Deutschland bekommt sein Herz zurück

Architektur ist die ästhetische Gestalt eines Staates. Dermatologen wissen, daß die Haut Spiegel der Seele des Menschen ist. Architektur ist die Haut des Gemeinwesens. Debatten über Architektur in Deutschland sind besonders schmerzhaft, weil Deutschland ein zutiefst traumatisiertes Land ist. Zwei verlorene Weltkriege, zwei totalitäre Diktaturen mit ihren Hypotheken lasten auf der Seele unseres Volkes. Der Bombenkrieg vernichtete weniger militärische Ziele als vielmehr weitgehend das historische Antlitz der deutschen Städte. Der in der Nachkriegszeit mit brutaler Funktionalität betriebene Wiederaufbau, der die Vernichtungsarbeit der Bomberflotten vollendete, ist Ausdruck dieser Erschütterung. Mit dem Untergang des „Dritten Reiches“ sollte auch die preußisch-deutsche Geschichte entsorgt werden. Während sich die DDR zur „Sozialistischen Nation“ umdeutete, meinte man in Westdeutschland das Kapitel deutscher Nationalgeschichte erfolgreich geschlossen und eine jungfräuliche postnationale Ära eröffnet zu haben, als 1989 dank der von den Mitteldeutschen in Massendemonstrationen erzwungenen Maueröffnung die deutsche Einheit als Gottesgeschenk vom Himmel fiel und die Geschichte mit Macht zurückkehrte. In Bonn rieb man sich die Augen und hoffte, eine Art „Groß-Westdeutschland“ durchsetzen zu können, gar die Bundeshauptstadt am Rhein zu halten. Übrigens nur mit PDS-Stimmen gab es eine knappe Mehrheit für den Berlin-Umzug! In welche Kleider sollte das neue Deutschland schlüpfen? Man hatte Angst vor dem großen architektonischen Rock Berlins mit all seinen Reminiszenzen an Preußen-Deutschland. Ausdruck dieser Angst war die Forderung eines CDU-Politikers, bei der Restauration der Quadriga am Brandenburger Tor auf Preußenadler und Eisernes Kreuz zu verzichten. Krampfhaft auch der Streit um den Einzug des Bundestages in den Reichstag. Die Verhüllung des unter Wilhelm II. entstandenen Gebäudes durch den US-Künstler Christo 1995 und sein modernisierter Umbau bis 1999 sollte den irritierten Bonnern den Weg in die alte Reichshauptstadt erleichtern. Längst vergessen ist der groteske Streit um den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, die 2005 durch Bürgerinitiative in strahlender Schönheit wiedererstand. Nun der endgültige Entschluß für die Rekonstruktion der historischen Mitte Berlins in Gestalt des Stadtschlosses — wenigstens in Form seiner Barockfassade. Keine architektonische Debatte war bislang so quälend wie die um das Berliner Schloß. Verblüffen kann dies nur den, der ignoriert, daß die Deutschen noch immer nicht mit sich im reinen sind. Ihre intellektuellen Eliten sträuben sich gegen die Renaissance nationaler Identität, wofür dieses Gebäude sichtbares Zeichen ist. Das Schloß ist das Herz Berlins, Berlin ist das Herz Deutschland. Der Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses ist die Operation am offenen Herzen unserer Nation. Hoffen wir auf eine heilsame Rekonvaleszenz — und daß es beim Schloß nicht nur bei der barocken Hülle bleibt, sondern die Form mit dem noch zu klärenden Inhalt in Deckung gerät.

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