Ein pathologischer Sonderweg

„Immer noch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten.
Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge.
Aus der Welt geht der Schwächere
Und zurück bleibt die Lüge.“ Bertolt Brecht „Tätervolk“ – „Volk der Täter“: Mit dem Vorwurf, daß hier ein Begriff manipuliert und unzulässig verglichen werde, inszenierte unser linkes Informations- und Meinungskartell abermals mit Hilfe des altbewährten Antisemitismusverdachts einen politischen Skandal – obwohl es genau wußte, daß es Martin Hohmann selber war, der diese Begriffe in seiner Rede als untauglich, ja als moralisch unzulässig verwarf. Aber exakt diese Aussage wurde der Öffentlichkeit vorenthalten, wie auch der gesamte innenpolitische Bezug – Anlaß und Motiv seiner Rede – unterschlagen wurden. Ganz anders verhielt sich damals dieselbe veröffentlichte Meinung im Falle eines gewissen Daniel Goldhagen, der nur in der Tat die Deutschen kollektiv als quasi geborenes Mördervolk ansah – eine neue Variante von Rassismus – und für diese tiefe Erkenntnis bei seiner Deutschlandtournee mit Lob und Ehren überschüttet wurde – so wie es immer noch mit der ominösen „Wehrmachtausstellung“ des Zigaretten-Millionenerben Reemtsma (die in keinem Kulturstaat der Welt denkbar wäre) geschieht. Hier wie dort Proteste, kalte Verachtung, öffentliche Ausgrenzung? Nichts dergleichen. Denn man lebt ja gut mit und von der „politischen Kultur“ der Schuldvorwürfe und Selbstanklagen; man ist anscheinend selber nicht davon betroffen, sondern will im Gegenteil andere damit treffen – und übersieht dabei, daß bei dem so demonstrativ ausgestreckten moralischen Zeigefinger stets drei Finger auf einen selber zurückweisen. Gustav Heinemann hat dieses gleichnishafte Bild oft benutzt. Vergessen durch historisches Analphabetentum begünstigt Außer bestimmten Worten, über die man sich hierzulande künstlich erregt, gibt es Worte und Begriffe für ganz zentrale Ereignisse der deutschen Zeitgeschichte, die der Empörung und Kritik wert wären, was aber nicht geschieht. Es sind Begriffe, die mit ihrer Verharmlosung, ja Verdeckung ungeheuerlicher Tatsachen längst die Frage hätten aufwerfen müssen, ob hier nicht fremdbestimmte Geschichtspolitik auf Kosten Deutschlands betrieben wird. Seltsamerweise lautet hier die Devise: „Für das Vergessen“, wird hier eine „Schlußstrich-Mentalität“, werden Relativieren und Leugnen plötzlich als staatsbürgerliche Tugenden politisch korrekt anempfohlen. Hier kann also etwas nicht stimmen. Worte, die lügen – da ist zunächst der Begriff „Friedensvertrag von Versailles“: Er steht so in jedem Schulbuch und Geschichtswerk, allerdings ohne distanzierende Anführungszeichen, die seine Fragwürdigkeit immerhin andeuten könnten. Denn es handelte sich ja weder um einen Vertrag noch um eine Friedensregelung, sondern ganz im Gegenteil – und hier beginnt (nach der Kriegsschuldlüge) eine der großen Lügen des zwanzigsten Jahrhunderts: Dieser „Friedensvertrag“ war nichts anderes als eine verdeckte Kriegserklärung an Deutschland, eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Und mit schrecklichen Folgen: Damals war die hier vorbereitete Katastrophe allen, die nicht unmittelbar von „Versailles“ – das heißt von der Schädigung Deutschlands – profitieren wollten (also mit Ausnahme zumal von Frankreich, Polen und der Tschechoslowakei), durchaus klar. Insbesondere trifft dies auf die Vereinigten Staaten zu, die deshalb auch diesen „Vertrag“ nicht unterzeichneten. Anderen wurden die für Europa verhängnisvollen Folgen erst später deutlich; so etwa Winston S. Churchill, der wiederholt die Jahre 1914 bis 1945 als einen zweiten Dreißigjährigen Krieg gegen Deutschland bezeichnet hat (seinen eigenen aktiven Anteil daran