Verbundenheit zum Provisorischen

Von der Party-Laune der Fußball-WM wird die Erinnerung bleiben, daß sie sich mit den Nationalfarben drapierte. Alles andere ist zur Zeit nur Spekulation. Hier soll deshalb nur einigen simplen Fragen nachgegangen werden: Konnte sich zwischen 1945 und 1990 in Deutschland überhaupt ein „normales“ Nationalgefühl entwickeln? Auf welche Staatlichkeit hätte es sich beziehen, unter welchem Dach sich herausbilden können? Und warum kam es anders? Auf eine Definition von Patriotismus oder Nationalstolz und Nationalbewußtsein wird verzichtet, ebenfalls auf die Problematisierung des Begriffs „Normalität“, der auch in anderen Ländern längst wankt. Die Kriegsniederlage 1945 war so eindrucksvoll, daß sie als ein Gottesurteil über die ganze deutsche Geschichte empfunden wurde. Darin waren sich, neben anderen, der bürgerliche Historiker Friedrich Meinecke („Die deutsche Katastrophe“, 1946) und der kommunistische Publizist Alexander Abusch („Der Irrweg einer Nation“, 1946) einig. Begriffe wie „Kahlschlag“ oder „Stunde Null“ standen für ein allgemeines Gefühl. Insofern sie die Vorstellung eines voraussetzungslosen Neubeginns implizierten, lagen sie neben der Wirklichkeit, denn die Voraussetzungen, unter denen das Leben weiterging, waren von den Siegern bereits geschaffen worden. Aus der totalen Erschöpfung erklärt sich, daß beide deutsche Nachkriegsstaaten zu Musterschülern der jeweiligen Systeme wurden. Offiziell wurde die Bundesrepublik vor der DDR gegründet, doch als Reaktion darauf, daß die Sowjets und die SED in ihrer Zone (SBZ) schon quasi-staatliche Strukturen etabliert hatten. Das Grundgesetz wurde am 23. Mai 1949 verkündet, genau vier Jahre nach der Verhaftung der letzten Reichsregierung unter Dönitz, die die deutsche Staatlichkeit vorläufig beendet hatte. Dieses Datum wie die Grundgesetzpräambel demonstrierten, daß kein auf sich selbst beschränkter Bonner Teilstaat von Gnaden der Besatzer entstanden sein sollte, sondern daß Anspruch auf die Rechtsnachfolge des Reiches und auf die Vertretung aller Deutschen erhoben wurde: ein Auftrag, der erst noch eingelöst werden mußte. In diesem Sinne verstand die „westdeutsche Bundesrepublik“ – so der DDR-Jargon – sich als ein Provisorium, als Fragment. Andererseits wollte und durfte man sich nicht allzu laut auf das Reich berufen. Zum einen, weil die Gründer des Bonner Staates unmittelbar unter dem Eindruck seines Scheitern standen. Zweitens wäre das vom Ausland gar nicht geduldet worden. Dreiviertel der Welt hatten sich nicht deshalb zu seiner Zerschlagung zusammengetan, um kurz darauf seiner Wiederauferstehung zuzuschauen. Zu seiner Verwirklichung fehlten auch die Mittel: Die BRD konnte die DDR nicht exekutieren und erst recht nicht die Ostgebiete heimholen. Das Staatsverständnis blieb also im Vagen: Die Bundesrepublik sei Staatskern, Kernstaat, Rumpf-, Schrumpf,- Irredenta-, Sezessions- oder Magnetstaat – das ist nur eine Auswahl der Definitionsversuche, die in den fünfziger Jahren kursierten. Unter diesen Umständen konnte die BRD gar nicht zum Ausgangspunkt eines „normalen“ Nationalbewußtseins werden. Welches identitätsstiftende Pathos konnte sie denn aussenden? Das der antikolonialen Befreiungsbewegungen war ihr verwehrt, denn anders als die Kolonien, deren Begehren nach nationaler Selbstbestimmung sogar von den Kolonialmächten, murrend zwar, anerkannt wurde, war Deutschland bereits eine unabhängige Nation gewesen und als solche zum Ärgernis geworden. Seine Teilung war international beschlossen und gewollt. Das steigerte wiederum ihre neurotische Brisanz. Martin Niemöller: „Die 17 Millionen Deutschen (in der DDR) haben keinen Nächsten in der Welt, wenn wir im Westen Deutschlands es nicht sind. Es ist den Oststaaten gleichgültig, ob diese 17 Millionen leben oder sterben, Frankreich würde ruhiger schlafen, wenn diese 17 Millionen tot wären. Die Engländer und Amerikaner haben außer sich überhaupt keinen Nächsten.