Die Händler kehren in den Tempel zurück

Zum Schulsport gehen die Schüler der Trierer Bistumsschulen in die ehemalige Reichsabteikirche Sankt Maximin. Die im 10. Jahrhundert erbaute ehrwürdige Hallenkirche ist die früheste ottonische Großkirche zwischen Maas und Elbe und wurde später im gotischen Stil umgebaut. Seit 1995 hat sie eine Doppelfunktion als Sporthalle und Konzertsaal. In einem Anbau befinden sich die erforderlichen Umkleiden und Stuhllager. Im Kirchen­innern hat man nicht nur bewegliche Vorhänge an Metallschienen sowie eine Dreifachverglasung zur Schalldämmung angebracht, sondern auch einen Akustikputz, der die Nachhallzeit erheblich reduziert. Nicht nur Deutschlands älteste Stadt, das katholische Trier, hat mehr Kirchen, als heute benötigt werden. In der ehemals protestantischen, heute heidnischen Bundeshauptstadt hat die evangelische Kirche ihr Gotteshaus St. Johannes-Evangelist in Berlin-Mitte ebenfalls aufgegeben. Dort finden jetzt Kulturveranstaltungen statt. Damit sind nicht nur klassische Konzerte gemeint. Schon vor zwei Jahren ließ Modeschöpfer Wolfgang Joop hier bei elektronischen Beats seine Models die neueste Haute Couture präsentieren. Ganz schlimm sieht es im protestantischen Norden aus Zwischen 1950 und 2000 sank die Zahl der Gottesdienstbesucher von zwölf auf vier Millionen. Das geht aus einer „Arbeitshilfe“ der Deutschen Bischofskonferenz aus dem September 2003 zur „Umnutzung von Kirchen“ hervor. Des weiteren hat die demographische Entwicklung sowie die große Zahl der Kirchenaustritte die Einnahmen aus der Kirchensteuer rapide sinken lassen. Die beiden großen Konfessionen werden in den nächsten Jahren nicht mehr in der Lage sein, alle Kirchengebäude zu erhalten, geschweige denn die erforderlichen Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. In der Handreichung der Bischofskonferenz heißt es dazu: „Das Problem betrifft keineswegs allein die Gemeindekirchen. Die Aufgabe von Klöstern, kirchlichen und karitativen Einrichtungen führt zu Leerständen von Kloster-, Wallfahrtskirchen und Kapellräumen.“ So sollen in den nächsten zehn Jahren – die Zahlen schwanken je nach Quelle – etwa 700 katholische und 3.500 evangelische Gotteshäuser abgerissen, verkauft oder umgenutzt werden. Dabei zeigt sich auch wieder das berühmte Nord-Süd-Gefälle. Während das Ruhrbistum Essen fast ein Drittel seiner 350 Kirchen aufgeben will, liegt in den bayerischen Diözesen die Zahl der betroffenen Kirchen meist im einstelligen Bereich. Ganz schlimm ist es um den protestantischen Norden bestellt. Von den rund 20.000 evangelischen Kirchen und Kapellen wird in wenigen Jahren nur noch die Hälfte für Gottesdienste benötigt. In Hamburg wird man sich sogar von zwei Dritteln aller Gotteshäuser trennen müssen. Einer der Gründe: Seit 1973 hat die Evangelische Kirche in Deutschland mehr als fünf Millionen Mitglieder verloren. Und dieser Trend setzt sich scheinbar unaufhaltsam fort. So hat die EKD erst im Sommer voriges Jahres in ihrem sogenannten Impulspapier „Kirche in Freiheit“ (JF 33/06) festgestellt, daß bei gleichbleibender Entwicklung die Mitgliederzahl von derzeit 25,6 Millionen bis zum Jahr 2030 auf 17 Millionen zurückgeht und die Einnahmen aus der Kirchensteuer sich halbieren würden. „Kein Sonnenstudio, kein Sexshop, kein Supermarkt“ Was aber soll mit den nicht mehr benötigten und nicht mehr finanzierbaren Kirchen geschehen? Diese Frage beschäftigt seit einigen Jahren Kirchen. Eine Umwidmung wird heute weitaus kritischer gesehen als noch vor zehn Jahren. So äußerte sich Pastor Helge Adolphsen, Präsident des Evangelischen Kirchentages, es sei besser Kirchen „auf Zeit stillzulegen, … als sie Diskos, Lagerhallen und Autowerkstätten auszuliefern“. Erst kürzlich gab Kardinal Karl Lehmann in der Welt zu bedenken: „Im Einzelfall kann es besser sein, Kirchen abzureißen, anstatt sie fragwürdigen Zwecken auszuliefern.“ Hier hat der Bischof von Mainz wohl vor allem solche Negativbeispiele wie jene aus den Niederlanden vor Augen, wo bereits in den achtziger und neunziger Jahren die unterschiedlichsten Möglichkeiten realisiert wurden. Dort wurde schon mehrfach das Inventar abrißreifer Kirchen versteigert, und andere ehemalige Kirchen dienen heute als Gemeindezentrum, als Eigentumswohnung, als Restaurant oder gar als Diskothek. Aufgrund des rapiden Zerfalls der niederländischen Kirche sind dort nun schon sechzig Prozent aller Gotteshäuser einer profanen Nutzung zugeführt. Jährlich kommen fünfzig weitere hinzu. In der erwähnten Leitlinie zur „Umnutzung von Kirchen“ bietet die Deutsche Bischofskonferenz „Beurteilungskriterien und Entscheidungshilfen“ an. Die Kernaussage dieses Dokuments wird gerne zusammengefaßt in der Drei-S-Formel: „kein Sonnenstudio, kein Sexshop und kein Supermarkt“. Auch von anderen Varianten, welche die Gemüter der Gläubigen zu sehr erregten, wird Abstand genommen. Eine Umwidmung einer deutschen Kirche in eine Diskothek oder gar in eine Moschee wäre heute undenkbar. Piusbruderschaft nein – Wellness-Tempel gerne In der EKD konnte man sich bislang leider nicht auf einen gemeinsamen Kriterienkatalog einigen, so finden sich hier immer noch die extremsten Auswüchse. Die Leopoldsburger Kirche in Milow an der Havel beherbergt heute eine Sparkassenfiliale, in der Kirche von Willingen im Hochsauerland befindet sich ein Restaurant mit Bierstube, das den Namen „Don Camillo“ trägt, und die Paul-Gerhardt-Kirche in Bielefeld soll künftig als Synagoge dienen. Die Martini-Kirche in Moringen, die schon seit 1983 als Kerzenfabrik samt Verkaufsraum diente, wurde gar im November 2006 bei Ebay für 480.000 Euro zum Verkauf angeboten. Wenn auch die katholische Kirche im Gegensatz zur evangelischen über Richtlinien verfügt, gibt es doch auch hier immer wieder aufsehenerregende Fälle. Im Kloster Geistingen bei Hennef wurde im Januar 2006 die letzte Heilige Messe gefeiert. Ein Verkauf an die traditionalistische Bruderschaft Pius X., die ihr Interesse bekundete, wurde abgelehnt. Nach einem Kauf durch Balbir Singh, den langjährigen Physiotherapeuten von Rennfahrer Michael Schumacher, wird das Kloster jetzt zum Wellness-Tempel umgebaut. Da werden Erinnerungen an das kommunistische Regime in Rußland wach, das die größte lutherische Kirche Rußlands, die Petrikirche in Petersburg, zum Schwimmbad umgestalten ließ. (Heute finden dort freilich wieder Gottesdienste statt.) Doch es gibt auch positive Beispiele. So wird die unter Denkmalschutz stehende Kirche St. Afra im Berliner Bezirk Wedding, die zum Verkauf anstand, seit Herbst 2004 vom neugegründeten Oratorium St. Philipp Neri genutzt, das in Gemeinschaft mit Rom steht und den alten Meßritus pflegt. Die Priester dieses Instituts übernehmen ab dem ersten Fastensonntag auch die St. Martinskirche in Püttlingen-Köllerbach im Bistum Trier, die ursprünglich als Notkirche erbaut wurde, zwischenzeitlich als Autowerkstatt diente und dann von Anhängern der Priesterbruderschaft Pius X. wieder als Kirche eingerichtet wurde. Das geistliche Erbe wurde längst preisgegeben Auch zahlreiche neuere geistliche Gemeinschaften, die das Anliegen einer Neuevangelisierung Europas verfolgen, verzeichnen starken Zuwachs und sind froh, wenn sie kirchliche Gebäude übernehmen können. Hier sind bei weitem noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Das konservativ-katholische Neokatechumenat plant, demnächst in Chemnitz ein Evangelisationszentrum zu errichten. Vielleicht läßt sich auch hier eine geeignete, vom Bistum nicht mehr benötigte Kirche finden. Das Erscheinungsbild der Kirche in Deutschland erlebt gerade einen starken Wandel. Die finanzielle Lage und das daraus resultierende „Kirchensterben“ sind hierbei ein augenfälliges Alarmsignal. Doch wo heute das materielle Tafelsilber verscherbelt wird, wurde längst zuvor das geistige Erbe preisgegeben. Zweierlei haben der Islam, der katholische Traditionalismus, die evangelikalen Freikirchen und katholische Aufbruchsbewegungen gemeinsam: Sie nehmen ihren Glauben ernst, und sie nehmen zahlenmäßig zu. Stichwort: Kirchliche Baudenkmäler Von kirchlichen Verfallsprozessen besonders betroffen sind kleine Dorfkirchen in Mitteldeutschland. Dort sind einzelne Gemeinden häufig finanziell überfordert, wenn es um die Instandsetzung und den Erhalt ihrer Kirchen geht. Aus diesem Grund hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 1997 die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) ins Leben gerufen. Zu den Aufgaben der Stiftung, die ihren Sitz in Hannover hat, gehört unter anderem die Auswahl und Betreuung förderungswürdiger Projekte, die Information der Öffentlichkeit, die Interessenvertretung bei Bund, Ländern, Kirchen und Verbänden sowie die Herausgabe eigener Publikationen. Geschäftsführer ist seit 2004 Oberkirchenrat Thomas Begrich. Weitere Informationen unter Tel.: 05 11 / 27 96-333 oder im Internet unter www.stiftung-kiba.de Foto: Modenschau von Wolfgang Joop in der St. Johannes Kirche in Berlin: „Im Einzelfall kann es besser sein, Kirchen abzureißen, anstatt sie fragwürdigen Zwecken auszuliefern“

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