Ein Stück Klimakatastrophe

Weltweit hat die Landwirtschaft nach Angaben der UN-Ernährungsorganisation FAO am anthropogen verursachten Ausstoß von Treibhausgasen einen Anteil von zirka 15 Prozent. In der US-Wirtschaft entfallen sechs Prozent der verbrauchten Energie auf die Agrarproduktion und noch einmal soviel auf Verarbeitung und Verpackung. Das entspricht annähernd 1.000 Liter Treibstoff pro Person und Jahr. An den in Deutschland ausgestoßenen Treib­hausgasen hat die Landwirtschaft einen Anteil von über 13 Prozent – sie reicht damit nahe an den Wert für den häufig gescholtenen Verkehrssektor heran. Nach Ansicht des Landwirtschaftsexperten Alexander Hissting von Greenpeace haben die Emissionen von Treib­hausgasen in der industriellen Landwirtschaft einen kritischen Punkt erreicht: „Es muß dringend gegengesteuert werden“, sagte er schon vor einem Jahr und forderte die Einführung einer Abgabe auf Kunstdünger und Pestizide. Greenpeace erläuterte, daß die Überdüngung zu Lachgasemissionen führe, die fast 300mal so klimaschädlich wirkten wie das heißdiskutierte CO2. Eine Verringerung der Fleischerzeugung wäre zielführend – aber passiert ist nichts. Doch die Debatte ist von der Verbraucherorganisation Foodwatch mit einer Studie aufgeheizt worden. Dabei wurden vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung ein paar Daten quantifiziert. So gingen 71 Prozent der landwirtschaftlich verursachten Treibhausgase auf das Konto der Fleischproduktion. Daß auch Lachgas durch zu üppige Stickstoffdüngung besonders zu beachten sei, wird unterstrichen. Der Deutsche Bauernverband (DBV) konterte: „Per Saldo sind Land- und Forstwirtschaft … die einzigen Wirtschaftszweige, die mit ihrer Produktion zugleich auch Klimagase reduzieren und eine positive CO2-Bilanz haben.“ Als Beleg zitierte er Zahlen, die angeblich vom Umweltbundesamt (UBA) stammten. Aber UBA-Vize Thomas Holzmann stellt in einem persönlichen Schreiben an Bauernpräsident Gerd Sonnleitner richtig: „Die Angaben entsprechen nicht den vom Umweltbundesamt veröffentlichten Zahlen.“ Er fordert den Bauernverband in dem Schreiben auf, künftig Berechnungen des Umweltbundesamtes nicht falsch wiederzugeben. Der PR-Schuß des DBV ging nach hinten los. Denn nun bestätigte das UBA ebenfalls, daß die Landwirtschaft das Klima schädigt. Selbst vor der vielgepriesenen Öko-Landwirtschaft machte Foodwatch-Chef Thilo Bode nicht halt, wenn er moniert, „daß die ökologische Landwirtschaft sich als ‘Weltretter‘“ aufspiele, aber ebenso Klimasünder sei wie „‘normale‘ Bauern“. Diese Kritik war allerdings etwas zu pauschal, denn die meisten landwirtschaftlichen Produkte konventioneller Landwirtschaft schneiden in ihrer Klimabilanz schlechter ab als solche aus ökologischem Anbau.  „Ein Kilogramm Weizen, konventionell erzeugt, verursacht genausoviel Treibhausgase, als ob man mit einem Auto (Modell BMW 118d) 3,4 Kilometer fährt. Bei einem Kilogramm Öko-Weizen sind es nur 1,5 Kilometer“, heißt es in der Foodwatch-Studie. Ein Kilogramm Rindfleisch aus ökologischer Ochsenmast habe dagegen eine Klimabilanz, die einer Strecke von 113 Kilometern entspricht. Bei konventioneller Produktion wären es 71 Kilometer. „Für zehn Liter Milch, die für ein Kilogramm Käse benötigt werden, würde man 71 Kilometer (konventionell) oder 66 Kilometer (ökologisch) weit kommen.“ Foodwatch will den Blick vom Fleisch als einem „Stück Lebenskraft“ auf Fleisch als einem „Stück Klimakatastrophe“ lenken und auch die Milchwirtschaft dabei mit einbeziehen. Die Zahlen sprechen dabei eine eindeutige Sprache: „Wer herkömmliches Schweinefleisch ißt, ist für weit weniger Klimagase verantwortlich als Konsumenten von ökologischem Rindfleisch oder ökologischen Milchprodukten. Ein Kilogramm Ochsenfleisch aus ökologischer Produktion verursacht die vierfache Menge an Treibhausgasen wie ein Kilogramm Schweinefleisch aus einem konventionellen, effizient geführten Betrieb“, so Foodwatch. Das bedeutet, daß ein Konsument von Öko-Rindfleisch in einem Jahr so viele Treibhausgase verantwortet wie jemand, der die gleiche Menge Nicht-Bio-Schweinefleisch verspeist, in vier Jahren. Daran ändert sich auch nichts, wenn die Waldwirtschaft im Rahmen der UN-Klimarahmenkonvention bei der Landwirtschaft mit eingerechnet wird. Auch bleiben ethische Aspekte der unterschiedlichen Nutztierhaltungsarten von solchen Rechenexempeln unberührt. Die Foodwatch-Studie „Klimaretter Bio?“: www.foodwatch.de/kampagnen__themen/klima/klimastudie_2008/

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