Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ingenieure dringend gesucht

Im April 2007 gab es erstmals in vielen Medien einen merkbaren Aufschrei: 23.000 Stellen für Ingenieure seien in Deutschland pro Monat nicht zu besetzen, war zu lesen; insgesamt fehlten der Wirtschaft rund 48.000 Ingenieure, ließ der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) aus Düsseldorf verlauten. Obwohl die Problematik den Verantwortlichen seit mindestens zehn Jahren bekannt ist, wird sie erst in jüngerer Zeit überhaupt öffentlich thematisiert. Doch wo liegen die Hintergründe dieser Entwicklung? In der Wiederaufbauzeit nach 1945 hatte sich nach den ersten Mangeljahren in der deutschen Wirtschaft schnell wieder ein Gleichgewicht zwischen einer Nachfrage nach jungen Ingenieuren seitens der Wirtschaft und dem Absolventen-Angebot seitens der Hochschulen eingependelt. Dem stetig ansteigenden Bedarf an Ingenieuren insbesondere auch mit Kenntnissen in neuen Gebieten der Elektronik und Datenverarbeitung wurde in den siebziger Jahren durch Neugründung oder Ausbau von Fachhochschulen und Universitäten Rechnung getragen. So wurden nach 1945 in der alten Bundesrepublik (bis 1990) allein im universitären Bereich beispielsweise 14 neue Fakultäten für das Studium der Elektrotechnik eingerichtet. Bis Ende der achtziger Jahre konnten Absolventen mit dem Abschluß „Diplom-Ingenieur“ – egal, ob von Fachhochschulen oder Universitäten – davon ausgehen, daß sie von der Wirtschaft erwartet und gebraucht würden. Waren bis Ende der achtziger Jahre die Anfängerzahlen für Ingenieurstudiengänge – also etwa für Elektrotechnik, Maschinenbau oder auch Informatik – trotz leichter lokaler Schwankungen stetig gewachsen, so setzte alsbald ein schwer verstehbarer Abwärtstrend ein. Im universitären Studiengang der Fachrichtung Elektrotechnik gingen die Studienanfängerzahlen bundesweit von rund 7.700 im Wintersemester 1990/91 auf rund 3.200 im Wintersemester 1995/96 zurück, wie aus neueren Statistiken des Fakultätentags Elektrotechnik und Informationstechnik abzulesen ist. Warum, so wurde gefragt, erfolgte dieser Absturz? Daß sich dieser Rückgang der Anfängerzahlen nach fünf bis sechs Jahren auch dramatisch auf die Absolventenzahlen auswirken mußte, war vorhersehbar und wurde von den Hochschulen auch nicht verschwiegen. Dabei sind diese Zahlen für die Elektrotechnik nur ein Beispiel für ähnliche Rückgänge der Anfängerzahlen in benachbarten Disziplinen wie Maschinenbau, Chemieingenieurwesen oder Informatik. Da ein Ingenieurstudium an einer Universität einschließlich der Industriepraktika und der Abschlußprüfungen etwa fünf Jahre – also zehn Semester – dauert, waren die Absolventen des kleinen Anfänger-Jahrgangs von 1995 um das Jahr 2000 zu erwarten. Dies war für die betroffenen Hochschulen auch nicht überraschend, offenbar aber wohl für viele Politiker und einige aufgeregte Medien. Auf der CeBit 2000 in Hannover wurde quasi der Nachwuchsnotstand ausgerufen: Deutschland habe nicht mehr genug eigene Fachleute, um die schöne neue Welt der Informationstechnologie (IT) bedienen und realisieren zu können. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde von der IT-Industrie gedrängt, die hoffte, über die sogenannte Green-Card-Regelung schnell ausländische Experten etwa aus Indien einwerben zu können. Der Erfolg dieser Maßnahme war mehr als enttäuschend: Nur zehn Prozent der erwarteten Nothelfer kamen als real in Deutschland lebende Menschen. Die Wirtschaft hatte auch längst erkannt, daß es bei der heutigen weltumspannenden Telekommunikation einfacher ist, den indischen Informatiker zu Hause in Bangalore programmieren zu lassen und das Ergebnis seines Fleißes – die Software – per Internet-Datentransfer dann in München oder Berlin zu nutzen. Insoweit haben die IT-intensiven Teile der Wirtschaft auf den Mangel an deutschen Informatikern ab Ende der 1990er Jahre realistisch reagiert, und die