Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Das Neue Antifa-Jerusalem

Das Kapital ist eine Macht, die sich die Gesellschaft unterwirft, es prägt Denken und Handeln auf eine ganz besondere Weise und wird wiederum von ihnen geprägt. Die Durchsetzung der Industrialisierung und des Nationalstaatsgedankens in Europa im 19. Jahrhundert und der sogenannte „Casino-Kapitalismus“ der Gegenwart mitsamt den ihn abfedernden radikal-individualistischen Heilslehren veranschaulichen diesen Befund. Der dem Kapital inhärenten Tendenz zur Ausweitung und Grenzüberschreitung trat man in Europa durch eine Sozialgesetzgebung entgegen, die staatliche und nationalstaatliche Akteure in den Rahmen der „National-Ökonomie“ einbinden konnte. Weil die Auflösung der alten Ortsbindungen durch Großfamilie und Grundherrschaft im Gefolge der Entstehung von bürgerlicher Gesellschaft und Industrialisierung eine Mobilität in zuvor noch nie gekanntem Ausmaß erzwang, war die Idee einer überlokalen Identität durch die Zugehörigkeit zu einer als kultureller, sprachlicher oder politischer Einheit verstandenen Nation eine psychische Notwendigkeit. Ohne diese Abfederung wäre die Transformation der Gesellschaft im Industriezeitalter kaum möglich gewesen. Der Unternehmer braucht einen festen institutionellen Rahmen für sein Handeln, aber auch für den Arbeiter sind soziale Sicherheit, Status und stabile Institutionen Voraussetzungen für soziales Handeln und setzen Kreativität frei. Darüber hinaus verleihen nationale Zugehörigkeit und staatsbürgerliche Loyalität dem Handeln des einzelnen überindividuellen Sinn. Dabei waren die Intellektuellen im 19. Jahrhundert der Entwicklung oft voraus. So lehnte Bismarck ja zunächst die Annexion des Elsaß und Lothringens aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Nation als „Professorenidee“ ab. Nation und Nationalstaat — diese Ideen waren freilich Ausdruck der modernen Lebensverhältnisse. Im Gefolge des Casino-Kapitalismus werden heute jedoch Institutionen in Frage gestellt, deren Bestand bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein unangefochten war. Die Deregulierung der Finanzmärkte seit der Abschaffung des Systems fester Wechselkurse in den siebziger Jahren und die mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums einsetzende Globalisierung haben auf breiter Front den Vormarsch einer mit buchstäblich missionarischer Inbrunst verkündeten und praktizierten marktradikal-neoliberalen Doktrin mit ihren Leitmythen (lean production, Flexibilisierung, Mobilität, shareholder value) ausgelöst. Die Währungs-, Finanz- und Wirtschaftspolitik ganzer Nationen gerät heute unter den Druck der Finanzmärkte. Um dieser Entwicklung gegenzuhalten, wird ein Ideal gepredigt, dem wirkliche Menschen kaum jemals gerecht werden können: permanente Flexibilität, ständiges Weiterqualifizieren, den Einsatz der eigenen Arbeitskraft organisieren und den Markt für sie beobachten. Die Beweglichkeit des Geldes wird zum Maßstab für die Beweglichkeit des Menschen gemacht. Die Arbeitslosigkeit wächst, der Sozialstaat wird abgebaut, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes wird zum ständigen Begleiter. Ob eine Institution wie die Familie unter diesen Verhältnissen überleben kann, ist fraglich, denn die Zerschlagung bestehender Organisations- und Sozialstrukturen zur Senkung der Kosten ist das Credo der einzigen Industrie, die unter diesen Umständen wirklich blüht — der Consulting-Industrie (vgl. Christoph Deutschmann, „Die Verheißung des