Die Rechtschreibaffäre

Es waren einmal sechs „junge Wilde“. Die hatten – wie die berühmten sieben Schwaben – alle sich vorgenommen, Abenteuer zu suchen und große Taten zu vollbringen. So zogen sie vor zehn Jahren aus, der Rechtschreibreform den Kampf anzusagen. Sie hießen Roland, Christoph, Peter, Günther, Ole und Christian. Damals führten sie Landtagsfraktionen der Christlich-Demokratischen Union an. Sie sagten sich, daß man etwas gegen den unsinnigen Eingriff in die Sprache tun müsse. Deswegen nahmen sie einen langen spitzen Bleistift, setzten sich zusammen und schrieben am 14. September 1995 einen Brief an den „lieben Herrn Kanther“. Dieser war damals der Bundesinnenminister. Als Manfred Kanther das Schreiben in Händen hielt, las er: „In wenigen Tagen sollen die Kultusminister der Bundesländer über die Inkraftsetzung der neuen Rechtschreibregeln entscheiden. Wir haben gleichzeitig mit getrennten Schreiben die Kultusminister unserer Bundesländer aufgefordert, in der Kultusministerkonferenz am 28. September 1995 die Zustimmung zur Inkraftsetzung der neuen Rechtschreibregeln nicht zu erteilen. Wir bitten Sie, sehr geehrter Herr Innenminister, bezüglich der Entscheidung über die deutsche Amtssprache ebenfalls einer Inkraftsetzung vorläufig nicht zuzustimmen.“ Kanther lächelte wohl milde, legte das Schreiben beiseite und blieb im übrigen untätig. Mittlerweile sind alle „jungen Wilden“ Landesväter geworden. Bis auf Christoph: Der bummelt immer noch als Fraktionsvorsitzender herum. Als Länderchefs haben sie heute die Möglichkeit, in ihren Ländern die Rechtschreibreform zu stoppen; denn die Kulturhoheit liegt in der Bundesrepublik bekanntlich bei den Ländern. Doch sie tun es nicht. Sie haben es nicht einmal geschafft, sich dem Schritt zweier Kollegen anzuschließen: Jürgen Rütt-gers in Nordrhein-Westfalen und Edmund Stoiber in Bayern. Die beiden haben sich vor kurzem gegen einen Beschluß der Kultusministerkonferenz (KMK) gerichtet und entschieden, daß ab dem 1. August dieses Jahres die bewährte Rechtschreibung an den Schulen nicht als falsch gewertet wird. Rütt-gers hatte vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten ein Versprechen abgegeben: „Die CDU wird nach einem Wahlsieg bei der Landtagswahl im Mai 2005 dafür sorgen, daß man zu den bewährten Regeln zurückkehrt.“ Einen Schritt dahin ist er nun gegangen. Aus den jungen Wilden sind hingegen zahme Lahme geworden, nach dem Motto „Wir sind Maulhelden“. Günther Oettinger hält still (19. Juli): „Wir können uns Bayern und Nordrhein-Westfalen nicht anschließen.“ – Roland Koch läßt über einen Sprecher ausrichten (16. Juli): „Wir bleiben bei dem, was vereinbart worden ist.“ – Ein Sprecher Ole von Beusts erklärt (18. Juli): „Wir führen die Verbindlichkeit der neuen Regeln ab 1. August kompromißlos ein.“ – Peter Müllers Sprecher gibt bekannt (18. Juli): „Wir halten es jetzt nicht für sinnvoll, einen Rückzieher zu machen, weil es die Verwirrung noch vergrößern würde.“ – Christian Wulff beruft sich auf ein Sprichwort (21. Juli): „Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, da gewinnt immer die Wand.“ Auf die Frage der Bild-Zeitung „Haben Sie kein Rückgrat?“ antwortet er auch noch: „Natürlich!