Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Das Kostenbewußtsein stärken

Kaum ist das Gesundheits-Modernisierungs-Gesetz (GMG) fünf Mo-nate in Kraft, soll es schon wieder in einem entscheidenden Punkt geändert werden. Sollte bisher das Kostenbewußtsein der Patienten durch die Erhebung einer Praxisgebühr gestärkt werden, wird jetzt die Einführung eines Hausarztmodells präferiert, dem der Gedanke zugrunde liegt, den Hausarzt zum Lotsen durch das Gesundheitssystem zu machen. Durch den Wegfall der Praxisgebühr sollen die Patienten zur Teilnahme an diesem Modell gelockt werden. Werden die bisherigen Erkenntnisse über das Verhalten der Patienten nicht zu Rate gezogen, hat das Hausarztmodell eine gewisse Anziehungskraft. Wenn alle Patienten als ersten Anlaufpunkt den Hausarzt aufsuchen, sollen dadurch Kosten gespart werden. Der kostspielige Facharztbesuch wird gebremst, so das Argument. Die Statistiken der Krankenkassen zeigen aber, daß knapp 70 Prozent aller Erstkontakte auch jetzt schon über den Hausarzt erfolgen. Der Besuch von Fachärzten ist also nicht das Problem. „Die Anreize zur Teilnahme an den neu angebotenen Hausarztprogrammen finden ihre Grenzen in eventuellen Mehrkosten“, erläutert der Gesundheitsökonom Johann-Matthias Graf von der Schulenburg vom Institut für Versicherungsbetriebslehre der Universität Hannover in einer Pressemeldung vom 17. Mai. Im Gesetz sei klar geregelt, daß sich derartige Versorgungsmodelle selbst tragen müssen. Das sei aber bei den Hausarztmodellen nicht zu erwarten. Schulenburgs Ansicht nach werden Patienten, die ohnehin fachärztliche Hilfe brauchen, gezwungen, zunächst den Hausarzt zu konsultieren. Das kostet Geld und die Zeit der Patienten. Die Krankenkassen verweisen auf ein anderes Argument für die Praxisgebühr. Im letzten Jahr hat jeder fünfte Patient wegen Bagatellerkrankungen den Arzt in Anspruch genommen, insbesondere um eine Krankschreibung zu erhalten. „Hochgerechnet auf alle Arbeitnehmer in Deutschland kommt es jährlich zu mindestens sieben Millionen dieser Krankschreibungen“, kritisiert in einer Pressemitteilung vom 18. Mai die DAK. „Wenn 1,4 Millionen Arztbesuche medizinisch nicht begründet sind, werden die knappen Ressourcen des Gesundheitswesens falsch genutzt“, erklärte DAK-Vizevorstandsvorsitzender Herbert Rebscher am 18. Mai. Die Praxisgebühr treibt auch Menschen, die sich unwohl fühlen, an den Arbeitsplatz. Seit Einführung der Praxisgebühr ist der Patiententourismus zu den Ärzten wegen einer Krankschreibung eingebrochen. Die Gesetzlichen Krankenkassen freut das. Hausarztmodell ist keine Alternative zu Praxisgebühr Das Hausarztmodell hat etwas für sich, wenn der Hausarzt die Zeit hat, sich mehr um den Patienten zu kümmern. Heute ist das nicht der Fall. Wenn die Hausärzte zum Lotsen durch das Gesundheitssystem gemacht werden, dann müssen sie auch die 30 Prozent der Kranken, die heute direkt zum Facharzt gehen, beraten und betreuen. Das geht nur, wenn es mehr Hausärzte gibt, die nach festen Qualitätskriterien ausgewählt werden. Nach den bisherigen Erfahrungen kann jedoch damit gerechnet werden, daß eine Auswahl mehr als großzügig vorgenommen wird, um eine ausreichende Zahl von Hausärzten zur Teilnahme am Hausarztmodell zu bewegen, denn tatsächlich sind nur wenige Hausärzte in ihrer Ausbildung auf eine Lotsenfunktion im Gesundheitswesen vorbereitet. Es gibt aber auch Überlegungen, die Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch zu erheben. Peter Oberender, Gesundheitsökonom an der Universität Bayreuth und Mitglied des Wissenschaftsrates, wies am 18. Mai im Deutschlandfunk darauf hin, „daß ein gesetzlich Versicherter in Deutschland im Jahr etwa 8,5 bis neunmal zum Arzt geht; in Schweden ist das 2,3mal“. Er schlägt deshalb vor, daß der Patient pro Arztbesuch acht Euro zahlt – natürlich mit einer Härtefallregelung für sozial Schwache. „Auch Kinder und Jugendliche müssen frei sein bis zum 18. Lebensjahr“, erläuterte Oberender, „wie wir das jetzt auch haben.“ Acht Euro für jeden Arztbesuch, so Oberender, führe zu einem guten Steuerungseffekt. Er verweist dabei auf die Zahlen des ersten Quartals 2004: „Das ist jetzt bereits vorhanden. Bei den Hausärzten nimmt die Frequenz um etwa zehn Prozent ab, bei den Fachärzten um etwa elf oder zwölf Prozent.“ Er warnt gleichzeitig vor Illusionen, denn der medizinische Fortschritt schaffe immer mehr Möglichkeiten: „Es nimmt der Anteil der Alten immer mehr zu, dann ist die Frage, wer das finanzieren soll.“ Natürlich wird noch ein weiteres Argument gegen die Praxisgebühr ins Rennen geschickt, mit dem in einer Diskussion gepunktet werden kann: Kranke lassen sich vom Besuch eines Arztes durch die Praxisgebühr abhalten und werden dadurch erst richtig krank. Erfahrungen dieser Art sind aus anderen Ländern bislang nicht bekannt. Entweder sind die Versicherten dort souveräner und wissen, wann sie zum Arzt müssen, oder sie sind gesünder, weil sie weniger häufig zu ihren Ärzten gehen.

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