Dramaturgische Nebelwände

Einen „Stoff für Jahrhunderte eines Homer, der Ilias und Äneis“ nannte Hans-Jürgen Syberberg die Tragödie des ostdeutschen Untergangs. Bisher war er so gut wie nie Thema eines größeren Filmes. Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten fielen einer Allianz aus Volkspädagogik und tendenziöser Geschichtsschreibung zum Opfer. Streifen wie Frank Wisbars „Nacht fiel über Gotenhafen“ (1959/60) über den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ bleiben die Ausnahme. In dieser Hinsicht sind die beiden TV-Produktionen „Kinder der Flucht“ von Hans-Christoph Blumenberg und „Die Flucht“ von Kai Wessel Ausdruck einer lange fälligen Wende. „Kinder der Flucht“ mischte auf bewegende Weise Dokumentar- mit Spielszenen. Für Wessels Zweiteiler wurde ein ganzes Heer von Komparsen engagiert, um den Marsch der ostpreußischen Zivilbevölkerung über das gefrorene Haff glaubwürdig darzustellen. Angeführt wird der Flüchtlingstreck im Film von der jungen Gräfin Lena von Mahlenberg (Maria Furtwängler). Als Vorbild diente offensichtlich Marion Gräfin von Dönhoff; die Handlung aber ist frei erfunden. Der Film beginnt im Sommer 1944. Lena lebt mit einer unehelichen Tochter als Lehrerin in Berlin, nun wird sie aufgrund der alliierten Luftangriffe gezwungen, das Kind aufs Land zu verschicken. Als ihr Vater erkrankt, kehrt Lena auf ihr ostpreußisches Gut zurück. Ihr Onkel Rüdiger (Hanns Zischler), der sich bestens mit der Gauleitung arrangiert hat, hat dort inzwischen das Kommando übernommen. Die Familie drängt sie zur Heirat mit ihrem Cousin Heinrich (Tonio Arango). Dessen Bruder Ferdinand (Max von Thun), der Lena liebt, ist durch den Krieg zum psychischen Wrack geworden. Aber auch zwischen dem französischen Kriegsgefangenen François (Jean-Yves Berteloot) und der Gräfin machen sich unvorhergesehene Gefühle bemerkbar. Als die Rote Armee heranrückt, erscheint es Lena zunächst unvorstellbar, die Heimat zu verlassen. Doch bald gibt es keinen Ausweg mehr. Zunächst die gute Nachricht. Auf der ARD-Netzseite wird es offiziell bestätigt: Bei „Flucht und Vertreibung“ handelt es sich um ein Thema, „das lange tabuisiert wurde“. „Die Flucht“ wird als Meilenstein beworben: „Zum ersten Mal im deutschen Fernsehen widmet sich die ARD diesem Kapitel der Geschichte in fiktionaler Form.“ Die schlechte Nachricht ist, daß „Die Flucht“, wie kaum anders zu erwarten stand, den Rahmen der „Vergangenheitsbewältigung“ nicht zu sprengen vermag. Trotz des 10-Millionen-Euro-Aufwandes scheitert der Film vor allem an einem Drehbuch, dessen „politisch korrekte“ Verkrampfungen dem Stoff jedes Leben nehmen. Maria Furtwängler wurde in ein konzeptionelles Korsett gezwängt, das ihren Charakter steif und vorhersagbar macht. Als Identifikationsfigur des Films ist sie selbstverständlich von vornherein völlig immun gegen den Zeitgeist des Krieges und des Nationalsozialismus. Nicht nur wird sie als „moderne“ Frau mit unehelichem Kind ausgewiesen, ihr werden permanent Sätze in den Mund gelegt wie: „Der von uns begonnene Krieg schlug mit voller Wucht auf uns zurück.“ So verkümmert ihre Rolle zum antifaschistischen Zombie, der mit ernster, bitterer Miene alles durchschaut hat und den ganzen Film hindurch eine monotone Haltung durchexerziert. Das Pochen auf „deutscher Schuld“ wird besonders penetrant in der Figur des kriegsmüden Ferdinand eingebracht: „Der Krieg ist verloren“, klärt er seinen Vater Rüdiger auf, er müsse einsehen, „daß wir, die Wehrmacht, nicht nur kämpfen, sondern morden, Frauen, Kinder, Greise, Juden, Russen, Polen, erschossen haben wir sie, vergast!“ Man muß wahrlich kein Historiker sein, um solche Sätze eher der retrospektiven Bewältigungspädagogik als der geschichtlichen Authentizität zuzuordnen. Ferdinand endet als Deserteur und Selbstmörder, sein Bruder Heinrich hat noch Hoffnung: „Wenn wir Glück haben, sind die Amerikaner bald in Berlin.