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Liebgewordene Traditionen

Wenn sich am 15. September dieses Jahres auf Manhattans Fifth Avenue zum 50. Mal die deutsch-amerikanische Steuben-Parade jährt, dann wird man davon im Land der Dichter und Denker wohl kaum Notiz nehmen. Dabei ist Deutschland so populär wie nie zuvor – zwar nicht in der Heimat, dafür in Amerika. Ob Autobahn, Zeitgeist, deutsche Autos, Oktoberfest, Heidelberg oder deutsches Bier – die US-Bürger wissen, was deutsch und somit gut ist. Was die Amerikaner den Deutschen, oder vielmehr einem einzelnen Deutschen zu verdanken haben, dessen ist man sich von der Ost- bis zur Westküste wohl bewußt. Die Rede ist von Friedrich Wilhelm von Steuben, jenem General der Preußischen Armee, der vor mehr als zweihundert Jahren wesentlichen Anteil daran hatte, daß die USA ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erlangten. Von Steuben ging 1777 auf Empfehlung des damaligen amerikanischen Botschafters in Frankreich und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, Benjamin Franklin, nach Nordamerika, wo zwei Jahre zuvor der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg ausgebrochen war. Dort trat er in die amerikanische Kontinentalarmee unter der Führung George Washingtons ein und baute ab 1778 als Generalmajor und Generalinspekteur die aus circa 5.000 unerfahrenen Freischärlern bestehende Armee taktisch und operativ auf. Ohne den General aus „Germany“ – und darüber ist man sich in der Neuen Welt einig – wehte in den USA heute immer noch der Union Jack und nicht das Sternenbanner. „Als ich mein Schwert zur Verteidigung dieser Staaten zog, tat ich es mit dem Entschluß, daß nur der Tod mich zwingen solle, es niederzulegen“, so schrieb von Steuben am 4. Dezember 1782 an den Präsidenten des amerikanischen Kongresses, Elias Boudinot. Zu Ehren seiner Verdienste um die amerikanische Unabhängigkeit und als Symbol der Freundschaft zwischen Deutschland und den USA findet die Steuben-Parade seit 1957 in New York statt. Daß es sich dabei um eine Veranstaltung von nicht unbedeutendem Rang handelt, zeigt sich darin, daß die Parade in diesem Jahr von zwei großen Staatsmännern, dem in Fürth geborenen und 1938 mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohenen späteren US-Außenminister Henry Kissinger als „Grand Marshall“ und dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als Ehrengast, angeführt wird. Als weitere Gäste werden neben dem New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg und seinem Amtsvorgänger Rudy Giuliani die Bundespräsidenten a. D. Walter Scheel und Richard von Weizsäcker erwartet. Aus der „alten Heimat“ reisen zusätzlich rund 50 deutsche Vereine und Gruppen an, die in der Parade mitmarschieren werden. Darunter so bekannte Abordnungen wie die Potsdamer Riesengarde „Lange Kerls“, die Rattenfänger von Hameln, diverse Spielmannszüge, Schützenvereine, Trachtengruppen und Kameradschaften aus ganz Deutschland. Lars Halter, General Chairman der Parade, ist sichtlich stolz: „Sie kommen aus allen Ecken des Landes, von Bayern bis zur Nordsee, vom Schwarzwald bis nach Berlin, und sie erinnern uns an liebgewordene, volkstümliche Traditionen.