Die Gesellschaft unserer Enkel

In welcher Gesellschaft werden unsere Enkel leben? Die Frage ist zunächst schwer zu beantworten. Die Soziologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, und sie hält sich an Fakten. Entsprechend ist jeder Blick in die Zukunft Spekulation, zumal soziale Gesetzmäßigkeiten nicht mit immer geltenden Naturgesetzen gleichgesetzt werden dürfen. Soziale Gesetzmäßigkeiten unterliegen der geschichtlichen Wandlung, sie können nicht linear pro futuro hochgerechnet werden. Entsprechend hält sich eine seriöse Sozialwissenschaft mit Prognosen zurück: Es kann alles sehr schnell ganz anders kommen. Gleichwohl gibt es natürlich auf der Strukturebene der Gesellschaft absehbare Trends, die in einem vorausschaubaren Ausmaß zukünftige Entwicklungen beeinflussen. Insbesondere eine Unterdisziplin der Sozialwissenschaft, die Demographie, erlaubt relativ exakte Zukunftsszenarien, weil sie auf biologischen Gesetzmäßigkeiten „aufsitzt“: Eine Mutter, die nicht geboren wurde, kann keine Kinder gebären! Geburten- und Sterberaten einer Gesellschaft (von Naturkatastrophen oder Krieg einmal abgesehen) sind im Zeitlauf relativ stabil und haben damit ein großes prognostisches Potential. Die demographische Entwicklung hat natürlich soziale Folge- und Folge-Folge-Wirkungen – man denke nur an die Entwicklung der sozialen Sicherung in der Renten- und Krankenversicherung usw. Die katastrophale demographische Entwicklung ist mittlerweile hinlänglich bekannt, so daß sie an dieser Stelle nur gestreift werden soll, um sich mit den sozialen Auswirkungen einer dramatisch schrumpfenden Bevölkerung genauer zu befassen. Seit Jahrzehnten ist die auf uns zukommende demographische Katastrophe bekannt. Herwig Birg, Deutschlands bekanntester Demograph von der Universität Bielefeld, versuchte seit Jahrzehnten auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen und stieß nur auf Desinteresse und Kopfschütteln. Jetzt ist die Entwicklung so gut wie unumkehrbar, und man kann fast von einem selbstgewählten kollektiven Ethnosuizid der Deutschen sprechen. Birg ermittelte in einer Modellrechnung, daß die Bevölkerungszahl der Deutschen ohne Ein- und Auswanderungen von jetzt 82 Millionen auf 24 bis 32 Millionen bis 2100 schrumpfen wird. 2005 hatte Deutschland einen Anteil an der Weltbevölkerung von 1,3 Prozent, der bis zum Jahr 2050 auf 0,8 Prozent schrumpfen wird. Die 10. koordinierte Bevölkerungsberechnung des Statistischen Bundesamtes ergab, daß in den alten Bundesländern die Bevölkerung von 59,6 Millionen 1998 auf 39,5 Millionen 2050 (ein Minus von 20 Millionen) zurückgehen wird, im Osten geht die Zahl von 15 Millionen 1998 auf 9,5 Millionen zurück. Gleichzeitig steigt der Ausländeranteil von 7,4 Millionen 1998 auf 19 Millionen 2050 und auf 25 Millionen im Jahre 2100. Trotz eines angenommenen positiven Wanderungssaldos von 170.000 wird die Bevölkerung in Deutschland insgesamt von 82,1 Millionen im Jahre 1998 auf 68 Millionen (inklusive Ausländer) schrumpfen – ein Rückgang um die 17 Prozent. Seit 1973 liegt die Geburtenzahl pro Frau bei 1,3 Kindern, d. h. die Nettoreproduktionsrate liegt bei 0,63. Pro Jahr fehlen somit 35 Prozent der geborenen Mädchen, um die jeweilige Müttergeneration zu ersetzen. Jede Generation wird so um ein Drittel kleiner: 100 Deutsche haben 65 Kinder und 44 Enkel! Verbunden mit der Bevölkerungsschrumpfung ist eine zunehmende „Überalterung“ der noch vorhandenen (Rest-)Bevölkerung. Die Überalterung hat zwei Gründe: Der wesentliche Grund ist die niedrige Geburtenrate, wodurch proportional die Altenanteile der Bevölkerung steigen, der zweite Grund ist die steigende Lebenserwartung selbst. Die Lebenserwartung eines neugeborenen Mädchens steigt von jetzt 81,6 Jahren auf 88,6 im Jahr 2050, die eines Jungen von jetzt 76,2 auf 83,2 im Jahre 2050. Die Restlebenserwartung eines 65jährigen nimmt pro Jahr um 30 Tage zu! Damit steigt der sogenannte Altenquotient eklatant: Kommen heute auf 100 Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren 30 Rentner, so wird diese Zahl auf über 50 im Jahr 2030 steigen. Von erst 13,7 Millionen in der Altersgruppe 65 Jahre und älter im Jahr 2000 wird diese Zahl bis 2050 auf rund 23 Millionen steigen. Die Zahl der Hochbetagten (80 Jahre und darüber) steigt in diesem Zeitraum von 3,1 auf 10 Millionen. Gleichzeitig mit der Zunahme der Alten nimmt die Zahl der Erwerbstätigen ab – um minus 15 Prozent bis 2035. Man muß kein Prophet sein, um zu erahnen, welche gesellschaftliche Sprengkraft in dieser demographisch induzierten Entwicklung liegt. Betrachten wir zunächst die absehbaren Auswirkungen auf die Systeme der sozialen Sicherung. Angesichts der zu erwartenden demographischen Entwicklung steht die Rentenversicherung vor dem Kollaps. Im Jahre 1970 zahlten 22 Millionen Erwerbstätige für 8 Millionen Rentner 11,4 Milliarden Euro, heute zahlen 26,5 Millionen Erwerbstätige für 20 Millionen Rentner 140 Milliarden Euro! Sind heute ca. 25 Prozent der Bevölkerung im Ruhestand, so werden es im Jahre 2050 über 40 Prozent sein, es sei denn, man erhöht weiter das Renteneintrittsalter – eine Ausweichstrategie, die schnell an biologische und arbeitsmarktpolitische Grenzen stößt. Wurde im Jahr 2000 ein Rentner von 3,7 Erwerbspersonen finanziert, so muß im Jahre 2050 ein Rentner von 1,6 Erwerbspersonen finanziert werden. Unter diesen Bedingungen ist absehbar, daß entweder die Beiträge zur Rentenversicherung bis zum Jahre 2050 mehr als verdoppelt oder aber die Renten um mehr als die Hälfte gekürzt werden müssen (wobei natürlich beide Maßnahmen vermischt werden können, was aber an dem Rentenkürzungseffekt nichts ändert). Eine gravierende Altersarmut für weite Schichten der Bevölkerung ist damit unausweichlich. Im Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung sieht es nicht weniger dramatisch aus. Das Fritz-Beske-Institut in Kiel hat jüngst eine Prognose für die Gesundheitsversorgung im Jahre 2050 erstellt. Die Prognose kommt zu dem Schluß, daß in den sozialen Sicherungssystemen – bei Rente, Gesundheit und Pflege – eine massive Zurücknahme von Leistungen unumgänglich ist. Die Kieler Studie ist deswegen bemerkenswert, weil sie systematisch die durch Überalterung induzierte Morbiditätsentwicklung berücksichtigt. Danach steigt die Zahl der Diabetesfälle von heute 3,8 Millionen auf über 5 Millionen im Jahre 2050, die Zahl der Demenzkranken wird sich von heute eine Million auf 2,3 Millionen im Jahr 2050 erhöhen, die stationären Behandlungsfälle erhöhen sich bis 2050 um 67 Prozent, die Zahl der Pflegebedürftigen steigt von zwei Millionen auf 4,4 Millionen, wobei die Leistungsausgaben der Pflegeversicherung von 16 Milliarden im Jahr 2000 auf 38 Milliarden im Jahr 2050 (um 134 Prozent!) ansteigen werden. Pro Kopf steigen die Gesundheitskosten um 47 Prozent, vom Jahre 2000 aus betrachtet müssen die Erwerbstätigen 2050 für ihre Krankenversicherung durchschnittlich 77 Prozent und für die Pflege 240 Prozent mehr zahlen! Alleine demographiebedingt steigt der Beitragssatz von 14,2 (2005) auf 17,5 Prozent (2050). Angenommen, der Beitragssatz steigt um 1 Prozent pro Jahr (was mehr als realistisch ist), wird er 2050 bei 27 Prozent liegen! Die Studie widerlegt die euphemistischen Annahmen der „Kompressionstheoretiker“ (wie Bert Rürup), die behaupten, eine steigende Lebenserwartung führe nicht automatisch zu erhöhten Krankheitskosten, da man gesunde Lebensjahre dazugewinne und die Sterbekosten im Alter geringer seien als bei jüngeren Jahrgängen. Angesichts der zu erwartenden „Altenschwemme“ fallen diese Faktoren so gut wie nicht ins Gewicht, und sie ändern nichts an der Tatsache, daß die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit im höheren Alter ungefähr um den Faktor 8 größer sind als beispielsweise im Alter von 20. Die mit dem Altenquotient verbundenen steigenden Soziallasten bleiben nicht ohne Konsequenzen auf die allgemeine Wirtschaftsentwicklung. Hermann Adrian von der Universität Mainz hat die Rückkopplungseffekte der Überalterung auf die Wirtschaftsentwicklung genauer untersucht. Die hohen erwartbaren Soziallasten verteuern die Arbeit, so daß viele notwendige Investitionen unterbleiben. Gleichzeitig sind dadurch bedingt die Nettoeinkünfte gering, was zum „brain drain“ hochqualifizierter Arbeitskräfte führt: Schon jetzt verlassen um die 150.000 Personen jährlich das Land. Deutschland droht durch diese Entwicklung auf dem Weltarbeitsmarkt abgehängt zu werden. Jedes Jahr kommen 63 Millionen Arbeitskräfte auf dem Weltarbeitsmarkt hinzu, nur 25 Millionen verlassen altersbedingt den Arbeitsmarkt, die Zahl der Arbeitskräfte steigt von jetzt 2,7 Milliarden auf 3,5 Milliarden in zwanzig Jahren. Neue Arbeitsplätze entstehen aber nur in Ländern, wo sich Investitionen lohnen, Länder mit schrumpfender Bevölkerung und entsprechend limitierter Nachfrage geraten ins Hintertreffen. Zwei soziale Entwicklungen sind dabei durch zu geringe Wirtschaftsentwicklung erwartbar: Zum einen wird das Modell der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) zerbrechen, das bislang für die Bundesrepublik maßgebend war. Einer relativ kleinen Sozialschicht von Globalisierungsgewinnern und Super-Reichen stehen eine verarmte und geschrumpfte Mittelschicht mit immerwährenden Abstiegssorgen („Prekariat“) und eine große postproletarische Unterschicht gegenüber, die sich durch Sozialtransfers und Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält. Diese Schicht wird durch exzessiven Medienkonsum („Tittitainement“) bei Laune gehalten. Zum zweiten kommt es zu „Exklusionsverkettungen“ für breite Schichten der Bevölkerung. Die Einkommen werden für viele Menschen so gering, daß die Teilhabe an den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen (Wirtschaft, Politik, Bildung, Kultur, Wissenschaft, Medien, Gesundheitswesen etc.) nicht mehr gewährleistet werden kann. Es entstehen soziale Rückzugsräume unterhalb der offiziellen gesellschaftlichen Institutionalisierungen: Ghettos, Parallelgesellschaften, subkulturelle Milieus, tribale Sozialstrukturen wie Clans und Familienverbände. Merkmal dieser gesellschaftlichen Schattensozialitäten ist es, daß sie gar nicht mehr durch gesellschaftliche Steuerungsintentionen erfaßt werden können: Sie führen ihr Eigenleben und sind von außen nicht mehr sozial imprägnier- und beeinflußbar. Die „offizielle“ Gesellschaft bekommt quasi einen „asozialen“ gesellschaftlichen Unterbau, der gar nicht mehr an die Vorstellung einer für alle geltenden Zivilgesellschaft rückgebunden werden kann. Die Akteure der Schattensozialität