Auferstehen aus Ruinen

Eine Nacht reichte aus, um alle Baudenkmale im Zentrum der Garnisonsstadt Potsdam zu einem Ruinenfeld werden zu lassen. Nur auf den zweiten Blick war zu sehen, daß nach dem 14. April 1945 noch Hoffnung bestand, das „Venedig des Nordens“ zu retten. Die Garnisonkirche war schwer zerstört, doch der Turm noch von guter Substanz; das Stadtschloß völlig ausgebrannt, 83 Prozent der Außenmauern aber noch stabil, es war sogar kurz nach Kriegsende wieder bewohnt. Die Nachkriegsfolgen sind bekannt: Die aus der Sowjetunion zurückgekehrten Kommunisten unter Federführung der „Gruppe Ulbricht“ vollbrachten mit deutscher Gründlichkeit das von den alliierten Bomberverbänden begonnene Vernichtungswerk. Preußens Auflösung traf auf wohlwollende Resonanz Der Beschluß der Siegermächte vom 25. Februar 1947, Preußen aufzulösen und zu verbieten, traf auf wohlwollende Resonanz der neuen Regierungsclique. Da die Nationalsozialisten eine Traditionslinie von Friedrich II. über Bismarck zu Hitler herstellten, war Preußen als „Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland“ restlos auszumerzen, jeder Herd „militaristischer“ und „faschistischer“ Gesinnung bedingungslos zu vernichten – im Geiste wie auch in der Bausubstanz. Das traf nicht nur Berlin mit seinem Stadtschloß, Leipzig mit seiner Universitätskirche, das traf vor allem Potsdam. Die Sprengung der Garnisonkirche wurde 1968 vom DDR-Fernsehen trefflich inszeniert, die Schleifung des Stadtschlosses fand bereits 1960 unter Protest statt, und der Stadtkanal wurde 1962 mit der Begründung komplett zugeschüttet, er verschlechtere die hygienischen Zustände in der Stadt erheblich. 1974 wurde schließlich das letzte schwer beschädigte Wahrzeichen, die Heiliggeistkirche, gesprengt. Erstaunlich, daß die SED-Machthaber das Schloß Sanssouci nicht zu einer Arbeitersiedlung umfunktionierten. In Potsdam sollte fortan der Geist des Sozialismus wehen – und das tat er auch. Vor riesigen 15stöckigen Wohnhäusern verschwindet noch heute die Pumpstation für den Park Sanssouci im Stil einer Moschee fast in der Bedeutungslosigkeit. Vom Standort des ehemaligen Stadtschlosses blickend, konnte nur noch eine sechsspurige Hauptverkehrsstraße wahrgenommen werden, die als Wilhelm-Külz-Straße in die Leninallee mündete: Der Sozialismus brauchte in jeder Bezirkshauptstadt einen Aufmarschplatz. Potsdam und Preußen sollten nichts mehr miteinander zu tun haben. Dem Marstall an der Breiten Straße als letztem verbliebenen Teil des Stadtschloßkomplexes sollte eigentlich im Zuge des Projektes „sozialistische Innenstadt“ das gleiche Schicksal zuteil werden. An gleicher Stelle plante das Politbüro Erweiterungsbauten für das heute noch stehende Interhotel (Hotel Mercure). Indes vereitelte die Absetzung von Walter Ulbricht durch Erich Honecker weitere Abrisse. Mit Honecker an der Spitze von Partei und Staat erfuhr das Verhältnis der DDR zu Preußen und seiner langen wechselvollen Geschichte allmählich eine Wende. Man suchte lange und fand schließlich positive Bezugspunkte zum einstigen Intimfeind. Ende der siebziger Jahre veröffentlichte die Historikerin Ingrid Mittenzwei eine in Ost und West vielbeachtete Biographie „Friedrich II. von Preußen“, deren zweite Auflage sogar ein Kapitel über „Friedrich den Großen“ enthielt. Das 1950 im Park Sanssouci versteckte Reiterstandbild vom wohl bekanntesten preußischen König wanderte wieder an seinen alten Standort Unter den Linden und wurde vom Zentralsekretär Honecker höchstselbst als „ein Stück Kultur des Volkes“ bezeichnet. Es gab weitere Motive für die SED-Führung, ihr Bild vom Hohenzollernstaat zu verändern, denn auch in