrte man die Soldaten jener Zeit. Man gedachte der Gefallenen, lernte aus den Erfahrungen, und das wurde auch nicht anders, als Deutschland ab 1933 von Nationalsozialisten regiert wurde. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, die Soldaten des Ersten Weltkrieges zu schmähen, weil deren Armee ins monarchistische System eingebunden war. Wenn bis dahin die deutsche Soldatentradition ungebrochen war, so änderte sich das nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg gründlich. Die Amerikaner verlangten Soldaten von der Qualität der deutschen Wehrmacht – „aber ohne Hakenkreuz“. Ähnlich ging die sowjetische Besatzungsmacht vor, die um der nicht gerade ruhmlosen Tradition willen ihre deutschen Soldaten sogar in die nahezu unveränderte Uniform der deutschen Wehrmacht steckte. In beiden deutschen Teilstaaten mußte man – in der Bundesrepublik mehr, in der DDR weniger – auf die erfahrenen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zurückgreifen. Sie hatten größtenteils vor dem 8. Mai 1945 gegen ihre neuen Alliierten gekämpft und waren demzufolge nach heutigem Sprachgebrauch „verflochten in die nationalsozialistische politische Führung des Landes“. Den Amerikanern war das ebenso egal wie den Sowjets – Hauptsache, es wurden dem jeweiligen Bündnissystem einsatzfähige Kontingente zur Verfügung gestellt. Drastisch wird dies im Standardwerk von Heinz Brill „Bogislaw von Bonin im Spannungsfeld zwischen Wiederbewaffnung, Westintegration und Wiedervereinigung“ ausgedrückt (Nomos Verlag, Baden-Baden 1987): „Unsere Nato-Freunde wollten einen deutschen militärischen Beitrag möglichst in der Form, daß soldatisch und einsatzmäßig nur erstklassig deutsche Divisionen aufgestellt würden, denen der Oberste Befehlshaber nur zuzurufen brauchte: ‚The Germans to the front!‘ Oder die, wie ein englischer General sich ausdrückte, genauso verwegen und hervorragend seien wie jene, vor denen die Engländer in Nordafrika ‚Meile um Meile‘ davongelaufen seien. An ‚demokratischen‘ Divisionen Deutschlands bestand also kein Interesse, sondern an den besten Divisionen, die den ‚furor teutonicus‘ in sich tragen.“ Im Westen quälte man sich besonders mit der Frage der Tradition. Hätte man einen scharfen Schnitt zur Wehrmacht gezogen, hätten die alten Soldaten nicht mitgespielt. Man glaubte aber im vorauseilenden Gehorsam, den Siegern gegenüber immer wieder beweisen zu müssen, daß man den alten Wertmaßstäben abgeschworen hatte. Dieser wurde aber immer wieder von eruptiven Protesten gestört, so etwa 1969 durch eine Denkschrift des Heeresinspizienten für das Erziehungs- und Bildungswesen der Bundeswehr, General Heinz Karst, unterschrieben von sechzig weiteren Generalen, Offizieren und Experten, in der die politische und militärische Führung aufgefordert wurde, „sich endlich eindeutig und unmißverständlich zur deutschen Soldatentradition zu bekennen“. Zwei Jahre später forderte die „Denkschrift der 30 Hauptleute“ inhaltlich das gleiche. So wie die politische Führung sich von der deutschen Geschichte abkoppeln wollte mit der Begründung, Deutschland sei bislang einem Irrweg gefolgt, so wurden auch Stück für Stück die Bindungen der Truppe an die Tradition deutschen Soldatentums gekappt, die trotz allem von den alten, die Bundeswehr aufbauenden Soldaten geknüpft worden waren. Grundlage für die Abkoppelung der Bundeswehr von der deutschen Soldatentradition wurden dann die „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr“ vom 20. September 1982, unterschrieben vom damaligen Verteidigungsminister Hans Apel (SPD), die heute noch gelten. Sie setzen einen sehr weiten Rahmen für die Umsetzung und stellen zu Beginn treffend fest: „Tradition verbindet die Generationen, sichert Identität und schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Tradition ist eine wesentliche Grundlage für menschliche Kultur.