Puszta, Piroschka, Sissi – und Gift?

Ungarn ohne Paprika ist wie Frankreich ohne Champagner. Paprika gehört zu den Magyaren wie die Puszta, Piroschka und Sissi. Was wäre eine Gulaschsuppe ohne dieses rote Gewürz? Längst nicht alles in Ungarn wird mit Paprikapulver gegessen, aber man findet diesen Stoff – egal ob süß (édes), mittelscharf (csipös) oder scharf (erös) – in vielen Lebensmitteln. Der Ende Oktober bekannt gewordene Paprika-Skandal schadet dem Bild Ungarns als ein Land, das 15 Prozent des europäischen Gewürzpaprika-Marktes beherrscht. Ungarn exportierte 2003 immerhin 5.300 Tonnen Paprikapulver im Wert von 12,7 Millionen Euro, was gegenüber 2002 eine Steigerung von 400 Tonnen und 1,4 Millionen Euro bedeutet. Die größten Exporte (30 Prozent) gingen nach Deutschland, gefolgt von Österreich, den Niederlanden und der Slowakei. Daher kam es einer nationalen Tragödie gleich, als am 27. Oktober die Volksgesundheitsbehörde (ÁNTSZ) den Verkauf sämtlicher Paprikagewürze verbot. Die Ungarische Behörde für Lebensmittelsicherheit hatte entdeckt, daß in einigen Produkten das Schimmelgift Aflatoxin zu finden ist, und daraufhin die ÁNTSZ alarmiert. Vorsorglich ließ diese Budapester Behörde sämtliche Paprikatüten, -tuben und -gläser aus dem Regal nehmen und warnte die Verbraucher vor dem Verzehr dieser Produkte. Bei ersten Untersuchungen stellte sich heraus, daß von 73 Proben zwölf tatsächlich mit dem Schimmelgift kontaminiert waren. In Gewürzen sind fünf Mikrogramm pro Kilo erlaubt, die ÁNTSZ hingegen fand 80,8 Mikrogramm pro Kilo. Da das Pilzgift Leberkrebs verursachen kann, darüber hinaus auch ein genotoxische und immunsuppressive Wirkung nachweisbar ist, schien das strenge Vorgehen angemessen. Allerdings stellen die Behörden auch umgehend fest, daß sich Aflatoxin unter den ungarischen klimatischen Bedingungen nicht bilden kann, das Gift also über Importpaprika in das Nationalgewürzt gelangt sein muß. Am häufigsten findet man den schädlichen Stoff in Erdnüssen. Die in Ungarn gemessene Konzentration reicht jedoch nicht aus, um tatsächlich eine Vergiftung hervorzurufen. Man müßte schon 30 bis 60 Milligramm pro ein Kilogramm Körpergewicht innerhalb kurzer Zeit konsumieren, um etwa eine Leberentzündung zu bekommen. Die von der ÁNTSZ gemessene Verschmutzung ist auch deswegen unbedenklich, weil ein Kilogramm Gewürzpaprika im Durchschnitt in zwei Jahren verzehrt wird. In Deutschland dürfte es – je nach Eßgewohnheiten – noch länger dauern. Wie die eingeleiteten Ermittlungen ergaben, gelangte der kontaminierte Paprika aus Spanien und Brasilien zu den ungarischen Herstellern, die es mit dem heimischen Gewürz vermischten. Diese Praxis, die nicht neu ist, wird vor allem aus zwei Gründen praktiziert: Der südamerikanische Paprika ist sehr viel billiger als der ungarische, man kann durch eine Beimengung die heimische Menge daher kostengünstig „vermehren“. Ein weiterer Grund ist die Farbgebung. Da der ungarische Stoff manchmal zu blaß ausfällt, soll er durch die Importware „feuriger“ wirken. Natürlich wurde bisher auf den Packungen nicht vermerkt, daß der Inhalt nicht nur „original ungarisch“ ist, sondern auch „eingewanderte“ Beimischungen hat. Infolge des Skandals soll das nun anders werden. Inzwischen wird nicht ausgeschlossen, daß die ungarische Lebensmittelsicherheit überreagiert haben könnte. Denn die Liste der unbedenklichen Gewürztüten wird von Tag zu Tag länger. Die in der Presse verbreitete Meldung, wonach die Paprikapulver-AG in Kalocsa und Szegedin (Szeged) sowie die Sükösdi Házi Pirospaprika Kft besonders betroffen seien, konnte letztlich nicht eindeutig bestätigt werden. Das Produkt „Kalocsai édesnemes Füszerpaprika örlemény“ ist ebenso unbedenklich wie sämtliche Produkte von Unilever und der Szegedi Paprika Rt. Eine vollständige Liste der überprüften Gewürze existiert jedoch bislang nicht, da die Untersuchungen noch andauern. Auf der Internetseite www.antsz.hu gibt es eine Liste der unbedenklichen Produkte, die täglich aktualisiert wird. Der Schaden, der bei den Konsumenten vor allem im Ausland entstanden ist, dürfte jedoch nicht so schnell wieder zu beheben sein. Ähnlich wie bei dem Glykol-Skandal in Österreich in den achtziger Jahren, als Wein mit Frostschutzmittel gestreckt wurde, könnte die vergiftete Importware den ungarischen Export um Jahre zurückwerfen. Da hilft es wenig, daß die schlechten Gewürze über die EU-Außengrenze in Holland nach Ungarn kamen oder daß Präsident Ferenc Mádl besonders strenge Kontrollen innerhalb der EU fordert. Wenn nun im Ausland jemand an „Puszta, Paprika und Piroschka“ denkt, wird ihm sogleich in den Sinn kommen: „Da war doch was vergiftet.“ Für die gebeutelte ungarische Tourismusbranche, die ein wichtiger Devisenbringer ist, dürften die Schlagzeilen über den „Paprika-Skandal“ ebenso fatal sein wie die Meldungen über den verdunstenden Plattensee – oder den wegen Unfähigkeit versetzten sozialistischen EU-Kommissar László Kovács. Der vergiftete Gewürzpaprika ist nicht nur ein Symbol für globalisierte Warenströme und Habgier, sondern zeigt auch schlaglichtartig die Krise der ungarischen Gesellschaft. Der einstige EU-Musterschüler, der selbst im Kalten Krieg in einer „lustigen Baracke“ lebte, hat seine Bezugspunkte verloren. Besserung ist vorerst nicht in Sicht.

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