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„Das gibt’s ja gar nicht“

Himmel, Herrgott!“ brüllt der Firmenchef in der Lagerhalle und blickt entsetzt auf die ausgekippten Fässer und das verrutschte „Beladen verboten“-Schild im Hochregal. „Was ist denn nur los? Gestern verreckt mir die Karre und jetzt diesen Scheiß! Welcher Depp hat denn das da draufgestellt? Rupert! Sag mal, siehst du dieses Schild nicht? Kannst du nicht lesen, oder soll ich es vielleicht noch größer schreiben?“ „Was soll ich denn noch mit dir machen?“ schreit er den verzweifelten Mitarbeiter an. „Chef“, unterbricht ihn ein anderer, „der Mann kann nicht lesen.“ „Du kannst nicht lesen? Das kann doch nicht wahr sein. Und ich hab‘ das die ganzen Jahre nicht gemerkt! Das gibt’s ja gar nicht. So kann das nicht weitergehen. Da muß man was machen, komm,“ sagt der Chef und hakt Rupert freundschaftlich unter. Dies ist einer von mehreren Kurzfilmen, mit denen der als gemeinnützig anerkannte bundesweit agierende Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. ( www.alphabetisierung.de ) auf das immer noch in Deutschland vorkommende Problem des Analphabetismus aufmerksam machen will. Doch nicht jeder hat einen so verständnisvollen Chef, und viel zu oft wird das Thema verschwiegen. Laut dem Verband können hierzulande bis zu vier Millionen Menschen nicht richtig lesen und schreiben. Jedes Jahr verlassen in Deutschland trotz neunjähriger Schulpflicht über acht Prozent aller Schulabgänger die Schule ohne einen Hauptschulabschluß. Im Schuljahr 2003/04 waren es laut Statistischem Bundesamt 82.200 Schüler (66.900 Deutsche, 15.300 Ausländer). Analphabet ist nicht gleich Analphabet Jedoch ist Analphabet nicht gleich Analphabet. Es gibt verschiedene Grade von Analphabetismus. Einige können überhaupt nicht lesen und schreiben. Andere können auf sehr geringem Niveau lesen, jedoch nicht schreiben. Wieder andere können lesen und mangelhaft schreiben. Entsprechend unterscheidet man gemeinhin zwischen drei Formen des Analphabetismus: dem primären, dem sekundären und dem funktionalen. Von primärem Analphabetismus spricht man laut Peter Hubertus, dem Autor von „Alphabetisierung und Analphabetismus. Eine Bibliographie“, wenn eine Person über keinerlei Lese- und Schreibfähigkeiten verfügt. Dies sind zumeist Zuwanderer aus Ländern, in denen es kein oder nur ein unzureichend ausgebautes Schulsystem gibt. Teilweise hatten sie aber auch keine Möglichkeit zu einem regelmäßigen Schulbesuch – Stichwort Kinderarbeit. Sekundären Analphabetismus findet man bei Betroffenen, die zwar eine Schule besucht haben, bisweilen sogar mit einem Abschluß. Nach Beendigung der Schulzeit vergessen sie jedoch aufgrund mangelnder Verwendung die erlernten Schreib- und Lesefähigkeiten schlichtweg. Gerade diese Form des Analphabetismus wird durch den zunehmenden Fernsehkonsum und die Verbreitung des Telefons mit dem daraus resultierenden geringeren Schriftgebrauch begünstigt. Die häufigste Form ist jedoch der funktionale Analphabetismus. Damit, so Hubertus, zugleich Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung e.V, sei gemeint, „daß jemand über so geringe Lese- und Schreibkenntnisse verfügt, daß er nicht den Anforderungen gerecht werden kann, die in seiner Gesellschaft in bezug auf die Schriftsprache gestellt werden“. Reichte früher für manche Menschen eine sehr begrenzte Alphabetisierung noch aus, um zumindest einfache Berufe ausüben zu können, werden diese in der heutigen, zunehmend professionalisierten, Arbeitswelt nun zu funktionalen Analphabeten. Trotz eines niedrigen Alphabetisierungsgrades haben sie gegenüber dem primären Analphabeten im Berufsleben