Trottel und Opfer

Ein Witz mit Bart: „Frauenbewegung? Mag ich – vor allem, wenn sie rhythmisch ist.“ Entsprechende Sinnsprüche zur Männerbewegung stehen noch aus. Die Frage ist, ob deren Urheber eher zum Bart oder zu weiblichen Geschlechtsmerkmalen neigen dürften. Männerbewegung, das ist alles andere als ein Kampfbegriff. Die Assoziation zu selbstanalytischen Gesprächsrunden, zur gefühligen kollektiven Selbstvergewisserung inklusive Baumumarmung, zum Opferklischee drängt sich geradezu auf. Und war „Der bewegte Mann“ nicht ein komischer Tuntenfilm? Sollte als gültiger Kontrapunkt zur siegreichen Frauenbewegung nicht besser das gelten, was uns die Jungs aus „Fight Club“ vorexerzierten: viriles Aufbegehren, das sich in – symbolischen – Taten ausdrückte und nicht in der Kommunikation abwägender Argumente gegen eine durchfeminisierte Gesellschaft? Mag sein. Die aktuelle Männerbewegung hütet sich wohlweislich, auch nur ansatzweise tätlich aktiv zu werden. Das Vorurteil des aggressiven Mannes soll ja gerade nicht bestätigt werden. Den bewegten Männern von heute geht es um einen institutionellen Staatsfeminismus, der politisch, juristisch und medial die Oberhand gewonnen hat. Wenn vor Jahrzehnten von Männerbewegung die Rede war, dann meinte dies eine Fraktion innerhalb des 68er-Kosmos, die flankierend die Frauenbewegung unterstützte: etwa, indem sie Anschläge auf Bundeswehreinrichtungen oder Pornoläden unternahm oder das damalige Kultbuch von Volker Elis Pilgrim, „Manifest für einen freien Mann“ („Der Mann ist sozial und sexuell ein Idiot“), zur Bettlektüre ausrief. Jene feminismuskritische Männerbewegung, die heute von sich reden macht, ist unter Maßgabe der damals etablierten Grundlagen sozialisiert worden. Das atmen die neuen „Maskulisten“ aus jeder Pore. Sie sind Opfer: Opfer von Lehrerinnen, die mehr als bekennende Frauen/Lesben denn als Pädagoginnen agitierten, von Gesetzen, die aus unfreiwillig und schuldlos geschiedenen Männern Zahlväter machten, Opfer einer Werbewelt, die „den Mann als Trottel, als Volltrottel in der Vaterrolle“ (Arne Hoffmann) darstellt – und damit erfolgreich ist. Von einem Tabu sollte man in bezug auf die Artikulation von Männerbelangen nicht sprechen – männerfreundliche und feminismuskritische Wissenschaftler kommen ja durchaus zu Wort. Etwa Klaus Hurrelmann in bezug auf die schulische Benachteiligung von Jungen, der Soziologe Walter Hollstein, der Militärhistoriker Martin van Creveld oder der rührige Medienexperte Arne Hoffmann, der mit seinem Wälzer „Sind Frauen die besseren Menschen?“ hier bahnbrechend wirkte. Hoffmanns Arbeitspensum ist beispiellos, neben diversen Weblogs wie www.genderama.de und regelmäßigen Zeitschriftenglossen hat er 2007 eine detaillierte und lobenswerte Medienanalyse zum Fall Eva Herman verfaßt sowie nun unter dem eher kuriosen Titel „Männerbeben“ einen weiteren dicken Schinken, der das Zeug hat, erneut zum Klassiker der Männerrechtler zu avancieren. Es steht zu vermuten, daß die von Hoffmann gesammelten Beispiele von Männerdiskriminierung und feministischem Haß auf das andere Geschlecht längst nicht vollständig sind. Allein die ersten Seiten mit ihrer Ansammlung einschlägiger Bücher und Filme sprechen Bände. Titel wie „Wenn Männer reden könnten“, „Auslaufmodell Mann“ oder „Was tun mit nutzlosen Männern?