Joachim Kuhs

 

Orte der Besinnung

Wir starben, auf daß Deutschland lebe. So lasset uns leben in Euch!“ So steht es – gewidmet dem Königin Augusta-Garde-Regiment No. 4 und seinen Söhnen – auf einem imposanten Ehrenmal für Gefallene des Ersten Weltkrieges auf dem Garnisons-Friedhof am Berliner Columbiadamm. Ein Grablicht flackert und vermittelt stille Anteilnahme. Einige hundert Meter weiter ein Gräberfeld. Zwischen Herbstlaub versteckt, liegen dort Dutzende kleine Grabplatten: „Heinrich Adler. Geboren am 6. Februar 1879. Gefallen am 17. Oktober 1916“. Ein paar weitere Meter entfernt verunstalten dann pinkfarbene Schmierereien einen Obelisken, der an die toten Kameraden der Kriege von 1866, 1870/71 und 1939/1945 mahnt. Wenn es um Kriegerdenkmäler in Deutschland geht, stehen Licht und Schatten nur allzu oft, allzu eng beieinander. Und die schattigen Seiten des Verfalls, der Verbannung und Zerstörung nehmen von Jahr zu Jahr zu. Ob die mit Farbe beschmierten Standbilder der preußischen Generäle Scharnhorst und Bülow Unter den Linden in Berlin. Ob das Gefallenendenkmal im Bielefelder Stadtteil Gadderbaum, dem – mal wieder – der Kopf abgeschlagen wurde oder eben das Ehrenmal auf dem Hamburger Licentiatenberg, das nach seiner mutwilligen Zerstörung nun abgetragen wurde. Oftmals stehen die Ehrenmale auch nur im Weg Das Gedenken an die gefallenen Söhne ihrer Städte und Dörfer ist so manchen Zeitgenossen ein Dorn im Auge. Und so nimmt’s nicht wunder, wenn in den Medien immer wieder von „umstrittenen“ Gefallenendenkmälern die Rede ist. Schnell spricht man von Verherrlichung des Krieges und vergißt dabei die Trauer um die Gefallenen. Oftmals stehen die steinernen Ehrenmale aber auch nur im Weg moderner Stadtmöblierung. Wenn es um die Neugestaltung des Marktplatzes, des Stadtparks oder einer Neubebauung geht, dann werden die ungeliebten Zeitzeugen gern und ohne viel Federlesens vom Zentrum auf den abgelegenen Friedhof verbannt – wo sie dann, etwas geschützter vor städtischem Vandalismus, ihr Dasein fristen. Im Zentrum des brandenburgischen „Storchendorfes“ Linum steht das Kriegerdenkmal noch. Geschützt von einem Bauzaun und vor der Unbill des Wetters notdürftig durch Planen geschützt, siecht es allerdings seit geraumer Zeit vor sich hin. Die JUNGE FREIHEIT hatte vor einem Jahr (JF 47 und 51/04) über die Bemühungen des 800 Einwohner zählenden Dorfes zum Erhalt desselben berichtet. Die fachgerechte Sanierung würde 110.000 Euro kosten, hieß es. Prompt meldete sich ein Spender, und die Sache wurde publik. In den beiden Regionalzeitungen Ruppiner Anzeiger und Märkische Allgemeine Zeitung erschienen Artikel über das Dorf und sein Kriegerdenkmal. Der Tenor lautete: „Rechte liebäugeln mit dem Kriegerdenkmal“. Die Gefahr eines Aufmarschplatzes für Rechte wurde an die Wand gemalt, und die ehrenamtliche Bürgermeisterin Wilma Nickel erklärte gegenüber der Märkischen Allgemeinen: „Wir werden hier keinem die Möglichkeit geben, den Fuß in die Tür zu bekommen. Ich verzichte lieber auf das Geld, bevor wir vielleicht von Rechten etwas für unser Kriegerdenkmal annehmen.