Eine Rangordnung des Gedenkens

Seit seinem Amtsantritt steht der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen in der Schußlinie der Opferverbände der stalinistischen Diktatur. Kein Wunder. Denn schon 1994 erklärte Günter Morsch gegenüber der Zürcher Weltwoche, für ihn habe die Darstellung des NS-Konzentrationslagers gegenüber dem nach 1945 von den Sowjets als sogenanntes „Speziallager“ weitergeführten Lager „erste, zweite und dritte Priorität“. Dabei blieb es nicht. Mit kleinlichen Schikanen wurde der Zugang zu den außerhalb der Gedenkstätte liegenden Massengräbern aus der Sowjetzeit behindert oder zumindest erschwert. Museum für sowjetische Opfer nur außerhalb des Lagers Auf Lageplänen des Lagers wurde dem ahnungslosen Besucher suggeriert, die 2. Zone des Lagers, in der zirka 15.000 Opfer der sowjetischen Militärjustiz unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetierten und zu Tausenden starben, habe nur aus den heute noch vorhandenen kleinen Steinbaracken bestanden. Das schließlich außerhalb der Gedenkstätte errichtete Museum, das angeblich die Geschichte des sowjetischen Speziallagers dokumentieren sollte, gilt unter den ehemaligen Sowjethäftlingen als „Desinformationszentrum“. Einseitige Darstellungen, das Verschweigen wichtiger Tatsachen, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, Ausbreitung sachfremder Beiträge und nicht zuletzt eine breite Würdigung des sowjetischen Kommandanten Alexei Kostjuchin tragen in der Tat kaum zu einer sachlichen, vorurteilsfreien Information der Besucher bei. Interventionen der Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945 bis 1950, Gisela Gneist, bei verschiedenen Ministerien des Landes Brandenburg bewirkten nichts. Erst seit die Verbände sich an die Presse (unter anderem Märkische Allgemeine Zeitung in Potsdam) wandten, fühlte sich Morsch offensichtlich so in die Enge getrieben, daß er zu einem Befreiungsschlag ausholte. In einem Pamphlet voller Halb- und Unwahrheiten wandte sich der Gedenkstättenleiter sowohl an die Häftlingsverbände als auch an die Öffentlichkeit, um sich offensichtlich als verfolgte Unschuld darzustellen. Dabei tritt er nicht offen und allein seinen Kritikern entgegen, sondern versichert sich der Mithilfe einiger Gesinnungsgenossen. Unter diesen finden wir den einstigen Vorsitzenden der maoistischen Kommunistischen Partei und heutigen Dozenten an der Fernuniversität Hagen, Alexander von Plato, den Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Norbert Haase, der maßgeblich daran beteiligt war, die Gedenktafel für den inhaftierten Gerichtsmediziner Timm, den „Engel von Torgau“, zu entfernen. Als absurde Begründung diente ein belasteter Doktorand bei einem Professor Timm, der später als Mitglied der SS in Buchenwald aktiv gewesen sei. Auch der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, der offenbar meint, das Erreichen eines bestimmten Lebensalters während der Nazizeit sei ein Verbrechen, findet sich unter den Unterzeichnern. Auf den Hinweis, in Buchenwald seien viele Jugendliche inhaftiert gewesen, die schon aufgrund ihres Alters keine Kriegs- oder Naziverbrecher sein konnten, konterte er mit der Feststellung, das Durchschnittsalter der Internierten sei 43 Jahre gewesen. Mit keinem Wort geht Morsch auf die konkreten Vorwürfe ein, die auch in dieser Zeitung erhoben worden sind (JF 40/03). Statt dessen beklagt er sich, die „bedeutenden Fortschritte“, die bei der Erforschung der sowjetischen Lager gemacht worden seien, würden „grundsätzlich geleugnet“. Kein Wort darüber, daß die „bedeutenden Fortschritte“ immer nur in die Richtung gehen, die sowjetischen Lager zu verniedlichen oder gar zu rechtfertigen. Die bloße Erwähnung kritischer Stimmen, daß die unter seiner Leitung arbeitende Historikerin Natalja Jeske gebürtige Russin sei und die Darstellung der sowjet-russischen Verantwortung herunterspiele, ist ihm Beweis von Ausländerfeindlichkeit. Scheinheilig beteuert er, wie „außerordentlich hilfreich“ die Zusammenarbeit mit russischen Institutionen gewesen sei, und scheut sich nicht, das russische Staatsarchiv, das seine Dienststelle mit offensichtlich gefälschten Sowjet-Dokumenten versorgte, mit der verdienstvollen russischen Häftlingsorganisation „Memorial“ in einem Atemzug zu nennen. Daß ein ehemaliger Sachsenhausen-Häftling und Opferverbandsvertreter in einem Beitrag der Verbandszeitschrift Freiheitsglocke einen jüdischen Vertreter einen Stasi-Spitzel genannt hat, münzt er – ohne konkreten Bezug – in antisemitische, ja gegen den Zentralrat der Juden schlechthin gerichtete Angriffe um. NS-Opferverbände lehnten Zusammenarbeit brüsk ab Morsch nennt keine Namen. Seine Unterstellungen bleiben seltsam nebulös und verwaschen. Das gilt auch für seine dräuend vorgebrachte Behauptung, „daß in den sowjetischen Speziallagern auch Personen inhaftiert waren, die schwerste Verbrechen wie Massen- und Völkermord begangen haben“. In seinen bisherigen Publikationen hat Morsch trotz aller Bemühungen gerade zwei Personen namentlich als solche Verbrecher ausgemacht, die allerdings nie von einem ordentlichen Gericht verurteilt worden sind und somit eigentlich als unschuldig oder bestenfalls „mutmaßlich“ zu gelten haben. Den Gipfelpunkt erreicht Morsch mit der Aufforderung, die Verbände der Überlebenden und Angehörigen beider Diktaturen mögen sich doch bitte „den seit vielen Jahren ausufernden Methoden der ‚Feinderklärung‘ und ‚-bekämpfung‘ energischer als bisher entgegenstellen“. An Versuchen, Brücken zu den Opfern der NS-Diktatur zu schlagen, hat es speziell seitens der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen bisher nicht gefehlt. Sie sind jedoch stets von den Vertretern der NS-Opferverbände brüsk abgeschmettert worden. Ihrer Vorsitzenden Gisela Gneist, die als 15jährige von den Sowjets verhaftet wurde und bis 1950 in Sachsenhausen saß – hat Morsch inzwischen durch einstweilige Verfügung des Landgerichts Neuruppin verbieten lassen, zu behaupten, für ihn hätten „die Toten des Nazi-KZs erste, zweite und dritte Priorität“. Begründung: hier werde er „falsch zitiert“. Wie die tatsächliche Praxis in der Gedenkstätte aussieht, stand dabei nicht zur Debatte. Gedenkstätte KZ Sachsenhausen bei Oranienburg: Methoden der Feinderklärung entgegenstellen

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