Das doppelte Gesicht eines Feiertages

Die Polizei der ganzen Stadt und Umgebung wurde in der Praterstraße postiert, das Militär schußbereit in Reserve gehalten. (…) Kaufleute ließen die eisernen Rolläden vor den Geschäften herunter, und ich erinnere mich, daß die Eltern uns Kindern streng verboten, an diesem Schreckenstag, der Wien in Flammen sehen konnte, die Straße zu betreten. (…) Nichts geschah! Die Arbeiter marschierten mit ihren Frauen und Kindern in geschlossenen Viererreihen und mit vorbildlicher Disziplin in den Prater, jeder die rote Nelke, das Parteiabzeichen, im Knopfloch. Sie sangen im Marschieren die Internationale, aber die Kinder fielen dann im schönen Grün der zum ersten Male betretenen Nobelallee in ihre sorglosen Schullieder. Es wurde niemand beschimpft, niemand geschlagen, keine Fäuste geballt.“ Dies schrieb Stefan Zweig in seinen Memoiren über den 1. Mai 1890 in Wien. Alles verlief damals in Ruhe, fast so als wäre es ein fröhlicher, unbeschwerter Frühlingsspaziergang gewesen. Doch zunächst sah es anders aus, nicht nur in Wien, sondern in allen europäischen Großstädten. Zu viel Angst, zu viele Befürchtungen prägten den ersten von den Sozialisten ausgerufenen Kampf- und Feiertag. Der Versuch, den Beginn einer neuen Zeit zu setzen Mit Spannung fieberte damals Europa, dessen Wirtschaft in voller Blüte stand, diesem Datum entgegen: Auf der einen Seite Kampfesmut, Enthusiasmus und der Versuch der internationalen Solidarität, diesen Maifeiertag an den Beginn einer neuen Zeit zu setzen; auf der anderen Seite Angst vor der sozialistischen Gewalt, vor revolutionären Umtrieben. Eine der führenden Zeitungen Österreichs, die Neue Freie Presse, schrieb in ihrem Leitartikel zu diesem neuen Feiertag: „Der 1. Mai hat in einzelnen Kreisen der bedürftigen Bevölkerung fast eine mystische Bedeutung gewonnen: auf der Straße, im Wagen der Pferdebahn, in den Schenken werden die seltsamsten Äußerungen vernommen. Viele Leute glauben, der 1. Mai bringe den Moment, welcher sie von allen Leiden rettet, alle Verheißungen erfüllt, die kühnsten Hoffnungen in Wirklichkeit verwandelt, aber auch die Zügellosigkeit entfesselt.“ Dieser Artikel drückte die Stimmung vieler Menschen in Europa aus, die sich von dem Beschluß der im Juli 1889 gegründeten Zweiten Internationalen der Sozialistischen Parteien eine entscheidende politische Veränderung in Kontinentaleuropa erhofften. Dieser Kongreß, der zur Erinnerung an den Ausbruch der Französischen Revolution 1789 in Paris tagte, beschloß, daß künftig der 1. Mai eines jeden Jahres in „allen Ländern und in allen Städten“ ein Tag großer Kundgebungen sein sollte, um die Wünsche und Forderungen der Arbeiterschaft deutlich zum Ausdruck zu bringen. Es sollte ein Zeichen der internationalen Solidarität gesetzt werden. Doch wie so oft bei Feiertagen, die nicht im Bewußtsein der gesamten Bevölkerung verankert sind, war der 1. Mai an vielen Orten ein Feiertag nicht zum Demonstrieren, sondern zum Spazierengehen. Dieser Tag hatte deshalb schon von Anfang an ein doppeltes Gesicht: Fest des Frühlings, Freude über die sprießende Natur und Kampftag für politische und soziale Forderungen. Diese sind es nun, die den neuen Feiertag in Konflikt, vielleicht auch bewußt in Gegensatz mit der bestehenden politischen Ordnung bringen wollen: von den weißgekleideten sozialdemokratischen Mädchen mit Blütenkranz im Haar, die Plakate „Nieder mit der Reaktion“ in der Prozession mittragen, bis zum bewaffneten Krawall und Barrikadenbau erstreckte sich seine Geschichte. Schwere Zusammenstöße zeigt der 1. Mai 1891 in der französischen Industriestadt Fourmies. 70 Personen wurden bei Zusammenstößen mit der Polizei getötet oder verwundet. In Belgien und in Italien sind ebenfalls an diesem zum ersten Mal stattfindenden Tag der Arbeit Todesopfer zu vermelden. Für die Radikalen unter den Sozialisten wird die Maifeier zum Tummelplatz der Gewalt. Sie sollte für die zu bekämpfende Bourgeoisie zu einem „ungemütlichen Tag“ werden. Der 1. Mai taugte nicht als Instrument „direkter Aktion“ Der internationale Sozialistenkongreß 1893 in Zürich machte die Gegensätze offenkundig. Die Radikalen beschimpften die Sozialdemokraten, sie wollten die Maifeier zu einem „Sechs-Uhr-Läuten verwandeln“, während doch an diesem Tag der Proletarier „bleich und zerlumpt, so wie er eben lebe, rebellierend demonstrieren müsse“. Die Geschichte zeigt, daß der 1. Mai nicht zum Instrument einer direkten Aktion wurde, nicht zur Revolution taugte, selbst 