Öl und Gas statt Pharmageschäft

Noch vor zwei Jahren dachte der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF nicht daran, seine altbe-währte Pharmasparte zu veräußern. Inzwischen ist der Verkauf des Pharmageschäfts für 6,9 Milliarden Dollar an Abott Laboratories Inc. USA, die wichtigste Restrukturierungsmaßnahme des ganz auf Verbundstrategie setzenden Chemieriesen perfekt. Dafür ist die 1865 von Friedrich Engelhorn zur Produktion von Teerfarbstoffen und Vorprodukten gegründet Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG (BASF) – inzwischen konzentriert auf Feinchemie und Pflanzenschutz – zum zweitgrößten Vitaminhersteller der Welt aufgestiegen. Ohne Vitamine können wir nicht leben, sie müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. Die Produktion von Vitamin E ist auf jährlich 20.000 Tonnen verdoppelt worden, man hat aus der in Amerika verhängten Geldbuße, wegen Kartellabsprachen bei Vitaminen, seine Lehren gezogen. In dem immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Umfeld bewährt sich erneut als stabilisierendes Element das Geschäft mit Erdöl und Erdgas, zusammengefaßt in der Wintershall AG, der 100prozentigen Tochtergesellschaft der BASF. Von den Wüstengebieten Nordafrikas (Libyen) bis zu den Tiefen der Nordsee reichen die Fördergebiete von Wintershall. Aus dem größten Off-shore-Ölfeld, dem vor der Nordseeküste gelegenen Mittelplate, werden Jahr für Jahr ungefähr 1,8 Millionen Tonnen Öl gefördert, gerade mal ein Prozent des in Deutschland benötigten Rohöls. Energie ist die Lebensader der Wirtschaft. Immer wichtiger als Energieträger wird das Erdgas, das heute bereits 20 Prozent des deutschen Primärenergiebedarfs deckt. Seit zwölf Jahren besteht die Partnerschaft der BASF mit Gasprom, dem mächtigsten Konzern Rußlands. Gasprom ist mit Reserven von 32,4 Billionen Kubikmetern Erdgas und riesigen Mengen Erdöl Rußlands wichtigster Devisenbringer und Deutschlands größter Gaslieferant. Die aus dem sowjetischen Erdgas-Ministerium hervorgegangene Aktiengesellschaft zählt 360.000 Mitarbeiter und kommt für 22 Prozent der gesamten Staatseinnahmen Rußlands auf. Das gemeinsame deutsch-russische Unternehmen Wingas versorgt Deutschland über eine 4.000 Kilometer lange Rohleitung mit Erdgas aus Sibirien. Im Zuge der Gasmarktliberalisierung streben die Ludwigshafener einen Marktanteil von 20 Prozent an. Wintershall und Gasprom haben in den letzten Jahren etwa 2,5 Milliarden Euro in Erdgasleitungen investiert. Das BASF-Prinzip der Verbundstruktur beruht auf nur wenigen Rohstoffen, die über einige hundert Zwischenprodukte eine Vielzahl von chemischen Verkaufsprodukten liefern. Die Basis dieses Systems sind die Steamcracker, gewaltige Anlagen, in denen aus Rohbenzin (Naphtha) bei 850° Celsius die ungesättigten Kohlenwasserstoffe Ethen und Propen entstehen. Diese beiden Grundstoffe wiederum gehen in die vielen von der BASF produzierten Endprodukte ein. Mit 8,2 Milliarden Euro trägt die Sparte Kunststoffe und Synthesefasern den größten Anteil am Umsatz des Chemieriesen. 1948 erfand ein BASF-Chemiker den „Stoff aus dem Schäume sind“, das heute nicht mehr wegzudenkende Styropor. Der weiße Hartschaum besteht zu 98 Prozent aus Luft und besticht durch sein geringes Gewicht und seine hohe Isolierfähigkeit. Seit 1951 hat die BASF zehn Millionen Tonnen des extrem leichten Werkstoffs produziert. Als Wärmedämmstoff und Verpackungsmaterial wird Styropor überall eingesetzt. Selbst das berühmte Gemälde der Mona Lisa reiste bei einer der seltenen Ausleihungen aus dem Louvre in einer Styropor-Verpackung über den Atlantik. Seit hundert Jahren ist die BASF auf dem China-Markt vertreten, wo sie auch heute wieder der finanzstärkste ausländische Chemie-Investor ist. Langfristig geht man davon aus, daß Asien der umfangsreichste Chemiemarkt der Welt sein wird. Im chinesischen Nanjing fiel im vergangenen Jahr der Startschuß zum Bau eines neuen Verbundstandorts. Herzstück ist der milliardenschwere Naphtha-Steamcracker, dem sich eine Wertschöpfungsstufe anschließt mit weiteren Großanlagen zur Produktion von Kunststoffpolymeren auf Styrolbasis. Wo immer die BASF neue Anlagen baut, werden schon bei der Planung die Belange von Umwelt und Sicherheit berücksichtigt. Schon bei Erzeugung neuer Produkte wird sichergestellt, wie sie nach der Verwendung wiederverwertet oder zu entsorgen sind. Die Balance zwischen ökonomischen und ökologischen Erfordernissen, fokussiert in dem Leitbild der sogenannten nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung („sustainable development“), soll den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft entsprechen, ohne die Entwicklungschancen künftiger Generationen zu beeinträchtigen. Bei allen zukünftigen Vorhaben müssen die Entscheidungen der Brüsseler EU-Gesetzgebung für die Chemie-Industrie berücksichtigt werden. Um gravierende Nachteile zu verhindern, sollte daher der Einfluß des europäischen Chemie-Branchenverbandes intensiviert werden, erklärte BASF-Vorstandsmitglied Eggert Voscherau, neuer Präsident des Verbandes. Sorge bereitet das EU-Chemikalienweißbuch zur europäischen Chemiepolitik, das ein neues Kontroll- und Zulassungsverfahren für Chemikalien vorsieht. Die Industrie soll dann gegenüber den Kontrollbehörden den Nachweis erbringen, daß zur Anwendung gelangende Stoffe unbedenklich sind. Dazu sollen alle Substanzen, die in einer Jahresmenge von mehr als einer Tonne hergestellt, in einem Prüfungs- und Zulassungsverfahren erfaßt werden. Immerhin sind davon rund 30.000 Chemikalien betroffen. Auch die Genehmigung zur Markteinführung neuer Produkte dauert in Europa dreimal so lange wie in den USA, worunter natürlich die Konkurrenzfähigkeit leidet. Prof. Dr. Rüdiger Ruhnau arbeitet bei der Forschungsstelle Umwelt und Chemie-Industrie FUCI. Fototext: Wintershall-Gazpom-Erdgasspeicher in Rehden/Münsterland: 20 Prozent Marktanteil angestrebt

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