verlieren vielfach ihren Status als gesellschaftlicher Symbolträger, sie schöpfen ihre Identität nicht mehr aus den gesellschaftlich anerkannten Rollenzuweisungen, sondern aus Attributierungen der sozialen Schattenwelt. Nur über körperliche Gewalt können sie ihren Bedürfnissen Ausdruck verschaffen – ein Grund für steigende Gewalttaten und zunehmende Kriminalität. Deutschland ist insgesamt auf dem Weg in eine „Multiminoritätengesellschaft“. Die Bevölkerungsgruppe deutscher Staatsangehörigkeit (nach dem bis 31. Dezember 1999 geltenden Staatsangehörigkeitsrecht) wird von 1998 bis 2050 um 20 Millionen Menschen in den alten Bundesländern schrumpfen (von 59,6 Millionen auf 39,5), in den neuen Bundesländern von 15,0 auf 9,5. Rechnet man diese Entwicklung bis 2100 hoch, so wird es dann noch 17,7 Millionen Deutsche in den alten und 3,5 Millionen in den neuen Bundesländern geben. Die Zahl der Zugewanderten beträgt dann in den alten Bundesländern 22,3 und in den neuen Bundesländern 2,6 Millionen. Es ist also absehbar, daß um 2090 herum die Deutschen im eigenen Land ihre Mehrheit verlieren und zu einer Minderheit neben anderen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Multiminoritätengesellschaften Übergangsgesellschaften darstellen: Die Gewichte zwischen den Minoritäten verschieben sich kontinuierlich, und bestimmte Minoritäten versuchen einen Majoritätsstatus zu erlangen. Berücksichtigt man die Tatsache, daß die deutsche Minorität eher alt, die zugewanderten Minoritäten eher jung sein werden, so dürfte klar sein, daß zugewanderte Minoritäten ihren Anspruch auf Dominanz geltend machen werden. Verteilungskämpfe zwischen den verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppierungen sind unausweichlich, wobei die „altdeutsche“ Fraktion in diesen Verteilungskämpfen schlechte Karten hat. Multiminoritätengesellschaften weisen somit ein großes „bellezistisches“ Potential auf, weil Verteilungsprobleme sofort politisiert werden. Die Zurechnungs- und Attributionsmuster von ökonomischem Erfolg oder Mißerfolg werden entindividualisiert und kollektiviert. Es liegt nicht an der Geschicklichkeit oder Skrupellosigkeit des einzelnen, ob er wirtschaftlich Erfolg hat oder nicht, sondern an kollektiven Merkmalen wie Hautfarbe, Religions- oder Kulturzugehörigkeit. Dabei wird der Marktmechanismus außer Kraft gesetzt. Vor aller gesellschaftlichen Selbststeuerung müssen Quotierungs- und Kontingentierungsmechanismen greifen, die vorab festlegen, was den einzelnen Minoritäten zusteht. Hoher Quotierungsbedarf ruft geradezu nach einer sozialistischen Gesellschaftsstruktur; Marktmechanismen werden nur innerhalb des Quotierungsrahmens Gültigkeit beanspruchen können. Berücksichtigt man zusätzlich, daß Multiminoritätengesellschaften kaum in der Lage sein werden, eine restriktive Einwanderungspolitik durchzusetzen, dann könnte sich die Prognose Gunnar Heinsohns vom „Youth Bulge“, von einer weiteren demographischen Invasion junger islamischer Männer, bewahrheiten (JF 33/07). So ist seine Prognose nicht abwegig, daß „spätestens in fünfzig Jahren Deutschland muslimisch sein wird“. Aus der Multikultur ist dann wieder eine Monokultur geworden. Unsere Enkel werden somit in einer ganz anderen Gesellschaft leben, als wir sie noch kennen. Prof. Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über den „Gesichtsverlust der Städte“ (JF 34/07). Foto: Winterimpression aus dem Wiener Prater: Folgewirkungen der demographischen Abwickelung

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