Das Konsum-Märchen

Die Löhne müssen steigen“. So titelt Peter Bofinger, der Lieblingsökonom der Gewerkschaften, in der Bild am Sonntag (4. Dezember 2005). Die Deutschen geben zu wenig Geld aus, so Bofinger; deshalb gehen die Forderungen der IG Metall in die richtige Richtung, und die Arbeitgeber sollten ihren Widerstand gegen Lohnerhöhungen aufgeben. Aufschwung und Mehrbeschäftigung seien nur dann möglich, „wenn das, was von den Unternehmen an zusätzlichen Gütern produziert wird, auch gekauft werden kann“. Wenn die Geologen zur Theorie von der Erde als Scheibe und die Astronomen zum geozentrischen Weltbild (Theorie von der Erde als Mittelpunkt des Sonnensystems) zurückkehren würden, ginge ein Hohn- und Spottgelächter um den ganzen Globus. Nicht so bei den Ökonomen, wenn sie ihren Steinzeit-Unsinn von der zentralen Bedeutung und vom Initialcharakter des Konsums verkünden, ihre Theorie von der ausschlaggebenden Funktion des Konsums für Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung. Seit siebzig Jahren – seit dem berühmten Werk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ des britischen Ökonomen John Maynard Keynes – hängen die meisten Ökonomen dieser völlig falschen Voodoo-Lehre an. Der Grund für die Anhänglichkeit an diese Theorie: Sie gefällt allen – den Politikern, weil sie damit ihren Ausgabenexzessen und ihrer Verschwendungssucht zum Zwecke des Stimmenfangs ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängen können; den Gewerkschaften, weil sie damit jede noch so überzogene Lohnforderung pseudoakademisch begründen können; den Bürgern, weil sie die Botschaft von mehr Geld und mehr Konsum natürlich lieber hören als den Appell zum Sparen. Auch den Ökonomen selber gefällt diese Lehre überaus gut, weil sie mit ihrer Hilfe von unbekannten Winkel-Philosophen zu gefragten Politikberatern und Gesellschaftsingenieuren werden, zu „Sachverständigenräten“ und „Weisen“. Mit den keynesianischen Makro-Klempnerwerkzeugen im Gepäck konnten und können sie endlich den Status von Vertretern einer angeblich „harten“ Wissenschaft erringen. Mit den mathematisch unterlegten Märchenwelt-Modellen des Konsumismus geben sich viele Ökonomen den vermessenen Anschein von Forschern, die mit der analytischen und prognostischen Präzision von Naturwissenschaftlern arbeiten können. Dagegen bleiben die bescheidenen und (wohl gerade deshalb) wahrhaftigen Ökonomen ungehört, weil ihre Botschaften weniger gefällig sind und dem Zeitgeist des Machbarkeitswahns und der Macher-Ideologien entgegenstehen. Diese Fachkundigen wissen jedenfalls, daß der französische Nationalökonom Jean Baptiste Say schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts – mehr als hundert Jahre, bevor er von Lord Keynes vollständig mißinterpretiert wurde – die wissenschaftlich korrekte Theorie des Konsums und der Produktion dargelegt hat. Es handelt sich dabei um eine ganz einfache und logische Tatsache: So wie jeder einzelne Mensch zuerst etwas produzieren (herstellen oder leisten) muß, um mit der hergestellten Sache oder dem geleisteten Dienst oder dem für diese Arbeit bezogenen Einkommen etwas kaufen (konsumieren) zu können, so gilt das auch für alle Menschen zusammengenommen. Auch eine ganze Volkswirtschaft unterliegt der schlichten Notwendigkeit, daß zuerst das Produzieren kommen muß (genauer: Sparen, dann Investieren des Gesparten, dann Produzieren mit Hilfe des investierten Kapitals und der investierten Arbeit), bevor konsumiert werden kann. Wenn es umgekehrt wäre, wie die Verkünder des Konsumismus lehren, wenn sich also der einzelne Mensch und ganze Volkswirtschaften „reich konsumieren“ könnten, gäbe es im Handumdrehen keine Armut mehr auf der Welt. ……………………………. Wer