“ Was in Deutschland vielfach verpönt ist, das wird in den USA mit Selbstbewußtsein zur Schau gestellt und vom Publikum begeistert aufgenommen. Und so zeigt sich auch in puncto Selbstverständnis auf der anderen Seite des Atlantik ein für die deutsche Seele vollkommen ungewohntes Bild – ein typisch deutsches eben. Eines das frei ist vom stetigen Beigeschmack der Vergangenheit und einer alles überlagernden Political Correctness. In den USA hat „Germany“ ein durchweg positives Image. Deutsche Wertarbeit -„made in Germany“ – sowie deutsche Tugenden werden geachtet und hoch geschätzt, und „German Engineering“ – deutsche Ingenieurskunst – ist ein Begriff, mit dem sich deutsche Unternehmen in ihrer Marketingkommunikation gern schmücken. Die Kontraste, die bei der inneren und äußeren Darstellung Deutschlands von offizieller Seite auffallen, könnten schärfer nicht sein, denn im Ausland wird angepriesen, was die Deutschen im eigenen Land oft argwöhnisch beäugen. Das New Yorker Büro der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), wo ein Dutzend Festangestellte täglich vor der Herausforderung steht, unser Land in Nordamerika zu vermarkten, gewährt interessante Einblicke. Das Bild von einem modernen innovativen Deutschland, wie es die Bundesregierung gern vermittelt, sei in den USA gar nicht gefragt, so Ricarda Lindner, Marketing-Managerin für Nordamerika. Statt dessen existiere ein Stereotyp vom Bayern in Lederhose. Hinzu gesellen sich Begriffe wie Oktoberfest, Sauerkraut, deutsches Bier, Mercedes und BMW. Und fertig ist das Bild vom Deutschen. Der Ami habe eben eine gewisse Vorstellung von Deutschland, so Lindner, und dagegen anzukämpfen habe keinen Sinn. Aus diesem Grund empfangen den Besucher auf der Internetpräsenz der DZT in den USA (www.cometoger many.com) auch keine neutralen Hintergründe und grauen Holocaust-Stelen, sondern Bilder vom Brandenburger Tor, den Alpen, der Ostseeküste, Schloß Neuschwanstein, dem Regensburger Dom oder der Dresdner Semperoper. Und statt von Werbetextern produzierter locker-flockigen Sprüche zeugen die Texte von inhaltlicher Substanz: „Reisen Sie nach Deutschland und entdecken Sie märchenhafte Schlösser, malerische Dörfer, kristallklare Seen, schneebedeckte Berge, den mystischen Schwarzwald, atemberaubende Kreuzfahrten auf dem Rhein, traditionelle Weihnachtsmärkte und natürlich das weltberühmte Oktoberfest. Kommen Sie jetzt nach Deutschland und entdecken Sie die Geschichte und die Schönheit dieses Landes in all seinem Glanz.“ Das Bundesland Bayern sei bei den Amerikanern erklärtes Reiseziel Nummer eins, aber das trendige angesagte Berlin sei stark im Kommen, so Lindner weiter. Im Jahr 2000 haben Touristen aus den USA in Deutschland geschätzte 1,7 Milliarden US-Dollar ausgegeben, Tendenz steigend. Die Stadt Hamburg leistet sich in der New Yorker Außenstelle sogar eine eigene Repräsentantin – bei vier Millionen Übernachtungen von US-Amerikanern im Jahr deutschlandweit eine sinnvolle Investition. Neben München, Berlin und Hamburg gilt Frankfurt als eine der „Magic Cities“. Weiterhin erfreuen sich Initiativen wie „Gast im Schloß“ (www.gast-im-Schloss.de) bei amerikanischen Bürgern großer Beliebtheit. Daß Deutschland bei den Amerikanern hoch im Kurs steht, erklärt sich zum einen durch die engen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen beider Länder und zum anderen dadurch, daß ein geschätztes Viertel der US-Bürger deutscher Abstammung ist. Im Bundesstaat Texas sind es gar über fünfzig Prozent. So verwundert es auch nicht, daß der Inhaber der „Old German Bakery“ in Fredericksburg/Texas den Durchreisenden mit unverkennbarer Berliner „Schnauze“ begrüßt und sich auf der Hauptverkehrsstraße mehrere deutsche Restaurants wie der „Altdorf Biergarten“ oder „Friedhelm’s Bavarian Inn“ samt blau-weiß bayerischer Beflaggung aneinanderreihen. Im Herzen von Texas, in New Braunfels, einer Stadt, die am Karfreitag 1845 vom preußischen Prinzen Karl von Solms Braunfels gegründet wurde, ist die älteste deutsche Bäckerei in den USA, eröffnet im Jahre 1868, zu finden. Auch wird in der „Prinzenstadt“ seit 1961 jährlich im November das traditionelle „Wurstfest“ gefeiert, das konstant um die 100.000 Besucher anzieht. Bei Bratwurst, Sauerkraut und Pilsner vom Faß heißt es hier: „Willkommen zum Wurstfest! Prosit, und hab‘ Spaß!“ Offiziellen Schätzungen zufolge sind in den vergangenen dreihundert Jahren insgesamt sieben Millionen Deutsche in die USA ausgewandert. Die engen Beziehungen zwischen den beiden Ländern werden jedes Jahr am 6. Oktober – der Tag, an dem im Jahr 1623 der erste deutsche Einwanderer in die USA kam – offiziell mit dem „German-American Day“ gewürdigt. Als der wahre deutsch-amerikanische Feiertag gilt jedoch der „Steuben Day“ mit seiner Parade, die seit einem halben Jahrhundert jeweils am dritten September-Wochenende stattfindet. Auf volkswirtschaftlicher Ebene sind beide Länder eng miteinander verzahnt und füreinander wichtig, denn die Vereinigten Staaten sind nach Frankreich der zweitgrößte Markt für deutsche Exporte. Umgekehrt sind die USA nach Frankreich und den Niederlanden der drittgrößte Importeur von Gütern nach Deutschland. Das beidseitige Handelsvolumen betrug im Jahr 2005 110 Milliarden Euro. Die US-Exporte nach Deutschland lagen bei 41,3 Milliarden Euro, während die Importe aus Deutschland 69,3 Milliarden Euro betrugen. Die US-Exporte liegen hauptsächlich in den Bereichen Luftfahrt, Elektronik, Telekommunikation, Datenverarbeitung und Personenkraftfahrt. Deutsche Exporte konzentrieren sich auf Personenkraftwagen, Chemikalien und Elektrogeräte. Einer Umfrage der amerikanischen Handelskammer aus dem Jahr 2003 zufolge sind für amerikanische Unternehmen zum einen der Zugang zum deutschen Markt und zum anderen die Qualifikation der deutschen Arbeitnehmer die Hauptgründe für Investitionen in Deutschland. Gegen Deutschland als Investitionsstandort sprechen andererseits die hohen Personalkosten, der hohe Regulierungsgrad, die hohen Steuern, der unflexible Arbeitsmarkt und die Reformunfähigkeit des Landes. Neben Wirtschaft und Politik werden in den zwei Hauptanlaufstellen für Deutschland-Fans in New York, dem „Loreley Biergarten und Restaurant“ und dem bayerischen Biergarten „Zum Schneider“, die Bundesligaergebnisse diskutiert und Geschichten aus der Heimat erzählt. Wen kulinarisch das Heimweh packt, der kann sich am „German Deli“ in der Grand Central Station mit Schlachteplatte, Kartoffelsalat und Wurst und Käse eindecken. Und auch für das Seelenwohl ist gesorgt. Auf der 22. Straße zwischen achter und neunter Avenue befindet sich die Evangelisch-Lutherische Gemeinde zu Manhattan, in der jeden Sonntag Pfarrer Wilfried Wassermann zum Gottesdienst bittet. Von ehemals mehreren deutschen Gemeinden in Manhattan ist die seit 150 Jahren bestehende St.-Pauls-Gemeinde die einzige in New York, die ein rein deutschsprachiges Programm anbietet. Derzeit zählt die Gemeinde 240 eingetragene Mitglieder, von denen ein großer Teil am 15. September als eigene Gruppe der St.-Pauls-Kirche bei der Steuben-Parade mitläuft. Fotos: Helmut Kohl als Ehrengast, Potsdamer Riesengarde „Lange Kerls“ e.V.: Eine von mehr als 50 deutschen Abordnungen auf der New Yorker Fifth Avenue Stichwort: Deutsch-amerikanischer Freundschaftsmonat Der September gilt in New York als „German-American Friendship Month“. Er ist geprägt durch eine Vielzahl von Veranstaltungen auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet – von der „Grand-Strauß-Gala“ bis zum Oktoberfest. Höhepunkt ist dann die Steuben-Parade am Samstag, den 15. September. Deren Feierlichkeiten beginnen am Freitag mit der Begrüßung der Teilnehmer durch Bürgermeister Michael Bloomberg. Ein Gala-Benefiz-Bankett schließt sich an. Die Parade selbst wird eingeläutet mit einem Gottesdienst in der St. Patrick’s Cathedral. Den Tag beschließt die deutsch-amerikanische Freundschaftsparty „Under the Big Tent“ am Central Park.

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