Joachim Kuhs

 

Die Späherin

Elisabeth Noelle-Neumann blickt in ihrer Autobiographie auf ein Jahrhundertleben zurück. Für ein solches Leben genügt es nicht, ein hohes Alter zu erreichen, es muß auch exemplarisch sein. Noelle-Neumann kann „mit den eigenen Erinnerungen in der Geschichte spazierengehen“. Ihre wissenschaftlichen und beruflichen Meriten sind bekannt. Sie ist Gründerin des Institut für Meinungsforschung in Allensbach und Nestorin der Demoskopie in Deutschland. Von Adenauer bis Kohl hatte sie das Ohr der Mächtigen. Ihr scharfer Intellekt war dafür die Voraussetzung, aber nicht hinreichend. Gerade auf dem Gebiet der Meinungs- und Mentalitätsforschung braucht es ein hohes Maß an Welt-, Menschen- und Lebenskenntnis. Wie sie sich die erwarb, davon erzählt ihr Buch. Zudem verfügt sie, das verraten bereits die Fotografien der jungen Studentin, über enormes Charisma, eine auf persönlicher Ausstrahlung beruhende Autorität. Von einer weiteren Begnadung, dem Daimo-nion, soll später die Rede sein. Alle diese Komponenten machen den Rang dieser Persönlichkeit aus. Noelle-Neumann wurde 1916 als Tochter einer wohlhabenden Berliner Bürgerfamilie geboren. Ihr Urgroßvater war der illegitime Sproß eines Hohenzollernprinzen, hervorgegangen aus einer ostpreußischen Sommerliaison des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. Doch waren das die Attribute einer Welt von gestern, die weder vor Mangelernährung im Ersten Weltkrieg noch vor Vermögensverlust in der Inflation schützten. Aber sie bekam etwas mit auf den Lebensweg, das wichtiger ist als materieller Reichtum und heute, in Zeiten knapper Kassen, wiederentdeckt wird: kulturelles und soziales Kapital. Die Familie, Lehrer und Professoren bewahrten sie davor, den Verführungen des Nationalsozialismus zu erliegen. Noelle-Neumann empfindet das als Glück, nicht als Grund zum Hochmut. Vielmehr wirbt sie um Verständnis für ihre Landsleute und Altersgefährten, die nach den politischen, ökonomischen und sozialen Erschütterungen in der Weimarer Republik von Hitler eine Besserung ihrer Lage erhofften. Als sie 1936 mit Kommilitoninnen die Berchtesgadener Berge durchwanderte und die Gruppe einen Blick auf Hitlers Berghof erhaschen wollte, wurden sie überraschend vom „Führer“ auf die Terrasse zum Tee eingeladen. Noelle-Neumann schreibt unumwunden, daß Hitler ein sehr angenehmer Gastgeber war und die jungen Frauen gar nicht zum Kuchenessen kamen, weil sie das Gespräch viel zu sehr interessierte. Das Erlebnis der „Doppelgesichtigkeit des Diktators“ ist ihr bis heute „unheimlich“, gemahnt es doch an die potentielle Verführbarkeit, die im Menschen schlummert. In Berlin, Königsberg und in Columbia, Missouri, studierte sie Geschichte, Philosophie, Zeitungswissenschaft. Das Austauschjahr 1937/38 in den USA wurde für sie entscheidend, denn dort lernte sie die neuesten Demoskopie-Methoden kennen und war sofort davon fasziniert. 1940 wurde sie mit einer Dissertation über Meinungs- und Massenforschung in den USA promoviert. Zu den USA hat sie bis heute ein intensives Verhältnis. Einerseits erlebte sie dort einen unglaublichen Alltagskonformismus, andererseits eine große Konfliktfähigkeit, Offenheit und Resonanz. Mehrfach hat sie Lehraufträge an US-Universitäten übernommen und gleichzeitig Versuche erlebt, Kampagnen gegen sie wegen ihrer angeblichen NS-Vergangenheit zu lancieren. Amerikanische Freunde rieten ihr ab, überhaupt darauf einzugehen. „Da können Sie gar nichts machen. Das sind Ihre Feinde und werden es bleiben.“ Öffentliche Meinung ist eine Form von sozialer Kontrolle In Deutschland hatte Mitte der achtzige Jahre unterdessen Lea Rosh Blut geleckt. Drei Monate lang war ein Mitarbeiter aus der Redaktion der damaligen Talkshow-Moderatorin extra dafür abgestellt, alle erreichbaren Texte zu sichten, die Noelle-Neumann im Dritten Reich veröffentlicht hatte, um sie als NS-Anhängerin zu überführen – ein fürwahr engagierter Recherchejournalismus auf Kosten des Gebührenzahlers, allein mit dem Ziel, eine Kampagne gegen eine überlegene, politisch unliebsame Person loszutreten. Für die Rosh-Generation hatte sich der Marsch durch die Institutionen gelohnt, materiell und politisch. Nur war kein Nazi-Beleg zu finden, und die Scharfrichterin mußte das Beil aus der Hand legen. Nach der Promotion absolvierte Noelle-Neumann ein Volontariat bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung und arbeitete dann bei der Wochenzeitung Das Reich und, nachdem ihr dort gekündigt worden war – sie hatte eigenmächtig tendenziöse Fotos von US-Präsident Roosevelt durch objektive ersetzt -, bei der Frankfurter Zeitung. Goebbels forderte sie 1942 als Adjutantin an, ohne sie persönlich kennengelernt zu haben, anscheinend hatte er ihre Dissertation gelesen. Eine Ablehnung des Ansinnens war undenkbar, Noelle-Neumann rettete eine schicksalhafte Fügung: Sie wurde auf Monate krank. Danach war keine Rede mehr davon. Es gab noch viele solcher glücklichen Wendungen und Zufälle. Am 12. Februar 1945 befand sie sich auf Durchreise in Dresden und besichtigte seine barocke Pracht – es war die letzte Gelegenheit. Am Abend gelang es ihr, sich in einen überfüllten Zug zu quetschen, kurz darauf kamen die Bomber. Noelle-Neumann schreibt, daß sie bei Bombengriffen völlig ruhig blieb und sich in Balzac-Romane vertiefte. Einmal, als sie einen überfüllten Luftschutzkeller betrat und die Leute sie böse anschauten, verzog sie sich in den Vorraum und las. Als es draußen krachte, kamen nach und nach die Leute aus dem Bunker und setzten sich zu ihr. Man kennt solche Szenen etwa aus den Büchern von Anna Seghers, wo sich Frierende und Bedürftige um einen bestimmten Menschen versammeln wie um einen warmen Ofen. Die skizzierten Situationen lassen sich mit Charisma allein nicht erklären. Vielmehr scheint das griechische Daimonion wirksam geworden zu sein, eine Art göttlicher Stimme, die einen Menschen von Jugend auf von unbedachten Handlungen abhält, und ein Geist, der ihn schützt. In der Extremsituation des Bombardements hatte er sich den anderen Bunkerinsassen mitgeteilt. Sie suchten ihre Nähe, um selber des Schutzes teilhaftig zu werden. Mit ihrer Theorie der „Schweigespirale“ hat sie international mehr Aufsehen erregt als jeder andere deutsche Medienwissenschaftler. Sie besagt, in Kürze, folgendes: Menschen haben Furcht vor der Isolation und registrieren daher laufend das Verhalten ihrer Umwelt und die Meinungen, welche in der Öffentlichkeit gebilligt werden oder auch nicht. Zugleich sind sie selber aktiv durch Aussagen und Bekundungen von Zustimmung bzw. Ablehnung; das kann verbal oder körperlich (Stirnrunzeln, Lächeln usw.) geschehen. Wer spürt, daß er mit seiner Meinung auf Ablehnung stößt, hält sich wegen seiner natürlichen Isolationsfurcht zurück, während diejenigen, die mit ihrer Meinung Zustimmung finden, diese desto offensiver und lauter vertreten. Diese Demonstration der Überlegenheit verstärkt die Isolationsdrohung gegenüber den Vertretern der Gegenposition. Bei ihnen entsteht das Gefühl, mit ihrer Meinung allein zu stehen, und damit die Tendenz zu schweigen. Ein Spiralprozeß beginnt, in dem die eine Seite immer lauter wird und die andere immer mehr verstummt. Dieser Prozeß ist bei Themen zu beobachten, die erstens kontrovers und zweitens moralisch aufgeladen sind. Welche Ansicht die öffentliche Meinung beherrscht, ist nicht zwangsläufig von der tatsächlichen Stärke der Meinungslager abhängig. Eine Meinung kann öffentlich dominierend sein und Isolationsdruck auslösen, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung der anderen, unter Druck gesetzten Auffassung anhängt, zu der sie sich aber öffentlich nicht zu bekennen traut oder mangels Möglichkeit nicht bekennen kann. An diesem Punkt wird die Rolle der Massenmedien deutlich, die einen erheblichen Einfluß auf die Richtung der Schweigespirale nehmen, wahrscheinlich sogar den entscheidenden. Durch die Forcierung bzw. das Verschweigen oder Unterdrücken einer Auffassung können sie ein unliebsames Meinungslager in die Defensive versetzen. Jedenfalls ist nicht bekannt, daß eine Schweigespirale jemals ihre Richtung gegen den Medientenor genommen hätte. Öffentliche Meinung ist eine Form sozialer Kontrolle, die indirekt dazu dient, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Je größer der Druck ist, der durch die Schweigespirale ausgeübt wird, um so wichtiger ist der Streitpunkt, durch den sie sich in Bewegung gesetzt hat, für die Stabilität der Gesellschaft bzw. der Machtverhältnisse. Im extremen Fall darf dann nur noch in einer ganz bestimmten Wortwahl (Political Correctness) oder überhaupt nicht mehr (Tabu) gesprochen werden, andernfalls wird man von scharfen Signalen gesellschaftlicher Ächtung betroffen. Herrschaftsfreien Diskurs als Hokuspokus aufgezeigt Noelle-Neumann hat damit gegen die verbreitete These der „selektiven Wahrnehmung“ Stellung bezogen, wonach der Rezipient nur wahrnimmt, was sein Weltbild bestärkt. Sie hat herausgearbeitet, daß die öffentliche Meinung sich der Medientendenz annähert. Die Großmedien nennt sie „getarnte Elefanten“, weil sie sich selber attestieren, nur wenig in der Meinungsbildung ausrichten zu können, um, derart getarnt, ihren enormen Einfluß zu maximieren. Die Medien, gerade auch die zur Neutralität verpflichteten öffentlich-rechtlichen, sind alles andere als neutrale Mittler oder Foren des Meinungsaustauschs. Wenn man weiter berücksichtigt, daß die Journalisten in ihrer überwältigenden Mehrheit den Grünen oder der SPD nahestehen, kann die Kluft, die es zwischen veröffentlichter und tatsächlicher Mehrheitsmeinung gibt, nicht mehr verwundern. Die „Schweigespirale“ wiederum erklärt, warum diese Diskrepanz keine politischen Folgen hat. Noelle-Neumann hat den Hokuspokus vom herrschaftsfreien Diskurs ad absurdum geführt und aufgezeigt, daß die Mediendemokratie durch eine knallharte Freund/Feind-Praxis bestimmt wird und aus ihr jederzeit eine totalitäre Gefährdung heranwachsen kann. Diejenigen, die sich als lauteste Vorkämpfer der Demokratie gebärden, können sich als ihre effektivsten Zerstörer erweisen. Indem sie mediale Machtstrukturen durchschaubar machte, hat sie dem einzelnen Rezipienten die Möglichkeit eröffnet, vom öffentlichen Meinungsdruck innerlich unabhängig zu werden, soweit das überhaupt geht. Noelle-Neumanns Theorie wurde von denjenigen, die sich durchschaut fühlten, sofort als Gefahr erkannt. Ab Mitte der siebziger Jahre wurde sie selber in vielen Medien zur persona non grata. In der Deutschen Presseagentur (DPA), in der arglose Bürger einen Hort der Objektivität vermuten, gab es eine Anweisung, von ihr, einer auf jeder Lebensstufe außergewöhnlich schönen Frau, „nur häßliche Bilder“ zu archivieren. Jahrelang bekam sie Drohanrufe und stand unter Polizeischutz. Das Büro eines engen Mitarbeiters wurde 1986 durch eine Zehn-Kilo-Bombe verwüstet. Am verbreiteten Willen zur deutschen Wiedervereinigung hatte sie, entgegen der veröffentlichten Meinung, aufgrund ihrer demoskopischen Erhebungen nie Zweifel. Allerdings werde es noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern, bis die Folgen des Zweiten Weltkriegs überwunden seien. Ihr persönliches Lebensmotto findet sie in einem Trostgedicht des Barockdichters Paul Fleming ausgedrückt, dessen Schlußverse lauten: „Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, / Dem ist die weite Welt und alles untertan.“ Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen. Herbig Verlag, München 2006, gebunden, 315 Seiten, Abbildungen, 24,90 Euro Fotos: Elisabeth Noelle-Neumann, links oben mit George Gallup 1955 in Konstanz, darunter das Allensbacher Insitut, Fragebogenauswertung, beides in den 50er Jahren: Intellekt, Menschenkenntnis, Charisma und Daimonion

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