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Schiefe Argumente

Eigentlich sollten wir ja bereits Bildungsrepublik sein. Der euphorisch angekündigte „Bildungsgipfel der Kanzlerin“ offenbarte bei vorab klingender Rhetorik allerdings nur die partikularistischen Dissonanzen der Kultusbürokratien, in denen das kleine Karo regiert. Um so mehr Hoffnung verspricht sich das Land vom Signalwort Pisa. Doch Pisa ist zuerst Politikum. Dabei gibt der missionarische Eifer der OECD den Takt vor. Die Organisation folgt wirtschaftsliberalen Zielen und richtet danach ihre Skalen aus. Gemessen wird, was als wirtschaftskompatibel und nützlich gilt: Abi statt Abitur, Job statt Beruf. Humboldtsche Bildungsideale erscheinen irrelevant. Bildung aber ist mehr als Pisa: Politische, ethische und ästhetische Orientierung sowie das damit zusammenhängende Urteilsvermögen passen nicht in Tabellen. Die deutsche Schultradition hatte gerade im Übernützlichen der Persönlichkeits- und kulturellen Bildung ihre Stärken! Um die Einheitsschule zu propagieren, hält die OECD Deutschland stereotyp die vermeintliche soziale Schieflage seines Bildungswesens vor und verlangt ultimativ höhere Abiturienten- und Absolventenzahlen. Dabei handelt es sich um eine Konstruktion, die außer acht läßt, daß Pisa  Fünfzehnjährige und deren Gymnasiastenanteil erfaßt, aber vollständig vernachlässigt, daß von den deutschen Studienanfängern fast fünfzig Prozent gar nicht über das Gymnasium auf die Hochschulen kommen. Die jetzt diskutierten Ergebnisse wurden bereits 2006 bundesweit an 1.500 Schulen mit 40.000 zufällig ausgewählten Fünfzehnjährigen erhoben, im vorigen Jahr veröffentlicht und international bereits verglichen. Sie offenbarten, daß Deutschland Anschluß an die internationale Spitzengruppe fand. Erfreulich. Nun kann — weniger erfreulich — gezeigt werden, wie die einzelnen Bundesländer abschnitten. Das Nord-Süd-Gefälle bleibt signifikant, was zu einem politischen Erklärungsnotstand führt, weil das gegliederte Schulsystem trotz eines zehnfach höheren Ausländeranteils fast so gut abschneidet wie der OECD-Mythos Finnland mit seinen Gemeinschaftsschulen. Sachsen und Thüringen schließen im naturwissenschaftlichen Kompetenzgewinn auf — nicht etwa, weil dort Methoden und Strukturen revolutioniert wurden, sondern weil der tragische Geburtenrückgang kleinere und einsprachige Klassen ermöglicht, in denen ein Anschluß an durchaus starke Traditionen des naturwissenschaftlichen Fachunterrichts der DDR möglich ist. Allzu durchschnittlich bleiben die Ergebnisse des Lese- und Mathematikniveaus, also der Grundkompetenzen. Zwanzig Prozent aller Schüler schneiden immer noch extrem schwach ab und genügen kaum Grundschulanforderungen, gerade in Bremen, Berlin, Hamburg. Und über die Quantifizierungen des Tests hinaus erscheint bedenklich, daß sich in Deutschland, dem einstigen Land der Ingenieure und Techniker, nur 18 Prozent der Jugendlichen einen naturwissenschaftlichen Beruf wünschen.

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