Patriotismuswelle: „Deutschland-Hasser“ in der Defensive / Einwanderer jubeln schwarz-rot-gold

Nein, noch ist es nicht soweit. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2002 konnten die Fahnenhersteller nach dem überraschenden Finaleinzug der deutschen Nationalmannschaft die große Nachfrage nicht mehr bewältigen und drückten den Leuten nur noch schwarzen, roten und gelben Stoff in die Hand, damit sie sich die Fahnen selbst bastelten. Bei dieser WM gerät der schwarz-rot-goldene Nachschub (noch) nicht ins Stocken – trotz der beispiellosen Begeisterung, die das Land erfaßt hat. Die Sonne scheint auf das Brandenburger Tor und auf die davor anstehenden Fußballbegeisterten. Es bildet sich eine lange Schlange, denn Tausende wollen gleichzeitig durch das Tor auf die „Fanmeile“, um die Spiele auf Großbildleinwänden zu verfolgen. Nicht nur Schwarz-Rot-Gold bestimmt das Bild, man sieht dort Fahnen und Fußballtrikots aller möglichen Nationen. Von der Ausländerfeindlichkeit der Deutschen, vor welcher so vehement im Vorfeld der WM gewarnt wurde, keine Spur. Im Gegenteil: Die Menschen sind fröhlich – sie singen, tanzen und lachen zusammen. Jaakko und Anuriitta Siltanen und ihre vier Monate alte Tochter sind extra aus Finnland gekommen, um die Weltmeisterschaft zu sehen. Daß Finnland gar nicht dabei ist, stört sie nicht. „Wir wollten einfach das Riesenereignis sehen“, lachen sie. Die junge Familie steht auf der Fanmeile beim Brandenburger Tor und bewundert die deutsche Art zu feiern. „Die Deutschen sind gute Gastgeber. Hier sind so viele Menschen, aber es kommt überhaupt keine Aggressivität rüber. Das finde ich wirklich bemerkenswert“, sagt die 22jährige Anuriitta. Selbst mit einem Baby fühle man sich hier sicher. „Mir sind die vielen Deutschlandfahnen an den Autos und Häusern schon auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt aufgefallen“, erzählt Jaakko. Das findet er positiv. Endlich trauten sich auch die Deutschen, Patriotismus zu zeigen, sagt der 23jährige Familienvater. „Deutschland hat das Recht, patriotisch zu sein – genau so wie jedes andere Land in der Welt.“ Fahnen gehörten natürlich zur WM, aber es spreche nichts gegen sie auch nach der Weltmeisterschaft, sagen die Finnen. „In Finnland wird die finnische Fahne doch auch zu jedem Katzengeburtstag gehißt“, lachen sie. Daß es über die neue Patriotismuswelle eine kritische Diskussion gibt, können sie zwar aus der Geschichte verstehen, aber Deutschland könne sich ruhig selbstbewußter zeigen, meinen sie. „Alle großen Länder der Welt haben Verbrechen begangen. In Deutschland liegt das schon sechzig Jahre zurück“, sagt Jaakko. „Ich finde, man darf auch ruhig übertreiben“ Mark Irving und Charlie Ward warten noch auf ein Freund und wollen dann auf die Fanmeile. Die zwei Engländer finden die momentane Stimmung in Berlin unglaublich – auch die unzähligen Deutschlandfahnen empfinden sie als positiv. Sie verstehen die ganze hysterische Diskussion darüber nicht. „Was ist eigentlich das Problem?“ fragt Mark. Anna P. und Aileen O., 14 Jahre alt, sind zur Fanmeile gekommen, um die schöne Stimmung zu genießen, und „wegen den Jungs“, wie sie lachend sagen. Die vielen Deutschlandfahnen, die zu sehen sind, finden sie gut. Aileen, deren Vater aus Ghana stammt, empfindet den Umgang mit den Fahnen dieses Jahr anders. Jetzt werde man nicht gleich als „Nazi“ beschimpft, wenn man eine Deutschlandfahne zeigt, freut sie sich. „Die Fahnen stehen zwar für das Land, aber man muß es nicht übertreiben“, sagt Anna zu ihrer Freundin. „Doch – ich finde, man darf auch ruhig übertreiben“, antwortet Aileen. Auch abseits der großen Fanfeste ist die Begeisterung groß. Etwa im Hamburger Schanzenviertel, einem traditionell linken Stadtteil mit hohem Ausländeranteil. Selbst vor den Kneipen und Cafés direkt gegenüber der „Roten Flora“, einem linksextremen „Kultur“-Zentrum, feiern die Fußballfans ausgelassen. Als die ersten „Deutschland!, Deutschland!“-Rufe erschallen und zur Nationalhymne aufgestanden und mitgesungen wird, versuchen die erklärten „Deutschland-Hasser“ von der anderen Straßenseite durch das Abspielen lauter Musik die friedlichen Fans zu stören. Vergeblich. Die aus Türken, linken Studenten und „normalen“ Deutschen bestehende Fangemeinde fragt lediglich, was denn das „für Idioten“ seien. Zurück nach Berlin: Multikulti-Skeptiker, die sich dieser Tage nach Kreuzberg oder Neukölln begeben, hätten zur Zeit auf den ersten Blick durchaus Anlaß, die Integrierbarkeit der dort lebenden Türken, Araber und sonstiger Kiezbewohner mit „Migrationshintergrund“ in einem optimistischeren Licht zu sehen. Türkische Klubs und Dönerbuden sind durchweg mit riesigen schwarz-rot-goldenen Fahnen ausgeschmückt. Autos fahren vorbei, die links mit einer deutschen, rechts mit einer türkischen Fahne geschmückt sind. Afrikaner tauchen auf, die sich in die deutschen Nationalfarben gehüllt haben. Und nach dem Spiel Deutschland-Polen wurden auf einem Kreuzberger Hinterhof kleine türkische Mädchen vernommen, die begeistert skandierten: „Deutsch-land! Deutsch-land!“ Nur ein paar ganz Trotzige wurden gesichtet, die von Kopf bis Fuß in die rote Fahne mit dem weißen Halbmond gekleidet waren. Hätte Kreuzberg eher ein solches Bild geboten, wenn es die Türkei zur Weltmeisterschaftsqualifikation gebracht hätte? Hymnenstreit spielt keine Rolle Eine Umfrage zeigte, daß die neudeutschen Bürger mit „Migrationshintergrund“ in erster Linie ihren Heimatländern die Daumen drückten und dann erst „natürlich Deutschland“. Der befragte Deutsche fand das nicht ganz so selbstverständlich: Er hoffte brav unpatriotisch, Italien werde gewinnen. Der Konflikt der doppelten Loyalität blieb den einheimischen Türken erspart und sie haben wenigstens einen guten Ersatz bekommen. In ihrer Deutschland-Begeisterung ist leider auch ein Unterton von Vereinnahmung zu spüren, der ja auch nichts Neues wäre. So prangt in der Mitte eines Spaliers von circa einem Dutzend schwarz-rot-goldener Wimpel, das den Eingang einer Döner-Bude ziert, eine grüne Flagge mit weißem arabischen Schriftzug und einem Schwert darunter – die Fahne von Saudi-Arabien. Auf Anfrage, was da denn stehe und was das Schwert bedeute, bekommt man nur die Antwort, das wäre eine Stelle aus dem Koran. „Das ist für uns, das ist nicht gegen … das ist schwer zu verstehen für dich.“ Dabei ist die Antwort so einfach, es handelt sich um das islamische Glaubensbekenntnis. Die Grenze zwischen dem „Wir“ und „Ihr“ wird auf beiden Seiten keineswegs durch ein bißchen Fußballbegeisterung aufgelöst. Die von der Lehrergewerkschaft GEW pünktlich zur WM angezettelte Diskussion über die Nationalhymne spielt indes kaum eine Rolle: Beim Spiel der deutschen Mannschaft gegen Polen war es nach einer Viertelstunde soweit, daß zum ersten Mal während dieser WM von den Rängen die Nationalhymne ertönte – noch vor wenigen Jahren war dies undenkbar. Wenngleich noch nicht das ganze Stadion lautstark einstimmte, „Einigkeit und Recht und Freiheit“ war im weiten Rund gut zu vernehmen, der Fanblock schmetterte die Hymne in einer ansehnlichen Lautstärke. Bei weiteren Erfolgen der deutschen Elf wird man die Hymne sicher noch deutlicher hören, und dann werden das auch die Fernsehreporter nicht mehr ignorieren können. Die Hymne wurde in der zweiten Halbzeit noch zwei weitere Male gesungen. Die Engländer stimmten bei ihrem Spiel gegen Paraguay übrigens nur zweimal „God save the Queen“ an. Während bei Engländern oder Franzosen das Absingen ihrer Hymne in den Stadien schon länger dazu gehört, setzte sich dieses Ritual hierzulande erst im Laufe der WM 2002 durch. Damals sangen plötzlich nach dem Halbfinalsieg über Südkorea etwa auf der Münchner Leopoldstraße Hunderte Anhänger die Nationalhymne. Seither ist „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ein ständiger Begleiter bei Spielen der Nationalmannschaft – und vielleicht, wie in andern Ländern, auch darüber hinaus.

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