“ Gesagt, getan. Die Kassen der Gemeinde Fehrbellin und ihrer Ortsteile, zu denen Linum gehört, sind leer. Folglich macht das am 25. November 1923 feierlich eingeweihte Gefallenendenkmal einen mehr als traurigen Eindruck. Und es bleibt abzuwarten, ob der Verfall der Gedenkstätte in „absehbarer Zeit“ (vgl. https://www.storchenfest.de/Seiten/der_ort.html ) beendet werden kann. Um zu erleben, daß es auch anders geht, braucht man sich allerdings nur zwei Kilometer weiter nördlich nach Hakenberg bewegen. Hier tobte am 18. Juni 1675 die Schlacht bei Fehrbellin: Kurfürst Friedrich Wilhelm besiegte die zahlenmäßig hoch überlegenen Schweden. Also wurde ihm zu Ehren 200 Jahre später eine Siegessäule errichtet, welche dann vor fünf Jahren auch mit Hilfe von Spenden vortrefflich restauriert wurde. Nun steht am Eingang des für Besucher offenen Turmes eine „Kasse des Vertrauens“ und bittet um Spenden. Dieses Vertrauen fehlt andernorts. Nun glänzt die vergoldete Victoria an der Spitze der Hakenberger Siegessäule in den strahlendblauen Herbsthimmel, während der steinerne Soldat im nahen Linum sein graues Dasein hinter tristen Bauzäunen fristet. Oftmals hilft schon ein großes Stück Herz und Engagement. So gesehen beim Förderverein Invalidenfriedhof e.V. Dieser wurde im November 1992 gegründet und verfolgt „das Ziel, den kultur-, militär- und sozialgeschichtlich bedeutsamen Invalidenfriedhof in seinem historischen Umfang als ein Denkmal der deutschen, preußischen und Berliner Geschichte und als Ort der Besinnung zu erhalten, würdig zu gestalten und zu pflegen“. Dem Garde-Pionier fehlt der Kopf, darunter ein Graffiti Wer den „Invalidenfriedhof“ in Berlins Mitte nach dem Fall der Mauer gesehen hat – zerschnitten und größtenteils unwiederbringlich zerstört -, ist heute überrascht. Anfang der neunziger Jahre mochte man kaum an positive Entwicklungen glauben. Doch vieles wurde gerettet, vieles restauriert. Und so geben die Grabmale von Scharnhorst, von Winterfeldt und von Fritsch – um nur einige zu nennen – den Blick in die Geschichte frei. Parallel dazu wurde die historische Friedhofsmauer zum Spandauer Schifffahrtskanal ebenso restauriert, wie einige Mauerteile, die an die vormalige Berliner Mauer erinnern, nachempfunden wurden. Doch allen positiven Einzelerscheinungen zum Trotz: Man braucht nur einige U-Bahnstationen von der Zinnowitzer Straße in Berlin-Mitte zum Südstern in Kreuzberg zu fahren, und schon ist man in der gefallendenkmalfeind-lichen Zone angekommen. Dort ist an der Kirche am Südstern, die bis 1918 als evangelische Garnisonskirche fungierte, versteckt ein Kriegerdenkmal zu finden. „1914 bis 1918. Den gefallenen Garde Pionieren. Vorwärts und Durch“ steht da, nur noch schwer zu entziffern. Dem Garde-Pionier fehlt der Kopf, und ein rotes Kreuz prangt über der Inschrift. Darunter ein Graffiti. Auf die Frage, was mit dem Kopf passiert ist, konnte man dann selbst aus berufenem Munde in der Kirche nichts erfahren. Warum nur? Fotos: Erinnerung zwischen Herbstlaub auf dem Garnisons-Friedhof in Berlin-Neukölln: Schnell spricht man von der Verherrlichung des Krieges und vergißt dabei das Gedenken an die Opfer und die Trauer um die Gefallenen Berliner Südstern: Zerstört und (fast) vergessen Gefallenendenkmal im brandenburgischen Linum: Man will keine Spenden von „Rechten“ Berlin-Neukölln: „Allzeit zum Frieden mahnen“

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