aber immer verschwieg). In Deutschland selbst sind heute die Zusammenhänge aufgrund des (im doppelten Wortsinn) verbreiteten historischen wie zeitgeschichtlichen Analphabetentums vergessen. Für die „Reichszentrale für Heimatdienst“ hingegen, die Vorläuferinstitution der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung in der Weimarer Republik, bedeutete bei ihrer gesamten demokratiefördernden Arbeit der Kampf gegen „Versailles“ zugleich die Rettung der ersten deutschen Demokratie. Dies war wohl auch der einzige Punkt, in dem alle demokratischen Kräfte von rechts bis zur SPD und den Gewerkschaften übereinstimmten. Die Ausnahme bildete die KPD; ihr Ziel war die Zerstörung der Weimarer Republik und die Machtergreifung mit Hilfe des Moskauer Funktionärsapparates. Für die damalige staatsbürgerliche Bildung war auch die Ablehnung der erwähnten „Kriegsschuldigen“ selbstverständlich – diente sie doch als Legitimation für die finanzielle Ausplünderung Deutschlands durch sogenannte Reparationen sowie vor allem als Rechtfertigung der gegen jedes Völkerrecht durchgeführten gewaltsamen Abtrennungen großer Gebiete mit deutscher Bevölkerung, zumal im Osten. Diese Politik erfolgte zumal auf Veranlassung und mit Hilfe Frankreichs zugunsten vor allem Polens und der Tschechoslowakei – ohne daß diese Staaten die Konsequenzen bedachten. Polen wollte zu einer Zentralmacht aufsteigen und wurde zum aggressivsten Staat Europas der zwanziger und dreißiger Jahre, der bedingungslos mit allen seinen Nachbarstaaten den militärischen Konflikt für weitere Landnahme suchte, so auch mit Deutschland. Aus diesen wenigen Andeutungen wird sichtbar, wie sehr ein einzelner Begriff darüber entscheiden kann, wie die eigene Geschichte verstanden und beurteilt wird. Und auch hinsichtlich des gerade für unsere Zeitgeschichte so oft beschworenen Zusammenhangs von Ursache und Wirkung ist es eben ein entscheidender Unterschied, ob „Versailles“ als „Friedensvertrag“ oder als „faktische Kriegserklärung“ verstanden wird. In unseren Schulbüchern, in Wissenschaft und Medien, in der politischen „Volkspädagogik“ findet sich über solcherart Zusammenhänge kaum ein Wort. Wie ist das möglich? Es gibt zwei mögliche Erklärungen dafür, die eng miteinander verflochten sind. Die erste könnte man als die „nationale“ bezeichnen: Es ist der eigentliche „deutsche Sonderweg“ aufgrund der wohl spezifisch „deutschen Pathologie“, nämlich kein nationales Selbst- oder Eigenbewußtsein besitzen zu dürfen, statt dessen sich im Selbsthaß zu verzehren und seine ganze Leidenschaft und politische Kraft auszuleben. Während für alle Staaten dieser Welt Geschichtspolitik im Sinne einer „positiven“ Fälschung zugunsten des eigenen Landes nahezu selbstverständlich ist, fälscht oder leugnet oder relativiert man in Deutschland Fakten, wenn diese für das eigene Land sprechen sollten. Das ist wahrhaft einmalig, und diese krankhafte Haltung ermöglicht auch erst die zweite, die „internationale“ Erklärung. Vor und nach Kriegen gibt es noch weit mehr Lügen Sie liest sich zunächst wie eine Verschwörungstheorie, ist aber ganz simpel – und bestätigt sich bis zum letzten Irak-Krieg immer wieder aufs neue. Denn es gibt nicht nur „Lügen in Zeiten des Krieges“, sondern noch weit mehr Lügen vor und nach Kriegen. Diese kann man auch vornehmer als „Geschichtspolitik“ bezeichnen. Früher hieß das so schlicht wie brutal: „Die Sieger schreiben die Geschichte“. Dieses heutzutage von allen „Gutmenschen“ in ihrer naiven Ahnungslosigkeit als absolut angesehene Prinzip hat gleichwohl nach wie vor seine Gültigkeit. Im Grunde kommt es aber immer auf die „Besiegten“ an, wie weit und wie lange sie diese Geschichtsschreibung des „herrschaftlichen Diskurses“ akzeptieren und tradieren. Was