Platz an der Sonne wider Willen

Marinesoldaten stehen in ihren weißen Uniformen stramm. Ein Offizier salutiert, während andere Männer die schwarzweißrote Fahne hissen: Das Deutsche Reich übernimmt die Schutzherrschaft über ein Stück Land im Südwesten Afrikas. Die Szene ist im Museum vom Swakopmund als Modell nachgestellt. Daneben sind Originaluniformen der Schutztruppe zu sehen und ein Nachbau jener gewaltigen Ochsenkarren, mit denen die ersten deutschen Siedler aufbrachen, um das heutige Namibia urbar zu machen. Auf den ersten Blick ist Namibia ein unwirtschaftliches Stück Erde. Karstig-braune Savannenlandschaft, Wüste, sengende Hitze, der kalte Atlantik, Schotterpisten. Trotzdem haben sich hier Ende des 19. Jahrhunderts deutsche Siedler angesiedelt, deren Nachfahren noch heute Farmen betreiben. Begonnen hat alles im heutigen Lüderitz (bis 1920 Lüderitzbucht). Eine schmale, sandverwehte Straße quer durch die riesige Namib-Wüste führt vom Landesinneren in den Ort. Wenige Kilometer hinter den verfallenen Häusern der Diamantensucher-Geisterstadt Kolmanskop taucht die 1912 errichtete Felsenkirche als erstes Zeichen der kleinen Küstenstadt auf. Ihren Namen erhielt sie von dem Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz, der die Siedlung vor genau 120 Jahren gründete und an den heute eine Gedenktafel auf der Haifisch-Insel erinnert. „Wir wollen keine Treibhauskolonien“ Lüderitz hatte hier 1883 den Grundstein für die deutsche Kolonie Südwestafrika gelegt, als er einen Handelsstützpunkt errichtete. Nach dem von Reichskanzler Otto von Bismarck verhängten Tabakmonopol hatte der Kaufmann, der 1878 das väterliche Tabakgeschäft übernommen hatte, Handelsverbindungen nach Afrika geknüpft und 1881 eine Faktorei im nigerianischen Lagos gegründet. Ähnliches schwebte ihm für das Nama-Land vor. 1883 schickte er seinen Mitarbeiter Heinrich Vogelsang mit der Brigg „Tilly“ von Kapstadt an die aufgrund ihrer Unzugänglichkeit noch von keiner Kolonialmacht besetzte Küste im Südwesten Afrikas. In der von dem portugiesischen Seefahrer Bartholomeu Dias im Januar 1488 entdeckten Angra Pequena (Kleinen Bucht) ging die Brigg vor Anker. Im Auftrag von Lüderitz kaufte Vogelgesang am 1. Mai 1883 von dem Nama-Häuptling Josef Fredericks das Gebiet um die Bucht. Der Preis für das Land im Umkreis von fünf Meilen um Angra Pequena: 100 englische Pfund und 200 Gewehre samt Zubehör. Kurze Zeit später erwarb Lüderitz für weitere 500 englische Pfund und 60 Gewehre den gesamten Küstenstreifen von der Mündung des Oranje bis zum 26. Grad südlicher Breite in einer Tiefe von 20 geographischen Meilen landeinwärts, etwa 148 Kilometern. Als Achillesferse der neuen Siedlung, die aus einer Handvoll aus Einzelteilen zusammengesetzter Wohn- und Lagerhäusern bestand, erwiesen sich die fehlenden Wasservorkommen. Das Trinkwasser mußte von Kapstadt herantransportiert werden. Als die argwöhnisch die Entwicklung des Stützpunktes beobachtenden Engländer durch ein Kriegsschiff die Hafeneinfahrt blockierten, sah Lüderitz sein Unternehmen in Gefahr. Er bat das Deutsche Reich um Schutz für seine Besitzungen. Bismarck ließ allerdings erst durch seinen als Botschaftsrat in der deutschen Botschaft in London arbeitenden Sohn Herbert prüfen, ob in dem vom Lüderitz erworbenen Gebiet britische Hoheitsrechte bestanden. Im April 1884 erfolgte schließlich aus Berlin die offizielle Schutzerklärung. Im Reichstag, der dem Erwerb von Kolonien und vor allem den daraus resultierenden Kosten skeptisch gegenüberstand, sagte Bismarck: „Wir wollen keine Treibhauskolonien, sondern nur den Schutz der aus sich selbst heranwachsenden Unternehmungen.