anderen sozialistischen Staaten erinnerten die Parteiführungen Ende der siebziger Jahre verstärkt an die Geschichte, um Legitimation und Loyalität zu gewinnen – und viel blieb nicht übrig, was sich auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone abspielte. Im staatlichen Lehrplan wurden sehr ausführlich die „Schlesischen Weber“ und der „Spartakusaufstand“ behandelt, nur war der eine Ort nicht mehr Deutschland, der andere lag im Westen. Da lag Preußen nahe. Nach der Komplettierung des Denkmals gab es DDR-weit das nette Bekenntnis zum Preußenkönig: „Alter Fritz steig Du hernieder, und regier uns Preußen wieder! Laß in diesen mageren Zeiten lieber unseren Erich reiten.“ 1989 versuchte man, ein Theater auf dem Baugrund des Potsdamer Stadtschlosses zu etablieren, um die 20jährige Brache zu beenden. Der Fünf-Jahres-Plan sah eine Fertigstellung bis 1992 vor, dazu kam es jedoch nicht mehr. Ein 15 Meter hoher „Gleitkern“ aus Beton war schon fertiggestellt worden, der später die Bühnentechnik beherbergen sollte. Die Wende kam und kurz darauf die Euphorie, alles wieder so erstehen zu lassen, wie es einmal war. Der Betonklotz mit den Maßen von 20 mal 20 Metern wurde abgerissen und statt dessen 1992 eine Fertighalle hingestellt, die als Provisorium für vier Jahre das Theater beherbergen sollte. Das „Provisorium“, im Volksmund auch Blechbüchse genannt (drinnen war die komplette Geräuschkulisse der Straße zu vernehmen), steht heute noch, das Theater zog erst im Herbst vergangenen Jahres um. Doch 40 Jahre Sozialismus hinterließen Spuren in den Köpfen der Menschen. Noch heute kommen SPD und die SED-Nachfolger in manchen Teilen Potsdams zusammen auf über 80 Prozent der Stimmen. Linksextreme haben sogar im Stadtparlament mit der Fraktion Die Andere parlamentarische Funktionen übernommen. Die Stadt selbst hat mehr als zehn besetzte Häuser, von denen viele „antifaschistische“ Aktionen ausgehen. Besinnung auf Geist und Kultur des Preußentums Als Anfang der neunziger Jahre die „Langen Kerls“ vor dem Brandenburger Tor als Touristenattraktion auftauchten, machten Antifa-Gruppen mobil, einen solchen „militaristischen Mummenschanz“ könne man nicht dulden. Wachtparaden nach Vorbild der englischen Palastwache wurden mit Buttersäureattacken und Sprechchören erfolgreich gesprengt. Auch die junge freiheit blieb 1994 nicht vor linksextremen Auswüchsen verschont. Demonstrationen und Aufrufe an die Öffentlichkeit wirkten und waren Ursache für den Umzug der Redaktion von Potsdam nach Berlin. Vor dieser Kulisse ist es ein kleines Wunder, daß sich trotzdem Initiativen bilden konnten, deren Mitglieder eine Besinnung auf Geist und Kultur des Preußentums forderten. Das Geläut der Garnisonkirche wurde bereits im April 1991 aufgestellt. Der Stadtkanal fand so viele Befürworter, daß Teile wiederhergestellt werden konnten und an einer kompletten Wiederherstellung projektiert wird. Siegfried Benn, Vorsitzender des Fördervereins für die Wiederherstellung des Stadtkanals, gab sich gegenüber der JF auch zuversichtlich. Die Machbarkeitsstudie habe ergeben, daß Gesamtmittel in Höhe von 65 Millionen Euro nötig wären, so Benn. Die Stadt stehe dem auch positiv gegenüber, jedoch mangele es wie vielerorts am Geld. Das in den Jahren 1722/24 gebaute Militärwaisenhaus mit seinem stadtbildprägenden Monopteros wurde bis 2001 komplett saniert, und dank vieler öffentlicher und privater Spender wurde 2004 auch die Kuppel wiederhergestellt. Der Kaiserbahnhof am Neuen Palais, den Kaiser Wilhelm II. oftmals nutzte und in welchem nur sein Zug hielt, wurde 2005 komplett restauriert und dient der Deutschen Bahn als Schulungszentrum für