AfD Alternative für Deutschland Wahlkampagne

 

Ein beziehungsloses Nebeneinander

Die Glocken läuten, der Verkehr kommt zum Erliegen, die Menschen stehen still. Den Jahrestag von Trianon begehen viele Menschen in Siebenbürgen auch heute wie damals am 4. Juni 1920. An diesem Tag unterzeichnete Ungarn als Verlierer des Ersten Weltkrieges in dem Schloß von Trianon im Pariser Vorort Versailles seinen Friedensvertrag. Wie keinen zweiten Kriegsverlierer traf die Ungarn das harte Los alliierter Festlegungen. Das ungarische Königreich verlor 70 Prozent seiner Gebiete und 65 Prozent seiner Bevölkerung. Sämtliche Nachbarstaaten profitierten. Es entstand die Slowakei, Kroatien, Italien erhielt Fiume (Rijeka), ja selbst das österreichische Bundesland Burgenland war als Deutsch-Westungarn bekannt. Doch am schmerzlichsten sowohl für die im Kernland verbliebenen als auch die jenseits der neuen Grenzen lebenden Millionen Ungarn war der komplette Verlust Siebenbürgens an Rumänien, das auf einen Schlag sein Territorium fast verdoppeln konnte. Erdély, wie das in den Karpaten liegende Transsilvanien auf ungarisch heißt, galt über die gesamte tausendjährige Geschichte der Magyaren als sprachliche Wiege und kulturelles Zentrum. Die Siebenbürgener Ungarn, so bekommen es die Kinder bis heute in den Schulen gelehrt, gelten als die ungarischsten Ungarn. So kommt es denn auch, daß bis heute um die 1,5 Millionen Ungarn in Rumänien leben. Sie konzentrieren sich nicht – wie sonst üblich – nahe der ungarischen Grenze, sondern leben zum Großteil in der geographischen Mitte Rumäniens. Die Bezirke Maros, Hargita und Kovászna bilden als Székelyföld (Széklerland) das Herz der ungarischen Besiedlung. Bei den Kommunalwahlen im Juni errang die Demokratische Union der Ungarn in Rumänien (RMDSZ) hier dann auch erneut die absolute Mehrheit. Neben diesen dreien stellt sie zukünftig zudem in Szatmárnémeti (Satu Mare, Sathmar), einer Region an der Grenze zu Ungarn, den Bezirkspräsidenten. Dabei war der Wahlkampf, wie schon bei der Wahl zum Europäischen Parlament im März dieses Jahres unter dem Titel „Die neue Landnahme“, klar auf die ethnische Zugehörigkeit zugeschnitten. Plakate, Flugblätter auf Ungarisch – das Werben um rumänische Stimmen wurde nur halbherzig betrieben. Verständlich, denn Rumänisch hört man hier kaum. Die Kinder besuchen ungarische Schulen, lernen Rumänisch als Fremdsprache wie andere Englisch oder Französisch. Schon im ersten Karpatendorf fällt auf, daß die Einheimischen dies als gewöhnlichen Zustand ansehen. So war es, so bleibt es. Im Gemeindesaal eines 1.000-Seelen-Dorfes läuft gerade eine Versteigerung gebrauchter Kleidungsstücke – abgenutzt, aber brauchbar. An der Wand hängt erhaben eine ungarische Flagge – abgenutzt, aber stolz. Auf die Frage, wie hoch der Rumänen-Anteil im Dorf sei, erntet man ungläubige Blicke. „Welcher Anteil?“ bekommt man als Antwort. „Hier leben nur Ungarn“, harscht es dem Neugierigen in einem altungarischen Dialekt entgegen. Die Menschen haben sich eingerichtet. Von Bukarest erwarten sie nicht allzuviel. „Polizisten von drüben schicken sie viele her“, sagt eine ältere Dame zwanzig Kilometer weiter in Bögöz. Mit „drüben“ meint sie das Land hinter den Karpaten, also das Rumänien, das einst Ausland war. „Doch Geld für Straßen, Kanalisation oder Gemeindehäuser bekommen wir kaum“, beklagt sie sich. Es fällt auf, in welch desolatem Zustand die Infrastruktur in diesem