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Die Geschichte aller Völker erzählen

Wie verarbeitet die vom Gängelband politischer Aufsicht befreite polnische Zeitgeschichte die Vertreibungen zwei Jahrzehnte nach der osteuropäischen Selbstbefreiung? Aus einer Vielzahl zeitgeschichtlicher Stimmen, die auf diesem teilweise noch verminten Gelände eine Neufassung der Vertreibungsfrage wagen, bieten sich drei an, die in geradezu paradigmatischer Weise die Strategien „Revisionismus“, „Europäisierung“ und „Neuanfang“ verkörpern.

Der im Reißwolf der Geschichte zerheckselten Gewißheit verlustig und das liberal-gebildete Publikum der Nachbarländer im Blick (in denen polnischer Nationalismus nicht hoch im Kurs steht), hütet sich die revisionistische Polemik davor, das verschlissene Kleid ordinären Bestreitens anzulegen. Sie erscheint vielmehr gekleidet in das handgewobene Tuch der feinen Unterschiede zwischen den Arten von Vertreibung. Staatspräsident Edvard Beneš habe die „Aussiedlung“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945/46 aus eigenem Entschluß ins Werk gesetzt – bei Abwesenheit der Sowjets im Lande und lange vor dem KP-Staatsstreich von 1948. Die „Loswerdung“ der Deutschen, so Bogdan Musial in „Aussiedlungen ohne gemeinsamen Nenner“ (Rzeczpospolita vom 15. März 2008), gehe folglich auf das Konto einer Regierung, die schwerlich als subjektloser Befehlsempfänger gelten könne.

Ganz anders jedoch liege der Sachverhalt in Polen: Hier habe der Kreml bereits 1944 eine Marionettenregierung mit sowjethöriger Mehrheit und vielfach volksfremder Zugehörigkeit eingesetzt, die antisowjetische Nationalopposition hingegen fern- und niedergehalten. So habe es in Warschau Stalins willige Vollstrecker gegeben; von einer souveränen Nationalregierung könne kaum die Rede sein. Auch habe sich der „sowjetisch-kommunistische“ Terror in Polen zuallererst gegen die Nationalen gerichtet (die Deutschen seien dabei lediglich „Kollateralopfer“ gewesen) – im grundlegenden Gegensatz zur Tschechoslowakei, wo die nationale Elite damit beschäftigt gewesen sei, die Sudetendeutschen zu vertreiben.

Gegen den hierzulande zunehmenden Trend in Geschichtsschreibung und Kunst gewandt, deutsche Lebenswege im Dritten Reich als Opfergeschichten zu erzählen, verweist Musial auf den Unwillen einer mehrheitlich linksliberalen Historikerzunft, gerade Stalins Verbrechen zu thematisieren. Indem sie diese aber hartnäckig beschweige oder willentlich übersehe, entledige sich die deutsche Zeitgeschichte der Bestandsaufnahme deutscher Mitverantwortung für den Molotow-Ribbentrop-Pakt, aber auch für eine Aufteilung Polens unter zwei totalitäre Regime. Ohne diesen Pakt und den daraus folgenden Krieg samt seinen großen Flüchtlings- und Vertriebenenströmen wäre Polen kaum eine „sowjetische Kolonie“ geworden, der man vom Kreml aus eine Grenze zuweise. Der Mythos vom „polnischen Nationalismus“, der schon immer eine Westverschiebung angestrebt habe, sei somit ein durchschaubares Manöver zur Selbstentlastung.

Der Revisionismus betreibt nicht Geschichtserkenntnis, sondern National­ideologie. Deren Ehrenrettung kann ihm wiederum nur gelingen, wenn er den Nationalismus aus dem Vertreibungskontext herauslöst, vom Odium prosowjetischer Kollaboration befreit und diesen – auf diese Art nun demokratisch gesalbten – für den Westen salonfähig macht. Wie weit diese krampfhafte Rettungsaktion indes zur Propaganda verkommt, ist nicht zuletzt an seiner Begrifflichkeit zu erkennen, die den militanten Antikommunisten Musial zum Erben der finstersten Zeitgeschichtsschreibung der sechziger Jahre macht. Mit jener verbindet ihn nicht nur der kaum verdeckte Glaube an ein vermindertes Maß polnischer Schuld, nicht nur das Festhalten an einem mitleidlosen „Recht“, das den Vertriebenen widerfahren sei, sondern auch die Bejahung eines rational-ethnisch motivierten social engineering zur gewaltsamen Schaffung des notwendigen Lebensraums für die eigenen „Ausgesiedelten“ aus dem nun verlorenen polnischen Osten.

