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Er brachte die Befreiung

Mitten in der Vorstellung des Musicaltheaters „Syrena“ ging der Vorhang nieder. Vor das verblüffte Publikum trat der Theaterdirektor – ein KP-Funktionär und Oberst des polnischen Sicherheitsdienstes – höchstpersönlich auf die Bühne. Was war geschehen? Sein Gesicht und die Körpersprache verrieten seine sichtliche Aufregung. Mit zitternder Stimme wandte er sich an die 800 anwesenden Zuschauer: „Meine Damen und Herren! Soeben erhielten wir eine sensationelle Nachricht aus Rom. Unser Landsmann, der Krakauer Kardinal Karol Wojtyla, ist zum Papst gewählt worden!“ Eine Art Lähmung erfaßte den Saal, und es vergingen erst wie eine Ewigkeit erscheinende Sekunden, bevor die unglaubliche Nachricht aufgenommen wurde. Der ganze Saal hob sich auf und fing an die Nationalhymne zu singen: „Noch ist Polen nicht verloren. Solange wir leben …“ Auch der kommunistische Theaterdirektor sang mit. Ähnliche Szenen spielten sich an diesem 16. Oktober 1978 überall in Polen ab. Die unfaßbare Nachricht über einen Polen auf dem Thron Petri wirkte wie ein Donner aus heiterem Himmel. Sie war fast zu schön, um wahr zu sein. An diese Zeit erinnert sich auch bis ins kleinste Detail der bekannte Krakauer Schriftsteller und gegenwärtige Chefredakteur des Magazins Kraków, Jan Pieszczachowicz, der langjähriger Vorsitzender des örtlichen Pen-Clubs war. Eines Tages, so erzählt er, berief die kommunistische Staatspartei PZPR (Polnische Vereinigte Arbeiterpartei) eine Versammlung des Schriftstellerverbandes ein. „Die Behörden waren beunruhigt über den wachsenden Einfluß Karol Wojtylas und der Kirche in unserer Stadt. Ein PZPR-Funktionär behauptete, der Kardinal unterstütze die oppositionellen Kräfte, die zum ‚Schaden der Volksrepublik‘ wirkten. Er verteilte unter den Anwesenden angebliche Beweise dieser ’subversiven‘ Tätigkeit, die vom Geheimdienst angefertigt worden waren. Volksfeststimmung erfaßte das ganze Land Plötzlich betrat jemand den Raum und sagte, daß das Radio vor wenigen Minuten die Nachricht ausgestrahlt habe, wonach der hier angeschuldigte Karol Wojtyla Papst würde. Der Funktionär verlor, wie vom Zauberstab berührt, seine Sprache. Wir schmissen die ‚Beweise‘ auf den Boden und rannten hinaus, auf die Straße. Dort fielen sich bekannte und unbekannte Passanten in die Arme. Unter dem Glockengeläut aller Krakauer Kirchen erkannte ich das unverwechselbare Dröhnen der berühmtesten Glocke Polens – der fünfhundert Jahre alten ‚Zygmunt‘ auf dem Königsschloß Wawel. Eine Volksfeststimmung erfaßte das ganze Land.“ Was bedeutete für die Polen, für die Slawen, ja für ganz Mittel- und Osteuropa das Phänomen Johannes Paul II.? Jan Pieszczachowicz fällt diesbezüglich eine ungemein präzise Äußerung eines Freundes, des langjährigen Oppositionellen und prominenten Kenners dieses Teils unseres Kontinents, des ungarischen Professors Endre Bojtár ein: „Der Papst Karol Wojtyla wird die Welt verändern. Darunter auch unsere Region. Und er hat sie verändert. Dazu besaß er eine einzigartige, eine außergewöhnliche Prädisposition.“ Es wäre zu einfach gewesen, so Pieszczachowicz, wenn man die unbestrittene Rolle des polnischen Papstes, die den Niedergang des Kommunismus herbeigeführt hatte, einzig und allein auf sein politisches Handeln oder gar dessen informelle Zusammenarbeit mit den US-amerikanischen Präsidenten zurückführen würde. Entscheidend am Menschen Karol Wojtyla waren seine persönlichen Eigenschaften, sein Charisma, seine beispielhafte Frömmigkeit, seine mitunter schmerzhafte Glaubwürdigkeit – sein ultimativer Einsatz für die Würde des Menschen. Seine Liebe zu den Menschen ungeachtet ihrer Konfessionen, Herkunft, Nationalität oder Rasse. Diese bedingungslose Liebe galt allen – selbst einem, der ihm fast das Leben genommen hatte: dem Attentäter Mehmet Ali Agca. „Papst Wojtylas Philosophie hieß: fügen statt trennen. Vergeben statt urteilen. Darum erkannte er wie kein anderer vor ihm das Wesen des menschenverachtenden Sowjetsystems, an das Polen und dessen Nachbarn – gemäß den Jalta-Verträgen von 1945 – vom Westen ausgeliefert wurden. Nicht nur wir Polen fühlten uns durch Jahrzehnte hinweg vom Rest Europas und der Welt verlassen, preisgegeben. Was konnte in dieser Lage der polnische Papst bedeuten? Beinahe alles! Eine Errettung aus der Vergessenheit, aus der Marginalität und sogar aus der möglichen physischen Auflösung der ganzen Nation.“ Nation und Kirche sind unzertrennlich Jan Pieszczachowicz weist zudem auf etwas hin, was in seinem Land jedermann seit der Kindheit bekannt ist – das historische Trauma Polens, in dem die katholische Kirche immer wieder eine unvergleichliche patriotische Rolle gespielt hat. So war es Ende des 18. Jahrhunderts, als Polen unter Rußland, Preußen und Österreich aufgeteilt wurde. Es blieb dem Volk nichts übrig als der Glaube an Gott und Kirche, in der festen Hoffnung auf Durchhalten und Wiedererlangen der verlorenen Staatlichkeit. Ebenso verhielten sich die Polen den NS-Besatzern gegenüber und in den dunkelsten Jahren der stalinistischen Gewaltherrschaft. „Darum erschien uns die Wahl Karol Wojtylas auf den Thron Petri“, so Jan Pieszczachowicz, „als höchstes Geschenk der göttlichen Vorsehung und eine Art historischer Wiedergutmachung für erlittene Leiden und Entbehrungen der verflossenen Zeiten.“ Anders als zum Beispiel bei den überwiegend kirchenskeptischen Tschechen – die das Aufkommen des slawischen Papstes primär als Symptom des schwach werdenden kommunistischen System deuteten – verband sich bei den Polen der freiheitlich-patriotische Aspekt eng mit ihrer religiösen Identität. Genauso, wie dies hier seit eh und je die Volkstradition gefordert hatte. Für die Polen war es daher nicht verwunderlich, daß Karol Wojtylas geistige Größe rasch über die Grenzen Polens wuchs und er bald zu einem Integrationsfaktor der Mittel- und osteuropäischen Völker wurde. Mit Liebe, nicht mit dem Schwert, kam er zu ihnen. „Mit unerschrockener Ethik, die er als Christ, Mensch und Philosoph der politischen Ethik vorzog, brachte er Früchte, welche das Antlitz unseres Landes, unseres Kontinents und der Welt so maßgebend geprägt hatten. Und eben das bedeutet uns der Papst des Jahrtausends – Johannes Paul II.“, so Jan Pieszczachowicz.

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