Führungskräfte. Die Gardeulanen-Kasernen sind teilweise fertiggestellt und als Büros, Wohnungen oder Sportanlagen der Öffentlichkeit zugänglich. Die letzten Teile der Gesamtanlage werden zur Zeit noch saniert. Anlaß zur Sorge bietet nur noch das Projekt der Wiedererrichtung des Stadtschlosses. Das schon 2001 originalgetreu errichtete Fortunaportal steht seit fünf Jahren verlassen auf dem Platz vor der Nikolaikirche. Fernsehmoderator Günter Jauch ist zu verdanken, daß sich überhaupt Geldgeber dafür fanden. Jauch hoffte auf eine „Initialzündung“ und war sehr enttäuscht über die Entscheidungen der Stadtverordneten im November vergangenen Jahres. Nach zwei erfolglosen Abstimmungen, die zweite bedeutete sogar die Niederlage der Schloßbefürworter (JF 50/06), wurden alle Potsdamer Bürger befragt. Von den beteiligten 46,1 Prozent (56.473 Einwohner) stimmten 42,8 Prozent für einen Landtag auf dem Areal des Stadtschlosses. Aus dem Stadtschloß ist ein Landtagsneubau geworden Angesichts dieser überraschenden Wende fühlte sich sogar die SED-Nachfolgepartei bemüßigt, ihren allzu antiquierten Standpunkt „zu überdenken“. Auf ihrer Sitzung vom 31. Januar dieses Jahres beschloß die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung, dem Bebauungsplan doch zuzustimmen. Fraktionschef Jürgen Scharfenberg ließ sich die Stimmen seiner Fraktion jedoch teuer bezahlen. In den begleitenden Festlegungen zum Beschluß heißt es auf Druck der PDS-Linkspartei: „Es wird ein Sanierungsprogramm aufgelegt, mit dem sichergestellt wird, daß in den Jahren von 2008 bis 2011 mindestens 55 Millionen Euro für die staatlichen Schulen und die Kindertagesstätten in Potsdam eingesetzt werden.“ Nach der letzten Sitzung ist aus dem „Baufeld Stadtschloß“ nun ein „Landtagsneubau“ geworden – viel Freiraum für wildgewordene Architekten. Die im Beschluß vom 31. Januar enthaltene Auflage, daß der Neubau die „Baukörpergliederung die strukturelle Proportionalität des Vorgängerbaus aufnehmen“ muß, ist frei von Festlegungen auf Fassadengestaltung. Im Internet steht seit dem 15. Februar 2006 nachzulesen, was die Landesregierung sich unter einer Wiedererrichtung vorstellt. https://www.brandenburg.de/media/1387/Machbarkeitsstudie- Internetfassung.pdf. Diese Machbarkeitsstudie läßt nur einen Schluß zu: Weder Finanzminister und Potsdamer SPD-Chef Rainer Speer noch die Landes-PDS haben Interesse an einer einigermaßen historischen Fassade. Präsentiert werden „Zitate“, die kaum den Geist des Hohenzollernbaus widerspiegeln, wohl eher aber einem Architekten ein Leben im Überfluß ermöglichen. Stichwort: Verein Potsdamer Stadtschloß Der Verein Potsdamer Stadtschloß fordert den Wiederaufbau und die Nutzung des Schlosses innerhalb eines Landtagskomplexes. Er ist aus dem Bürgerverein für den Aufbau des Fortunaportals hervorgegangen. Der Verein wirbt um Mithilfe dafür, Potsdam die verlorene Mitte zurückzugeben. In diesem Sinne geht es ihm darum, „Wunden zu heilen, um einen Blick zurück ohne Zorn“ – darum, Tradition und Moderne zu versöhnen. Denn gerade diese Versöhnung mache „die Idee ‚Parlament im Potsdamer Stadtschloß‘ vergleichbar mit dem weltweit beachteten Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche.“ www.stadtschloss-potsdam.org Fotos: Ausgrabungsarbeiten auf dem Schloßareal: Verloren steht das Fortuna-Portal auf dem Alten Markt (im Hintergrund das Studentenwerk); Gardeulanen-Kaserne: Teilweise für Büros und Wohnungen saniert; Militärwaisenhaus: Durch Spenden wieder mit Kuppel versehen; Zugeschütteter Stadtkanal mit Kellertor-Brücke: Noch fehlt es an Mitteln zur Wiederherstellung

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