“ – Und Christoph Böhr? Ach so, der ist ja immer noch Fraktionsvorsitzender. Von ihm hört man gar nichts. ……………………………. Die Rechtschreibreform hat versucht, den Unterschied zwischen „viel versprechend“ und „vielversprechend“ aufzuheben. Die ehemals jungen Wilden sorgen aber durch ihre Taten dafür, daß er allen bewußt bleibt. ……………………………. Glaubwürdigkeit in der Politik – ein schwieriges Kapitel. Die Rechtschreibreform hat versucht, den Unterschied zwischen „viel versprechend“ und „vielversprechend“ aufzuheben, indem sie nur noch die getrennte Schreibweise zulassen wollte. Die ehemals jungen Wilden sorgen aber durch ihre Taten dafür, daß dieser Unterschied allen bewußt bleibt. Warum dieser Widerspruch von Wort und Tat? Viele Politiker, die zugleich Gegner der Rechtschreibreform sind, schaffen es nicht, dem Druck großer Verbände und Verlage standzuhalten. Die jungen Wilden haben den Einfluß des Klüngels aus Ideologen, Verlagen und Verbänden, der bis in ihre Kultusministerien reicht, völlig unterschätzt. Nur so ist die Zähmung des Christian Wulff zu verstehen, der im vergangenen Jahr noch die Ministerpräsiden-tenkonferenz von der Abkehr von der Rechtschreibreform überzeugen wollte, sogar mit der Auflösung der KMK drohte, sich bei allem jedoch eine blutige Nase holte und am Ende sogar der Weiterführung der Reform zustimmte. Dieser Klüngel, vor dem die Ministerpräsidenten in die Knie gehen, hat sich nicht von heute auf morgen, sondern über fünfzig Jahre hinweg eine immer stärkere Machtstellung geschaffen. Am Anfang stand die gezielt genährte Furcht, nach der Teilung Deutschlands und Europas nach dem Krieg könne die Einheit der deutschen Schriftsprache zerbrechen. Die Duden-Redaktion in Mannheim versuchte von Anfang an, die Alleinzuständigkeit für Veränderungen an der Rechtschreibung zu bekommen. Ihr wichtigster Erfolg war der Beschluß der KMK aus dem Jahre 1955, den Duden maßgebend in allen Zweifelsfällen zu machen. Damit hatte der Duden einen großen Sieg im gerade begonnenen Wör-terbuchkrieg gegen Bertelsmann errungen. Die Duden-Redaktion hatte sich nämlich mit einer Eingabe an die KMK gewandt, weil sich das 1954 von Lutz Mackensen bei Bertelsmann herausgegebene Wörterbuch im Gegensatz zum Duden nicht an die amtlichen Regeln halte. So begann der Dualismus zwischen Duden und Bertelsmann, der bis heute dauert. Erst mit dem Fall des Duden-Privilegs 1996 gewann Bertelsmann wieder Oberwasser. Durch den Zwang, immer das neueste Wörterbuch mit dem jeweils neuesten Stand der Rechtschreibreform anbieten zu müssen, sind beide Verlage aus wirtschaftlichen Gründen zu den Motoren der Rechtschreibreform geworden. Der Duden erleidet dadurch immer wieder herbe Niederlagen. 1995 mußte wegen Nachbesserungen an der Reform eine ganze Auflage eingestampft werden. Bevor die nächste Auflage erscheinen konnte, erschien im Juli 1996 das Rechtschreibwör-terbuch von Bertelsmann, das der Verlag sogleich an 40.000 deutsche Schulen verschenkte. Heute muß der Duden zum diesjährigen 125. Jubiläum seine aktuelle Auflage von 2004 zum Billigpreis verramschen, da Bertelsmann mit dem „Wah-rig“ am 1. August zu einem Kampfpreis ein Wörterbuch auf den Markt wirft, das schon wieder etwas mehr von der Reform der Reform 2004 berücksichtigt hat. Aber auch dieses Wörterbuch wird bald veraltet sein, denn der Rechtschreibrat bessert immer noch nach. Nachdem der Arbeitskreis für Rechtschreibregelung, den die KMK 1956 als Zugeständnis an die Reformer eingesetzt hatte, mit seinen Empfehlungen politisch gescheitert war, sammelten sich die selbsternannten Sprachverbesserer im 1964 gegründeten Institut für deutsche Sprache (IDS), das heute mit Steuergeldern am Leben gehalten wird. Daß das Institut genau wie die Duden-Redaktion seinen Sitz in Mannheim hat, ist kein Zufall. Beide Einrichtungen waren anfangs eng miteinander verbunden. Der erste Institutsdirektor war zugleich Leiter der Duden-Redaktion. Schon 1965 richtete das IDS eine Kommission für Rechtschreibfragen ein. Diese Kommission sicherte über drei Jahrzehnte die persönlich-personelle Kontinuität des Reformprojekts. Als am 1. Juli 1996 Staatsvertreter aus acht Staaten die „Gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ unterzeichneten, wurde die Zwischenstaatliche Kommission