Versuchung war naheliegend, dieses Fernarbeitskonzept auch in anderen Ingenieurdisziplinen zu erproben – allerdings bis heute nur mit mäßigem Erfolg. Unverständlich ist, daß die deutschen Wirtschaftsführer, die um die Rohstoff- und Energiezufuhr und um das Investitionskapital für die Industrie besorgt waren, nicht mit gleichem Nachdruck auch für das sogenannte Humankapital gesorgt haben. Die Technischen Fakultäten der Hochschulen, die ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten- und Fachbereichstage sowie die zuständigen Berufsverbände wie VDE und VDI haben im letzten Jahrzehnt nichts unversucht gelassen, um die Ursachen des Rückgangs an Interessenten für ein Technik-Studium zu erkennen und durch geeignete Maßnahmen gegenzusteuern. Bei der Ursachen-Analyse lassen sich aus heutiger Sicht dominierend für den Rückgang drei Gründe erkennen: Erstens. Mit Beginn der Globalisierung 1988-90 wurde vielen Industrieunternehmen von mehr oder weniger qualifizierten „Beratern“ nahegelegt, ihre bewährten Ingenieure mit 58 oder früher in den Vorruhestand zu entlassen und bei der Neu-Einstellung von technischen und naturwissenschaftlichen Fachkräften möglichst sparsam zu verfahren. Schließlich könne man ja Hardware in Asien billiger dazukaufen und damit eigene Entwicklungen sparen oder sich Systemlösungen von „outgesourcten consultants“ liefern lassen. Dieser neuartige Stil in der industriellen Personalpolitik sprach sich schnell herum und veranlaßte viele junge Menschen, die durchaus einem technischen Beruf zugeneigt waren, sich gegen ein Studium der Natur- bzw. Ingenieurwissenschaften zu entscheiden. Ja, sogar im engeren Kreis der Familien warnten die zu früh auf ein Abstellgleis geschobenen Väter ihre Kinder oder andere jüngere Verwandte, doch lieber den Beruf des „gefragten Analysten“ anzutreten statt den des Physikers oder Elektroingenieurs. Hochschullehrer, die damals in den Schulen über die langfristigen guten Berufsaussichten für Ingenieure informierten und für die Aufnahme eines solchen Studiums werben wollten, hatten einen schweren Stand. Zweitens. Mit einem weitreichenden Beschluß der westdeutschen Kultusministerkonferenz 1962 in Saarbrücken wurde die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung in Gymnasien, die frühere Abiturienten alle mitbrachten, in einer unverantwortlichen Weise reduziert, wie spätere gesellschaftliche Entwicklungen gezeigt haben. Insbesondere in zwei Richtungen waren die Folgen spürbar: Junge Menschen, die nicht von sich aus den Naturwissenschaften zugeneigt waren und später vielleicht Theologie, Jura, Germanistik oder Theaterwissenschaft studierten, verloren durch den Verlust an ausreichenden Kenntnissen in den Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie sowie Mathematik den Bezug zur Realität des Lebens in unserer Industriegesellschaft und damit zur Technik als Basis des heutigen Wohlstands. So konnten sie leicht Opfer der verführenden Stimmen werden, die ohne Beweis mit unsinnigen Behauptungen über Umweltgifte, Radioaktivität oder Elektrosmog den Menschen Angst einjagten. Im späteren Beruf etwa als Pfarrer oder Deutschlehrer oder bei Print- und TV-Medien tat ihre Multiplikatorwirkung dann ein übriges. Für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die später einmal im Pharma‑, Chemie- oder Technik-Bereich hätten tätig werden wollen, war das Reduzieren des naturwissenschaftlichen Unterrichts zwar „nur“ ein Reduzieren von Anreizen, aber zusammen mit der in der Gesellschaft geschürten Chemie- und Technikfeindlichkeit dennoch eine zunehmende Demotivation schon in den berufsorientierten Jahren der Schule. Insbesondere die nach 1986 in Deutschland einsetzende Diskriminierung von Kernkraftwerken, Hochspannungsleitungen, der „neuen“ Mikroelektronik und später von Mobilfunkmasten durch bestimmte Politiker und ihre „politisch korrekten“ Sprachrohre verfehlte nicht ihre Wirkung. Schließlich sei eine