Hexenjagd auf Tom Cruise

Nachdem Deutschland zur Fußball-WM 2006 demonstriert haben soll, wie leichtfüßig, fröhlich und tolerant es in Wahrheit sei, so zeigt die Hauptstadt derzeit, wie verkniffen, bürokratisch und engstirnig dieses Land sein kann. Da kommt ein Hollywood-Regisseur (Bryan Singer) mit einem Weltklasseschauspieler (Tom Cruise) nach Deutschland und will in Potsdam-Babelsberg und Berlin einen Film über den Hitler-Attentäter Stauffenberg drehen. Er kann grandios scheitern oder Filmgeschichte schreiben mit einen Kinofilm, zu dem Deutschlands Regisseure und Produzenten sechzig Jahre Zeit hatten. Abgesehen von einigen Versuchen im kleinen Fernsehspielformat in jüngster Zeit hatte bislang niemand den Mut, geschweige denn die finanzielle und politische Unterstützung, aus diesem großen Stoff etwas für die Kinoleinwand zu machen. Sechzig Jahre haben deutsche Filmemacher verstreichen lassen, das Schlüsseldrama der jüngeren deutschen Geschichte gebührend in Szene zu setzen und den deutschen Helden auf der Leinwand wiederauferstehen zu lassen, der über alle Gestalten des 20. Jahrhunderts herausragt: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Da serviert uns nun ein amerikanischer Regisseur dieses Thema auf dem Silbertablett – und was geschieht? Seit Wochen drangsalieren Repräsentanten der deutschen Hauptstadt Tom Cruise und sein Filmteam, verweigern Drehgenehmigungen am Bendlerblock und anderen historischen Stätten, weil Cruise Mitglied der Sekte Scientology ist. Diese Hexenjagd ist ein Skandal. Die Berufsschnüffler und -verdächtiger in allen Parteien toben sich aus und freuen sich diebisch, sich an einem gemeinsamen Feind abzuarbeiten. Der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Uwe Benneter erklärt, Scientologen wie Cruise hätten es „nicht verdient, in der Öffentlichkeit als Helden und coole Superstars bezeichnet zu werden“, sie seien „nicht gesellschaftsfähig“. In provinzieller Einigkeit sekundiert Berlins CDU-Generalsekretär Frank Henkel: „Das ist eine absolute Geschmacklosigkeit“, Cruise ziehe „alles in Zweifel, wofür Stauffenberg gestanden hat“. Es war überfällig, daß jemand den Schleier aus Dummheit und kleinkariertem Ressentiment zerreißt. Mit seinem Aufsatz am Dienstag in der FAZ machte Florian Henckel von Donnersmarck seinem Namen alle Ehre und verpaßt all den Bedenkenträgern und Miesmachern, die den Film über Stauffenberg sabotieren wollen, eine grandiose Abreibung. Donnersmarck kann ein Lied von der von ihm angegriffenen „Verbotsgeilheit“ in Deutschland singen: Wie ist sein großartiger DDR-kritischer Film „Das Leben der Anderen“ (2006) kleingeredet worden! Am Ende holte der junge Regisseur triumphal den Oscar für seine Leistung ab und deklassierte die Kritik an seinem Film. Den deutschen Provinzpolitikern ist die geschichtspolitische Bedeutung des Stauffenberg-Films für das Selbstbewußtsein unserer Nation nicht bewußt. Zudem existiert eine Aversion gegen einen positiven deutschen Helden, der obendrein mustergültiger Wehrmachtsoffizier war und sein Land vor dem Untergang retten wollte. Daß dieser auch noch vom heißbegehrtesten US-Filmschauspieler unserer Zeit verkörpert wird, paßt nicht ins neurotische Weltbild einer dem Kollektivschuld-Kult und Selbsthaß frönenden Nation.

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