Ist die ganze Welt katholisch geworden?

Nie wurde wohl in Deutschland dem Sterben eines Kirchenführers eine so große Anteilnahme zuteil wie bei Papst Johannes Paul II. Medien, die sonst nichts von einem Jenseits, geschweige denn von Gott wissen wollen, titelten jetzt über den Papst: „Der Unsterbliche“ (so der Spiegel). Blätter wie Bild, die sonst auf so gut wie jeder Seite gegen Weisungen des Papstes verstoßen, schreiben plötzlich, er sei eine „moralische Autorität“ gewesen. Ja, Bild meint sogar zu wissen, wie der Papst in den Himmel kam: Maria selbst habe ihn „in der Falte ihres Mantels zu Gott getragen“. Und der Bundeskanzler, der mit seiner Politik bei ethischen Entscheidungen mit so gut wie allem gegen das steht, was der Papst forderte, erklärt jetzt, die Welt sei durch den Tod des Papstes „ärmer“ geworden. Was für eine Schizophrenie! Eine derartige Ehrbezeugung ist einem Protestanten jedenfalls noch nie zuteil geworden. Der Tod höchster evangelischer Repräsentanten wäre der Tagesschau bestenfalls die 28. Meldung wert. Und während der Weltkirchenrat öffentlich gar nicht mehr zu existieren scheint, hat man – verfolgt man die Massenmedien – das Gefühl, die ganze Welt sei katholisch. „Rom“ braucht auch gar nicht mehr seine Lehre vom Papst als „Stellvertreter Christi“ zu verteidigen. Selbst atheistische, linke Blätter haben das Wirken von Johannes Paul II. in einer Weise beschrieben, als ob es sich tatsächlich um einen überirdischen Menschen gehandelt habe. Dazu haben freilich auch evangelische Bischöfe beigetragen. Das Höchste, was ihnen widerfahren konnte (so wird von einigen freimütig bekannt), sei ein Besuch beim Papst gewesen. Gerade das berührt merkwürdig, denn die katholische Kirche erkennt die evangelische Ordination – und damit ihr Amt – gar nicht an. Selbst freikirchliche Repräsentanten redeten den Papst mit „Heiliger Vater“ an. Nie wurde also dem Papstamt nach der Reformation so viel Ehre erwiesen wie jüngst. Dabei ist der Papst katholisch geblieben. So waren, laut seinem Sekretär, seine letzten Gedanken: „Ich gebe mich völlig mit Freude in die Hände der Jungfrau Maria.“ In seinem im letzten Jahr erschienenen Buch schrieb er, daß er auch den Mann Marias, Josef, um Hilfe angerufen habe. Für Martin Luther war beides „antichristlich“. Doch die Faszination dieses Papstes ist so groß gewesen, daß kein evangelischer Bischof dagegen mehr Einspruch erhob. Die Reformation ist eben fast 500 Jahre her. Dabei könnten evangelische Christen und besonders ihre leitenden Repräsentanten tatsächlich eine Menge von diesem Papst lernen, denn auf ethischem Gebiet stand er in vorbildlicher, nachzufolgender Weise auf biblischem Boden, wenn er eindeutig Abtreibung, praktizierte Homosexualität und Sterbehilfe ablehnte. Und das größte aller Phänomene bei diesem Papst dürfte wohl sein, daß gerade er, der sich selbst gegen Kondome und außereheliche Sexualität wandte, also alles, was quasi mittlerweile selbstverständlich scheint, von zahllosen Jugendlichen bejubelt wurde und jetzt von Massenmedien als fast göttliche Instanz geehrt wird. Könnte es sein, daß dahinter eine tiefe Sehnsucht nach klarer, hammerharter Orientierung steckt – oder zumindest nach Überzeugungen, an denen man sich reiben kann? Daß man deshalb im tiefsten den Papst bewundert? Auch wenn man meinte, ihn jahrelang öffentlich kritisieren zu müssen? Zeitgeistsurfer sind eben nur einen winzigen Augenblick gefragt, um danach verachtet zu werden, Von den evangelischen Kirchenführern, die den Papst in Sachen Abtreibung als rückständig belächelten, redet jedenfalls niemand mehr. Helmut Matthies ist Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, wo sein Kommentar zuerst erschienen ist.

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