Ökonomie heißt Maßhalten

Über Nacht wanken unerschütterlich geglaubte Säulen unseres Weltbildes und der sozialen Marktwirtschaft. Angesichts der globalen Finanzkrise spricht man nicht mehr von stabilem Geld, sondern von „frischem“, nicht mehr von Ordnung in den Staatsfinanzen, sondern grenzenloser Unordnung, nicht mehr von Steuerentlastung des Bürgers, sondern neuem Steuerdruck und Aufhebung der letzten Reste seiner privaten Lebenssphäre wie des Bankgeheimnisses. Ökonomie heißt eigentlich Maßhalten, Sparsamkeit. Im Namen der Krisenbekämpfung wird daraus das Gegenteil gemacht: Verschwendung knapper Mittel und Verwischung der Grenzen zwischen Staat und Markt. Der Marktwirtschaft wird die Kompetenz zum Überleben in schweren Zeiten abgesprochen, der Bürger auf ein Leben mit Geldentwertung, Superstaat und begrenzter Privatheit vorbereitet. Nachdem man vorher, am Beispiel der DDR, das Gegenteil demonstriert hat: wie wenig die Staatswirtschaft zu wirtschaftlich blühenden Landschaften beiträgt, soll jetzt die Einschaltung des Staates in die von der Krise bedrohten Wirtschaftssektoren deren Blüte retten.

Je mehr über die Bekämpfung der Krise geredet wird, desto mehr geraten ihre Ursachen in den Hintergrund – und mit diesen natürlich ihre Verursacher. Ein Blick in die Bilanzen der havarierten Finanzinstitute gibt hinreichenden Aufschluß. Eigentlich sollten Banken das Geld der Sparer – das wertvollste Kapital der Volkswirtschaft – anlegen und der Wirtschaft als Kredit zur Verfügung stellen. Doch die jetzt zur Sanierung anstehenden Banken beschaffen sich ihr Geld weder beim Sparer noch bei ihrer Zentralbank, sondern bei ihresgleichen im globalen Interbankenmarkt. Warum ist das so schlimm? Erstens, weil die Geschäftssitze der dort operierenden Institute außerhalb der Legislation und Aufsicht der zuständigen Kontrollorgane liegen und es dort keine verläßliche Kontrolle gibt; 90 Prozent aller Hedgefonds domizilieren auf den Cayman Islands, einem Inselstaat in der Westkaribik, der von den Lizenzen für finanzielle Briefkastenfirmen lebt (und das recht gut) und sein Staatsmonopol auf diese Weise kommerzialisiert: zu Lasten der Anlagensicherheit in der übrigen Welt!

Zweitens bedeutet Geldbeschaffung bei anderen Banken inflatorische Kreditschöpfung, der kein kompensatorischer Sparakt (ein realer Ausgabeverzicht also) gegenübersteht. Und was finanziert diese in aberwitzigen Beträgen betriebene Kreditinflation? Überwiegend keine wohlstandssteigernden Realinvestitionen der Wirtschaft, sondern einen seit Jahrzehnten wahrnehmbaren Preisanstieg der Vermögensgüter: Aktien, Immobilien, seltener Kunstobjekte und dergleichen, eine asset inflation. Doch diese Inflation – richtiger wäre von „Blasenbildung“ zu sprechen – hat bis vor kurzem niemanden sonderlich alarmiert: weder die Wissenschaft noch die Währungshüter, noch die zuständigen Bankaufseher.

Letztere beruhigten sich und die Öffentlichkeit mit dem naiven Glauben an die Selbstverantwortung und -kontrolle ihrer Klientel. Wenn sich die Finanzbranche, wie in Basel I und II geschehen, freiwillig selbstgesetzten Regeln und Standards unterwirft, schien das besser als jede behördliche Regelung. Auch als der Initiator der neuen Privataufsicht, die USA, die Unterschrift unter die neuen Regeln und Standards verweigerten, wurde man nicht aktiv. Man zog das Vertrauen in die zu Beaufsichtigenden ihrer effektiven Kontrolle vor!

Noch sorgloser gaben sich die Währungshüter, die Zentralbanken. Sie interessierten sich nur für die in „ihrem“ Index der Lebenshaltungskosten gemessene Konsumgüterinflation, und diese hielt sich in erträglichen Grenzen.