dafür plädiert, den Konsum durch Lohnsteigerung anzuregen, fordert in Wahrheit eine Erhöhung der Produktionskosten und behindert somit sogar die Entstehung von Beschäftigung und Einkommen. ……………………………. Keynes lehrte, das Gesetz von Say sei falsch, weil die Produzenten auch Güter oder Dienste erstellen würden, die niemand haben möchte oder die zu teuer seien, um gekauft zu werden. Das kann zwar in einzelnen Fällen durchaus eintreten, ist aber als „allgemeine Theorie“ unsinnig. Unternehmer und Arbeiter sind schließlich keine Trottel, die längere Zeit oder häufig etwas produzieren, das niemand benötigt oder niemand kaufen kann. Das Angebot wird sich stets so ausrichten, daß es der Nachfrage (dem gewünschten Konsum) entspricht. Fehler, die hierbei auftreten, indem die tatsächlichen Konsumentenwünsche unter- oder überschätzt werden – oder indem Art und Preis des Produkts falsch projektiert werden -, erfahren im Markt eine rasche Korrektur. Dafür sorgt die Signalfunktion von Gewinn und Verlust mit eiserner Strenge. Im Prinzip und auf das Ganze gesehen, erzeugt das Angebot sehr wohl seine eigene Nachfrage. Auf jeden Fall ist die Produktion der Anfang und der Motor des Prozesses von Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand – und nicht der Konsum. Um es zu wiederholen: Wenn es anders wäre, bräuchte der Staat nur astronomische Schulden zu machen und das Schuldengeld in den Konsum zu stecken – und schon würde der paradiesische Reichtum ausbrechen. Genau dazu aber raten die Ökonomen des Konsumismus – nur leider mit der Folge, daß die Menschen immer ärmer, das Geld immer wertloser und die Volkswirtschaften immer maroder werden. Das einzige, was bei dieser Art von „Volkswirtschaftslehre“ wächst, ist die Arbeitslosigkeit. Wer dafür plädiert, den Konsum durch Lohnsteigerung anzuregen und zu steigern, fordert in Wahrheit eine Erhöhung der Produktionskosten und schüttet damit Sand in das Getriebe, das Beschäftigung und Einkommen erst entstehen lassen kann – und mit dessen Kraftentfaltung die Voraussetzungen für den vermehrten Konsum überhaupt erst geschaffen werden. Außerdem heizt eine solche Politik die Inflation an und verringert somit die reale Kaufkraft der Konsumenten-Einkommen. Zwar wirken Lohnsteigerungen per se noch nicht inflationär, haben aber dennoch regelmäßig Inflation zur Folge, weil die Notenbanken das Geschehen mit einer Politik des leichten Geldes begleiten, um die Wirkung des Lohnkostenschubs in Richtung Arbeitslosigkeit zu dämpfen. Wer den Lohnempfängern wirklich Gutes tun möchte, sollte gegen die staatliche Abzocke via Steuern und Sozialabgaben zu Felde ziehen und gegen die (immer staatserzeugte) Inflation – also gegen jene Verarmungspolitik, welche die Konsumfähigkeit der Menschen immer mehr dahinschwinden läßt. Doch statt dessen plädieren die ökonomischen Märchenerzähler des Konsumismus für permanent steigende Löhne – und damit in Wirklichkeit für eine unablässige Verteuerung der Arbeit. Und das bedeutet: mehr Arbeitslosigkeit, weniger Wachstum, höhere Preise sowie letztlich sinkender Wohlstand und schrumpfender Konsum. Nicht zuletzt fließen bei Nominallohnerhöhungen immer größere Summen über Steuern und Sozialabgaben in den Staatssäckel – und somit aus den Taschen der Konsumenten. Was von den höheren Lohnzahlungen übrigbleibt, reicht nicht aus, um die mitsteigende Inflation zu kompensieren, so daß die Kaufkraft am Ende nicht zugenommen hat, sondern geringer geworden ist. Der falschen Theorie vom Konsum als Antriebsmotor des Wirtschaftswachstums und als Retter vor Arbeitslosigkeit steht als logisches Spiegelbild die These vom Sparen als Übel gegenüber. Der neue Chef der amerikanischen Zentralbank, Ben Bernanke, spricht sogar von einer „globalen Übersättigung mit Ersparnissen“ (global glut of savings). Das ist nur ein anderer Ausdruck für den bei den ökonomischen Alchemisten so beliebten Begriff vom „Mangel an wirksamer Nachfrage“, welcher man – gemäß der Lehre von Keynes – nicht nur mit steigenden Nominallöhnen, sondern auch mit höheren Staatsausgaben begegnen müsse. Und das auch dann, so Keynes und seine Jünger, wenn die zur Nachfrageerhöhung erforderlichen Mehrausgaben des Staates nur noch über zusätzliche Verschuldung zu bewerkstelligen seien. Wie verantwortungslos und wahrheitswidrig das Bernanke-Gerede ist, wird offenbar, wenn man das Zahlenwerk der US-Volkswirtschaft betrachtet. Die Konsumausgaben, die in einer gesunden Volkswirtschaft selten über der Hälfte des Sozialprodukts (Bruttoinlandsprodukt, BIP) liegen, beanspruchen derzeit 76 Prozent des BIP, und die Sparquote der Amerikaner ist auf ein historisches Tief von unter zwei Prozent gesunken. Seit George W. Bush das Präsidentenamt übernommen hat, ist die Auslandsverschuldung des amerikanischen Staates um mehr gestiegen als in der gesamten vorherigen Geschichte der USA – also vom Jahr 1776 bis 2000 zusammengerechnet. Aber auch die privaten Haushalte verschulden sich, angeregt durch Alan Greenspans jahrelange Niedrigzinspolitik, in bislang unbekanntem Ausmaß. Und zwar überwiegend zu Konsumzwecken. Allein im Jahr 2005 haben sie 530 Milliarden Dollar mehr ausgegeben, als sie netto (nach Bezahlung der Steuern) eingenommen haben. Die Hypotheken- und Kreditkartenschulden haben astronomische Höhen erklommen, und nach der Aktienblase (die bereits mit Tausend-Milliarden-Schäden geplatzt ist) hat die Liquiditätsschwemme der Zentralbank (Fed) inzwischen drei weitere bubbles aufgebläht: eine Bond-, eine Hypotheken- und eine Immobilienblase von apokalypseträchtigen Dimensionen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb steht Greenspan-Nachfolger Bernanke bereit, jede „Nachfrageschwäche“ mit neuen Gelddruck- und Verschuldungsrekorden zu beantworten. Dabei, so tönte er vollmundig, sei auch der bekannte Vorschlag nicht tabu, notfalls – wenn der Zentralbankzins bei Null steht und nicht weiter gesenkt werden kann – neugedrucktes Geld aus Hubschraubern über den amerikanischen Städten abzuwerfen. Eine Schweizer Finanzzeitung titelte deshalb ironisch: „Helikopter-Ben im Anflug“. In Deutschland stehen die Dinge nicht viel besser, zumindest was die Staatsverschuldung und die Papiergeldschöpfung anbelangt. Die Schulden von Bund, Ländern und Kommunen stehen kurz vor der 1,5-Billionen-Marke. Man sollte sich gelegentlich auch daran erinnern, daß die angebliche Stabilitätsweltmeisterin namens D-Mark bei ihrer Beerdigung durch den Euro gerade mal noch vier Prozent ihrer ursprünglichen Kaufkraft hatte. Und was seither mit der Kaufkraft des Euro geschehen ist, weiß jeder Konsument selber am besten. ……………………………. Das Wirtschaftswachstum – und damit die Beschäftigung und die Einkommen der Verbraucher – hängen davon ab, wieviel gespart wird und wie geschickt die Unternehmer das Ersparte investieren. ……………………………. In Wirklichkeit ist es das Sparen, das hinter der wahren Triebkraft der Marktwirtschaft – dem Angebot bzw. der Produktion – steht. Wenn Bürger und Haushalte beschließen, mehr zu sparen, so wird damit das Reservoir an Investitionskapital vergrößert. Das wiederum läßt die Zinsen auf natürliche Weise sinken, so daß eine größere Zahl an Investitionen rentabel wird. Das Wirtschaftswachstum – und damit die Beschäftigung und die Einkommen der Verbraucher – hängen davon ab, wieviel gespart wird und wie geschickt die Unternehmer das Ersparte investieren. Sparen und Investieren erhöhen die Pro-Kopf-Quote des investierten Kapitals, und der damit verbundene Produktivitätsfortschritt führt zu höheren Reallöhnen – also zur Vermehrung des allgemeinen Wohlstands. Eine künstliche Anregung des Konsums hingegen (über das sich im Markt natürlich ergebende Maß hinaus) ist wohlstandsmindernd, weil die über den Produktivitätsfortschritt hinausgehenden Lohnerhöhungen die Produktion verteuern und somit entweder die Preise steigen oder das Angebot schrumpfen lassen. Ebenso wirkt die zum Zweck der Konsum- und Konjunkturstützung betriebene Zentralbankpolitik des leichten Geldes auf längere Sicht wohlstandsmindernd, weil die manipulativ unter den natürlichen Zins gesenkten Leitzinsen die Sparanreize verringern und statt dessen zur Mehrverschuldung verlocken sowie den Investoren falsche Signale geben. Des weiteren zerstört die permanente Liquiditätsschwemme die Kaufkraft des Geldes. Say hat eben recht gehabt und recht behalten mit seiner Theorie, die (sinngemäß) besagt: Wer nichts produziert, kann nur nachfragen (konsumieren), wenn er vorher oder zugleich raubt oder stiehlt oder bettelt. Für Keynes und seine Schüler auf den heutigen Lehrstühlen besteht die Lösung der Wachstums-, Konjunktur- und Beschäftigungsprobleme darin, den Leuten zu neugedrucktem Geld zu verhelfen (indem sie sich zusätzlich verschulden), damit sie mehr ausgeben können. Und das ist Diebstahl. Wenn Staat und Zentralbank dem vorhandenen Geldstock neues Geld hinzufügen, das nicht aus produktiver Leistung stammt und deshalb auf ein nicht-vergrößertes Güter- oder Leistungsvolumen stößt, dann werden mit diesem „neuen Geld“ all jene betrogen, die ihr Einkommen durch Produktion und Dienstleistung erworben haben. Denn wenn eine größere Geldmenge das unveränderte Gütervolumen kauft, steigen die Preise. Das heißt, die Kaufkraft des Geldes wird verringert. Das gilt sogar dann, wenn die Preise „stabil“ bleiben sollten, denn in diesem Fall wären die Preise ohne neues Geld gesunken und hätten die Kaufkraft des „Leistungsgeldes“ (das heißt die Kaufkraft der mit produktiver Leistung der Arbeiter und Unternehmer erzielten Einkommen) erhöht. Dieselbe Wirkung entfalten selbstverständlich auch jene Geldmengenerhöhungen, welche die Zentralbanken vornehmen, um den gewerkschaftlichen Tarif-Hochdruck abzufedern und dessen Wirkung in Richtung steigender Arbeitslosigkeit zeitlich hinauszuschieben. Die ganze Lehre vom Konsumismus, von der fiskalpolitischen Stützung, von der gewerkschaftlichen Unterfütterung und von der geldpolitischen Förderung des Konsums ist eine Armuts-Theorie im doppelten Sinne: eine Theorie der akademischen Geistesverarmung und eine Theorie zur Verarmung der Bevölkerung. Sie ist eine Lehre des Irrtums und der Irreführung, auch wenn sie vom weltberühmten Lord Keynes stammt – und auch wenn sie von renommierten Nationalökonomen der heutigen Zeit vertreten wird. Wir werden für die jahrzehntelange Verhöhnung der ökonomischen Gesetze noch einen furchtbaren Preis bezahlen müssen. Roland Baader ist Nationalökonom, Sozialphilosoph und Autor zahlreicher Bücher und Schriften. Sein jüngstes Buch wurde in der JF 40/05 an dieser Stelle vorgestellt (Das Kapital am Pranger. Ein Kompaß durch den politischen Begriffsnebel. Resch Verlag, Gräfelding 2005, 302 Seiten, broschiert, 18 Euro) Foto: Passanten in der Kölner Innenstadt vor Werbung für reduzierte Waren: „Die ganze Lehre vom Konsumismus, von der fiskalpolitischen Stützung, von der gewerkschaftlichen Unterfütterung und von der geldpolitischen Förderung des Konsums ist eine Armuts-Theorie im doppelten Sinne: eine Theorie der akademischen Geistesverarmung und eine Theorie zur Verarmung der Bevölkerung.“

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