Joachim Kuhs

 

Sieg des Lebens

Abtreibung habe es immer gegeben und werde es immer geben: Mit solchen „Argumenten“ rechtfertigen Feministinnen ein Selbstbestimmungsrecht der Frau, das nach solcher Diktion die Herrschaft über Leben und Tod der Leibesfrucht miteinschließt. Sie haben ja recht: Es gab immer Frauen, überall, die abgetrieben haben – meist aus direkt existentieller Notlage. Andererseits solche, die es nie tun würden: In der oberschlesischen, streng katholischen Heimat meiner Mutter kamen im Herbst 1945 zahlreiche kleine „Russenkinder“ zur Welt. „Am Ende war er hübscher als alle anderen“, sagte meine Großtante, eine einfache Stallmagd, über ihren so schmach- und schmerzvoll empfangenen Sohn. Das sind Extremfälle. Keine(r) sollte sich ein Urteil erlauben über Frauen, die nach Vergewaltigung oder wegen Gefahr für Leib und Leben abtreiben. Wie viele sind das? Nach plausiblen Schätzungen des Osnabrücker Sozialwissenschaftlers Manfred Spieker sind seit 1974 (faktische Freigabe der Abtreibung) in Deutschland über 8 Millionen Ungeborene ums Leben gebracht worden. Die immer wieder vorgebrachte Rede, daß sich keine Frau „leichtfertig“ zu einem solchen Schritt entscheide, gerät angesichts dieser Zahl zu einem geradezu obszönen Relativismus. Wie weit, bitte, definiert sich denn eine existentielle Notlage in einem Sozialstaat wie unserem? Die Zeiten, da ledige Mütter diffamiert und Familien in Notsituationen allein gelassen würden, sind passé, die Zeiten mangelnder Verhütungsmöglichkeiten ebenfalls. Daß Abtreibungen selten aus privater Hand bezahlt werden müssen, sondern mit jährlich über 40 Millionen Euro zu Lasten der öffentlichen Krankenkassen gehen – dies nur nebenbei. Jährlich werden hierzulande rund 2.000 Abtreibungen nach der 12. und weitere 200 nach der 22. Schwangerschaftswoche vorgenommen, meist, weil beim Kind eine Behinderung prognostiziert wurde. Immer wieder beklagte Alice Schwarzer, die Vorkämpferin einer freizügigen Abtreibungsregelung, daß „Patriarchat“ und „Klerus“ von abgetriebenen „Kindern“ reden, anstatt zur Entmystifizierung (eigentlich: Entpersonifizierung) des „himbeerähnlichen Zellklumpens“ das neutrale Wort Fötus zu verwenden. Nun zierte in den vergangenen Tagen das Foto der sechsmonatigen Kimberly die Titelseite zahlreicher Zeitungen. Das Mädchen kam mit einem Gewicht von 300 Gramm (Schlagzeile: „So klein wie ein Kugelschreiber“) in Göttingen zur Welt und wurde unter Anwendung von Intensiv- und modernster Apparatemedizin am Leben gehalten. Als Sieg des Lebens wurde diese Nachricht gefeiert. Niemand, der sich nicht mit der Mutter an den „großen Kulleraugen“ des neuen Erdenbürgers freuen würde, auch wenn das künftige Leben von Kimberly und ihrer Familie dauerhaft von der Norm abweichen wird. Eine ganze Schar von Ärzten kämpfte monatelang im Göttinger Universitätsklinikum um das Frühchen, während nur einige Türen entfernt durch Abtreibung vielfach Leben genommen wurde, das – im doppelten Sinne – nicht weniger Gewicht hatte. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Es ist die Mischung aus Ich-Sucht und Perfektion der Technik, die die uralte traurige Praxis der Abtreibung so unmenschlich und grausam werden läßt.

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