Wegwerfen soll umweltfreundlich sein

Wir erinnern uns noch alle an die Einführung des heiß diskutierten „Dosenpfandes“. Weil die Rücklaufquoten der Wegwerfverpackungen nicht die gewünschte Menge erreichten, verdonnerte Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) die Getränkeindustrie und den Handel zu einer Rücknahmepflicht durch Pfandgeld von 25 bzw. 50 Cent. Die Rechtsgrundlage stammte übrigens im Prinzip noch von seinem umweltengagierten Vorvorgänger Klaus Töpfer (CDU). Inzwischen hat sich die Lage halbwegs normalisiert, und Bier- oder Coladosen liegen nur noch vereinzelt in der Landschaft herum. Dafür ist Bier, Limo oder Mineralwasser nun bei Aldi, Lidl, Netto & Co. fast ausschließlich in bepfandeten Einweg-Plastikflaschen im Angebot. Die propagierten Mehrwegflaschen haben seit der Zwangspfandeinführung im Januar 2003 hingegen keinen Siegeszug angetreten. „Welches Verpackungssystem hat die beste Ökobilanz?“ lautet daher die Gretchenfrage in dieser Branche. Bisher herrscht überwiegend die Meinung, das Mehrwegsystem mit Glasverpackungen sei ökologisch am sinnvollsten. Allerdings bleibt auch bei den Verpackungen die Zeit nicht stehen, Technologien entwickeln sich weiter. So könnte es sein, daß plötzlich ein ganz anderer Stoff die ökologisch sinnvollste Verpackung ist. Anfang September wurde eine Studie präsentiert (World largest PET Life Cycle Assessment – One-way PET levels with refillable glass), die sich anschickt, die altbewährte 0,7 Liter-Sprudelflasche und die 0,5-Liter-Bierflasche aus Glas vom Thron zu stürzen. Laut dieser Studie sind Verpackungen aus PET-Kunststoff ökologisch sinnvoller, wenn man sie nach dem Gebrauch in die Wertstofftonne wirft – ein Pfand müßte man also nicht erheben. Die Daten der Studie basieren auf den Jahren 2002 und 2003, wobei der gesamte Lebenszyklus einer PET-Einwegverpackung erfaßt wurde. Man hat sich bei der Untersuchung auch an Vorgaben des Umweltbundesamtes (UBA) orientiert. PET-Material kann häufig wiederverwertet werden PET ist die Abkürzung für Polyethylenterephthalat. Das Plastik wurde schon 1941 in den USA aus Rohöl und Gas entwickelt. Der Kunststoff besteht aus langen Molekülketten, sogenannten Makromolekülen. Der Aufbau der Molekülketten kann gezielt beeinflußt werden und bestimmt so die Eigenschaften der späteren Produkte. Als thermoplastischer Kunststoff ist PET unter Hitze formbar und kann in nahezu jede beliebige Form gebracht werden. Der eigentliche Vorteil besteht darin, daß PET-Verpackungen angeblich selbst strengsten hygienischen Anforderungen genügen. Gegenteilige Untersuchungen sind bislang nicht bekannt. Daher können PET-Gefäße im Lebensmittelbereich und vor allem in der Medizin eingesetzt werden. PET weist außerdem eine hohe chemische Beständigkeit auf. Viele kosmetische Produkte oder Reinigungsmittel werden heute bereits in PET-Behältern abgefüllt. Auch hierbei gilt bislang: Qualität und Haltbarkeit der Füllgüter werden dabei vom Material PET nicht beeinträchtigt. Natürlich reichen diese Eigenschaften nicht aus, um das Rennen im Öko-Wettkampf zu machen – Glas kann dabei selbstverständlich mithalten und sogar höherem Druck (etwa Sekt) standhalten. Aber auch im Bereich Herstellung und Wiederverwertung kann PET gute Qualitäten vorweisen. Aus rund 1,9 Kilogramm Rohöl entsteht etwa ein Kilogramm PET. Dafür ist ein Energieaufwand von rund 23 Kilowattstunden nötig. Im Gegensatz zu den meisten übrigen Kunststoffen eignet sich PET gut für die stoffliche Wiederverwertung, denn es behält seine physikalisch-chemischen Eigenschaften und kann mit relativ geringem Energieaufwand verarbeitet werden. Gegenüber der Neuproduktion kann bei der Aufbereitung von gebrauchtem PET 60 Prozent Energie gespart werden. Das chemische Recycling wurde zunächst vor allem in den USA praktiziert und ist inzwischen auch in Deutschland üblich. Dabei können Substanzen gewonnen werden, die wieder zur Herstellung vollkommen neuwertiger Kunststoffe einsetzbar sind. Für das so gewonnene PET-Recycling-Granulat gibt es viele Einsatzmöglichkeiten: Füllstoffe für Kissen, Futter für Sportjacken, „Fleece“-Textilien (Faserpelzjacken), Joghurtbecher oder Margarineschalen. Auch der Anwendungsbereich in der Lebensmittelindustrie ist enorm. Daneben kann PET als weitere Alternative auch energetisch verwertet werden, etwa direkt als Wärmeträger in Kraftwerken genutzt werden. PET verfügt dabei über einen hohen Brennwert – es ist ja praktisch Öl – und kann so andere Energieträger ersetzen. Beim vollständigen Verbrennen entstehen nur Wasser, Sauerstoff und Kohlendioxid (CO2). PET gilt daher als unbedenklich, denn das klimaschädigende CO2 würde auch dann aus dem Kraftwerk entweichen, wenn Öl, Gas oder Kohle verbrannt würden. Noch ein Pluspunkt für die „Plastikflasche“ ist die Möglichkeit, das PET-Material häufig wiederverwerten zu können. Es kommt also nicht zu einem Down-Cycling wie etwa bei Papier. Das haben Versuche in der Schweiz gezeigt. Da die Bilanzen für PET so gut sind, fordert nun der Industrieverband Petcore, die Plastikverpackungen aus dem Pfandsystem herauszunehmen. Das wiederum halten Umweltverbände, wie etwa der Naturschutzbund (NABU), für abwegig. „Der von Petcore durchgeführte Vergleich von 1,5 Liter Plastik-Wegwerfflaschen mit dem 0,7 Liter-Glas-Mehrwegsystem ist völlig unzeitgemäß“, kritisiert NABU-Hauptgeschäftsführer Gerd Billen. Mit den PET-Mehrwegsystemen gebe es schließlich auch in diesem Bereich längst ökologisch optimierte Systeme. „Eine Wegwerf-Verpackung, die den Mehrwegflaschen das Wasser reichen will, sollte auch den Anspruch erheben, es mit dem Besten aufnehmen zu können“, so Billen. Nach den allerjüngsten Öko-Bilanzierungen des UBA sind die bestehenden PET-Mehrwegsysteme in der Tat noch besser als wieder befüllbare Glasflaschen. Die Petcore-Studie lasse diese Tatsache allerdings völlig unberücksichtigt, empört sich Billen. Trotz dieser Meinungsverschiedenheit ist eines unzweifelhaft: Für die Glasflaschen läutet bereits das Sterbeglöckchen.

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