Nimmt sich der Revisionismus in Duktus und Prämisse wie ein Geschichtskommunismus ohne Kommunisten aus, steht es um die Strategie der „Europäisierung“ wesentlich entspannter. Sie ist unverkennbar ein Kind der Totalitarismus-Theorie und bezieht in ihre Betrachtung – außer dem Hitler-Reich und dessen Vasallen – die Sowjet­union und deren Satelliten ein. Der gesamteuropäische Zuschnitt unterscheidet sie von einer Geschichtsschreibung à la Musial: Sie will nicht noch ein Werk herstellen, das als Lager-Martyriologie oder als Waffenruhmestat hausieren geht. Was sie hingegen will, nimmt sich um einiges ambitionierter aus: die Geschichte aller Völker zu erzählen, die in den sechs Kriegsjahren das Gebiet zwischen Oder, Memel und Dnjestr bewohnt haben.

Der europäische Kontext läßt dabei ein Großpanorama von Zwangsmigrationen zwischen 1939 und 1945 sichtbar werden. Dieses reicht von den ersten Vertreibungen von Polen aus Pommerellen (Westpreußen) und Großpolen („Wartheland“) unmittelbar nach dem September 1939 über Umsiedlungen Deutschstämmiger aus dem Baltikum, Rumänien und der westlichen Sowjetunion ins Deutsche Reich bis hin zur Verbannung von Polen und Balten nach Sibirien und Kasachstan 1940/41. Hinzu kommen etwa Vertreibungen und Verbannungen von Wolgadeutschen, Krimtataren, Inguschen, Kalmücken und Karatschaier nach 1941 innerhalb der Sowjetunion. Einen eigenen Platz beanspruchen darin die Zwangsmigration nichtdeutscher Bevölkerung, die zur Arbeit nach Deutschland verschleppt wird, die millionenfachen Zwangseinweisungen Jüdischstämmiger in Ghettos – sowie die Deutschen, die 1944 und 1945 vor der Roten Armee fliehen.

Erst vor diesem Hintergrund aus gewaltigen Flüchtlings-, Verbannten-, Verschleppten- und Vertriebenenströmen, die ganz Europa durchfluteten, entfaltet die „Europäisierung“ ihr Bild der Nachkriegszeit, spricht von Vertreibungen aus Ostdeutschland, Polen, Ungarn und Jugoslawien und der Tschechoslowakei. Dabei hat sie eindeutig kein Interesse, sich als Weißwäscher des Nationalismus zu betätigen. Und: Sie räumt ein, daß die Vertreibungen nach 1945 „auch“ Ergebnis von Bestrebungen zur gewaltsamen Gründung national einheitlicher Staaten waren, „in erster Linie jedoch eine Fortsetzung von Zwangsmigrationen, die das Dritte Reich und die Sowjetunion bereits früher in bisher ungekanntem Maße ins Werk gesetzt hatten“ (Paweł Machcewicz, Piotr Majewski, „Wie polnische Geschichte zu erzählen ist“, Rzeczpospolita, 30. Oktober 2008).

Diese Variante der Zeitgeschichte ist bereits dabei, die auf Heroismus und Martyrium gebürstete, ergraute ältere Schwester abzulösen. Das in Danzig entstehende „Museum des Zweiten Weltkrieges“, ein Prestigeprojekt der europafreundlichen Regierung Tusk, mit dem sie die Eiszeit der Ära Kaczyński im Verhältnis zu Deutschland endgültig beenden will, baut exakt auf dieser Konzeption auf. Erst vor kurzem hatte diese auch kulturpolitisch höhere Weihen empfangen, seitdem ihr wichtigster Exponent, der an der Universität Thorn lehrende Paweł Machcewicz, von Premier Donald Tusk zum Bevollmächtigten für den Museumsaufbau ernannt wurde. Nicht zuletzt spricht für ihren künftigen Aufstieg die moderate Mittelstellung zwischen den zeitgeschichtlichen Fronten: Sie ist einerseits bereit, das polnische Interesse am ethnisch einheitlichen Staat als wesentlichen Grund für die Vertreibungen zu konzedieren; andererseits sieht sie diesen Akt als den Schlußpunkt einer unendlichen Reihe von Verbannungen und Vertreibungen, die das Hitler-Reich und die Sowjetunion von 1939 bis 1945 zu verantworten haben, und verschafft dem gebeutelten Nationalbewußtsein so einige „gesamt­europäische“ Entlastung.

Mit der so angelegten Zeitgeschichte gemeinsam hat die Richtung des „Neuanfangs“ den Hinweis auf das nationalstaatliche Interesse an einer ethnischen „Grundreinigung“, radikalisiert ihn jedoch erheblich. Seine Kritik gilt zuallererst der ideologisch kontaminierten Begrifflichkeit. So führe etwa der Begriff „Umsiedlung“ eine stalinistische Tradition fort, werde jedoch trotzdem gerne verwendet, weil er einen polnischen Historiker auf eine bequeme Art von der Pflicht entbinde, den Zusammenhang zwischen den Nachkriegsmigrationen und der Idee eines Nationalstaates zu erörtern. Dies hat eine gewisse Naivität zur Folge: Darin erscheint die Flut der ethnischen Säuberungen als ein unerwarteter, ja gar nicht vorhersehbarer Tsunami des Krieges. Eine analoge Naivität schleppe auch der deutsche „Vertreibungs“-Begriff mit sich: Auch darin schiebe man die verhängnisvolle Verquickung kurzerhand beiseite und beanspruche für sich die Rolle eines Opfers ohne jegliche Vorgeschichte.

Am Stichwort „Konzentrationslager“ sei die Manipulation von Überlieferung und Gedächtnis noch besser zu erkennen: Entgegen aller historischen Wahrheit sei der Begriff in allen polnischen Enzyklopädien nach 1945 ausschließlich im Umkreis nationalsozialistischen Völkermords angesiedelt worden. Ebendiese Manipulation mache es dem heutigen Historiker so schwer, Lager für Deutsche auf polnischem Staatsgebiet in dieser Weise zu benennen: die Angst sei übergroß, das Ausland würde dann Polen mit Nazideutschland gleichsetzen und die historische Arbeit als Relativierung deutscher Verbrechen auffassen (Piotr Madajczyk, „Politische Hindernisse in der polnischen Forschung zu ethnischen Säuberungen im 20. Jahrhundert“, Deutsch-Polnisches Jahrbuch, Heft 16, Warschau 2008, Seiten 42-48). Wenn aber die „Vergeschichtlichung“ jemals gelingen sollte, müsse der Historiker sich „loslösen von der Tradition, Begriffe in der Weise zu verwenden, wie sie ihm ein vergangener Diskurs vorgibt“.

In seiner Auseinandersetzung mit der „naiven“ Geschichtsschreibung (wozu sowohl die Hardcore-Fraktion um Bogdan Musial als auch die „Gesamteuropäer“ gezählt werden) drängt der „Neuanfang“ auch darauf, den Zusammenhang von Nationalstaat und „ethnischer Säuberung“ stärker zu berücksichtigen, und weitet ihn auf die Jahre 1918 bis 1939 aus, hütet sich jedoch, letztere als eine ungebrochene Verwirklichung der Nationalideologien der Zwischenkriegszeit zu betrachten. Gegenüber jenen seien die Säuberungen der Nachkriegszeit ein Novum. Ihr Wesen bestehe aus dem Zusammenspiel von vier Elementen: Außer den konventionellen Faktoren „Nationalstaat“ und ethnisch motiviertes, vertreiberisches social engineering gehöre dazu die – im 19. Jahrhundert unbekannte – totalitäre Staatsideologie, die sich entweder über Rassen- (Drittes Reich) oder Klassenkriterien (Sowjetunion) definiere. Zu (un)guter Letzt spiele die weltweite Eskalation von Nationalitätenkonflikten hinein, und zwar von der sozialen und ethnischen Radikalisierung bis hin zur Brutalisierung von Politik und Lebensweise.

Die polnische Zeitgeschichte ist im Fluß. Deren Stellungnahmen zu den ethnischen Säuberungen der Nachkriegszeit ergeben kein grundsätzlich einheitliches, klar konturiertes Bild. Die Stimmen reichen von durchschaubarer Verharmlosung bis hin zu radikalem Versuch, dem Ghetto aus „Potsdamer Konferenz“, „Friedensgrenze“ und „Umsiedlung“ mittels einer generalüberholten Historikerwerkstatt zu entrinnen. Mehrheitlich erkennt die Zeitgeschichte das ethnische Motiv als grundlegend für die Säuberungen an, setzt jedoch den Rahmen ihrer Vorgeschichte unterschiedlich weit. Grundsätzlich gilt jedoch: je weiter dieser Rahmen, desto tiefer das Verständnis für die eigene Verstrickung. Mit einigem Optimismus mag einen erfüllen, daß die revisionistische Variante mittlerweile nur noch ein Schattendasein führt, das zwar zuweilen in der Publizistik für einige Zeit aufblüht, in der Wissenschaft jedoch allgemein als nicht mehr haltbar gilt. Letzteres hat zu tun mit einem allgemeinen Bewußtseinswandel der jüngeren polnischen Generationen und einem dort seit 1989 einsetzenden neuen Gespür für die verschlungenen Wege des ehemals deutschen Ostens.

Dr. Andrzej Madeła: Jahrgang 1958, studierte Germanistik und Geschichte in Breslau und Berlin, Promotion 1987. Von 1993 bis 1995 war er Redakteur der JUNGEN FREIHEIT. Heute arbeitet er bei einem auf Osteuropa spezialisierten Berliner Wirtschaftsunternehmen. Auf dem Forum schrieb er zuletzt über Erinnerungskultur in Osteuropa (JF 37/08).

Foto: Vertriebene unterwegs, hungrig, hoffnungslos, entwurzelt: Glaube an ein vermindertes Maß polnischer Schuld? In der jüngeren Generation hat ein Bewußtseinswandel eingesetzt

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