wiederum am IDS angesiedelt. Auch deren Nachfolger, der Rat für deutsche Rechtschreibung, der nach der Auflösung der Kommission erstmals im Dezember 2004 zusammentrat, hat seine Geschäftsstelle am IDS. Die Zusammensetzung des Rates wird allerdings von der KMK bestimmt. Doch finden sich auch im Rechtschreibrat die alten Seilschaften wieder. Die geschäftlichen Interessen von Reformern und Wörterbuchverlagen gingen irgendwann eine enge Verbindung ein. Der langjährige Leiter der Dudenredaktion, Günther Drosdowski, klagte: „In der Rechtschreibkommission und in den Arbeitsgruppen herrschten mafiaähnliche Zustände. Einige Reformer … mißbrauchten die Reform schamlos, um sich Ansehen im Fach und in der Öffentlichkeit zu verschaffen, Eitelkeiten zu befriedigen und mit orthographischen Publikationen Geld zu verdienen.“ Noch im heutigen 36köpfigen Rechtschreibrat sind allein sechs Mitglieder mit dem Hause Duden geschäftlich verbunden. Neben dem Leiter der Duden-Redaktion, Matthias Wermke, befinden sich die Reformer und Dudenautoren Rudolf Hoberg (Gesellschaft für deutsche Sprache), Horst Sitta, Peter Gallmann und Thomas Lindauer (alle Schweiz) und der Verband VdS Bildungsmedien, dessen Vorsitzender zugleich Geschäftsführer des Schul-buchverlags Duden-Paetec GmbH ist, im Rat. Schon ein Blick auf diese Verquickung zeigt, daß der Rechtschreibrat kein unabhängiges Gremium ist, das nur der Sprache verpflichtet ist. Das frühere Duden-Privileg war als Provisorium gedacht. Um dies abzuschaffen, förderte auch Bertelsmann die Rechtschreibreform. Einige Reformer sind Bertelsmann-Autoren, und im Rat ist der Konzern auch wieder vertreten. Doch am bedeutendsten ist der politische Einfluß des Gütersloher Unternehmens. Einen dauerhaften Fürsprecher der Reform fand der Konzern zum Beispiel im Land Hessen. So kritisierte der seinerzeitige hessische Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) den Duden und warb für das bei Bertelsmann erschienene Wörterbuch seines Parteifreundes Lutz Götze. Holzapfel sagte 1996 dem Spiegel: „Es gibt ja eine Alternative aus einem Gütersloher Verlag, die diese gravierenden Mängel (des Dudens) nicht aufweist.“ Ertragreicher und noch bedeutender als das Geschäft mit Wörterbüchern ist jedoch das mit Schulbüchern. Für die Schulbuchverlage ist die Rechtschreibreform ein Milliardengeschäft, finanziert durch den Steuerzahler. Nach Angaben des VdS Bildungsmedien, des mächtigen Verbandes der Schulbuchverleger, schaffte die öffentliche Hand zwischen den Jahren 1996 und 2004 Schulbücher in reformierter Rechtschreibung im Wert von etwa zwei Milliarden Euro an. Eltern gaben allein im Jahr 2003 rund 200 Millionen Euro für Lernmittel aus. Als die Rechtschreibreform nicht mehr zu verhindern war, machten sich die Schulbuchverlage zu den Wortführern der Reformpropaganda. Der VdS Bildungsmedien schmiedete eine von ihm so bezeichnete „Verbändeallianz“, der der Deutsche Philologenverband, der Bundeselternrat und die Bundesschülervertretung angehören. Wenn durch die Nachrichten Meldungen geistern, „die Lehrer“ oder „die Eltern“ oder „die Schüler“ hätten sich für die Beibehaltung der Rechtschreibreform ohne Korrekturen ausgesprochen, dann ist das auf die Presseerklärungen dieser Verbändeallianz zurückzuführen. Hier äußern sich vom VdS beeinflußte Funktionäre, keine echten Vertreter. Zudem gibt es andere Verbände, die sich kritisch zur Rechtschreibreform äußern, etwa den Deutschen Lehrerverband unter Josef Kraus oder den Deutschen Elternverein unter Heidemarie Mundlos. Der VdS Bildungsmedien hat es sogar geschafft, daß es wohl „seine“ Verbände sind, die noch einmal angehört werden, bevor die KMK über die Änderungsempfehlungen des Rechtschreibrates entscheidet. ……………………………. Ertragreicher