AFD Sachsen Wir Frauen brauchen keine Quote!

 

Die Glucke, sie lebe hoch!

Woher eigentlich kommt die Konjunktur angestaubter Begrifflichkeiten in frauenpolitischen Diskussionen? Wir lesen beispielsweise immer wieder vom „Rockzipfel“. Die sich daran klammernde Brut soll möglichst zügig abgeschüttelt werden – und das, obwohl 99 Prozent der Frauen hierzulande alltags längst Hosen tragen. Oder man pflegt abwertend die Wendung vom „Heimchen am Herd“, obwohl der Herd sich längst (selbst für Hausfrauen!) aus dem Zentrum der Betätigungen weit entfernt hat – wenn er nicht ohnehin der Mikrowelle gewichen ist. Ganz allgemein geht es wiederholt gegen die „alten Zöpfe“, die abgeschnitten werden sollen. Damit sind sämtliche als überlebt empfundenen Familienmodelle gemeint. Doch was trägt die Metapher aus im Zeitalter der praktischen Kurzhaarfrisur? Klar, die je angegriffene Zielgruppe soll als mindestens vorgestrig gekennzeichnet werden. Etwas anders verhält es sich mit dem Modewort der Rabenmutter. Dessen Etablierung – als despektierliches „Unwort“ zunächst – im gesellschaftlichen Schlagabtausch fiel in die frühen sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Unter Familienminister Bruno Heck (CDU) keimte erstmals die bis heute virulente „Vereinbarungsfrage“ auf. Welchen Einflüssen setzt die berufstätige Mutter ihre Kinder aus, während sie sich – aus schnöden Konsumwünschen, so mutmaßte man – den ureignen Erziehungsaufgaben entziehe? „Rabenmütter“ und deren bemitleidenswerte „Schlüsselkinder“ bildeten ein Begriffspaar, das sich durch die Debatten um Frauenerwerbstätigkeit zog. Der Volksmund mag solcherart Kampfterminologie noch geraume Zeit gepflegt haben. Aus der veröffentlichten Meinung verschwand die Rabenmutter bald als Schreckbild. Allenfalls im Rahmen der Berichterstattung über Mißhandlungen fand die Vokabel fortan Verwendung – zuletzt im Falle der gefallenen Pop-Ikone Britney Spears, der aufgrund ihrer Neurosen und diversen Süchte eine adäquate Betreuung ihrer beiden kleinen Söhne nicht zugetraut wurde. Selbst hier erscheint es gewissermaßen politisch inopportun, ausgerechnet das „R-Wort“ zur Verwendung zu bringen. Denn das alte Schmähwort erfährt derzeit einen forcierten Bedeutungswandel. Rabenmutterschaft ist in. Da ist zum einen der Sexy-Faktor. Wenn wir das heute gebräuchliche Gegensatzpaar „Mutterglucke“ versus „Rabenmutter“ betrachten, dann fällt auf, daß ersteres stets abwertend zur Verwendung kommt. „Glucke“ war, bezogen auf menschliche Mutterschaft und Erziehungsverhalten, nie positiv besetzt. Selbst das altbackenere Synonym der „treusorgenden Mutter“ ließ wohl Lobenswertes assoziieren, aber niemals irgendwelche dynamischen Attribute (die wohlverstandene Mutterschaft sehr wohl beinhaltet). Die menschliche Glucke trägt noch Jahrzehnte nach deren modischer Konjunktur Dauerwellen und Hush Puppies-Treter, die Figur ist tendenziell quallig, ihr Wesen einfältig, das heißt sowohl geistig-seelisch als auch sexuell auf reine Funktionalität beschränkt. Die treue Glucke ist, wie es auf www.rabenmutter-projekt.de posaunt, ein „Urtier, eine simpel gestrickte Gattung“. Eine Hohlfigur, in deren fehlendem Schatten sich die Rabenmutter um so ausgiebiger sonnen darf. Die moderne Rabenmutter per Assoziation ist nicht nur rank, schlank und modebewußt, sondern vor allem dynamisch, mobil, ja, trotz familiärem Appendix ungebunden und allseitig „offen“. Als Yummy Mummies (ungefähr: leckere Mamas) werden in der angelsächsischen Szene jene Promimütter mit gestählten Körpern und vorzeigbarer Karriere gefeiert. Wann genau die Rabenmutter als Trend und positiver Kampfbegriff ausgerufen wurde, ist nicht eindeutig auszumachen. Fest steht, daß es den ursprünglich abwertenden Terminus trotz zahlreicherer gegenteiliger Behauptungen sehr wohl auch in anderen Sprachen gibt. Der vielgescholtene „Muttermythos“, sofern er die weibliche Primärverantwortung für den Nachwuchs meint, ist eben kein typisch (alt)deutsches Phänomen; so gern man es auch hätte, weil ein solch alter Zopf dann leichter der (durch die Nachgeborenen geführten) Schere zu überantworten wäre. Ausgemacht ist auch, daß die wahren Rabenmütter der Vogelwelt mitnichten schlechte