1929, am Ende der Weimarer Republik nicht, als die Kommunisten in Berlin versuchten, an diesem Tag eine Art Aufstand gegen die Stadtverwaltung zu inszenieren. Der Tag der Arbeit blieb bis heute ein Datum, das der Verkündung arbeitspolitischer Forderungen diente: kürzere Arbeitszeit, Schutz der Frauen und Kinder in den Fabriken damals, und heute – auch wieder: kürzere Arbeitszeit, Mitbestimmung, Humanität des Arbeitsplatzes, Gleichberechtigung der Frau usw. Als nationaler Feiertag überstand er auch die Proklamation des Reichskanzlers Adolf Hitler zum „Tag der nationalen Arbeit und Fest der Volksgemeinschaft“ zu Beginn des Dritten Reiches. Dieser 1. Mai des Jahres 1933 ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie Feiertage im Sinne des „Zeitgeistes“ verändert werden können – unter Beifall gerade derer, die nach dem Jubel zu leiden hatten. Damals rief Propagandaminister Joseph Goebbels dazu auf: „Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter. Bekränzt Eure Häuser und die Straßen der Städte und Dörfer mit frischem Grün und mit den Farben des Reiches. Deutsche aller Stände, Stämme und Berufe, reicht Euch die Hände. Geschlossen marschieren wir in die neue Zeit hinein.“ Der zu dieser Zeit noch nicht von den Nationalsozialisten übernommene Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), eine der Hauptstützen der Sozialdemokratie am Ende der Weimarer Republik, sagte sich nun aufgrund des Bekenntnisses von Goebbels von der SPD los, um „der Zeit Rechnung zu tragen“, wie der Vorsitzende des ADGB, Karl Leipart, an Hitler schrieb, denn „wir brauchen nicht umzufallen, um zu bekennen, daß der Sieg des Nationalsozialismus auch unser Sieg ist“. Vergessen waren alle demokratischen und sozialistischen Glaubensbekenntnisse, es ging nur noch um die Erfüllung der sozialen Aufgaben der Gewerkschaften, „gleichviel, welcher Art das Staatsregime ist“, wie Leipart sich noch beeilte, Hitler zu versichern. Am 1. Mai 1933 marschierte dann der deutsche Arbeiter in einer Reihe mit denen, die ihm zuvor feindlich gegenübergestanden hatten – so Hans Ulrich Thamer in seiner Studie über das Dritte Reich „Verführung und Gewalt“. Reichskanzler Adolf Hitler sprach am 1. Mai 1933 auf der großen Kundgebung vor einer halben Million Menschen auf dem Tempelhofer Feld: „Es ist eine politische Not. Das deutsche Volk ist in sich zerfallen, seine ganze Lebenskraft wird für den inneren Kampf verbraucht. Die Millionen Menschen, die in Berufe aufgeteilt, in künstlichen Klassen auseinandergehalten worden sind, die, vom Standesdünkel und Klassenwahnsinn befallen, einander nicht mehr verstehen können, sie müssen wieder den Weg zueinander finden.“ Damit hatte Hitler ausgesprochen, was viele damals fühlten und erwarteten. Trotz aller Repressionen dem Sog der Anpassung erlegen Doch am nächsten Tag wurden die Gewerkschaftsbüros besetzt, das Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt und führende Gewerkschafter verhaftet, darunter auch der Vorsitzende Leipart, der seine Organisation Hitler zugeführt hatte. Trotz dieser brutalen Übergriffe gegen die mehrheitlich sozialdemokratischen Gewerkschaftler stimmten aber am 17. Mai die sozialdemokratischen Abgeordneten im Deutschen Reichstag dem außenpolitischen Programm Hitlers einer weitgehenden Revision des Versailler Vertrages zu. Schließlich warf der SPD-Reichsvorstand auch wenige Tage später die jüdischen Mitglieder aus seinen Reihen. Carl Zeland meinte bitter, „um damit doch noch Teil der neuen arischen Rassegemeinschaft werden zu können“. Wolfgang Abendroth urteilt, daß „nur die am 4. Mai ins Ausland geflüchteten SPD-Vorstandsmitglieder dem Sog der Anpassung nicht erlegen seien“. Der Tag der Arbeit wurde aber auch nach dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland seiner Ursprungsidee entkleidet. Wie in allen anderen osteuropäischen, nun kommunistischen Ländern, so wurde nach 1945 auch in Ost-Berlin auf dem Marx-Engels- Platz der 1. Mai mit Militärparaden zum Tag der bewaffneten Macht umfunktioniert. Nicht mehr die Arbeiter marschierten nun durch die Straßen, sondern die Soldaten. Eine Schreckensvision, die für die Zweite Internationale der Sozialistischen Parteien des Jahres 1889 unvorstellbar gewesen wäre, die aber auch hundert Jahre später mit dem Zusammenbruch des Ostblocks nur noch Geschichte ist. Foto: Reichspräsident Hindenburg am „Feiertag der nationalen Arbeit“ 1933 in Berlin: Im Sinne des Zeitgeistes

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