Neue Technologien: Haltungsbedingungen für Versuchstiere

Wo’s um Forschung geht, müssen Ratten her. Doch die engen Käfige, die man in vielen Labors sieht, simulieren Versuchsergebnisse, die sich auf wildlebende Tiere, geschweige denn Menschen mit Fitneßambitionen nicht übertragen lassen. Dieses Problem ist erst kürzlich in der Wissenschaft aufgetaucht, aber schon sorgen manche Forschungsstätten mit wöchentlich wechselnden Beschäftigungsangeboten für die Nager dafür, daß diese nicht so fett und faul werden wie ein Großteil unserer Jugendlichen. Die Ratte stellt einen „Modellorganismus“ dar. Warum ist zum Beispiel das Kamel kein wissenschaftliches Modell? Schon seine Größe spricht eindeutig dagegen, denn ein Modell muß kleiner sein als das Original, damit es handlich bleibt. Ratten sind sehr handlich, mehr noch als Mäuse, die einem leicht durch die Finger rutschen. Weiter sollte das Modell keine auffälligen Merkmale haben, die das Original nicht besitzt, in diesem Fall der Höcker. Das gleiche gilt für Geweihe, Flügel oder auch Rüssel. Nur eines besitzt die Ratte leider, nämlich einen Schwanz. Wenn sie als Modell für psychiatrische Forschungsanliegen dienen soll, so müßte sie nicht nur die gleiche Nahrung erhalten wie zum Beispiel ein durchschnittlicher Krankenhauspatient, sondern müßte auch Gelegenheit haben, wenigstens die 19-Uhr-Nachrichten zu sehen und ab und zu am Kiosk eine Illustrierte zu kaufen. Da genetische Experimente zwangsläufig immer mehr Ratten zutage fördern und der Vermieter dies übel vermerken könnte, beginnen wir zu Hause mit gleichgeschlechtlichen Tieren und beschränken uns auf die Verhaltensforschung, zumal Konrad Lorenz demnächst hundert wird. Das ist spannend genug. Das erste, was uns auffällt, ist ein Hang zur Homosexualität, der aber vom Partner partout nicht geteilt wird. Tiere verfügen offensichtlich über einen Willen. Und dieser ist keineswegs mit dem veralteten Wort Instinkt gleichzusetzen. Denn wenn es dem „Instinkt“ der Ratte entspräche, bei Mangel an gegengeschlechtlichen Angeboten homosexuell zu reagieren, weshalb tut das dann einer, der andere aber nicht? Wir stellen die These auf, daß es zwischen Mensch und Tier bloß graduelle Unterschiede gibt. Die sogenannte Willensfreiheit kennt auch das Tier, wenn die genetische Reaktion auf eine Umweltbedingung nicht automatisch ist, sondern verschiedene Optionen zuläßt, die abgewogen werden müssen. Zum Beispiel wenn einer unserer Böcke ein Stück Käse ergattert hat und nicht weiß, soll er es an Ort und Stelle fressen oder erst ins Nest zurückbringen? Für beides sprechen starke Argumente, die Ratte steht zögernd, bewegt sich mal nach rechts, mal nach links und hält immer wieder inne. Sie schnüffelt und „überlegt“. Schließlich wird in einem wilden Entschluß die Flucht ins Nest angetreten – mit dem Käse im Schnäuzchen. Wahrscheinlich war es so das Vernünftigste.

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