“ Der Verteidigungswille der Deutschen wird delegitimiert und reduziert auf den Fanatismus einiger untergangssüchtiger NS-Fanatiker. Es wimmelt von derartig süffisant-sadistisch lächelnden Comic­heft-Nazis, daß man sich fragt, warum alle Welt außer Gräfin Lena so dämlich ist, auf sie hereinzufallen. Die Wehrmacht wird gezielt als zweiter Bösewicht neben der Roten Armee hingestellt; sie ist grausam und scheint beinah einen Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk zu führen. Die unsagbaren Opfer, die viele Soldaten gebracht haben, um die Flucht der Zivilbevölkerung überhaupt zu ermöglichen, werden ausgeblendet. Die russischen Greuel werden dagegen heruntergespielt und beschränken sich auf eine (drastisch gefilmte) Vergewaltigungsszene und eine Tieffliegerattacke auf einen Flüchtlingszug. Kein Wort von der Angst vor Schändung, Verschleppung und Totschlag, die die Deutschen zum verbissenen Widerstand zwang. Der Höhepunkt des Films, die Flucht in Eis und Schnee, mündet schnell in die Frühlingsidylle der letzten Apriltage 1945. Zwar werden von der Wehrmacht noch in letzter Minute ein paar Deserteure erschossen, aber der Alptraum ist vorbei, der Friede da – während in Wirklichkeit für viele nun erst der stärker tabuisierte Teil des Geschehens begann, die Schrecken der Vertreibung und ethnischen Säuberung. Am Ende wird nochmals abgerechnet: Graf Rüdiger erkennt den „Kreislauf der Schuld“ und erhängt sich, Heinrich wird wegen seiner Beteiligung an der Hinrichtung der Deserteure von Lena als „einer von ihnen“ verstoßen. Lena landet schließlich in den Armen des Kriegsgefangenen François, der nun in amerikanischer Uniform gekommen ist, die „Schuldigen“ von den „Unschuldigen“ zu scheiden. Die dramaturgischen Nebelwände des Films sprechen für den aufmerksamen Zuschauer Bände und entblößen das offiziell gewünschte Geschichtsbild einmal mehr in seiner Verlogenheit. Last not least: Der gewaltige Stoff kann nicht von einem mittelmäßigen TV-Regisseur im Doppelsinne „bewältigt“ werden. Allein der im ersten Teil zelebrierte Abschied von Ostpreußen, mit einer vage als Totentanz angelegten Ballsequenz, hätte mindestens eines Visconti bedurft. Die Leere, die durch die geklitterten, ausgesparten Teile des Dramas entsteht, versucht der Film mit erzkonventionell inszenierten, privaten Liebes- und Familienkonflikten bar jeden Interesses zu füllen. In Deutschland landet offenbar jede Ambition am Ende im Tatort, in der Lindenstraße oder bei Rosamunde Pilcher. Der umgekehrte, lähmende Griff der „Bewältigung“ hat nun auch „Flucht und Vertreibung“ in Beschlag genommen. Stichwort: Flucht im Kino Die Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen, bei der um die 2,2 Millionen Menschen ums Leben kamen, fand in deutschen Kino- und TV-Großroduktionen bis dato nicht statt. Eine Ausnahme stellte der Streifen „Nacht fiel über Gotenhafen“ dar, der 1960 in die Kinos kam. Auch hier steht eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt des Kriegsdramas. Die junge Berlinerin Maria, deren Ehemann an der Ostfront kämpft, bekommt von dem geliebten Marine-Oberleutnant Hans ein Kind und flüchtet vor den Bombenangriffen der Alliierten zu einer Freundin nach Ostpreußen. Als die Rote Armee vorrückt, geht sie mit anderen Frauen auf den Treck gen Westen, wo sie ihren verwundeten Mann trifft. In letzter Sekunde erreicht Maria den KdF-Dampfer „Wilhelm Gustloff“ in Gotenhafen – auf dem Hans stationiert ist. Sie wähnt sich in Sicherheit, doch das Schiff mit 6.000 Flüchtlingen – zumeist Frauen und Kinder – wird von einem sowjetischen U-Boot torpediert und sinkt am 31. Januar 1945. Fotos: Flüchtlingstreck auf der zugefrorenen Ostsee: Die seltsam kurze Flucht durch Eis und Schnee mündet sehr schnell in die Frühlingsidylle der letzten Apriltage 1945; Unverhoffte Gefühle: Die Gräfin und der Kriegsgefangene; Unerwünschte Gäste: Nach dem beschwerlichen Treck erreichen Lena Gräfin von Mahlenberg und Gefolge ein Gehöft in Bayern; Grab im Schnee: Lena (Maria Furtwängler, Bildmitte mit Tochter) und die Gefolgschaft vom Mahlenbergschen Hof nehmen Abschied vom kleinen Benno

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