die jüngste deutsche Vergangenheit betrifft, so hat der amerikanische Publizist Walter Lippmann in der Nachkriegszeit etwas sehr Erhellendes gesagt. Vielleicht veranlaßt ja seine Aussage auch jene, „die als 68er das ‚Hinterfragen, das Kritisieren und das Entlarven‘ mit großem persönlichem Erfolg zu ihrer Hauptbeschäftigung gemacht haben“ (so Martin Hohmann in seiner Rede), einmal zu einem eigenständigen, kritischen „Hinterfragen“ der gängigen Vermittlung deutscher Zeitgeschichte. Lippmann stellte damals in bezug auf das besiegte Deutschland und die Geschichtspolitik der Alliierten qua „Umerziehung“ lapidar fest: Der Sieg über ein Land sei erst dann vollständig, wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Schulbücher des besiegten Landes gefunden habe und sie von den nachfolgenden Generationen als unbestreitbare Wahrheit geglaubt werde. Hier geht es nicht um den Holocaust und andere Schreckenstatsachen der NS-Diktatur. Es geht in unserem Zusammenhang unter anderem um die Mitverantwortung westlicher Demokratien für das Schicksal der Weimarer Republik sowie für den je eigenen Weg zum Zweiten Weltkrieg. Stefan Scheil hat diese Wege, Interessen und Ziele erst kürzlich in seinem aufsehenerregenden Buch (Zwei plus fünf, Duncker & Humblot, Berlin 2003, Rezension JF 29/03) aufgrund nahezu ausschließlich alliierter Akten ausführlich rekonstruiert. Und er stellte darüber hinaus folgendes fest: Das alliierte Nürnberger Tribunal verbot solcherart Fragestellungen schon während der Vorbereitung des Prozesses. Und mehr noch: Im sogenannten Deutschland-Vertrag von 1955 zur Erlangung ihrer Souveränität (!) mußte sich die Bundesrepublik verpflichten, in allen offiziellen Darstellungen auf entsprechende Fragen und Forschungshinweise zu verzichten – und selbst im „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ von 1990 sei diese Forderung wiederholt – und akzeptiert – worden. Offenbar gibt es sehr gewichtige Gründe für eine solche Forderung, die aber merkwürdigerweise weder unsere Historiker noch unsere sonst zeitgeschichtlich so investigativen Medien interessieren – und sei es selbst mit dem Ergebnis, daß hier Mißverständnisse oder Fehlinterpretationen vorliegen. Allzusehr könnte offenbar ein vertrautes Weltbild ins Wanken geraten, von dem bisher sehr viele, jeweils auf ihre Art, profitiert haben. Es ist beispielsweise zu vermuten, daß hier die sehr aktive Rolle Polens im „Kriegsspiel“ Frankreichs und Großbritanniens gegen Deutschland verdeckt werden soll, um damit letztlich nicht nur die „Legitimation“ der Vertreibung und der Teilung Deutschlands nicht zu gefährden, sondern auch nicht Polens Selbst- und Fremdbild als „Opferstaat“. Die beiden Mächte hatten Polen im Frühjahr 1939 uneingeschränkten Beistand für jegliche Maßnahmen gegen Deutschland versprochen. Im Sommer 1939 berichtete dann der britische Botschafter etwas irritiert aus Warschau nach London von einem „wahren Kriegsrausch“ der Polen und entsprechenden Maßnahmen gegen die deutsche Bevölkerung in den Polen 1919 zugeschlagenen deutschen Gebieten. „Selbstverständlich“ werden solche Berichte und Zusammenhänge – selbst wenn sie nicht nur in den deutschen, sondern auch in den alliierten Akten zu finden sind – in unserer Geschichtsvermittlung unterschlagen. Sie könnten ja etwas „erklären“, wofür keine Erklärung gewünscht wird. Der zweite Zeitgeschichts-Begriff, mit dem handfeste Politik gemacht wurde und wird, ist kürzer darzustellen: Es handelt sich um die sogenannte „Anti-Hitler-Koalition“. Mit diesem Begriff der ebenfalls ohne Anführungszeichen in unseren Schulbüchern und Geschichtswerken daherkommt, wird suggeriert, es hätte eine große gemeinsame, demokratische Front gegen Hitler und das Dritte Reich gegeben. Ihr