Außergewöhnlich, aber erklärbar

Skeptikern galt der Einsturz des dritten Hochhauses des World Trade Center sieben Stunden nach dem Fall der Zwillingstürme lange Zeit als „rauchender Colt“ in einer Beweiskette, die den US-Geheimdiensten die Verantwortung für die Terroranschläge vom 11. September 2001 zuweisen sollte. Ein kurz vor dem siebten Jahrestag herausgegebener Untersuchungsbericht kommt dagegen zu dem Schluß, herabstürzende Trümmer und schwere Brände auf mehreren Stockwerken hätten den WTC-7-Kollaps verursacht. Die Verschwörungstheorien werden dennoch nicht abreißen. In dem Gebäude hatte sich nicht nur eine CIA-Abteilung befunden, sondern auch das Katastrophen-Lagezentrum des damaligen New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani. Das gab Anlaß für Spekulationen, das 47 Stockwerke hohe Bürohaus sei beseitigt worden, weil es als Schaltzentrale der angeblich fingierten Anschläge nicht mehr gebraucht wurde und die Spuren beseitigt werden sollten. Die Tatsache, daß das Gebäude wie nach einer Profi-Sprengung in sich zusammengesackt war, gab den Gerüchten zusätzlichen Auftrieb. Selbst die rechtzeitige Evakuierung der 4.000 Büroangestellten galt als verdächtig. Shyam Sunder, Chef des Building and Fire Research Laboratory (BFRL) am National Institute of Standards and Technology (NIST), sieht in dem Einsturz ein außergewöhnliches, aber erklärbares Ereignis. Trümmer des 170 Meter entfernten ersten WTC-Turms hätten in mindestens zehn Stockwerken heftige Brände ausgelöst, die sich sukzessive ausgebreitet hätten. Der Verdacht, gebunkerter Treibstoff sei für die Brände verantwortlich, habe sich nicht erhärtet. Die Feuer seien außer Kontrolle geraten, weil das Sprinklersystem versagt habe. Schuld daran sei die Beschädigung der Hauptwasserleitung durch den Einsturz der Zwillingstürme. Auf den Vorwurf, das Brandbekämpfungssystem sei kurz vor der Katastrophe in den Testmodus versetzt und die Brandsensoren deaktiviert worden, geht das NIST nicht ein. Durch die schweren Feuer seien die Verbindungen zwischen einer tragenden Säule und den angrenzenden Bodenträgern gelöst worden, worauf zuerst die betroffene Säule 79 und dann nacheinander die gesamte Struktur nachgegeben habe. Das glatte Zusammensacken des WTC 7 erklärt der NIST-Bericht damit, daß die Außenkonstruktion länger standgehalten habe und später von der Innenstruktur mitgerissen worden sei. Gegen die Sprengungsthese sprechen laut NIST schon die aufwendigen Vorbereitungen, die dafür nötig gewesen wären. Ausdrücklich geht der Bericht auf die Vorwürfe des Physikwissenschaftlers Steven Jones aus Utah ein, der Hinweise auf den Einsatz des Sprengstoffs Thermit gefunden haben wollte: Die dafür erforderlichen großen Mengen dieses Explosivmaterials hätten kaum unbemerkt vorher in das Gebäude geschafft und an den tragenden Säulen angebracht werden können. Die Aussage des Sicherheitsmannes Barry Jennings, der im Kritiker-Video „Loose Change“ (JF 37/06) zitiert wird und bei seinem Aufenthalt zwischen dem sechsten und achten Stockwerk zwei Detonationen gehört haben will, weist der Bericht als subjektive Überwahrnehmung zurück, die von keiner Video- oder Tonaufnahme der Katastrophe bestätigt werde. Gleichwohl muß auch Direktor Sunder einräumen, es sei der erste bekannte Fall, daß ein so großes Gebäude allein durch Feuer zum Einsturz gebracht worden sei. Für seine Untersuchungen mußte sich das NIST überdies vor allem auf aufwendige Computersimulationen stützen, da die Trümmer, vor allem die Stahlträger, rasch entsorgt worden waren oder nicht mehr identifiziert werden konnten. Verstummen werden die Skeptiker daher nicht. Das NIST ist eine US-Bundesbehörde, die für Standardisierungsprozesse zuständig und in etwa mit der deutschen Physikalisch-Technischen Bundesanstalt  vergleichbar ist. Die Untersuchungen, die NIST über das WTC 7 und zuvor die Zwillingstürme geführt hat, dienten zunächst dem Erkenntnisgewinn zur Katastrophensicherheit. Gleichwohl legt der Zeitpunkt der Veröffentlichung nahe, daß der WTC 7-Bericht ebenso wie seine Vorgänger auch Fortsetzung einer regierungsamtlichen Informationskampagne ist, die den Verschwörungstheorien rund um „9/11“ begegnen soll. So war das NIST schon der Ansicht entgegengetreten, die Zwillingstürme seien durch Sprengladungen gefällt worden, brennendes Kerosin sei für den Einsturz verantwortlich. Diese und weitere Berichte veröffentlichte die US-Regierung bereits 2006 auf einer offiziellen Internet­seite, die sich explizit der Widerlegung von „9/11“-Theorien widmete. Der Behauptung, das Pentagon sei damals nicht von American-Airlines-Flug 77 getroffen worden, sondern von einer „Drohne“, wird etwa die Bergung der Flugpassagiere und der toten Pentagon-Mitarbeiter entgegengehalten. Auch für verdächtigen Insider-Aktienhandel vor dem 11. September habe man keine Beweise gefunden. Der „4.000 Jews Rumor“-Theorie wird ein Anteil von bis zu 15 Prozent jüdischer Opfer am 11. September entgegengestellt. Den nächstliegenden Einwand bringt aber die US-Regierungsseite nicht: wie es sein kann, daß bei einer so weitreichen Verschwörung bislang alle „dichtgehalten“ haben und kein „Mitwisser“ aus den mehr als ein Dutzend US-Geheimdiensten seine Kenntnisse zu Geld oder Ruhm gemacht hat. Die US-Regierungsseite zu 9/11: https://usinfo.state.gov/media/misinformation.html NIST im Internet: https://wtc.nist.gov/pubs/ ZDF-“History“-Sendung „Das Geheimnis des dritten Turms“: www.zdf.de/ZDFmediathek/content/578660?inPopup=true Foto: Aufräumarbeiten am WTC 7: Wieso haben bei einer so großen „Verschwörung“ alle „dichtgehalten“? Weitere Berichte und Interviews rund um das Thema „9/11“ finden sich unter: www.jungefreiheit.de

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