absoluten Reichtums“, 2001). Die Feindbilder der kapitalistischen Heilslehre: Familie, Heimat, Staat, Nation, Religion — Hindernisse auf dem Weg der totalen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse. Alles, was die Wirtschaft behindert, was Begrenzung vermuten läßt, soll beseitigt werden. Die turbokapitalistische Heilslehre sucht sich die zu ihr passenden Verkünder und Feindbilder: Familie, Heimat, Staat, Nation, Religion — das alles sind Hindernisse auf dem Weg der totalen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse. Alles, was die Wirtschaft behindert, was Begrenzung vermuten läßt, muß beseitigt werden. Die Destruktion der Institutionen im Namen der Ideologie der totalen globalen Ökonomisierung zielt auf das flexible Individuum, denn da es Individuen sind, die als Lohnarbeiter Geld verdienen, entspricht es der Entwicklungslogik des Casino-Kapitalismus, sie aus ihren Bindungen herauszulösen. Samuel Huntington („Who Are We?“, 2004) zeigt, wie dies in den USA von den Geschäfts-, Berufs-, Medien- und akademischen Eliten unter dem Banner der ethischen Überlegenheit des Kosmopolitismus und des „demokratischen Humanismus“ betrieben wird. Diesen „Davos-Männern“ gilt Patriotismus als rechtsradikal, männlich, weiß, militaristisch, anglo und repressiv. Die Bindung an den Nationalstaat soll nicht länger die Bindungen und Loyalitäten des auf internationalem Niveau operierenden einzelnen bestimmen; die Loyalität der flexiblen und weltweit einsetzbaren „souveränen einzelnen“ soll nicht mehr der nationalen Gemeinschaft gelten, sondern der transnationalen weltweiten Gemeinschaft der Konsumenten. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern spielen keine Rolle mehr. „Effizienz“, „Expansion“, „Kosteneffektivität“, „Wettbewerbsvorteil“, „Maximierung des Ertrags und Minimisierung der Kosten“, so das Mantra. Die immer schrilleren Schlachtrufe der intellektuellen Mitläufer des modernen Casino-Kapitalismus lauten: „Individualismus“, „Selbstverwirklichung“, „Multikulti“, „Gender-Mainstreaming“ oder „Nie wieder Deutschland“. Die Flagge, unter der sie sich hierzulande zusammenfinden, trägt nicht mehr die Farben Schwarz, Rot und Gold, sondern die Farben des Regenbogens. Ihr Ziel ist die Erschaffung des Reichs der von allen „repressiven“ Bindungen befreiten „BürgerIn“ (das große Binnen-I ist zugleich Programm und heiliges Zeichen). Eine Spielart firmiert in Deutschland unter dem Namen „Kampf gegen Rechts“. Die KämpferInnen verbinden einen oftmals geradezu pathologischen Haß auf alles Deutsche mit einer Islamophilie, die nichts mit einer rationalen Einstellung gegenüber einer notwendigen, aber kontrollierten und an nationalen Interessen ausgerichteten Einwanderung zu tun hat. Im „globalen Dorf“ zeichnet sich die Gestalt eines „Neuen Antifa-Jerusalem“ bereits ab: Seine „Verfassungsgrundlage“ ist der für alle Länder, Regionen und Kulturen gleichermaßen verbindlich erklärte Katalog radikalindividualistisch mißgedeuteter Menschenrechte, die überall ohne Rücksicht auf Traditionen, Beziehungen und Kontexte aufgezwungen werden sollen. Das mit Emphase abgelegte Bekenntnis zum Respekt vor „Differenz“ und „kultureller Vielfalt“ entlarvt sich hier als knallharter Herrschaftsanspruch, der nur eine Welt anerkennt und durchsetzen will: die eigene. Wer auch nur einen Fingerbreit vom Pfad der reinen Lehre abweicht, wer für die Bewahrung von tradierten Institutionen wie beispielsweise Ehe zwischen Mann und Frau, Familie und Nation eintritt, wird