Schweigemarsch mit Walkürenritt

An Frauenkirche und Zwinger vorbei wurde man bereits hundert Meter vor dem Landtag von klassischer Musik aus Lautsprecherwagen und Polizeiketten begrüßt. Zur röhrend lauten „Moldau“ Smetanas, Beethovens „Mondscheinsonate“ und dem „Requiem“ Mozarts mußte jeder eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen, bei der Polizeikräfte nach Waffen oder zensierten Kleidungsstücken suchten. Der Treffpunkt des Gedenkmarsches war hermetisch abgeriegelt. Organisator war die vor Jahren von der Landsmannschaft Ostpreußen abgespaltene, heute NPD-nahe „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“ (JLO), die Schirmherrschaft hatte der sächsische NPD-Fraktionschef Holger Apfel übernommen. Gegen halb zwölf waren auf dem Platz hinter der Semperoper bereits 1.500 Menschen versammelt. Am Busplatz vor dem Landtag lieferten sich die Teilnehmer schon mal eine Transparentschau. Nach der halbstündigen Eröffnungsrede des „Nationalbarden“ Frank Rennicke erfolgte noch eine kleine Gesangseinlage über einstige ostdeutschen Städte. Neben Franz Schönhuber, dem Mitgründer und langjährigen Vorsitzenden der Republikaner, sowie dem Chef der Deutschen Volksunion (DVU), Gerhard Frey kam NPD-Fraktionschef Holger Apfel zu Wort. Versuchte man mit Teilnehmern der Demonstration ins Gespräch zu kommen, war dies nicht einfach. Äußerungen wie: „Zitieren Sie mich bloß nicht namentlich, sonst flieg ich“, „Mein Chef darf mich hier nicht sehen, deswegen trag ich ja die Sonnenbrille“, zeugten einfach nur von Angst vor Repressionen. Auf Leitern und Tritte gestiegene Journalisten machten Aufnahmen von der Menge. Jedesmal, wenn das Kameraauge nach hinten schwenkte, drehten viele ihre Gesichter weg, um nicht erkennbar gefilmt zu werden. Gegen 13 Uhr setzte sich – bei strahlendem Sonnenschein und unter dem Schutz von etwa 2.400 Polizisten – der Demonstrationszug in Bewegung, der am Zwingerteich beginnend entlang der Ostraallee, über die Marienbrücke zum Albertplatz und über die Augustusbrücke zurück zum Ausgangsort führte. Oder führen sollte, denn am Rande gab es doch einige Anekdoten: Dicht umringt von Kameras wurde am Anfang die Spitze mit Holger Apfel, Gerhard Frey, Udo Voigt und Franz Schönhuber, Peter Marx und dem Organisator der Demonstration und sächsischen Vorsitzenden der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen, Alexander Kleber, so oft abgelichtet wie sonst nur Leinwandgrößen. Über die erste Brücke gekommen, wurde der Zug von großen Lautsprechern beschallt, die auf dem Landtag installiert waren. Ein Zitat von Charlie Chaplin aus dessen Film „Der große Diktator“ wurde fortlaufend wiederholt. Der Zug hatte sich mittlerweise auf mehr als einen Kilometer Länge erweitert. Schätzen fiel schwer, aber es dürften tatsächlich die offiziell angegebenen 6.000 Demonstranten gewesen sein, die ohne Parolen oder Sprechchöre durch die Straßen zogen. Der Altersdurchschnitt lag deutlich unter dreißig, und die Mehrheit erfüllte keine optischen Klischees von „Rechtsextremen“ oder „Neonazis“. Ständige Provokationen des linksextremen Blocks Das Ende des Zuges befand sich noch auf der Marienbrücke, da sollte die Spitze eigentlich über die Augustusbrücke marschieren. Wegen einiger Autonomer, die einen Sitzstreik veranstalteten, kam alles zwanzig Minuten zum Stehen – eine willkommene Pause für durchgefrorene Gedenkmarschierer wie Gegendemonstranten. Während die Polizei mit Schild und Knüppel die Brücke räumte, „traf“ man sich friedlich, aber an getrennten Tisches in Cafés rechts und links der Hauptstraße. Kaum ging es weiter, reihten sich die einen wieder ein, die anderen gingen zur Stinkefingerpräsentation heraus und skandierten erneut empörte Sprechgesänge wie „Ihr habt den Krieg verlor’n“ oder „Wir woll’n euch heulen sehn“. Die zahlreichen Ordner hielten immer wieder Teilnehmer zurück, die sich auf die Provokationen der direkt am Straßenrand stehenden Anhänger der linksextremen Autonomen einlassen wollten. Über die Brücke gelangt, drängten sich die meisten Gegendemonstranten auf den Treppen der Brühlschen Terrassen zusammen und mischten sich so mit Touristen. Zum Konfettiregen der Autonomen und der einschreitenden Polizei dröhnte dann auch noch provokativ und viel zu laut der „Walkürenritt“ von Richard Wagner aus dem NPD-Lautsprecherwagen – einem Gedenkmarsch eher unangemessen. Nachdem sich alle wieder auf dem Platz eingefunden hatten, hielt der NPD-Vorsitzende Udo Voigt noch eine Ansprache. Beschlossen wurde das Ganze dann durch das Abspielen und Singen aller drei Strophen des Deutschlandliedes. Später am Abend krachte noch ein Stein in die Fensterscheibe eines Busses, der eine schwarz-weiß-rote Fahne im Heckfenster hatte und gerade abfuhr.

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