Eltern sind. Carl-Albrecht Treuenfels, Vogelkundler der FAZ, ließ beizeiten wissen, daß „wer als Rabenmutter bezeichnet wird, sich eigentlich kein größeres Kompliment wünschen“ könne, da Rabeneltern als treusorgende Ernährer ihrer Brut bekannt sind. Die negative Konnotation des Begriffs führt Treuenfels zum einen auf die volkstümliche Sicht des Raben als „Galgenvogel“ und Aasfresser, zum anderen auf eine diesbezüglich fehlerhafte Übersetzung des Alten Testaments durch Martin Luther zurück. Positiv besetzt wurde die Rabenmutter im Laufe der neunziger Jahre. Hier finden wir bereits einen entsprechenden Essay- und Interviewband, der kühl und offensiv „Rabenmutter, na und?“ titelt. Im Verlaufe des deutsch-deutschen Einigungsprozesses wurde die Thematik um Mütterkarrieren und Kinderversorgung virulent. Die Lufthoheit über den Kinderbetten hatte in der DDR fraglos der Staat inne – hier gab es faktisch keine Alternative zur weiblichen Lohnarbeit. Die Konfrontation mit dem sozialistischen Mutterbild, das rein auf die Reproduktion beschränkt war, lieferte zusammen mit dem Bekanntwerden der demographischen Krise den Treibstoff für eine Revision des altwestdeutschen Mutterbilds. Die Emma porträtierte dann in ihrer „Gebärstreik“-Ausgabe 2001 ausführlich die Autorin und TV-Prominente Else Buschheuer, die hier als progressive Speerspitze eines emanzipatorischen Mutterbildes gefeiert wurde: Sie überließ ihre kleine Tochter, mittlerweile längst eine „Freundin“ der Mutter, aus Karrieregründen dem Vater. Solche homestories unter dem Leitstern schwieriger, doch letztlich geglückter Selbstfindung haben bis heute hohen Verkaufswert. Ein vielgefragter Buchtitel sprach diese letzte Weisheit massenkompatibel aus: „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überallhin“. Entsprechende Begleitliteratur boomte in jener Zeit rund um die Jahrtausendwende. Titel wie „Ich wollte Hosen“, „Wenn Frauen zu sehr lieben“ und diverse Anleitungen zum „Endlich mal Nein-Sagen“ erlebten zigfache Auflagen. Die Zeichen – vor allem die mitunter zweifelhaft zustande gekommenen Umfrageergebnisse diverser Meinungsmacher – schienen sich zu mehren: Frauen fühlen sich in der Berufswelt, in der Partnerschaft, der Familie benachteiligt. Mütter erst recht, und derart zurückgesetzte Frauen verweigern die Reproduktion. „Vereinbarkeit“ war und ist Modethema und Zauberwort bis heute. Recht eigentlich wurde weniger ein Gebär- denn ein Fürsorgestreik ausgerufen. Die komplizierte und doch längst eingefahrene Basisformel funktioniert in ihren Grundschritten wie folgt: Nur eine zufriedene Mutter ist eine gute Mutter. Zufriedenheit aber resultiert aus finanzieller Unabhängigkeit (also Lohnarbeit), und weibliche Erwerbstätigkeit hängt von außerhäuslicher (oder väterlich geleisteter) Kinderbetreuung ab. Der Zirkelschluß: Die alltags abwesende Mutter ist die glückliche, also gute Mutter. Nun also hatten wir die Geburt der Ikone „Rabenmutter“. In bürgerliche Kreise schwappte diese Welle zum einen durch das Rollenvorbild der siebenfachen Karrieremutter und neuen CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen. Es wurde flankiert durch das immer noch in konservativem Ruch stehende Leitmedium FAZ, das 2005 mit einem sich revolutionär gebenden Artikel „Wir Rabenmütter!“ eine gewaltige Familiendebatte anstieß. Mutterschaft als Muttchenfalle und Karrierehindernis, so lautete der Tenor dieses altbekannten Unvereinbarkeits-Klagesangs, dessen Urheberin sich „mutig“ selbst als Rabenmutter outete. Auf diese wohlfeile Selbstbezichtigung hagelte es wochenlang Leserbriefe, Pro und Contra hielten sich in den abgedruckten Stellungnahmen die Waage. Der zweifelhafte Rabenmutter-Titel jedenfalls war wieder voll in der Welt. So sehr, daß sogar die Bundeskanzlerin anderthalb Wochen später ihn per Regierungserklärung aufgriff, um ihn inhaltlich (also: die berufstätige Frau mit familienfremd versorgten Kindern) abermals gründlich zu verteidigen. Dies geschah inmitten einer Zeit, als kokette T-Shirt-Aufdrucke unter infantil gebliebenen Erwachsenen angesagt waren. Während die Proleten-Muttis ihr brustbedeckendes Textil mit „Zicke!