ausgegrenzt, diskriminiert und von den Antifa-Gesinnungswarten mit jakobinischem Eifer an den Internet-Pranger gestellt. Die Schuldigen sind schnell gefunden, das Urteil ebenso: „rechtsradikal“. Wie die Feme-Richter vergangener und angeblich weniger aufgeklärter Zeiten bleibt man anonym. Man verbirgt sich zwar nicht mehr unter einer schwarzen Kapuze, aber hinter einem Codenamen. Was aber ist denn nun genau „rechtsradikal“? Den einschlägigen Internet-Foren zufolge ist bereits „rechtsradikal“, wer Überzeugungen vertritt, die dem Geist des Grundgesetzes und der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts entsprechen. Für den besonderen Schutz von Ehe und Familie eintreten? Rechtsradikal! Für einen Patriotismus eintreten, der für die vom Grundgesetz vorgesehene Flagge mit den Farben Schwarz, Rot und Gold, dem gegen Obrigkeitsstaat und Restauration gerichteten Sinnbild republikanischer Freiheit, den Respekt einfordert, den die Bürger anderer Staaten ihrer Flagge selbstverständlich erweisen? Rechtsradikal! Absingen der Nationalhymne in den Schulen (anderswo selbstverständlich)? Rechtsradikal! Sich zur Parlamentsarmee Bundeswehr zu bekennen, die zur Erhaltung des Friedens in Europa beigetragen hat und die heute auch von jenen, die sie einst abschaffen wollten, mit Eifer in den sinn- und nutzlosen Krieg in Afghanistan getrieben wird? Rechtsradikal! Vor der Gefahr die Augen nicht zu verschließen, die der öffentlichen Ordnung durch schlecht integrierte Einwanderer droht? Rechtsradikal! Den Anspruch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zurückzuweisen, der die in Deutschland lebenden Türken mit und ohne deutschen Paß für die Interessen seiner Regierung in Ankara einzuspannen versucht? Rechtsradikal! Die Paradoxie bei all dem liegt darin, daß sich dadurch jene, die paranoisch Deutschland verweigern wollen, unbewußt als Propagandisten einer Sonderrolle Deutschlands in der Welt hervortun. Auch an ihrem Wesen soll die Welt genesen. Diese Art des Größenwahns hat leider Tradition in einem Teil der deutschen Gesellschaft, ebenso wie Ausgrenzung und Diskriminierung Andersdenkender. So wie man einst auf „Volksschädlinge“ Jagd machte oder während der heute schon wieder von vielen verklärten 68er-Zeit als rote SA gegen „Imperialisten“, „Faschisten“ und „Reaktionäre“ daheim und anderswo marschierte, Universitätsseminare sprengte und unter den Porträts von Machos (Che Guevara) und Massenmördern (Lenin, Stalin, Mao) für Frauenbefreiung, Frieden und Menschenwürde demonstrierte, so bläst man heute zum „Kampf gegen Rechts“. Wer will, kann hier historische Kontinuitäten entdecken. Der Anklage- und Ausgrenzungsfuror genügt sich selbst, er braucht keine Inhalte, an denen er sich festmacht. Kein europäischer Staat ist ethnisch einheitlich. Der Gedanke der von Patriotismus getragenen einheitlichen Nation ist daher eine notwendige ideelle Stütze für den Zusammenhalt der heterogenen modernen europäischen Staatsgebilde. Der Begriff der Nation ist aber auch fragil, denn ihm entspricht eher ein integratives politisches Programm als ein empirisch objektivierbarer Tatsachenbestand. Seine stärkste objektive Stütze findet dieser Begriff in der Selbstzuschreibung der Betroffenen, die sich als Nation begreifen. Andere Akteure aus China, Japan und Ostasien treten auf die Weltbühne, wo es nicht zum guten Ton gehört, die eigene geschichtlich gewordene Identität, die eigenen Institutionen oder die eigene Religion lächerlich zu machen und mit Schmutz zu bewerfen. Daher muß sorgsam und