“ Daß darin dem Dritten Reich abgeschworen wird, ist ebenso verständlich wie die Forderung, bei der Traditionsbildung sei wesentlich, „daß die Bundeswehr ausschließlich der Verteidigung dient“ – eine Voraussetzung, die man allerdings heute kritisch hinterfragen muß. Bemerkenswert ist der Satz: „Die Pflege von Traditionen soll der Möglichkeit entgegenwirken, sich wertneutral auf das militärische Handwerk zu beschränken.“ Volker Rühe ließ als Minister jede Traditionsecke säubern Den „Richtlinien“ ist zu entnehmen, daß in der Traditionspflege besonderer Wert gelegt werde auf ein „kritisches Bekenntnis zur deutschen Geschichte, Liebe zu Heimat und Vaterland“, aber auch „auf politisches Mitdenken und Mitverantwortung“. Die Feststellung, daß die Bundeswehr „bereits eigene Traditionen“ pflege, schließt laut diesen „Richtlinien“ jedoch nicht aus, daß auch Traditionen früherer deutscher Armeen ihren Platz haben. In dieser Interpretationsarbeit erwies sich der CDU-Verteidigungsminister Volker Rühe als rabiatester „Traditionszertrümmerer“. Er ließ erklären, daß die Wehrmacht nicht traditionswürdig sei. Heute noch erzählen ältere Bundeswehrsoldaten, wie er überfallartig Kasernen von Sonderkommandos durchsuchen ließ, die jede Traditionsecke und jeden Hinweis auf frühere deutsche Soldaten „säubern“ ließen. Aber immer noch gibt es Rudimente, die darauf hinweisen, daß man einmal sehr wohl Anschluß an die deutsche Militärgeschichte gesucht hatte. Sie werden zur Zeit Stück für Stück zerschlagen. Dahinter stecken nicht nur alte Kommunisten, seien es Straßenkämpfer, seien es solche im Nadelstreifenanzug, die nach dem Verlust ihrer Hoffnungen auf eine bessere Welt unter den Zeichen Marx‘ und Lenins nur noch reflexhaft vom alten Antifaschismus angetrieben werden, sondern auch die Personen, die heftig damit beschäftigt sind, die Nation zu „überwinden“ und aufgehen zu lassen in einem multikulturellen Bundesstaat Europa. Und da stören Symbole der deutschen Tradition. Noch immer gilt der „Wegweiser für die Traditionspflege im Heer“ vom 1. Dezember 1999, herausgegeben vom Ministerium für Verteidigung. Das ist die Bibel, in der zu finden ist, was man in der Bundeswehr darf und was man nicht darf. Man erfährt, daß Kasernen nur nach Persönlichkeiten benannt werden dürfen, „die sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat, die auch heute vor der Werteordnung des Grundgesetzes Bestand haben muß, verdient gemacht haben“. Genau wird aufgelistet, was diese Werteordnung kennzeichnet – Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, die Volkssouveränität, die Gewaltenteilung, die Verantwortlichkeit der Regierung, die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, die Unabhängigkeit der Gerichte, der Föderalismus, das Mehrparteienprinzip und die Chancengleichheit der politischen Parteien mit dem Recht auf verfassungsmäßige Bildung und Ausübung einer Opposition. Damit wurden pauschal alle Persönlichkeiten, die vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland deutsche Soldaten waren, als Namensgeber ausgeschlossen. Die deutsche Geschichte fängt für die Verkünden dieser Statuten demnach