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„Wer spricht denn da von Menschenwürde?“

Ein unantastbares Thema war die Prostitution in der Literatur nie gewesen. Als Milieu tauchten Freudenhäuser seit antiken Zeiten auf, und einzelne Damen des „ältesten Gewerbes der Welt“ stellten oft genug literarische Schlüsselfiguren dar. Relativ neu ist die offen marktfähige Verbindung der Prostitution mit ihrer „kleinen Schwester“, der Pornographie als literarische Gattung. So setzte sich der autobiographische, künstlerisch unbestritten wertlose Pornoroman der Kunstkritikerin Catherine Millet über das „Sexuelle Leben der Catherine M.“ 2001 für Monate auf den obersten Rängen internationaler Bestsellerlisten fest. Frei von Emotionen und Selbstreflexion beschreibt Millet hier mit buchhalterischer Genauigkeit ihre Umtriebe als Hobbyhure. Von einer gewissen Salonfähigkeit des Themas zeugte nicht zuletzt der neue Roman des Kolumbianers Gabriel Garcia Maquez, der jüngst in der FAZ in Form eines kompletten Vorabdrucks zu hochkultureller Würde gelangte. In diesen „Erinnerungen an meine traurigen Huren“ läßt der Bestsellerautor einen hochbetagten Schriftsteller mit einem „letzten Wunsch“ an seine alte Bekannte, die rührige Puffmutter, herantreten: einmal – als guter Kunde, der er Zeit seines Lebens war – ein unberührtes Mädchen zu beschlafen. Prostitution ist auch im Alltagsleben allgegenwärtig Die unterernährte 14jährige Zwangsprostituierte findet der Greis jedoch regelmäßig – wohl aus Erschöpfung – schlafend vor; das gibt ihm Zeit, alte und neue Gier, später als „Liebe“ verbrämt, detailverliebt Revue passieren zu lassen. Auch im Kino sind die Zeiten des beschaulichen Nuttenidylls längst vorüber, das vor über vierzig Jahren Billy Wilders „Irma la Douce“ noch präsentierte. Als vor vier Jahren der pornographische Film „Fick mich“ mit „echten“ Prostituierten in den Hauptrollen in regulären Kinos anlief, rief dies zwar weithin Mißfallen hervor, wurde aber schon unter einer neuen Normalität subsummiert. Bittere Ironie, daß sich die 31jährige Hauptdarstellerin im vergangenen Monat umbrachte. Prostitution ist auch im Alltagsleben allgegenwärtig, in den meisten Tageszeitungen und kostenlosen Anzeigenblättern bieten Huren per Inserat ihre Dienste dar. Im Internet finden sich auf den Seiten von Sexclubs zahlreiche Foren, auf denen Freier die einzelnen Huren bewerten und dies bisweilen mit einer redseligen Geläufigkeit tun, als handele es sich um Büchertips oder ausprobierte Kochrezepte. Karsten, 32, ist Journalist und spricht offen über seine regelmäßigen Bordellbesuche -vielleicht nicht mit jedermann, aber im engeren Bekanntenkreis ist das alles andere als ein Tabuthema. Karsten ist nett, höflich und ein aufmerksamer Gesprächspartner, er sieht gut aus. An sexuellen Beziehungen außerhalb der „hochklassigen“ Clubs hat er selten Interesse. Er komme gut aus mit Frauen, sagt er, aber intime Beziehungen führten früher oder später zu einem „Streß“, den er nicht gebrauchen könne. Für seine unregelmäßigen Besuche bei bezahlten Freudenmädchen – mal mehrmals in der Woche, mal Monate nicht – schämt er sich nicht. Er spricht von „fast ausnahmslos guten Erfahrungen“ mit den – in aller Regel ausländischen -Mädchen: nie würde er jemanden zu etwas zwingen: „Daß die Tag für Tag ihren Spaß daran haben, glaube ich natürlich nicht. Aber ich erlebe die Mädels in den Clubs als sehr locker und immer auch gesprächsbereit.“ Und, gibt Karsten zu bedenken, verkauft sich eine Frau etwa nicht, die über Jahrzehnte an einer Kasse im Supermarkt sitzt und darüber grau und bitter wird? „Wer spricht denn da von Menschenwürde?“ Natürlich sei Hure kein Beruf wie jeder andere – dennoch, wie er findet, nicht die entwürdigendste und keinesfalls die dümmste Art, sich dem Markt zur Verfügung zu stellen. Dreißig Prozent aller Männer sollen Bordelle aufsuchen Mit einer 22jährigen Hure aus Moldawien ist Karsten gelegentlich ungeschäftlich ausgegangen. „Ein hellwaches, intelligentes Mädchen: Für acht Monate ist sie die brave Tochter daheim, die ungeschminkt und in grober Arbeitskluft artig im Haushalt und der Landwirtschaft hilft, in den restlichen vier Monaten verdient sie hier ein gutes Einkommen für ihre Eltern und ihre Tochter. Dort sagt sie natürlich, sie würde in Deutschland kellnern.“ Was sei daran falsch, fragt Karsten: „Wenn sie dreißig ist, möchte sie mit dem ersparten Geld ein eigenes Café eröffnen und mit dem Anschaffen aufhören. Das sind doch keine schlechten Perspektiven. Man sollte das lockerer sehen.“ Ob tatsächlich dreißig Prozent aller Männer – Feministinnen reden gar von neunzig Prozent zumindest einmaligen Freiern – gelegentlich Bordelle besuchen? Er könne da keinen repräsentativen Überblick liefern, sagt Karsten, der Straßenstrich und die Schmudellbordelle, die er selbst meide, seien weitgehend von ausländischen Männern frequentiert. „Ansonsten muß ich schon gelegentlich schmunzeln, wen man in diversen Saunen und FKK-Clubs so alles trifft: vom katholischen Ministranten über den Gymnasiallehrer bis hin zum dreifachen Familienvater. Warum nicht – am Ende ist seine Frau vielleicht froh, daß sie ihre Ruhe hat. Und ohne Gummi läuft in den besseren Clubs eh‘ nichts – also?“ Mit diesem argumentativen Rüstzeug wird jede Kritik schnell als Doppelmoral entlarvt.

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