“ Der 23. Mai als Verfassungstag drang gar nicht ins kollektive Bewußtsein, folglich verbreitete sich auch kein Stolz auf die Staatsgründung, was die Idee des „Verfassungspatriotismus“ um so mehr als Kopfgeburt erscheinen läßt. Im Gedenken an den niedergeschlagenen Arbeiteraufstand in der DDR wurde der 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ begangen, doch das Nationalgefühl, das sich an ihm emporzuranken versuchte, konnte nur mit Bitterkeit und Resignation erfüllt sein oder einen permanenten Alarmzustand bedeuten. Der Ausweg für den Durchschnittsbürger war die Hinwendung zu individuellen Zielen und Interessen, und das „Wirtschaftswunder“ wies dazu den Weg. Nichts war nach den Kriegs- und Nachkriegsjahren verständlicher als der Wunsch nach einem guten Leben. Der Staat schuf dafür den Rahmen, in diesem Sinne identifizierte man sich allmählich mit ihm. Im übrigen verteidigte man den Vorrang des Privaten. Das aber barg die Gefahr in sich, daß der Sinn für das Politische und die Erfordernisse einer intakten Staatlichkeit verlorenging. Außerdem: Die Annahme, am Anfang habe der antitotalitäre Konsens gestanden, der erst durch linke Übermacht zum Antifaschismus verkommen sei, ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Eine antifaschistische Grundströmung war von Anfang an wirksam. Er-stens auf der internationalen Ebene, denn das alliierte Bündnis war ein antifaschistisches gewesen. Die Sowjetunion erinnerte die Westmächte gern daran und stieß keineswegs auf taube Ohren. Für viele Franzosen blieb der virtuelle „deutsche Militarismus“ am Rhein bedrohlicher als der reale russische an der Elbe. Im Innern war es ähnlich. Das Unbehagen an „alten Nazis“ in Amt und Würden hatte reale Grundlagen und wurde durch Kampagnen aus Ost-Berlin kräftig geschürt. Für kritische Intellektuelle hob sich die Stringenz der kommunistischen Faschismus-Theorie, die zu den ideologischen Grundlagen der DDR gehörte, von der Unentschiedenheit der BRD positiv ab. Die Saat für die politisch-ideologischen Exzesse der späteren Jahre war bereits gelegt. ……………………………. Im Gedenken an den niedergeschlagenen Arbeiteraufstand in der DDR wurde der 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ begangen, doch das Nationalgefühl, das sich an ihm emporzuranken versuchte, konnte nur mit Bitterkeit und Resignation erfüllt sein. ……………………………. Blieben zwei nationale Bezugspunkte im Staatsverständnis, die freilich passiv angelegt waren: erstens das „Offenhalten der deutschen Frage“, also der Wille und die Verpflichtung, die deutsche Einheit, sobald die internationalen Konstellationen das zuließen, „zu vollenden“, sowie zweitens die „Obhutspflicht“ für alle Deutschen in den Grenzen von 1937 und darüber hinaus. Letztere sollte sich bis zum Mauerbau und dann wieder in den achtziger Jahren als scharfe Waffe gegen die DDR erweisen. Das aber hatte sie sich selber zuzuschreiben, weil sie ihren Bürgern keine Perspektive offerierte, die der westlichen Paroli bot. Die DDR wird gewöhnlich als „Ideologiestaat“ beschrieben, als staatgewordene Synthese aus Ideologie und Gewalt, die ohne das eiserne Band, welches das russische Militär um sie gelegt hatte, sofort auseinandergefallen wäre. Das trifft zu, doch es gab auch Kohäsionskräfte, die mit den äußeren Zwängen korrespondierten: antikapitalistische Affekte; der antifaschistische Gründungsmythos, der DDR-Bürgern die Möglichkeit gab, im Geiste auf die Seite der Sieger zu rücken; der Egalitarismus der „arbeiterlichen Gesellschaft“ (W. Engler); der Trotz der Benachteilig-ten, die es leid waren, Objekte impotenten Mitleids des Westens zu sein; schließlich auch Träume von einem „deutschen Weg“ zum Sozialismus, die jedoch schnell von der Tagesordnung verschwanden. Von der sowjetischen Siegermacht unmittelbar und existentiell abhängig, argumentierte die SED-Führung bis in die sechziger Jahre gesamtdeutsch. Doch als der Nationalkommunist Wolfgang Harich sie mit einem neutralistischen Wiedervereinigungsszenario beim Wort nahm, verschwand er für acht Jahre im Zuchthaus Bautzen. Dem Ruf, nichts weiter zu sein als eine „Russenzone“, setzte der DDR-Staat den Bezug auf die nationale Kultur entgegen, der lange mit der Abgrenzung von westlicher „Unkultur“ einherging. Zunächst beschränkte er sich auf ein klassizistisch verstandenes Klassik-Erbe und einen revolutionären Traditionsstrang. Da in der DDR ein lässiges, durch Wohlstand versüßtes Arrangement mit dem Staat unmöglich war, dieser ein repressives Monstrum blieb und eine beschränkte Gegenwehr am ehesten auf geistig-kulturellem Gebiet möglich war, kam es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit deutschen Kulturtraditionen, die das verengte, offizielle Traditionsverständnis unterminierte. Der SED-Führung wurde, kurz gesagt, das Argument der deutschen Kultur aus der Hand genommen, um es gegen sie zu wenden. Die Motive waren unterschiedlich. Entweder wollte man sich einen ästhetischen Schutzwall schaffen, oder Reformsozialisten, die an eine DDR mit menschlichem Antlitz glaubten, wollten durch die Verbreiterung der geistig-kulturellen Basis politische Reformen befördern. Das wiederum veranlaßte den mit Legitimationsproblemen kämpfenden Staat, das offizielle Geschichtsbild zu erweitern und aufzufächern. Das spektakulärste Beispiel war die Wiederaufrichtung der Reiterstatue Friedrichs II. in Berlin. Das alles führte zu dem Eindruck, die DDR sei irgendwie „deutscher“ als die BRD. In der Summe ergaben sich DDR-typische Prägungen, aber kein DDR-Patriotismus. Der sollte bei den nachwachsenden Generationen durch Initiationsrituale, Fahnenappelle oder Schulungen erlernt werden. Als 1961 der SED-Staat durch den Mauerbau jeden Vorläufigkeitscharakter verlor und auch seine Gegner zum Arrangement mit ihm gezwungen waren, hofften gerade regimekritische Sozialisten, nun würde, frei von westlicher Einmischung, ein demokratischer DDR-Sozialismus zu sich selber kommen, der die Bürger schließlich veranlaßte, den Staat aus freiem Entschluß zu bejahen. Die Periode der wohl größten Übereinstimmung zwischen beiden waren die Jahre zwischen dem VIII. SED-Parteitag 1971, der ein großzügiges Sozial- und Wohnungsbauprogramm beschloß, und dem IX. Parteitag 1976, auf dem die internationale Anerkennung der DDR gefeiert wurde. In dieser Zeit stieg das materielle Lebensniveau deutlich an, zudem schienen die Verhandlungen mit der BRD auf baldige Liberalisierung und Reisefreiheit hinzudeuten. Als 1974 der Bezug auf die einheitliche deutsche Nation aus der DDR-Verfassungspräambel gestrichen wurde, erregte das kaum Aufmerksamkeit. Hatten die DDR-Bürger sich mit der Teilung abgefunden? Die Frage nach der Wiedervereinigung wäre mehrheitlich wohl abschlägig beschieden worden, denn sie hätte absurd geklungen. Die unverrückbar scheinende Mauer war im Bündnis mit der Zeit auch zu einem geistigen Faktum geworden. Auf FDJ-Großkundgebun-gen erscholl der Sprechchor: „DDR – unser Vaterland!“ Aber die entscheidende Probe aufs Exempel wagte die SED nie, konnte sie nie wagen: ihren Bürgern, vor allem der Jugend, Reisefreiheit zu gewähren, ihnen die Wahl zu lassen. Die Zustimmung, die sie bekam, galt nur unter den Bedingungen der Käseglocke. Die aber schien, wie gesagt, unverrückbar. Das Verhältnis der DDR-Bürger zur DDR und zur BRD blieb von unzähligen Schizophrenien geprägt: Obwohl die BRD offiziell als Ausland galt – etwas anderes zu behaupten, hätte nach Bautzen geführt – verglich die DDR-Bevölkerung ihre Lebensumstände mit denen in der BRD, niemals mit den spanischen oder süditalienischen. Die Warenwelt, die Nachrichtensendungen etc. der BRD rückten in eine mythische Position. Das höchste Lob, auch für Partei-fromme, bedeutete es, wenn westliche Politiker (also der „Klassenfeind“) äußerten, die DDR-Bürger könnten stolz auf ihre „Errungenschaften“ sein. Wer daraus freilich einen DDR-Stolz ableitete, der erfuhr im sozialistischen Ausland eine kalte Dusche, wo er zu hören (und zu fühlen) bekam, aus dem „falschen“, dem „schlechten“ Deutschland zu stammen. Die größte Schizophrenie lag darin, daß die bundesdeutsche „Obhutspflicht“ ab Mitte der siebziger Jahre von immer mehr DDR-Bürgern inklusive enttäuschten SED-Mitgliedern als persönliche Notreserve betrachtet und in Anspruch genommen wurde. Einen DDR-Nationalstolz gab es nicht, aber auch keinen gesamtdeutschen. Von diesen Paradoxien erhoffte man sich, durch die Wiedervereinigung erlöst zu werden. Mit Nationalismus, einem dumpfen gar, hatte die Ost-Euphorie von 1989/90 demzufolge nichts zu tun. Auch im Westen führte die ungelöste nationale Frage zu Schizophrenien. Die Annahme lag auf der Hand, daß die Rebellion der akademischen Jugend (aus der sich bald die Kohorten der bis heute tätigen Meinungsproduzenten, Sinn- und Geschichtsdeuter rekrutierten) gegen den „faschistischen Staat“, die antiamerikanischen Demonstrationen in West-Berlin 1967/68 (die, von den USA beim Wort genommen, die umgehende Sowjetisierung der Halbstadt zur Folge gehabt hätte), die Entstehung der Terroristenszene und vieles mehr etwas mit dem Fehlen des Orientierungsrahmens, den ein ausgeglichenes Nationalgefühl darstellt, zu tun hatte. Sogar das Motto „Nie wieder Deutschland!“ war ein negativer Rekurs auf die ungelöste nationale Frage: Es wurde aggressiv etwas verworfen, was man sowieso nicht hatte, man schlüpfte nur aus der Position des Dulders in die des Aktivisten: eine psychologisch verständliche Reaktion. Und nicht nur unreife Schüler, auch ihre Lehrer, glaubten während der achtziger Jahre, als es um die Raketenstationierung ging, „die Russen“ davor in Schutz nehmen zu müssen, „böse“ zu sein. Ihnen hielt der Exilant Joseph Brodsky entgegen, natürlich seien die russischen Soldaten nicht böse, aber sie würden einem Marschbefehl ihrer Führung Folge leisten, weil das System ihnen keine Wahl ließe. ……………………………. Nach der Einheit 1990 aus der intellektuellen Rumpelstilzchen- Existenz befreit zu werden, hätte Lust an Selbsterkenntnis und -kritik vorausgesetzt, die um so weniger vorhanden war, als die DDR und nicht die BRD ihr Lebenslicht ausgehaucht hatte. ……………………………. Selbst ein erfahrener Politiker wie Erhard Eppler sagte, er wisse nicht, ob die Russen tatsächlich kämen, er wisse nur, die Amerikaner seien schon da. In diesen politischen Kindereien drückte sich ein Leiden an der deutschen Ohnmacht aus. Es ist kein Zufall, daß der lebenslang unerwachsene Oskar Matzerath zur populärsten Figur der deutschen Nachkriegsliteratur wurde. Doch wehe, wehe, wenn diese Unreife erst einmal die politisch-historische Wahrnehmung im Staat dominierte. Vordenker wie Norbert Elias oder Ernst Nolte hatten daher bereits in den frühen siebziger Jahren ein neues nationales Selbstverständnis gefordert, das sich auf die Bundesrepublik beschränkte und die Wiedervereinigung nicht mehr zum Dreh- und Angelpunkt hatte. Sie versprachen sich davon mehr politische Rationalität und eine geistige und emotionale Entspannung. Die Risiken wären freilich unwägbar gewesen. Die Chance, die in der deutschen Einheit lag: aus der intellektuellen Rumpelstilzchen-Existenz befreit zu werden, zu erkennen und Erleichterung darüber zu empfinden, hätte Lust an Selbsterkenntnis und -kritik vorausgesetzt, die um so weniger vorhanden war, als die DDR und nicht die BRD ihr Lebenslicht ausgehaucht hatte. Heute sollte klar sein, daß in der Zeit der Teilung auf beiden Seiten tatsächlich etwas jeweils Neues und Verschiedenes entstanden war, daß die „Ossis“ keine anderen sein konnten und die „Wessis“ nicht anders zu haben waren. Die „innere Einheit“ wird nicht einfach durch die Befreiung eines deutschen Ur-Substrats vom Schutt der Nachkriegszeit herbeigeführt. Um ein neues Nationalgefühl zu konstituieren, ist die Wiedervereinigung zum Teil auch als eine Neuvereinigung zu begreifen. Thorsten Hinz , Jahrgang 1962, studierte Germanistik in Leipzig. Er war 1997/98 Kulturredakteur der JUNGEN FREIHEIT und arbeitet heute als freier Autor und Journalist in Berlin. 2004 wurde er mit dem Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten ausgezeichnet.

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