Währungsaufseher und -kontrolleure waren auf beiden Augen blind für die aus der asset inflation resultierenden gesellschaftlichen Gefahren: den Überkonsum der neuen Reichen, die Fehlleitung der Kapitalströme in den Finanzsektor statt in die reale Wirtschaft und die Zweitrundeneffekte und Sozialkonflikte, die als Folge der Einkommens- und Vermögensungleichgewichte alsbald auftraten. Drittens und besonders schmerzlich ist das Versagen der Wissenschaft. Keiner der Weltökonomen oder Nobelpreisträger monierte das Aushebeln des zentralen marktwirtschaftlichen incentive und Selektionsinstruments für den Investitionsprozeß, des Zinses. Mit der neuen „Bonanza“ der Insich- und Spekulationsgeschäfte des Finanzsektors verloren der Realzins der Wirtschaft und der Geldzins der Banken jeden inneren Zusammenhang. Letzterer wird ja nicht mehr real in der Wirtschaft verdient, aus deren Produktivitätsfortschritt und Gewinn – er wird als selbstgewählte Verdienstspanne den im Interbankengeschäft gehandelten (Pseudo-)Wertpapieren zugeschlagen: Der Schuldner zahlt ihn im Preis der Papiere und holt ihn sich mit spekulativem Aufschlag aus der Anlage der Gelder (als Gläubiger) zurück. Mit realer Wirtschaft, Wertschöpfung oder Pioniergewinnen hat das nichts zu tun. Was wunder, daß die Virtuosen der Finanzbranche Renditevorgaben von 25 Prozent und mehr signalisieren konnten. Ihr Geld war ja nicht an die Grenzen des realwirtschaftlichen Wertzuwachses gebunden. Es arbeitete nicht für die Volkswirtschaft, sondern für die Eigenrendite des Finanzsektors, die sich aus den Spekulationsgewinnen speiste.

Dabei hätte jeder Sparkassendirektor voraussagen können, daß es mit diesen märchenhaften Gewinnen spätestens dann zu Ende sein würde, wenn der Markt für diese Interbanktitel klemmt oder ausfällt.

Der Mainstream der Wissenschaft vergaß über der Begeisterung für die „Globalisierung“ (eine technische Revolution, die die alten ökonomischen Grenzen der Volkswirtschaften, nämlich ihre Transport- und Kommunikationskosten durch ihre Verbilligung faktisch aufhob) den Unterschied zwischen „privaten“ und „öffentlichen“ Gütern. Geld ist ein öffentliches Gut und wird daher mit gutem Grund öffentlich kontrolliert – gemeinsam durch Zentralbanken und Kreditaufsichtsämter. Die Verwertung des Geldes durch den Kredit obliegt jedoch privaten, wettbewerblich organisierten Banken. Doch diese sind trotz ihrer privaten Rechtsform öffentliche Agenten, De-facto-Filialen der letztlich für die Stabilität des Geldes verantwortlichen Zentralbank. Sie stehen auch dann im öffentlichen Dienst und Auftrag, wenn sie das selber nicht mehr – weil dem Vaterland entwachsen – wahrhaben wollen.

Von daher hätte es nahegelegen, daß Wissenschaft, Währungshüter und Aufsichtsorgane die Verlagerung der Finanzgeschäfte ins globale All und die damit einhergehende „grenzenlose“ Ausweitung der privaten Kreditgeldschöpfung mit professionellem Argwohn und Mißtrauen verfolgt hätten. Doch das Gegenteil war der Fall. Man begrüßte die Globalisierung und den Abmarsch der Finanzwelt in das aufsichtsfreie Niemandsland der staatlich lizenzierten Fälscherstätten als die größte finanztechnische Innovation der Gegenwart und wundert sich jetzt, daß sie den „Kasino-Kapitalismus“ unserer Tage hervorgebracht hat.

Und dann gibt es noch einen „Krisenverschärfer“, der der Öffentlichkeit bis heute ganz falsch dargestellt wird: den Euro. In dieser Krise bestätigt sich, was Euro-Kritiker deutschen Verfassungsrichtern vor zwölf Jahren bei der Einführung der Gemeinschaftswährung zu bedenken gaben: Eine Stabilitätspolitik à la Bundesbank läßt sich in einem Staaten-Konglomerat von damals elf, heute 16 und morgen 27 autonomen Staaten nicht durchsetzen. Die legitimen Nationalinteressen dieser Staaten laden statt zur Konvergenz der Ziele und Maßnahmen zum Gegenteil ein: zum Griff in die gemeinsame Währungskasse, zum „Währungssozialismus“ (Václav Klaus).

Inzwischen räumt selbst die Brüsseler Kommission kleinlaut ein, was nicht länger zu verheimlichen ist: Von den 16 Euro-Staaten stehen über zehn vor dem kombinierten Bank- und Staatsbankrott. Seit Einführung des Euro haben sich die ehemaligen Schwachwährungsländer der heutigen Eurozone Leistungsbilanzdefizite geleistet, die sogar die des Rekordweltmeisters, der USA, zum Teil um das Doppelte übertreffen, gemessen an der eigenen Wirtschaftskraft und -leistung: dem Bruttoinlandsprodukt. Länder wie Griechenland, Irland, Spanien, Portugal, Italien, aber zunehmend auch Frankreich haben ihr überzogenes Wirtschaftswachstum hochgradig inflatorisch finanziert: aus fremdem Geld und mit Kreditschulden. Statt sich an die geforderten Stabilitätsgebote zu halten, haben sie den Nachruhm der DM für „ihren“ Euro ausgenutzt und mißbraucht, was sie leicht konnten, weil das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) bereit ist, alle Euro, weil gleichwertig, im Verhältnis 1:1 einzulösen – auch die real entwerteten und schlechten gegen die real stabilen!

Jetzt macht die Krise offenbar: Trotz Währungsgarantie müssen die Euro-Sünder für ihr selbstverschuldetes Währungsrisiko kräftig draufzahlen. Der Markt nimmt den Zerfall der Eurozone in Stabilitäts- und Inflationsländer vorweg. Der Graben wäre noch weit tiefer, wenn es die unechte, marktwidrige und auf Dauer auch gar nicht haltbare Eins-zu-eins-Garantie für weiche und harte Euro nicht gäbe. Fällt sie weg, fällt auch der Euro in den Graben!

Das Fazit liegt auf der Hand: Die Europäische Währungsunion (EWU) kann nur als Inflationsgemeinschaft überleben, oder sie wird sich auflösen – wie alle ähnlichen Konstruktionen vor ihr. Das Ende rückt um so näher, je mehr Euro-Anwärter vor der Haustür Schutz vor ihren Schulden unter dem Dach der EWU suchen.

Das Ende des Euro ist gewiß, lediglich das Datum und die Modalitäten sind noch offen. Die Finanzmarktkrise hat den Prozeß beschleunigt und aller Welt gezeigt: Europa hat seine große währungspolitische Chance verspielt, mit dem Euro den US-Dollar als Weltwährung abzulösen – und alle jene Europapolitiker widerlegt, die geglaubt hatten, mit der Währungsunion Europas politische Union verwirklichen zu können.

Geht mit der Finanzmarktkrise auch das Zeitalter einer über eine Leitwährung monetär geordneten Weltwirtschaft zu Ende? Seit 40 Jahren, seit 1969 gibt es die „Sonderziehungsrechte“ (SZR) des Internationalen Währungsfonds (IWF). Sie sind keine Währung, sondern eine Recheneinheit, zusammengesetzt aus einem „Korb“ von ursprünglich sechzehn, inzwischen nur noch vier weltwirtschaftlich dominanten Währungen: Dollar, Euro, Pfund Sterling, Yen. Der Vierer-Korb verleiht der SZR-Einheit eine relative Stabilität: Wertet der Dollar ab oder auf, geschieht das spiegelbildlich zu den drei anderen Währungen; sie kompensieren die Dollar-Fluktuation, weswegen der rechnerische Wert der SZR seit langem eine De-facto-Konstante ist; er liegt bei rund 1,10 Euro.