Ziel wäre die Bekämpfung der Diktatur und die Verteidigung der Demokratie und der Menschenrechte gewesen. Nichts ist fragwürdiger als diese seinerzeitige (und heutige) Propaganda. Diese Koalition war vielmehr ein Bündnis westlicher Demokratien mit einem Diktator, der damals Hitler insgesamt in nichts nachstand; ein Bündnis mit einer Diktatur, deren Verbrechen und Völkermorde seit viel längerer Zeit erfolgten und deren Absicht der imperialen Weltherrschaft und der Vernichtung der westlichen Demokratien ebenfalls bekannt war – auch wenn die europäische „Linksintelligenz“ all diese Tatsachen bis in die jüngste Vergangenheit hinein zu leugnen oder zu relativieren versucht hat. Es müssen also wohl ganz andere Gründe und Interessen dafür vorhanden gewesen sein, welche diese Demokratien zu einer Koalition mit dem „roten Faschismus“ bewogen hatten. Über diese Motive und Interessen aber schweigen sich unsere Publikationen weitgehend aus. „Machtpolitik“ ist wohl etwas, was nur für das Deutschland jener Zeit reserviert zu sein scheint. Völkermord als harmlosen bürokratischen Akt verkauft Der dritte Begriff schließlich führt einen noch verharmlosenderen Namen als die beiden vorigen: Es ist das „Potsdamer Abkommen“. Auch dieser Begriff wird in unserer Geschichtsvermittlung ohne empört-distanzierende Ausführungszeichen gesetzt. Was hier also unter dieser Bezeichnung als einvernehmlicher, harmloser bürokratischer Akt versteckt wird, verdeckt (und soll weiterhin verdecken) nichts weniger als das, was das Völkerrecht als Völkermord bezeichnet. Auf Details kann an dieser Stelle verzichtet werden, sie sind bekannt – oder sollten wenigstens bekannt sein. Die jeweiligen Verursacher („Täter“) allerdings, die diesen Völkermord und den größten Landraub der neueren Geschichte beschlossen haben, sie werden nach wie vor hinter der Mahnung und Warnung vor „aufrechnender Moral“ verborgen. Diese immer noch fortwährende Politik des Verschweigens und der Desinformation prangerte vor einiger Zeit der amerikanische Politiker Patrick A. Buchanan mit deutlichen – aber leider folgenlosen – Worten an: „Die Welt weiß alles, was die Deutschen getan haben. Die Welt weiß nichts von dem, was den Deutschen angetan wurde.“ Die „Argumente“ von Polen und Tschechen gegen das gutgemeinte, aber verunglückte Projekt eines Europäischen Zentrums gegen Vertreibungen (warum nicht längst eine eigene Gedenkstätte im Potsdamer Schloß Cäcilienhof, dem Ort des Verbrechens?) sind ein später Widerhall ihrer jahrzehntelangen chauvinistischen kommunistischen Geschichtspolitik der „wiedergewonnenen Gebiete“ oder der „Benesch-Dekrete“ als Fundament auch des heutigen Tschechiens. So aber kann die gewünschte Nachbarschaft nicht gelingen! Um einen Weg aus dem Dickicht nationaler Denkverbote und einseitiger Geschichtspolitik in Europa zu finden – den alle bisherigen Historiker- und Schulbuchkonferenzen nicht gefunden haben (es sei denn auf Kosten sehr „fauler Kompromisse“, und diese natürlich stets zu Lasten unseres Landes), sei den beteiligten Politikern, Wissenschaftlern, Pädagogen, Ausstellungsmachern und Publizisten zum Schluß abermals eine historisch-politische Erkenntnis eines Amerikaners, hier Abraham Lincolns, zum Nachdenken und als Handlungsmaxime für eine objektive, wahrheitsgemäßere Geschichtsvermittlung empfohlen: „You can fool all the people some of the time, and some of the people all of the time, but never all the people all of the time.“ Dr. Klaus W. Wippermann , Jahrgang 1940, war bis Mai 2003 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (der Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“), herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn.

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