“ sind kaum unter Austauschung des Geschlechts denkbar, auch nicht eine Umschlagsgestaltung, die einen knienden Nackten zeigt, in dessen Pobacken eine Frau den Vorderreifen ihres Rennrades gerammt hat, um selbst joggen zu gehen. Weiter gibt es kein männliches Pendant zur FDP-Frau Cornelia Pieper, die den Mann an sich in einem Bunte-Interview als „halbes Wesen“ deklassierte, als einen Unfertigen, der „von der Evolution und dem weiblichen Geschlecht überholt“ wurde. Es gibt kein „Gegen-Genre“ zur erfolgreichen Sparte der Frauenkrimis voller Männermorde und freilich keine männlichen Geschlechterkrieger vom Schlage der nicht nur in Emma, sondern auch in der FAZ hofierten Radikalfeministinnen Valerie Solanas und Andrea Dworkins, die offen und in brutalster Wortwahl zur Männervernichtung aufriefen. An die reiche Beispielsammlung und Analyse Hoffmanns schließen sich im zweiten Teil des Buches elf Interviews mit Pionieren der Männerbewegung an, etwa mit einem Sprecher des mitgliederstarken „Väteraufbruch für Kinder“ und dem Gründer der Männerpartei. Wenn man die Männerbewegten in Männerrechtler und Antifeministen unterteilen mag (und es spricht einiges dafür), gehört Hoffmann der ersten und Michail A. Xenos der zweiten Kategorie an. In Leinen gebunden und mit Lesebändchen, wie es sich für den noblen Manuscriptum-Verlag gehört, kommt Xenos‘ bisweilen recht zynische Medusenschelte daher. Der unter Pseudonym veröffentlichende Autor ist Vater der reich besuchten Internetplattform www.maskulist.de. (Die Affinität zum Internet und die Begeisterung für dessen Möglichkeiten als Sprachrohr der „Unerhörten“ eint die beiden Gender-Kritiker.) Die dort bereits erschienenen Beiträge im eloquent-anspruchsvollen Essaystil liegen nun somit gebunden vor. Anders als Hoffman zeigt sich Xenos weniger als Rufer einer „Gleiche Rechte für alle“-Parole und erst recht nicht als Gegner eines „Zweifrontenkrieges“. „Männer bewegen sich anders“, heißt es hier. „Nicht für sich selbst, nicht in erster Linie. Sie bewegen sich für die jeweilige Sache, die sie antreibt, und in dem jeweiligen Traum, den sie tragen und der sie trägt, sie streben in Richtung ihrer Vision, deren Aufleuchten in fernen ihr Leben mit personenüberschreitender evolutionärer Verheißung speist.“ Heißt: Während Frauen auszogen, ihren Bauch „und nebenbei durch Quoten und Gesetze auch ein paar lukrative Pöstchen in den öffentlichen Verwaltungseinrichtungen“ zu erobern, waren es Männer, die durch Taten, Erfindungen; kurz: durch Leistung die Welt der Dinge und des Geistes bewegten. Wenn man meinte, Hoffmann habe keinen Punkt der staatsfeministischen Bestrebungen übersehen, so weiß Xenos dennoch einiges zu ergänzen – Frauenfußball und Pinkelpolitik etwa. Das überkommene Geschlechterklischee „ein Mann – ein Wort, eine Frau – ein Wörterbuch“ bedienen beide Autoren jedenfalls nicht. Die Redseligkeit mag man ihnen verzeihen. Es liegt allzuviel im argen, und wenn die Kommunizierbarkeit eines Problems eben das Maß aller Dinge ist, muß man sich wohl dieser genuin als weiblich etikettierten Stärke anheischig machen – und schreiben, schreiben, schreiben; in Foren, Blogs, Chats, an Rundfunkintendanten, Abgeordnete und auf Hunderten von Bücherseiten. Was sonst bleibt dem Männerbewegten als die Kraft seiner – wohlbegründeten – Argumente? Insofern hat auch ein männerbewegtes Buch wie das gerade neu aufgelegte „Die Ohnmacht der Väter. Wie deutsche Frauen ihre Männer abzocken“ seine Berechtigung. Das Titelbild zeigt das Großporträt eines tränenüberströmten Mannes, eine Drastik, auf die die beiden besprochenen Bücher bei ähnlicher Stoßrichtung verzichten. Nein, als Heulsusen artikulieren sich weder Hoffmann noch Xenos. Dennoch, auf ewig: Die Frauen gehen zu den Siegern. Arne Hoffmann: Männerbeben. Das starke Geschlecht kehrt zurück. Lichtschlag Medien und Werbung KG, Grevenbroich 2007, broschiert, 477 Seiten, 26,90 Euro Michail A.Xenos: Medusa schenkt man keine Rosen. Eine untypische Einstimmung in das „Jahrhundert der Frau.“ Manuscriptum, Leipzig /Waltrop 2007, gebunden, 343 Seiten, 19,80 Euro

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