“ etikettierten und deren emanzipationstechnisch höherstehenden Mitschwestern die neuen, körperbetonend taillierten Emma-Hemden zu Markte trugen, modeschöpfte „Deutschlands prominentester Bauch“, die flotte Mutter und FDP-Frontfrau Silvana Koch-Mehrin, einen kessen „Rabenmutter“-Aufdruck. (Auch Chef Guido Westerwelle wurde mit einer solchen Kreation beehrt – ob er das Shirt je trug, entzieht sich dem öffentlichen Wissen.) Daß ganz Deutschland ein „Oberammen-Gau“ sei, titelte die FAZ übrigens schon 2001, und die Zeit sekundierte mit ähnlich virtuosem Sprachschöpfertum: „Wollt ihr die totale Mutter?“ Ähnlich inbrünstige Kampfrufe, gerade aus den Reihen des „bürgerlichen“ Großfeuilletons, sind ungezählt. Wie erholsam ist es da eigentlich, daß der stille Schmähwinkel des Muttergluckentums solche Bestätigungserheischungsversuche nicht nötig hat! Dazu mag, nebenbei, eine jährlich aufs neue getätigte Beobachtung aus dem Umfeld der eigenen Vogelzucht passen: Mutterglucken sind auch hier schon seit langem unpopulär. Der in den warmen Jahreszeiten regelmäßig durchs Dorf fahrende Hühnerhändler führt nur ökonomisch optimierte Hühner. Deren Verhalten ist strikt dem wirtschaftlichen Bedarf angepaßt. Die Legehennen produzieren die gefragten Eier, bis sie spätestens im nächsten Jahr der Schlachtbank zugeführt werden. Glucken sind äußerst unbeliebt. Es kursiert eine Bandbreite an – durchweg ziemlich brutalen, nicht wirklich artgerechten – Tricks, einem Weibchen, das trotz bester Zucht zu glucken beginnt, dies mißliebige Verhalten abzugewöhnen: So mag man die Möchtegern-Mutter in einen isolierten „Brutentwöhnungskäfig“ setzen – Dressur des generativen Verhaltens via Isolierhaft auf kaltem Betonboden gewissermaßen. Oder man entferne wiederholt die Eier und befördere die renitente Brüterin konsequent aus dem Stall. Wahlweise der Lockfuttertrick: Man sperre die Henne vor den Futterautomaten – der ungewohnte materielle Ausgleich wird ihr die Brutlust schon vergehen lassen! Wenn all dies nicht fruchtet (heißt: die unerwünschte Frucht trägt), dürften Abschreckungsbäder in eisigem Wasser Abhilfe schaffen. Oh Huhn, ich hör dich glucksen! Wo sonst wird der Bruch, den uns die zivilisatorische Errungenschaft der Trennung zwischen Natur und Kultur beschert hat, so deutlich wie in der Hühnerhaltung! Wir aber wollten Glucken. Schon aus Prinzip. Gibt’s nicht mehr, sagte der fahrende Hühnerhändler und seine Berufsgenossen auf dem Landmarkt und zeigten uns stirnrunzelnd den Vogel; nämlich den der Gegenwart – jene verhaltensmäßig manipulierten Anti-Glucken also. Darauf haben wir als private Hobbyzüchter uns ganz bewußt aus alten regionalen Beständen eine Mischrasse erschaffen, die eben noch zuverlässige Glucken hervorbringt. Und die verhalten sich ähnlich, wie es die Mehrzahl der höheren Lebewesen naturgemäß tut: Allein die ersten Wochen (auf Menschenjahre umgerechnet wären das die ersten Lebensjahre) wird alles Tun und alle Sorge auf die frischgeschlüpfte Brut verwendet. Unsere selbstbewußten Glucken nehmen es im Wochenbett mit jeder Katze auf. Das mobile Kindbett ist für diese überschaubare Phase ein wahres no-go area für jeden Übelwollenden, auch wenn der Mutter-Kinder-Troß schon jetzt gemeinsam die weite Welt des zaunlosen Gartens erkundet. Nach sechs, sieben Wochen war’s das. Die Küken haben sich alles abgeguckt, was zum Überleben nötig ist, und jedes darf nun sein Ding drehen. Allein in der nächtlichen Sitzordnung spiegeln sich noch familiäre Bezüge. Im Jahr drauf erweist sich, daß der legebatteriefreie Nachwuchs seine Lektion gelernt hat – dann stehen wieder Mutterfreuden ins Haus. Brutlust gegen Modefrust: Die Glucke, sie lebe hoch! Ellen Kositza ist Mutter von sechs Kindern und hat als Lehrerin gearbeitet. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb sie zuletzt über die fremde „Hand an der Wiege“ (29/05). Der vorliegende Text stammt aus ihrem Buch „Gender ohne Ende oder Was vom Manne übrigblieb“, erschienen in der Kaplaken-Reihe der Edition Antaios (80 Seiten, gebunden, 8 Euro). Foto: Mutter mit ihrem Säugling: Wie erholsam ist es da, daß der stille Schmähwinkel des Muttergluckentums keine Bestätigungserheischungsversuche nötig hat

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