und noch bedeutender als das Geschäft mit Wörterbüchern ist das Geschäft mit Schulbüchern. Für die Schulbuchver-lage ist die Rechtschreibreform ein Milliardengeschäft, finanziert durch den Steuerzahler. ……………………………. Der Verband hat eine Menge Geld eingesetzt, um der Reform zum Durchbruch zu verhelfen. So investierten die Schulbuchverlage rund eine halbe Million Mark, um den Volksentscheid in Schleswig-Holstein im September 1998 zu beeinflussen, der aber für die Reformer dennoch verlorenging. Der Einfluß des VdS Bildungsmedien auf die Kultusbürokratie, die für die Zulassung der Schulbücher zuständig ist, ist groß. „Zahlreiche Beamte in den Kultusministerien sind als Schulbuchverfasser privatgeschäftlich mit Verlagen verbunden“, erklärt der bekannteste Kritiker der Rechtschreibreform, der Erlanger Germanist Theodor Ickler. Im internen Bericht des Verbandes für das Jahr 2000 – das Jahr, in dem die Frankfurter Allgemeine das Abenteuer Rechtschreibreform beendete – heißt es: „Wir haben also nicht allein auf die Kultusminister, sondern auch auf alle Ministerpräsidenten der Länder massiv eingewirkt und diese in die Öffentlichkeit gezwungen mit klaren und unmißverständlichen Erklärungen zu einer Reformumsetzung.“ Die Staatsanwaltschaft sollte aufgrund offenkundiger Verdachtsmomente also untersuchen, inwieweit bei der Durchsetzung der Rechtschreibreform auch Korruption eine Rolle spielt. Die Aufdeckung eines Bestechungsskandals wäre der Todesstoß für die Reform, würde aber auch aufgrund der Beteiligung von Regierungsbeamten eine Krise auslösen. Man könnte also verstehen, wenn die Ministerpräsidenten deswegen nicht in das Wespennest stochern möchten, das sich in ihren Kultusministerien gebildet hat. Als die jungen Wilden ihren Brief veröffentlicht hatten, wurde tatsächlich die Entscheidung der KMK von September auf Dezember 1995 vertagt. Das war aber nicht ihnen zu verdanken, sondern dem damaligen bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair, der heute Vorsitzender des Rechtschreibrates ist. Zehetmair ist der einzige Politiker, der Teile der Rechtschreibreform gestrichen hat. Er ließ germanisierte Schreibweisen wie Apoteke, Asfalt, Bibliotek, Rytmus oder Tron herausnehmen, weswegen die bereits gedruckte Duden-Auflage wieder eingestampft werden mußte. Der Passauer Neuen Presse erklärte Zehetmair 2003: „Aus heutiger Sicht und noch deutlicherer Kenntnis der deutschen Wesensart würde ich die Sache heute ganz zum Scheitern bringen. Wir hätten die Rechtschreibreform nicht machen sollen.“ Damals habe er erwogen, das Ganze zu kippen, aber nicht recht geglaubt, daß er es „im Kreuz“ hätte, das durchzustehen. Zehetmair will sich heute offenkundig nicht mehr mißbrauchen lassen. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Ratsvorsitzender drohte er mit Rücktritt, sollten die Ratsmitglieder nicht ernsthaft mitarbeiten. Mit der Erklärung, auch die Regelung der Groß- und Kleinschreibung prüfen zu wollen, widerspricht er offen der KMK. Schließlich hat er sogar den Cunctator Edmund Stoiber dazu gebracht, in Bayern die zum 1. August geplante Einführung der Rechtschreibreform zu verschieben. Es ist also doch möglich, gegen den Unsinn der Rechtschreibreform auch politisch etwas zu erreichen. Allerdings geschieht dies auf der Kriechspur. Somit ist die Rechtschreibaffäre ein Lehrstück dafür, warum Fehlentwicklungen in Deutschland kaum oder nur langsam überwunden werden. Thomas Paulwitz , 32, ist Historiker und Schriftleiter der vierteljährlich erscheinenden Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ (Postfach 1449, 91004 Erlangen, Tel.: 0 91 31 / 48 06 61, E-Post: schriftleitung@deutsche-sprachwelt.de )

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles