Alle Zeichen zeigen auf Grün

An der Wallstreet in New York läßt eine Hiobsbotschaft nach der anderen die Aktienkurse ins Bodenlose fallen. In Detroit, Michigan, fragt man sich, wie lange die großen drei der US-amerikanischen Automobilindustrie, General Motors, Ford und Chrysler noch Luft zum Atmen haben. In Washington stellt die Bundesregierung um Präsident Barack Obama ein 787 Milliarden US-Dollar schweres Konjunkturprogramm auf die Beine, um der Wirtschaftskrise entgegenzusteuern. Und in Kalifornien? Dort boomt es. Fleißig wird an der Westküste der Vereinigten Staaten in einen Bereich investiert, den man in den USA jahrzehntelang konsequent ignoriert hatte. Hier wird kräftig in die grüne Zukunft investiert.

Ein neuer Begriff macht die Runde in den Kreisen US-amerikanischer Wagniskapitalgeber. „Cleantech“ heißt er, und meint „saubere Technologien“. Diese spannen den Bogen vom Biodiesel über Elektroautos, Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Reduzierung von Schadstoffemissionen, zur Gewinnung von Solarstrom und Windenergien bis hin zur Förderung alternativer, grüner Energien.

Vorbei die Zeit spritschluckender großräumiger Geländewagen („Sport Utility Vehicles“; „SUVs“) und Kleintransporter („Pick-up Trucks“). Auf den riesigen Verkaufsflächen der Autohändler setzen Fahrzeuge wie der Chevrolet Tahoe, der im Stadtverkehr stolze sechzehn Liter verbraucht, massenhaft Staub an und werden wie Sauerbier angeboten, während zeitgleich der Trend verstärkt zu Hybridautos wie dem Toyota Prius geht, der, je nach Fahrweise, mit nur 4,3 bis 6 Litern auf 100 Kilometern auskommt. Einige Branchenoptimisten sehen die USA schon in nur zehn Jahren gar als völlig emissionsfreie Automobilgesellschaft. Solarzellen- und Hybridtechnologien, Elektroantriebe oder Treibstoff, der aus Algen gewonnen wird. Darauf baut man. Darin investiert man. So soll die Zukunft aussehen.

„Social Responsibility“, „Corporate governance“, Umweltengagement. <//span>Das waren bis dato häufig nicht mehr als hübsche PR-Begriffe im öffentlichen Sympathieschaulaufen großer Konzerne. Was diese sich oft mehr oder minder halbherzig auf ihre Fahnen und Netzseiten schrieben, hat sich in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Wachstumsmarkt entwickelt, in den beachtliche Summen an Risikokapital fließen und in dem vorwiegend kleinere Unternehmen tätig sind.

So ist das Investitionsvolumen in „Cleantech“ von 532 Millionen US-Dollar 2005 auf 2,6 Milliarden im Jahr 2007 und 8,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2008 angestiegen, und das trotz Rezession und Kreditkrise. Dabei reagieren die Kapitalgeber sehr schnell auf Änderungen im Markt. Als zum Beispiel im vergangenen Sommer die Preise für Rohöl auf den Weltmärkten auf bis zu 147 US-Dollar pro Barrel hochschossen, flossen binnen eines Zeitraums von nur sechs Monaten über eine Milliarde US-Dollar Risikokapital an cirka 30 bis 40 verschiedene Unternehmen, die sich verschiedenen Technologien zur Gewinnung von Kraftstoff aus Algen verschrieben haben.

Trotz vieler Unwägbarkeiten fließt das Risikokapital

Da Algen einen hohen Prozentsatz natürlicher fetthaltiger Öle enthalten und ihre Aufbereitung mit einem verhältnismäßig geringen Aufwand verbunden ist, sind diese Technologien durchaus attraktiv für Investoren. Und obwohl sich derartige Prozesse zur Kraftstoffgewinnung erst im geringen Ausmaß bewährt haben und eine Massenproduktion gewaltige Infrastrukturmaßnahmen nach sich ziehen würde, sind bedeutende Investoren heute schon dabei.

So hat Bill Gates’ Wagniskapitalgesellschaft Cascade Investment die stolze Summe von 50 Millionen Dollar in das im kalifornischen San Diego beheimatete Unternehmen Sapphire Energy investiert, dem auch der Familienfonds der Rockefellers, Venrock Associates, einen mehrstelligen Millonenbetrag zur Verfügung gestellt hat.

Die Kapitalquellen für alternative Biokraftstofftechnologien sind zwar im Dezember 2008, als der Erdölpreis auf 44 US-Dollar fiel, vorerst zum Versiegen gekommen, doch fließen die Gelder in Cleantech weiter.

Daran hat auch nicht zuletzt Präsident Barack Obamas wirtschaftliches Stimuluspaket einen hohen Anteil. Von den 787 Milliarden Dollar Konjunkturspritze sind allein 30 Milliarden für den Aufbau einer intelligenteren Elektrizitätsnetz-Infrastruktur und diverse energieeffiziente Projekte sowie 20 Milliarden Dollar an Steueranreizen für erneuerbare Energien vorgesehen, weshalb man sich im Silicon Valley auf Wachstum und Tausende neuer Arbeitsplätze einstellt, wie die San Jose Mercury News berichten.

„Wir werden in den nächsten 12 bis 18 Monaten Hunderte neuer Arbeitsplätze schaffen“, so Kevin Surace, Vorstandsvorsitzender von Serious Materials aus Sunnyvale in Kalifornien, einer Firma, die umweltfreundliche Baumaterialien herstellt. Suvi Sharma, Vorsitzender der Firma Solaria, einem Solarzellenhersteller aus Fremont, Kalifornien, prognostiziert, daß der Stimulusplan „die USA. bis zum Jahr 2010 zum weltweit größten Markt von Solartechnologien katapultieren wird“.

Werden die Amerikaner nun in zwanzig Jahren ihre Häuser mit Solar- oder Windenergien versorgen? Werden Elektroautos das öffentliche Straßenbild beherrschen? Wird Algenkraftstoff die Unabhängigkeit von den ölfördernden Staaten der OPEC garantieren?

Nur mit gutem Willen werden die Ziele nicht erreicht

All das wird schwer vorherzusagen sein. Denn schlußendlich wird der Markt über den Erfolg oder Mißerfolg jeder einzelnen Technologie bestimmen. „Goodwill“ allein, der gute Wille allein, wird wohl kaum diese Vision zur Realität werden lassen. Denn hinter jeder Firma, hinter jedem Wissenschaftler, hinter jedem Dollar, der in diese Bereiche investiert wird, stehen knallharte Erwartungen der Kapitalgeber, die auf absehbare Zeit ihre Renditen einfahren wollen.

Auch an der Wharton School of Business an der University of Pennsylvania, an der die Elite der US-amerikanischen Hochfinanz ausgebildet wird, widmete man sich Mitte Februar 2009 auf der „Wharton Entrepreneurship Conference“ in verschiedenen Podiumsdiskussionen der Frage, welche Marktkräfte und Mechanismen hinter den Kulissen von Cleantech walten.

Arrun Kapoor, Senior Partner von SJF Ventures in Durham, North Carolina, einem Risikokapitalgeber mit Spezialisierung auf den Bereich Cleantech, weist auf die kapitalintensive Natur derartiger Technologien hin. Denn bevor ein Investor auch nur einen einzigen Dollar an Rendite erwirtschaftet, müssen zuvor 30, 40, 50 oder gar 60 Millionen Dollar investiert werden.

Andrew Dougherty, Vorstandsmitglied von Rive Tech in Cambridge, Massachusetts, einer Cleantech-Firma, die sich auf die effizientere Verbrennung fossiler Brennstoffe spezialisiert hat, sieht das Problem in oft unklaren oder unprofitablen Exit-Strategien. Denn bei der langfristigen Dauer der Investitionen steht seiner Meinung nach bei einem Verkaufspreis von 200 Millionen Dollar und einer Investitionssumme von 100 Millionen der Gewinn in keinem Verhältnis zum eingegangenen Risiko.

Im Vergleich dazu nehmen sich viele Investitionssummen zu Zeiten der „New Economy“ des Internetzeitalters fast als Schnäppchen aus. Da war man schon häufig mit ein, zwei oder fünf Millionen dabei und durfte auf Renditen im drei oder vierstelligen Prozentbereich hoffen.

Was am Ende Realität wird und was Zukunftsmusik bleibt, wird der Markt beantworten und wird die Zukunft zeigen. Doch wenn man die Erfolgsgeschichte Silicon Valleys in puncto Halbleiter- und Internettechnologien als Maßstab nimmt, dann dürfen nicht nur die Amerikaner auf eine gesündere und grünere Zukunft hoffen.

Einen dürfte die Popularität von Cleantech auf jeden Fall freuen, ganz unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg – Ex-Vize-Präsident Al Gore. Als einer der Hauptförderer der „Allianz für Klimaschutz“ hatte sich Gore jahrelang mit seinen Vorträgen über die Erwärmung der Erdatmosphäre für den Klimaschutz und die Verbreitung eines Umweltbewußtseins in den USA eingesetzt. Mit dem auf seiner Powerpoint-Präsentation basierenden Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ ist Gores Nachricht 2007 weltweit ins Rampenlicht gerückt worden, als der Film bei der Oscar-Verleihung den Preis als beste Dokumentation gewann.

Stichwort: Kampf um Biosprit in der Luftfahrtindustrie

Der Kampf der Fluglinien um den Einsatz von Biosprit ist voll entbrannt. Den Anfang machte Virgin Atlantic (London) im Frühjahr 2008 mit einem 20-Prozent-Biosprit-Gemisch (Kokosnuß-/Babassu-Öl). Ende Dezember führte dann Air New Zealand (Auckland) den ersten kommerziellen Flug mit einem 50:50-Jatropha/Kerosin-Gemisch durch. Dies konterte Continental Airlines (Houston) am 7. Januar mit einem Mix aus Alge und Jatropha. Am 30. Januar schickte dann die Japan Airlines (Tokio) eine Boeing 747-300 mit einem Treibstoffgemisch, bestehend aus 84 Prozent Leindotter (Camelina), 16 Prozent Jatropha und einem Prozent Algen auf einen Demonstrationsflug.

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