erst mit der Gründung der BRD 1949 an. Das hat denn auch jener Verteidigungsminister Rühe ausgedrückt, als er sagte, die Bundeswehr benötige keine andere Tradition als sich selbst, sie sei sich Tradition genug. Gegenwärtig läuft eine Kampagne gegen den in der Bundeswehr mehrfach gebräuchlichen Traditionsnamen „Mölders“, angeheizt durch das Fernseh-Magazin „Kontraste“ (JF 22/04). Werner Mölders, einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Zweiten Weltkrieges und untadeliger Offizier der Luftwaffe, wird der unsinnigsten Verbrechen bezichtigt, so beispielsweise, daß er als Soldat der deutschen „Legion Condor“ im spanischen Bürgerkrieg auf nationaler Seite gegen den Kommunismus kämpfend, „Tausende von Zivilisten“ als Jagdflieger (!) getötet habe oder daß er aus der Hand Adolf Hitlers den damals höchsten deutschen Orden entgegennahm. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Walter Kolbow, gab sich überrascht, als die Fernsehleute ihm diese Geschichten vorsetzten, und bat um Überlassung der Unterlagen. Für den verteidigungspolitischen Sprecher von Bündnis 90 /Die Grünen, Winfried Nachtwei, war „klar, daß Mölders nicht als Vorbild für ein Geschwader der Bundeswehr geeignet ist“. Und sein sozialdemokratischer Kollege Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher, fügte hinzu: „Ich denke: Der Name Mölders hat in einer demokratischen Armee keinen Platz mehr.“ Ihr Ziel ist es, den Namen Mölders zu tilgen wie vorher schon die Namen der Gebirgsjägergenerale Dietl und Kübler sowie des „Vaters der modernen Flugabwehr“, Generaloberst Rüdel. Nach ihnen benannte Kasernen wurden umbenannt. Eine „Initiative gegen falsche Glorie“ drängt durch Briefe an den Verteidigungsminister und alle möglichen dafür eventuell zuständigen Instanzen, die Namen bewährter deutscher Soldaten aus Kasernenbezeichnungen verschwinden zu lassen, und kann sich darauf berufen, daß der damalige Staatsminister Michael Naumann „mit einem gewaltigen Paukenschlag“ in die Debatte um Kasernennamen eingegriffen habe, indem er bereits 1999 zu dieser Namensgebung verkündete: „Das ändern wir jetzt. Das schwöre ich Ihnen!“ Selbst Bundeswehrgeneral Heusinger steht zur Diskussion Von welcher Qualität die Anwürfe gegen die Soldaten durch diese dubiose „Initiative“ sind, mit der der damalige Verteidigungsminister ganz ernsthaft korrespondierte, mögen einige Beispiele belegen. Sie wettert, daß „immer noch Kasernen nach Militärs benannt sind, die beim Angriffs- und Vernichtungskrieg mit dabei waren“, so etwa die Lilienthal-Kaserne (Otto Lilienthal, 1848-1896, einer der ersten Flugpioniere), Peter-Bamm-Kaserne (eigentlich Curt Emmrich, Arzt und Schriftsteller, vor allem berühmt durch sein 1952 erschienenes Buch „Die unsichtbare Flagge“ – nämlich die der Humanität -über seinen Einsatz als Militärarzt in Rußland). Des weiteren sind auf der Prüfstand der Traditionswächter geraten: General-Heusinger-Kaserne (Adolf Heusinger, als Teilnehmer am 20. Juli in Haft geraten, 1957 bis 1961 Generalinspekteur der Bundeswehr, 1961 bis 1964 Leiter des Ständigen Militärausschusses der Nato in Washington), die Generalfeldmarschall-von-Mackensen-Kaserne (Mackensen, 1849-1945, schlug mit seinen Truppen am 20. August 1914 bei Gumbinnen in schweren verlustreichen Gefechten die russischen Truppen, die weit nach Ostpreußen vorgedrungen waren, was ihm jetzt mit den Worten vorgeworfen wird: „In der Schlacht bei Gumbinnen hatte Mackensen in zwei Stunden 9.000 – eine weit übertriebene Zahl der Verluste – seiner Männer in Tod und Verderben gehetzt“), Lettow-Vorbeck-Kaserne (ehemaliger Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika im Ersten Weltkrieg). Noch ist es allerdings nicht ganz soweit, wie der unvergessene SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping allen Ernstes vorschlug, daß eine deutsche Kaserne nach Winston Churchill benannt würde, und ebenso steht noch aus, wie ein anderer Vorschlag besagt, eine Kaserne Marlene Dietrich zu weihen. Ein schlagendes Beispiel für die rigoros durchgeführte Zerschneidung jeder Tradition zwischen deutschen Soldaten der Vergangenheit und der Bundeswehr bieten die Ereignisse um die Trauerfeiern der Fallschirmjäger auf dem Gelände der Luftlande- und Transportschule der Bundeswehr, der Franz-Josef-Strauß-Kaserne im oberbayerischen Altenstadt am 20. Mai, dem „Kreta-Tag“. An jenem Tag eroberten 1941 unter erheblichen Verlusten deutsche Fallschirmjäger und Luftlandetruppen die von Briten stark befestigte griechische Insel Kreta. Bis 1999 ehrte die Bundeswehr die Gefallenen am Fallschirmjägerdenkmal auf dem Kasernengelände. Dann verbot der neue Kommandeur der Schule, Franz-Detlef Doerr, jede Feier als „unzeitgemäß“ und „nicht mehr gewünscht“. Unklar ist, ob dazu eine Weisung aus dem Ministerium ergangen ist. Alle Proteste der alten Soldaten – aktive Fallschirmjäger der Bundeswehr schwiegen – nutzten nichts. Auch wird dekretiert, welche Lieder in der Bundeswehr „nicht mehr gesungen werden“ („Merke – Es gibt keine Verbotsliste für Lieder“, so im Traditionserlaß). Neben dem „Legion Condor“-Lied „Wir flogen jenseits der Grenzen“ – die Lieder der Internationalen Brigaden sind nicht verboten – sowie dem Fallschirmjägerlied „Rot scheint die Sonne“ ist auch das ganz unverfängliche „Hohe Tannen weisen die Sterne“ verboten, wohl weil darin der in den Sudeten fließende Fluß Iser vorkommt. Es wird „nahegelegt“, Franz Liszts „Préludes“ nicht bei Bundeswehrveranstaltungen zu spielen, weil es im Zweiten Weltkrieg „als Titelmusik der Bekanntgaben (Sondermeldungen) des Oberkommandos der Wehrmacht“ gespielt worden sei. Der Marsch „Unsere Marine“, komponiert 1886, ist unliebsam, weil darin aus dem Lied „Stolz weht die Flagge schwarzweißrot“ einige Takte zitiert werden. Bei Totenehrungen zum Beispiel am Volkstrauertag darf man nicht allein der gefallenen Deutschen gedenken, sondern es müssen „alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaff“ genannt werden. Die Bundeswehr unterstützt die Arbeit des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge, da es sich „um eine der Friedenssicherung verpflichteten Aufgabe handelt,“ nimmt aber ausdrücklich Abstand von einer Unterstützung, wenn „mit Grabstätten und insbesondere mit Gedenkstätten eine politische Botschaft verkündet werden soll“, wie es in dem Traditionserlaß heißt. Tatsache ist, daß die Bundeswehr sich in großem Umfang engagiert, wenn es um die Pflege und Restaurierung der sowjetischen Monumental-Denkmäler etwa in Berlin handelt. Kurt Schumacher, der große Nachkriegsführer der Sozialdemokratischen Partei, prägte den Satz: „Der Soldat muß wissen, wozu er dient – für sein Vaterland oder für eine Idee“. Derartige Bindungen sind für die Bundeswehr nicht mehr erwünscht. Die kommandierenden Offiziere präsentieren das neue Schild ihrer umbenannten „Generaloberst-Dietl-Kaserne“ in Füssen: Die deutsche Geschichte fängt erst mit der Gründung der Bundesrepublik an

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