Ein Umtausch aller Währungsreserven der Welt – bisher überwiegend in US-Dollar – in SZR, wie er ursprünglich geplant, aber von den USA verhindert worden ist, würde die drei strukturellen Übel der globalisierten Weltwirtschaft wenn nicht beseitigen, so doch stark eindämmen: die US-Dollar-Inflation als Folge der US-Leistungsbilanzdefizite, die Versuchung zur permanenten Währungsspekulation und ihrer Absicherung durch Derivate und das Leben vieler Staaten und ihrer Volkswirtschaften „auf Pump“.

Die USA könnten ihre Defizite nicht mehr mit selbstgedrucktem Geld bezahlen; sie müssen SZR einsetzen und diese verdienen: durch Exportüberschüsse und heimisches Sparen. Sie könnten nicht mehr über ihre Verhältnisse leben. Die in SZR-Einheiten ausgedrückten Wechselkurse der Einzelwährungen würden wieder stabil(er) und lüden nicht mehr zu Spekulationsgeschäften und Währungswetten ein. Der IWF als Letztanbieter der SZR stiege zu einer Welt-Zentralbank auf und könnte so die Welt-Geldmenge im Dienste der Währungsstabilität regulieren und kontrollieren.

Wenn die Finanzkrise der Gegenwart, die größte seit Menschengedenken, eine neue, spekulations- und abwertungssichere Rechnungsgrundlage für die Weltwirtschaft hervorbringt, würde sich eine alte Einsicht neu bestätigen. Um zu einer stabilen, konfliktarmen und gleichgewichtigen Weltwirtschaft zu gelangen, bedarf es weder der dominanten Leitwährung eines Landes (wie des US-Dollar oder früher Pfund Sterling) noch der Zusammenlegung nationaler Währungen zu überregionalen Währungsräumen und -blöcken. Das eine wie das andere nährt nur den monetären Egoismus von Staaten zu Lasten anderer und überfordert die monetären Autoritäten. Die Einheit von Staat und Währung ergibt sich aus dem öffentlichen Charakter des Geldes.

Ein national stabiles Geldwesen führt automatisch zu realistischen Wechselkursen, aber diese nicht ebenso automatisch zu einer für den Umtausch einer Vielzahl von Währungen (derzeit sind es 185) benötigten gemeinsamen Umrechnungseinheit („numèraire“). Sie erst macht die globalen Währungs- und Finanzmärkte übersichtlich und operabel. Denn ohne sie (gleichviel, wie der Vergleichsmaßstab heißt: Pfund, Dollar oder SZR) würden die derzeit 185 IWF-notierten Währungen die „Kleinigkeit“ von knapp 20.000 bilateralen Umtauschkursen bilden.

Sind die nationalen Währungen dank realistischer Wechselkurse „gleich gut“ sowie dank des „numèraire“ auch leicht und verläßlich umzurechnen, dann sorgt der Leistungswettbewerb der Nationen für faire terms of trade und der Währungswettbewerb für einen Kapitalverkehr, der an spekulationsfreien Realrenditen orientiert ist. Die Weltwirtschaft wird wieder, was sie in Zeiten geordneter Währungsverhältnisse war: eine „Wohlstandsmaschine“ für die an ihr teilnehmenden Nationen. Keine gerät in Versuchung, sich Vorteile zu Lasten anderer zu verschaffen, und jeder Staat wird bestrebt sein, Schäden von der Währung durch Inflation fernzuhalten. Den Weg dahin sollten – und könnten – nach Überwindung der schwersten Krisenfolgen in den Volkswirtschaften die SZR des IWF ebnen und sichern. Sie wären die erste der nationalen Willkür und Beeinflussung entzogene ab- und aufwertungssichere Geld-Umrechnungseinheit der Geschichte. Auch der Dollar wäre nicht mehr „gleicher“ als andere Währungen. Währungsreserven müßten nicht mehr die Launen und Unberechenbarkeiten einer nationalen oder überregionalen Leitwährung hinzunehmen.

Prof. Dr. Wilhelm Hankel war Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau und Ministerialdirektor unter Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD). Seit 1967 lehrt er Währungspolitik an der Universität Frankfurt am Main. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über die „Lehren aus dem Kollaps“ (JF 46/08).

Foto: Umtausch der Weltwährungsreserven in Recheneinheit des IWF: Spekulations- und abwertungssichere Grundlage für die Weltwirtschaft

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