keinen Vorteil, da sie meist aus Angst, ihre Schwäche könnte entdeckt werden, den Schriftgebrauch vermeiden. Auch Zuwanderer können dieses Schicksal erleiden. Wenn in ihrer Heimat im Berufsleben wesentlich niedrigere Lese- und Schreibkenntnisse verlangt wurden als im Einwanderungsland, werden sie ohne fremde Hilfe zwangsläufig zu funktionalen Analphabeten. Bei vielen Wirtschaftsflüchtlingen, vor allem aus Afrika, ist das der Fall. Wirklich aufmerksam auf Analphabetismus in der westlichen Welt wurde man erst in den späten siebziger Jahren. Denn plötzlich gab es mehr Arbeitskräfte als Arbeitsplätze. Schlecht qualifizierte Arbeitskräfte wurden entlassen. Auch gab es immer weniger Berufe, die keine oder nur geringe Lese- und Schreibkenntnisse voraussetzten. Es mußte reagiert werden. Entsprechend werden in Deutschland seit 1978 in Trägerschaft des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (dvv) Kurse für Erwachsene – das heißt für Personen über 15 Jahre – angeboten. Dort wird seitdem in kleinen Gruppen gezielt auf die einzelnen Teilnehmer eingegangen. Angaben des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung zufolge nehmen derzeit rund 20.000 Erwachsene in Deutschland an Alphabetisierungskursen teil. Um den Analphabetismus in Deutschland auch mit anderen Mitteln zu bekämpfen, unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung zusätzlich mehrere Gemeinschaftsprojekte des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung und des dvv. So wurde beispielsweise ein Internetportal mit dem Namen „Zweite Chance online“ eingerichtet, welches von mehr als 8.000 Menschen regelmäßig anonym genutzt wird. Es bietet Betroffenen etliche Hilfestellungen, um im Alltag besser zurechtzukommen. Unter anderem gibt es dort ein kostenloses Schreib- und Leselernprogramm mit dem Namen „ich-will-schreiben-lernen.de“. Verschiedene Strategien, um das Defizit zu überspielen Gedacht ist das Programm vor allem für Analphabeten, die sich aus Angst, erkannt zu werden, scheuen, Alphabetisierungskurse zu besuchen. Dadurch können sie nun anonym und von daheim aus Schritt für Schritt lesen und schreiben lernen. Hilfreich ist hierbei, daß durch Mausklick auf bestimmte Bilder der Internetseite die notwendigen Arbeitsschritte von einer virtuellen Stimme erklärt werden. Wie kann es aber sein, daß nicht nur der fiktive Rupert, sondern unzählige wirkliche Menschen jahrelang unerkannt als Analphabeten im Alltag bestehen? Um nicht entlarvt zu werden, entwickeln sie mit enormem Aufwand verschiedene Strategien, ihr Defizit zu überspielen. „Können Sie mal bitte vorlesen, was da draufsteht, ich habe meine Brille vergessen“ ist eine der häufigsten Ausreden. Müssen sie eine Unterschrift leisten, kommen sie mit dem Arm in der Schlinge und unterschreiben unleserlich mit der anderen Hand. Im Restaurant nehmen sie einfach „das gleiche“ wie der Partner. Es gibt Hunderte solcher Möglichkeiten, in deren Anwendung Analphabeten durch jahrelangen Gebrauch äußerst routiniert sind. Global betrachtet ist der Analphabetismus aber nach wie vor zuvorderst ein Problem der ärmeren Länder. Laut Weltbericht „Bildung für alle“ 2006 aus dem gleichnamigen Programm der Unesco, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, können weltweit über 770 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben. 64 Prozent davon sind Frauen. Drei Viertel aller Analphabeten leben in nur zwölf Ländern, darunter acht der bevölkerungsreichsten: Indien, China, Bangladesch, Pakistan, Nigeria, Indonesien, Ägypten, Brasilien, Iran, Marokko, Kongo und Äthiopien. Ferner gehen etwa 100 Millionen Kinder im Grundschulalter nicht zur Schule. Vor diesem Hintergrund erklärte die Unesco den Zeitraum zwischen den Jahren 2003 und 2012 zur UN-Weltdekade der Alphabetisierung, deren Ziel es ist, die Analphabetenrate bei Erwachsenen um die Hälfte zu reduzieren. Die Entwicklung von geeigneten Lehr- und Lernmaterialien sowie die qualifizierte Aus- und Weiterbildung von Lehrern steht hierbei im Mittelpunkt. Denn allein die Bildung, so die Unesco, sei der Schlüssel für nachhaltige menschliche Entwicklung und für die Überwindung von Armut. Und erste Erfolge sind mittelfristig bereits zu verzeichnen. Immerhin konnte die weltweite Analphabetenrate im Vergleich zu 1990 von über 870 Millionen um gut eine Million (12 Prozent) verringert werden. Zum Großteil ist dies allerdings auf einen immensen Rückgang des Analphabetismus in China mit allein 94 Millionen zurückzuführen. Dagegen gab es in Afrika südlich der Sahara eine Steigerung der Analphabetismusrate um neun Prozent. „Schreib dich nicht ab! Lern lesen und schreiben“ Die Bundesrepublik Deutschland stellte 2003 rund 300 Millionen Euro für Bildungsprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern zur Verfügung und gehört damit gemeinsam mit Frankreich und Japan zu den wichtigsten Geberländern. Deutschland selbst belegte den Angaben des Human Development Index (HDI) 2003 zufolge mit einer Alphabetisierungsrate von rund 99 Prozent weltweit Platz 20. Platz eins belegte, wie in den Jahren zuvor, Norwegen. Auf dem letzten Platz (174) lag Niger. Der HDI setzt sich aus der Lebenserwartung, der realen Kaufkraft pro Einwohner und dem Bildungsgrad der Menschen eines Landes zusammen. Der Bildungsgrad wiederum teilt sich in die Alphabetisierungsquote der Erwachsenen und die Brutto-Schuleinschreibungsrate. Das Entwicklungsprogramm der UN veröffentlicht den HDI jährlich im Rahmen seines Weltentwicklungsreports. Dem HDI zufolge gibt es in Deutschland lediglich ein Prozent bzw. 820.000 Analphabeten. Das liegt laut Unesco jedoch daran, daß viele hoch entwickelte Länder mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht aufgehört haben, eigene Statistiken über die Alphabetisierungsrate ihrer Bevölkerung zu erheben – in Deutschland geschah dies bereits seit 1912. Deswegen nutzt die Unesco zur Berechnung des HDI für diese Länder den allgemeinen Wert von 99 Prozent. Daher der Unterschied zu den Zahlen des Vereins für Alphabetisierung und Grundbildung. Ob nun aber vier Millionen oder eine Million, jeder einzelne Analphabet ist einer zuviel. Denn Lesen und Schreiben sind nicht nur Eigenschaften, die für eine erfolgreiche Berufsausübung erforderlich sind. Selbst die Wahrnehmung elementarer Grundrechte wie das der freien Meinungsäußerung, wodurch jeder das Recht hat „seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“, sind ohne die Beherrschung der Schriftsprache nicht denkbar. Auch eine Ausübung des Wahlrechts ist für Analphabeten oftmals nicht möglich. Alleine schon deswegen sollte jeder Analphabet den Aufruf des vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung betriebenen Alfa-Telefons zur anonymen Beratung und Information beherzigen: „Schreib dich nicht ab! Lern lesen und schreiben.“ Stichwort: 8. September Am 8. September 1965 etablierte die Unesco den UN- Weltalphabetisierungstag und erinnert so an die Millionen Analphabeten. In Deutschland laden dieses Jahr der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. und der Deutsche Volkshochschulverband zur zentralen Feier nach Berlin, bei der Bundesbildungsministerin Annette Schavan die Gewinner des Literaturwettbewerbs „wir schreiben“ für erwachsene, funktionale Analphabeten auszeichnet.

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