verantwortungsbewußt mit ihm umgehen, wer auf die Integration des Gemeinwesens bedacht ist. Das ist ein Gebot politischer Vernunft, denn die Idee der Nation hat sich in Deutschland bewährt. Ihre hohe Integrationskraft hat immer wieder aus geschichtlich und kulturell objektiv Heterogenem im Bewußtsein und Empfinden der Deutschen etwas Einheitliches und Eigenes geformt. Daher hat sie immer wieder zur erfolgreichen Assimilation von Fremden geführt. Die Nachkommen der zu Anfang des 19. Jahrhunderts aus Polen ins Ruhrgebiet eingewanderten Bergarbeiter sind ein gutes Beispiel; in ihren Reihen sind auch die Vorfahren des Verfassers dieser Zeilen zu finden. Seine einheitsstiftende Kraft machte den Begriff Nation quer durch alle politischen Lager, von rechts bis links, konsensfähig. Sogar die SED hielt in ihren Parteiprogrammen an der Idee der deutschen Nation fest, wenn auch klassenkämpferisch und internationalistisch verbrämt: So ist beispielsweise von der „sozialistischen Nationalkultur“ einer „sozialistischen deutschen Nation“ die Rede, die das „Volk der Deutschen Demokratischen Republik“ umfaßt und das „fortschrittliche und humanistische Erbe der deutschen Geschichte“ in sich aufnimmt. Dieses Beispiel zeigt, daß es im Falle von Nation und Patriotismus überhaupt nicht um Rechts oder Links geht. Die Antifa-„KämpferInnen“ stehen nicht etwa politisch links, sondern nirgendwo. Sie leben in einer selbstgeschaffenen politischen Phantasiewelt und können sich in die reale Welt nur durch das Aufstellen von „rechtsradikalen“ Watschenmännern einklinken. Sie versündigen sich auch an den Einwanderern und ihren Nachkommen, denn von einem wirklichkeitsfremden Multikulturalismus bewegt, wollen sie deren Integration als Mitglieder der deutschen Nation verhindern. Ihr nach innen gerichteter Versuch der ideologischen Gleichschaltung tritt nach außen hin als neo-imperialistische Anmaßung auf: Allen Lippenbekenntnissen zur „kultureller Vielfalt“ zum Trotz geht es um die Durchsetzung einer Lebensform: der eigenen. Dabei kann der „Kampf gegen Rechts“ große Erfolge verzeichnen, auch dank der „Staatsknete“, die für ihn zur Verfügung steht: Wissenschaftler, Journalisten und auch Politiker ehemals konservativer Parteien lassen sich aus lauter Angst, heute noch als „konservativ“ oder „unmodern“ bezeichnet zu werden, als „nützliche Idioten“ für ihn einspannen. Die Moderne ist aber schon längst nicht mehr allein in Euro-Amerika zu Hause. Andere Modernen in Japan, China und den Schwellenländern Ostasiens treten auf die Weltbühne, wo es nicht zum guten Ton gehört, die eigene geschichtlich gewordene Identität, die eigenen Institutionen oder die eigene Religion lächerlich zu machen und mit Schmutz zu bewerfen. Es sieht nicht danach aus, als würden diese erfolgreichen Modernen der neuen westlichen total­emanzipatorischen Leitkultur folgen. Will er mithalten, dann wird der Westen wieder die Unaufhebbarkeit sozialer Interdependenz entdecken und jene vertikalen Bindungen von neuem wertschätzen lernen müssen, die den Erfolg der „anderen Modernen“ mit bedingen. Wieder einmal wird es dann heißen: Ex oriente lux — „aus dem Osten kommt das Licht“. Der Casino-Kapitalismus wird dann überwunden sein, und mit ihm dürften auch seine ideologischen Korrelate verschwinden.   Prof. Dr. Thomas Bargatzky lehrt Ethnologie an der Universität Bayreuth. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt „Wo Marx und Engels recht hatten“ (JF 28/08).

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles