Die doppelte Versuchung des Islam

Die Zukunft Europas ist der Islam – eine sachliche Feststellung, die keinerlei Werturteil über den Islam beinhaltet. Allein der Blick auf die demographische Entwicklung Europas genügt schon. „Spätestens in 50 Jahren wird Deutschland dann muslimisch sein“, schätzt der Bevölkerungswissenschaftler Gunnar Heinsohn. Für viele Gegenden in Eu-ropa ist dies schon in den nächsten zehn Jahren der Fall. Amerikanische Islamforscher wie Bernard Lewis verfassen daher bereits Totenklagen auf das abendländische Europa. Erstaunlich ist, daß der Totgesagte sein Requiem ignoriert. Mit einer Mischung aus gelangweiltem Desinteresse und morbider Faszination beobachten die geistigen Eliten Europas, wie sich in den Städten muslimische Gemeinden ausbreiten und das bisherige Gemeinwesen unterspülen. Begründet liegt diese Haltung in der Strahlkraft des Islam, die in einer doppelten Versuchung an Europa herantritt. Zum einen ist dies eine konservative, zum anderen eine liberale Versuchung. Betrachtet heute ein wertkonservativer Christ die Gegenwartsgesellschaft, so wähnt er sich nicht selten in einer gottlosen Zeit. Äußert er sich aus seinem religiösem Empfinden heraus über Dinge, die über sein Privatleben hinausgehen, so wird er von der Öffentlichkeit entweder mit Spott bedacht oder mit dem mitleidigen Respekt gegenüber einem Relikt, das die Aufklärung zu schleifen vergaß. Wie ganz anders ist da die muslimische Gesellschaft. Hier ist Gott allgegenwärtig. Er ist im Bewußtsein der Menschen, wenn sie sich begrüßen, wenn sie sich verabschieden. Er begleitet ihre Geschäfte des Tages, und sein Gebot regelt das soziale Zusammenleben bis ins Detail. Wie billig, wie verblaßt wirkt da das Christentum im Vergleich zu dieser scheinbar innigeren Religiosität. Ist es da verwunderlich, daß in der Gegenwart viele religiös gestimmte Christen eine Annäherung an den Islam suchen? Die bisherige Trennung möglichst zu verwischen oder gleich zu überspringen trachten, indem sie konvertieren? Nur irren sie sich, wenn sie vermeinen, etwas dem Christentum Gleiches oder zumindest Ähnliches anzubeten. Bei aller Vielfalt finden sich alle Christen dieser Erde, so sie nur Christen sind, in einem Satz zusammen: Jesus ist der Christus (der Gesalbte, der Messias). Nur genau in diesem einen Satz ist Mohammed, der ansonsten der Gestalt des Jesus von Nazareth gegenüber seltsam uneindeutig bleibt, unmißverständlich: Jesus ist nicht der Christus. Jesus ist nur ein Mensch, er ist nicht auferstanden. Wer also Christus sucht, der kann ihn im Islam nicht finden. Wenngleich der Islam zwar eine mögliche, verborgene Pforte zur Christus-Erkenntnis besitzt, muß doch mit aller Entschiedenheit gesagt werden, daß der Islam dem Christentum entgegengesetzt ist. Hier eine Annäherung zu versuchen, würde heißen, das Christentum aufzugeben. Wie billig, wie verblaßt wirkt für manch konservativen Christen die eigene Religion. Wie ganz anders ist da die muslimische Gesellschaft, in der Gott den Menschen allgegenwärtig ist, der ihnen bewußt ist, wenn sie sich begrüßen und verabschieden. Doch was interessieren die intellektuelle Elite heutzutage noch Fragen des Glaubensbekenntnisses. Heute ist die Selbstbestimmung des Einzelnen Ausgangspunkt unserer liberalen Gesellschaft. Die Universalität von Menschenrechten, von Demokratie und Wohlfahrt sind die neuen Grundpfeiler der europäischen „Wertegemeinschaft“. Doch diese Pfeiler stellen ein Problem dar. Denn wie ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt, sind sie im Christentum verankert. Wie kann aber etwas für sich Universalität in Anspruch nehmen, wenn es doch aus einer einzelnen Kulturströmung entstammt? Entsprechend besteht die liberale Versuchung des Islam darin, die Genese der Menschenrechte vom Christentum zu lösen und als etwas Unabhängiges und auf jede Gesellschaft Übertragbares darzustellen: säkulare Werte, die jeder Mensch annehmen kann. Heute spricht man ganz selbstverständlich von der babylonisch-chaldäischen Kultur – ganz ungeachtet der Tatsache, daß Babylonier und Chaldäer erbitterte und äußerst grausame Kriege gegeneinander geführt haben. Doch können wir dies mit Recht tun, hat doch der jahrtausendelange Abstand unseren Blick für die kulturellen Gemeinsamkeiten geschärft. Heute spricht man schon von jüdisch-christlichen Werten. Warum morgen nicht von jüdisch-christlich-muslimischen Werten? Oder, da wir gleich dabei sind: von jüdisch-christlich-muslimisch-hinduistisch-buddhistisch-konfuzianischen Werten und so weiter? Man kann ganz einfach auch gleich von universellen Werten sprechen als dem objektivsten Bezugspunkt alles Menschseins. So denkt der Liberale heute. Er glaubt, mit diesen Menschenrechten etwas gefunden zu haben, das auf alle Kulturen anwendbar ist, gleichsam ein Grundmuster noch hinter aller Religiosität darstellt. Doch leider ist dies nicht so einfach. Denn Gesetze ohne Geist sind nur leere Hüllen. Haben die Menschen keine Beziehung zu der Idee, die hinter einem jeweiligen Gesetz stehen, so wird dieses Gesetz wirkungslos bleiben oder – wo es dennoch exekutiert wird – als fremder, äußerer Zwang empfunden. Auch die besten, edelsten Grundsätze werden zu Terror, wenn sie auf eine Gesellschaft nicht anwendbar sind. Nun muß man sich fragen, was für eine Idee hinter den Menschenrechten steht und ob diese tatsächlich so universell sind, daß sie auf die gesamte Menschheit übertragen werden können. Betrachtet man die Ausformulierungen der jeweiligen Freiheitsrechte, so fällt überdeutlich auf, daß hier ein individueller Freiraum geschaffen werden soll. Der Schutz des Glaubensbekenntnisses, der freien Meinungsäußerung, die Unverletzlichkeit der Person und wie die verschiedenen Aspekte auch heißen – immer ist die Vorstellung allgegenwärtig, daß es einen Bereich gibt, wo der Mensch als Individuum geschützt werden muß, wo er für sich stehen darf, dem öffentlichen Zugriff entzogen, keinen gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt ist. Dieser Bereich negativer Freiheit ist relativ jung und noch keineswegs universell. Vergangene Kulturen und viele Kulturen der Gegenwart besitzen keine oder nur eine geringe Vorstellung von einer Privatsphäre des Menschen. Dies liegt im Menschenbild begründet. Denn es kann in einer Gesellschaft niemals negative Freiheit für sich geben. Stets muß sie sich durch eine „positive Freiheit“ überhaupt erst rechtfertigen. Der Philosoph Isaiah Berlin wies aber zu Recht darauf hin, daß sehr unklar ist, was Inhalt dieser „positiven Freiheit“ ist. So konnten in der Vergangenheit die verschiedensten totalitären Ideologien auftreten und die ärgste Gewalt und Brutalität damit rechtfertigen, daß sie im Grunde genommen nur die „wahre“, die „echte“, die „höhere Natur“ des Menschen anstreben – und daher den Menschen in Wirklichkeit befreien. Unsere Gegenwartskultur krankt an dieser Frage. Einerseits möchte sie keine scharfen Wertungen mehr zulassen, da diese die Unverletzlichkeit der Person unterlaufen. Andererseits braucht sie diese Werte. Denn nur negative Freiheit an sich ist ebensowenig ein Wert wie eine leere Hülle. Sie allein führt lediglich dazu, daß sich eine Gesellschaft letztendlich auflöst und andere Kräfte wirken, welche nicht mehr die Unverletzlichkeit der Person kennen. So stehen die Verfechter der Menschenrechte, sobald sie über den Kontinent Europa hinausgehen, seltsam hilflos da. Sprechen sie von Menschenrechten, so sprechen sie von verbindlichen Werten. Sprechen sie von Werten, so von Kultur. Nehmen sie jedoch Kultur in Anspruch, so schließen sie zugleich diejenigen aus, die an dieser Kultur keinen Anteil haben. Aus diesem Dilemma kommt man nur heraus, wenn es gelingt, eine „höhere Natur“ des Menschen zu finden, die eben nicht mehr eine bestimmte kulturelle Formation zur Bedingung hat, sondern, erst einmal erkannt, unabhängig von dieser besteht. Eine Idee des Menschen, die sich eben nicht im Postulat negativer Freiheit erschöpft, sondern dem Einzelnen klare und unmißverständliche Handlungsanweisungen bietet, wie er diesen Freiraum ausfüllen soll. Er kann sie ergreifen, da er sich in seinem eigenen Wesen, unabhängig von seiner jeweiligen Kultur, hier voll und ganz als individueller Mensch erkennen kann. Dies kann kein abstraktes Menschenrecht allein leisten, sondern nur eine lebendige Idee. Diese Idee gibt es, und sie hat einen Namen – Christus. Ohne Erscheinen des Christus hätte nicht ein einziges Menschenrecht formuliert werden können. Ohne die lebendige Kraft Christi würden wir Menschen noch immer wie Gegenstände behandeln und nicht die geringste Vorstellung vom Einzelnen als individuellen, von der Gesellschaft unabhängigen Eigenwert besitzen. „Nicht ich, sondern Christus in mir“ – dies ist die unterbewußte Rechtfertigung, mit der der Einzelne vor die Gesellschaft tritt und seine Rechte fordert. Er darf dies, weil seine innere Natur diesen Freiraum zur Entfaltung benötigt. Alles, was an neuer Sittlichkeit in eine Gesellschaft fließt, strömt aus diesem Bereich. Denn es ist der Christus, den er in seinem Innern empfindet, der sich in seinen moralischen Handlungen äußert, der in seinem Denken lebt. Diese Individualität ist es, die seine Würde ausmacht, und die zu schützen Sinn und Zweck aller staatlichen Gewalt ist. Eine Kultur, die Christus nicht kennt, kann die absolute Freiheit des Individuums nicht als Staatszweck setzen. Hier Freiraum zu gewähren, hieße für diese immer nur, dem Einzelnen die Möglichkeit zu bieten, seine niederen Instinkte auszuleben. Doch eine Kultur, die den Christus nicht kennt, kann die absolute Freiheit des Individuums nicht als Staatszweck setzen. Hier Freiraum gewähren, heißt für diese immer nur, dem Einzelnen die Möglichkeit zu bieten, seine niederen Instinkte auszuleben: Instinkte, die durch gesellschaftliche Kontrolle beständig eingehegt werden müssen, sollen diese nicht die Gesellschaft untergraben und Dekadenz und völligen Niedergang die Folge haben. Eine solche Kultur ist ohne jeglichen Zweifel der Islam. Uns Europäer gibt es eigentlich noch nicht allzu lange. Als der Islam seinen Siegeszug antrat, lebten zwar schon christliche Völker auf dem Kontinent, jedoch ohne ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. So war es ein sehr gemischter Haufen, den Karl Martell 732 gegen die muslimischen Eindringlinge bei Tours und Poitiers ins Feld führte. Doch nach der Schlacht schrieb ein Geschichtsschreiber von einem Sieg der „Europenses“. In der Tat: Was wir heute als europäische Identität bezeichnen, bildete sich in dem jahrhundertelangen Kampf um die Rückeroberung der iberischen Halbinsel aus. Auch uns Deutsche gibt es erst seit einigen Jahrhunderten. Lange Zeit war die Mitte Europas nur durch die Kaiserkrone geeint. Doch als das Osmanische Reich seine Hand nach dem anderen Teil Europas ausstreckte, da sprach man in der Bedrohung zum ersten Mal von der „Teutschen Nation“ – einer Nation, die sich ihre Identität im Abwehrkampf gegen die türkischen Eindringlinge bildete. Auf die Frage, welcher Dschihad denn noch größeren Wert besäße als der, dem mit Waffengewalt herannahenden Feind entgegenzutreten, sprach Mohammed von dem großen Dschihad, den Kampf mit seinem eigenen, niedrigen Selbst. Den äußeren Krieg haben wir in der Vergangenheit geführt und bestanden. Deutschland als äußerer Staat existiert, ebenso wie Europa als äußere Staatengemeinschaft existiert. Doch nun ist es Zeit, eine innere, persönliche Auseinandersetzung zu führen. Denn was heißt eigentlich „Deutschland“ oder „Europa“? Nichts verweigert die geistige Elite der Gegenwart so sehr, wie hierauf eine Antwort zu geben. Doch ist nichts notwendiger als dieses. Nur so können wir eine deutsche, eine europäische Idee als integrierende Kraft finde: eine Idee, die ihre Strahlkraft in die ganze Welt hinaussenden wird. Gelingt uns dies nicht, so wird uns ohne jeden Zweifel das Haus des Islam verschlingen, mit allen Konsequenzen. „Allah hat euch zu Erben gesetzt über die Ungläubigen, über ihre Äcker und Häuser, über all ihre Güter und alle Lande, in denen ihr Fuß fassen werdet“ (Koran-Sure 33, 27). Bestehen wir jedoch die Prüfung, die uns angetragen ist, so werden wir am Ende uns als Deutsche und als Europäer gefunden haben – als Christenheit mit der ganzen Welt. Foto: Moschee, Muslimin mit Kopftuch: Die Strahlkraft des Islam scheint ungebrochen

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