“ Herbert von Bismarcks Versicherung gegenüber dem britischen Außenministerium, Deutschland wolle „nach wie vor keine Kolonien im englischen Sinne, sondern nur unmittelbare Protektion unserer mit Charter zu versehenden Landsleute“, provozierte jedoch eine ablehnendere Reaktion im Londoner Colonial Office (Kolonialministerium), als Bismarck erwartet hatte. Der britische Kolonialminister Lord Derby fühlte sich sogar zu Vorbereitungen ermutigt, die Küste zwischen Oranjemündung und Angola zu annektieren. Dieses Verhalten provozierte Bismarck erst zu weitergehenden Schritten. Er ließ in London offiziell anfragen, ob man das Deutsche Reich „auf dem Fuße der Gleichheit“ behandeln oder ob England eine „Monroe-Doktrin in Afrika“ verfolgen wolle. Zur Sicherung der Schutzerklärung entsandte das Außenministerium auf Weisung Bismarcks im August 1884 zwei Korvetten nach Südwestafrika. Am 6. August 1884 ließ der Kapitän der „Elisabeth“ in Angra Pequena die deutsche Fahne hissen und erklärt: „Seine Majestät, der deutsche Kaiser Wilhelm I., König von Preußen, haben mir befohlen, mit Allerhöchstderen gedeckter Korvette ‚Elisabeth‘ nach Angra Pequena zu fahren und das dem Herrn Lüderitz gehörige Territorium an der Westküste Afrikas unter den direkten Schutz seiner Majestät zu stellen. Das Territorium des Herrn Lüderitz wird nach den amtlichen Mitteilungen als sich erstreckend von den Nordufern des Oranje-Flusses bis zum 26. Grad Südbreite, 20 geographische Meilen landeinwärts angenommen, einschließlich der nach dem Völkerrecht dazugehörenden Inseln.“ Derweil werden vom Kapitän des Kanonenbootes „Wolf“ auch an der Mündung des Swakop und nahe der Grenze zu Angola in Cape Frio die deutsche Flagge gehißt und Grenzpfähle gesetzt. Erst dieser „Akt geheiligter Tradition“ wurde von England akzeptiert – man begrüßte am 22. September 1884 offiziell das Deutsche Reich als Nachbarn seiner Kolonie im Süden. Wirkliches Interesse bestand in London zu keinem Zeitpunkt, wegen eines wasserlosen Küstenstreifens an der Namib-Wüste einen zusätzlichen Konflikt zur Krise im Sudan und in Anbetracht der anstehenden „Kongo-Frage“ zu schaffen. Zudem besaß England mit der südlich der Swakop-Mündung gelegenen Walfisch-Bucht inmitten des beanspruchten Gebietes eine strategische Kontrolle über die gesamte Küste und den einzig brauchbaren Hafen zwischen Kapstadt und Angola. Der britische Premierminister und Disreali-Nachfolger William Ewart Gladstone bemerkte 1884 unbeeindruckt, „Wenn Deutschland eine Kolonialmacht wird, dann kann ich nur sagen: Gott sei mit ihm.“ Lüderitz selbst brachte Südwestafrika wenig Glück. Seine finanziellen Mittel waren durch die ergebnislose Suche nach Bodenschätzen schnell erschöpft. 1885 wurde die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika gegründet, die dem Kaufmann seine Rechte abkaufte. Lüderitz selbst kam im Oktober 1886 auf einer Forschungsreise ums Leben. Fotos: Gesamtansicht von Lüderitz / Namibia mit lutheranischer Kirche: Eingekeilt zwischen eiskaltem Benguelastrom und glutheißer Namib / Erinnerungstafel in Lüderitz

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