weitere breitflächige Änderung im Schulalltag der letzten 40 Jahre erwähnt: die zunehmende Feminisierung des Lehrkörpers. Psychologen und Pädagogen mögen erklären, ob die Tatsache, daß heute (gemittelt über alle Fächer) nur noch rund 20 Prozent der Lehrkräfte Männer sind, Auswirkungen auf den sinkenden Wunsch der Schüler für Ingenieurberufe hat. Hierzu muß man ergänzend wissen, daß der Frauenanteil bei den Studierenden in Fächern wie Elektrotechnik oder Maschinenbau selbst im unteren einstelligen Prozentbereich liegt – stabil seit Jahrzehnten, trotz aller Werbemaßnahmen. Wie sollen Lehrerinnen für solche Berufe begeistern, in denen es fast keine Frauen gibt? Drittens. 1964 wurden in Deutschland noch knapp 700.000 Jungen und etwas weniger (ca. 7 Prozent) Mädchen geboren. Diese Geburtenrate verringerte sich seitdem, wobei die stärkste Abnahme in den ersten zehn Jahren, also bis etwa 1975 erfolgte: auf etwa 400.000 Jungen und 380.000 Mädchen. Rund 20 Jahre später, also von 1984 bis 1994 finden wir mit leichten Veränderungen durch inzwischen eingetretene Todesfälle sowie Zu- und Abwanderungen diesen Absturz der Anzahl von jungen Männern und Frauen wieder. In diesem Alter von 18 bis 20 wird in der Regel das Abitur am Gymnasium abgelegt und ein Hochschulstudium begonnen. Das heißt, die Zahl der 19jährigen stellt das Reservoir an jungen Menschen dar, die in dem jeweiligen Jahr überhaupt als Anfänger irgendeines Studiums – somit auch eines ingenieurwissenschaftlichen – vorhanden sind. Diese Erkenntnisse über die Bevölkerungsentwicklung sind keineswegs neu. Viele Wissenschaftler dieser Disziplin, allen voran der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg, weisen seit Jahrzehnten auf den Schwund an Nachwuchs hin, und alle in der Politik Verantwortlichen konnten seit den siebziger Jahren wissen, daß der Adenauer zugeschriebene Ausspruch „Kinder kriegen die Leute sowieso“ seit der Zulassung von Antibabypille und Abtreibung nicht mehr stimmt. Wundern darf man sich allerdings, daß deutsche Wirtschaftsführer, die ja mit Recht um die Sicherung von Rohstoff- und Energiezufuhr sowie Investitionskapital für die Industrie besorgt waren, in den siebziger und achtziger Jahren nicht mit gleichem Nachdruck die Politik gemahnt haben, auch für das sogenannte Humankapital zu sorgen. Nun haben wir also weniger Ingenieure, als die Wirtschaft benötigt. Da an jedem Ingenieursarbeitsplatz drei bis sieben andere Arbeitsplätze hängen, die bei Vakanz der Ingenieursstelle nicht besetzt werden, obwohl auf dem Markt die Arbeitskräfte wie Sekretärinnen, Techniker, Laboranten usw. dafür vorhanden wären, hat diese Tatsache offenbar eine induzierte Arbeitslosigkeit für andere Menschengruppen zur Folge. Die andere Seite der nicht besetzbaren Ingenieursstellen – weil eben die Ingenieure selbst fehlen – ist die Nichtausführbarkeit von Produktionsaufträgen, die bei den Kaufleuten der Firmen eingehen, aber mangels Ingenieuren nicht bearbeitet und deshalb nicht angenommen werden können. Ein Auftragsverlust heißt für die Firmen Verlust an Umsatz und Gewinn, aber für die Volkswirtschaft eben auch Verlust an Steuern für die öffentlichen Haushalte und damit letztlich an Wohlstand für die ganze Gesellschaft in Deutschland. Diese elementaren Zusammenhänge scheinen insbesondere für rot-grüne Politiker schwer verständlich zu sein, sonst würde nicht immer wieder von dieser Seite versucht, die materiellen Voraussetzungen (sichere Energieversorgung), aber eben auch die psychologischen Voraussetzungen (Stopp der Technik-Diffamierung) für den Produktionsstandort Deutschland und damit für den Wohlstand der dort lebenden Menschen zu unterminieren. Hinsichtlich technologischer Innovationen lebt Deutschland heute weitgehend von der Substanz – und nicht von den Zinsen dieser Substanz. Diese Tatsache sollte den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Medien ernsthaft zu denken geben. Die seit