Teil des jüngsten EU-Mitglieds ist. Ganze Landzüge sehen aus wie vor neunzig Jahren. Doch überall, fast an jedem Laternenmast wehen rumänische Flaggen. „Ja, die müssen wir hier aufhängen. Damit soll uns gezeigt werden, wer Herr im Hause ist“, seufzt ein junger Kellner in Székelyudvarhely. Die Stadt ist die Wiege Siebenbürgens und kann als einer von wenigen Orten mit einem liebevoll restaurierten Stadtkern aufwarten. Viel Geld aus Budapest ist hierher geflossen. Doch schon im nächsten Örtchen mit dem klangvollen Namen Máréfalva sieht die Welt wieder ganz anders aus. Das Dorf ist bekannt für seine typischen holzgeschnitzten und verzierten Tore – eine alte Siebenbürgener Tradition. Doch das ist schon das einzig Vorzeigbare. Die Passanten auf der Straße beklagen ihr Leid. „Wir hoffen wirklich, daß sich die wirtschaftliche Lage endlich bessert“, bekommt man hier nicht nur einmal zu hören. Oft sehen sich die Bewohner auch anderen Barrieren ausgesetzt. Beim Ausfüllen von Anträgen und Meldepapieren werden die sprachlichen Unterschiede besonders deutlich. „Manchmal wissen wir gar nicht, was wir unterschreiben“, sagt eine Näherin. „Dann holen wir den Dorfpolizisten, der kann Rumänisch“, pflichtet ihr ihre Freundin bei. Von kultureller Unterdrückung wie zu kommunistischen Zeiten unter Ceausescu kann aber nicht die Rede sein. Die Kirchen dürfen wieder restauriert und die Messen für die hauptsächlich katholischen Ungarn in ihrer Sprache gelesen werden. Und selbst die Jüngeren können sich über den Schulunterricht nicht beklagen: Er wird in der Sprache ihrer Eltern, Ungarisch, abgehalten. Nein, Rumänisch kann er nicht, antwortet ein 18jähriger Steinmetzlehrling leicht verlegen. Doch vieles hat sich seit der Wende gebessert. Die kommunistischen Maßnahmen zur Zwangsassimilation gehören der Vergangenheit an, die RMDSZ ist sogar an der rumänischen Regierung beteiligt und stellt mit Béla Markó den stellvertretenden Ministerpräsidenten. Dennoch, man merkt, die Menschen sehen Rumänien nicht als ihr Heimatland. „Wir sind Ungarn“, sagt ein älterer Herr. Auch hier, in bis zu 1.000 Meter hoch liegenden Siedlungen, ist der Ruf nach Autonomie zu vernehmen. Dabei wird sich die RMDSZ in Zukunft strecken müssen, wenn sie den Alleinvertretungsanspruch für die ungarische Minderheit behalten möchte. Von der konservativen Opposition in Budapest gesteuert, bildete sich jüngst eine weitere ungarische Partei in Rumänien. Unter dem Namen Ungarische Bürgerpartei (MPP) ging das von Fidesz und dem ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán unterstützte Bündnis ins Rennen. Sie halten der RMDSZ vor, daß sie gegenüber Bukarest zu nachgiebig sei, und streben eine stärkere Betonung ungarischer Interessen in der rumänischen Landespolitik an. Bei den Kommunalwahlen konnte sie auf Anhieb in zahlreiche Gemeinderäte einziehen und sogar einige Bürgermeisterposten erringen, unter anderem im symbolträchtigen Kézdivásárhely, der östlichsten ethnisch ungarischen Stadt. Das Duell der beiden Parteien um die Gunst der Wähler hat zu einer stärkeren Beteiligung und in der Summe höheren Wahlergebnissen für ungarische Kandidaten geführt. Mit den rund 200 Bürgermeisterstühlen werden in Zukunft elf Prozent aller Stadt- und Gemeindeoberhäupter ganz Rumäniens Ungarn sein – und das bei einem Anteil von gerade einmal sieben Prozent an der Gesamtbevölkerung. Der weitere Weg führt durch die kurvigen Pisten der Karpaten, weiter südostwärts. Schier endlos erscheinen die Straßen mitten im weiten, dünn besiedelten Land. Und überall um einen herum die tiefen, dunkelgrünen Wälder, die dem Land seinen Namen gaben: Erdély (ungarisch: erdő = Wald) oder Transsilvanien (lateinisch: transsilvana = jenseits der Wälder). Von der Bezirkshauptstadt Sepsiszentgyörgy (Sfântu Gheorghe, Sankt Georgen) ist Bukarest nur noch zwei Fahrstunden entfernt. Doch auch hier kommt man auf ungarisch ins Gespräch. Ein Stahlarbeiter in einer Kneipe philosophiert von einer stärkeren Selbständigkeit der Region, kann sich jedoch einen Wiederanschluß an Ungarn nur schwer vorstellen. Er weiß aber auch von einem Erstarken ungarnfeindlicher, rassisch motivierter Überfälle seit dem EU-Beitritt zu berichten. Gerade seit der Loslösung des Kosovo von Serbien haben die Spannungen in Siebenbürgen zugenommen. Während Ungarn den neuen Staat auf dem Balkan rasch anerkannte, weigert sich Rumänien strikt – aus Furcht, die ungarische Minderheit im eigenen Land in den ihr nachgesagten Loslösungstendenzen zu bestärken. Erst am letzten Nationalfeiertag wurde ein ungarischer Jugendlicher in der Hauptstadt Siebenbürgens, Kolozsvár (Klausenburg), von zwei Rumänen verprügelt, weil er einen Anstecker in den ungarischen Farben Rot-Weiß-Grün trug. Besonders deutlich trat dieser Konflikt auch bei den Wahlen in Marosvásárhely (Târgu Mureş, Neumarkt am Mieresch), Bezirkshauptstadt von Maros und die Stadt mit den zahlenmäßig meisten Ungarn, hervor. Die gut 70.000 Magyaren machen etwas weniger als die Hälfte der Einwohner aus. Gerade in Großstädten ist der Anteil der Ungarn rückläufig. Politisch verfügen sie aber auch hier über eine strukturelle Mehrheit. Um diese zu brechen, haben sich mehrere rumänische Parteien über ideologische Grenzen hinweg auf einen gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten verständigt, der den ungarischen Bewerber wie schon vor vier Jahren ausstechen sollte. Tatsächlich hatte der rumänische Amtsinhaber mit 52 Prozent knapp die Nase vorn, doch der ungarische Aspirant, der zugleich Stadtentwicklungs- und Planungsminister in Bukarest ist, hat Widerspruch gegen die Gültigkeit der Abstimmung eingelegt. Die Emotionen kochen hoch in der politisch umkämpften Stadt. Zahlreiche Verstöße gegen die Wahlordnung und das Verschwinden mehrerer Stimmzettel wurden gemeldet. Die RMDSZ fordert die Annullierung des Wahlganges. Doch von solchen Auseinandersetzungen lassen sich nur die wenigsten beirren. Die meisten vertrauen auf ein friedliches Miteinander in der Zukunft. Das wird auch nötig sein, denn das Bukarester Umsiedlungsprogramm wurde bis heute nicht aufgegeben. Verstärkt werden rumänische Familien motiviert, ins Herz Siebenbürgens umzuziehen, um so schleichend und leise die Assimilation der ungarischen Einheimischen voranzutreiben. Doch soweit ist es noch nicht. Die ungarischen Nationalfeiertage begehen die Einwohner hier genauso wie jenseits der Grenze. Wieder läuten die Glocken, die Menschen stehen auf dem Marktplatz still – doch diesmal nicht in trauerndem Gedenken. Sie singen die ungarische Nationalhymne – es sind Tage der Freude. Fotos: Blick über Marosvásárhely (Neumarkt, Târgu Mures): Metropole des Bezirks Maros und Stadt mit den zahlenmäßig meisten Ungarn; Pfingstwallfahrt von Csíksomlyó/Schomlenberg; Ungarische Wallfahrer in Rumänien: Eine Million Besucher

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