Frühjahr 2007 wieder steigenden Steuereinnahmen aufgrund des allgemeinen konjunkturellen Aufschwungs sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß dies auf Ingenieurs- und Forschungsleistungen vergangener Jahre beruht. Hinsichtlich technologischer Innovation und der dafür benötigten „manpower“ lebt Deutschland heute weitgehend von der Substanz und nicht von den Zinsen dieser Substanz. Diese Tatsache sollte eigentlich von allen verantwortlichen Stellen, vor allem von Politikern und von den Medien, den Menschen in Deutschland ständig ins Bewußtsein gebracht werden. Mit drei großen Blöcken an Maßnahmen sollte es gelingen, den schleichenden Abwärtstrend umzukehren: Erstens. Alle politischen Gruppierungen müssen sich zum Industriestandort Deutschland bekennen, der sowohl eine gesicherte Energieerzeugung als auch die Produktion von Investitions- und Konsumgütern umfassen muß. Verbunden damit muß auch von der Politik ein Signal an die Jugend ausgehen, daß sie in technischen Berufen auf allen Ebenen dringend gebraucht wird, insbesondere aber, daß sich die Anstrengung lohnt, Ingenieurwissenschaft zu studieren. Zweitens. Der katastrophale Geburtenrückgang muß gestoppt werden (und zwar nicht erst, wenn ausreichend Krippenplätze vorhanden sind), etwa dadurch, daß die Tätigkeit einer Mutter endlich als ein Beruf anerkannt wird, der von allen Steuerzahlern finanziert wird. Natürlich würden mehr Babys heute erst in 25 Jahren mehr Ingenieure erwarten lassen – das gilt ebenso für die vielen anderen fehlenden Fachkräfte sowie für die notwendige Altersvorsorge der Eltern selbst. Drittens. Um die mageren nächsten Jahrzehnte zu überstehen, sollte die Wirtschaft ab sofort ihre bewährten älteren Fachkräfte länger behalten bzw. die zu früh entlassenen Ingenieure wieder anwerben und unabhängig vom gesetzlichen Verrentungsalter mit individuell passenden Verträgen beschäftigen. Senioren-Ingenieure müssen nicht schwindelfrei sein wie junge Dachdecker und können auch im Alter von 70 Jahren Jüngeren noch wertvolle Erfahrung weitergeben. In Kooperation mit der Wirtschaft und den Ingenieursverbänden bieten die Technischen Fakultäten der Hochschulen schon heute eine Vielzahl von Weiterbildungskursen für die „mittlere Generation“ der in der Wirtschaft aktiven Ingenieure an. Dieses Angebot sollte dann entsprechend auf die Reserve der zu früh Verrenteten ausgedehnt werden. Natürlich sind auch noch weitere Maßnahmen denkbar: Die schon im Jahr 2000 versuchte Anwerbung von ausländischen Fachkräften mittels der Green Card hatte nur einen marginalen Erfolg. Eine Verkürzung von Schulzeit oder Studium um ein Jahr bringt auch nur einmalig einen zusätzlichen Jahrgang. Bekanntlich fehlt das Reservoir an Menschen aber für Jahrzehnte. Noch am meisten wäre zu erwarten, wenn es gelingen würde, langfristig die Berufsinteressen junger Menschen und zwar gerade auch von Frauen in Richtung Natur- und Ingenieurwissenschaften zu lenken. Allerdings müßte hierfür die veröffentlichte Meinung deutlich technikfreundlicher werden, als sie es heute ist. Wegen der heute fehlenden Ingenieure besteht für die Zukunft der Wirtschaft in Deutschland Anlaß zu großer Besorgnis, aber nicht zur Panik. Wenn die oben genannten drei großen „Maßnahmen“: Meinungswandel, Geburtenförderung und Senioren-Rekrutierung beherzigt und umgehend angefaßt würden, käme der „gewohnte Wohlstand“ in Deutschland noch einmal mit einem blauen Auge davon. Die Bürger müssen die Zusammenhänge nur kennen und den wirtschaftlichen Absturz vermeiden wollen! Mit ihrem Willen zum Weiterleben, einem leistungsorientierten Handeln und schließlich ihrem Stimmzettel an der Wahlurne haben sie die Zukunft selbst in der Hand. Prof. Dr.-Ing. Hans Brand war Direktor des Instituts für Hochfrequenztechnik der Universität Erlangen-Nürnberg und Inhaber mehrerer Gastprofessuren in England, USA und Kanada.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles