Die Hand an der Wiege

Die SPD hat Familienpolitik erneut zum Schwerpunkt ihres Wahlkampfes erklärt. Daß begünstigende Maßnahmen für Eltern anvisiert werden, ist erfreulich; ob dadurch dem Bevölkerungsschwund – und darum geht es ja, um den Mangel an Steuerzahlern – Einhalt geboten werden kann, ist eine andere Frage. Die Rede über den Gebärstreik der Europäer ist mittlerweile zum Palaver verkommen. Schlagwörter wie die „mangelnde Kinderbetreuungsmöglichkeiten“, angeblich „anachronistische Halbtagsbeschulung“, „grassierende Familienarmut“ und „immer noch mangelhafte Frauenerwerbsbiographien“ irren als Selbstläufer durch politische Debatten und Feuilletons hinein in die private Unterhaltung am Sandkasten oder Küchentisch. Das Gefäß, aus denen heute Gründe für den Verzicht auf Kinder – oder: weitere Kinder – geschöpft werden darf, ist groß. Es ist schier unermeßlich, es stellt sich dar als tiefer, nahezu grundloser (in doppelter Bedeutung!) Befindlichkeitspool, der pragmatische Begründungen, Entschuldigungen oder – dahin weist die Tendenz – selbstbewußte Ablehnungsgesten ohne Zahl gebiert. Vordergründige Sorgen und Hinderungsgründe – die Enge der Wohnung, unflexible Arbeitszeiten oder Sorge um einen beruflichen Wiedereinstieg, finanzielles Ach und Weh – lassen die Waagschale deutlich zuungunsten des vitalen, aber schwer meßbaren Mehrwerts ausschlagen, der Kinderreichtum bedeutet. Dabei entspricht die gewollte Kinderlosigkeit entgegen allen Statistiken und Umfragen nicht einer Akkumulation von sozialen und (pseudo-)existentiellen Schieflagen, sondern bezeichnet zuvörderst eine schlichte, pure Unlust am Gebären und der damit einhergehenden Verantwortung. Ursula März brachte Sinn und Unsinn der folgenlosen Dauerdebatte jüngst in der Frankfurter Rundschau auf den Punkt: Natürlich erschrecke „die alternde Gesellschaft regelmäßig beim Blick in den Spiegel. Aber sie erschrickt nicht über die tiefgreifende anthropologische Wesensveränderung, die sich in ihrer Erscheinung abzeichnet, sondern über ihre pragmatische Zukunft.“ Daß ein Viertel der deutschen Männer und 15 Prozent der Frauen ein Leben ohne Kinder wünsche, so März, lasse erst „in zweiter Linie Rückschlüsse auf die komplizierte Soziologie ihres Lebens zu. In erster Linie aber auf die Gewichtung ihrer Lebenswünsche. Und in diesen spielt Nachwuchs einfach keine oder eine sehr untergeordnete Rolle. Kurzum: Sie haben keine Lust auf Kinder.“ Der Faktor „Lust“ sollte hierbei nicht nur in seiner semantisch erweiterten Bedeutung des allgemeinen Wohlgefallens an einer Tätigkeit, einem Objekt betrachtet werden, sondern auch in seiner ursprünglich leiblich-sexuellen Konnotation. Dies mag zunächst in einen esoterischen Bereich spielen – denn, wer mag angesichts des Elends in der kinderreichen Dritten Welt, des auch hierzulande historisch verbrieften Jochs, das Fruchtbarkeit einst bedeuten konnte, von Liebeslust als Urgrund der Zeugung sprechen? Die neue Unlust am Kind jedoch ist ein hypermodernes Phänomen einer Leib- und Schicksalsfeindlichkeit, die sich in zahlreichen Formen manipulierter Fruchtbarkeit (von der Pille bis zur gegenläufigen, stimulierenden Hormongabe) zum einen, in der Ablehnung einer hergebrachten Mütterlichkeit zum anderen manifestiert. Lust heute (und ist sie nicht generell, folgt man entsprechenden Titelschlagzeilen der großen Magazine, generell am Schwinden?) ver-langt nicht mehr nach Ewigkeit, Sexualität hat sich lange schon von der Fortpflanzung emanzipiert. Damit stellen das unter Laborbedingungen zur Welt gebrachte Wunschkind und der Wunsch nach Kinderlosigkeit ideell einen untrennbaren Zwilling dar. Sowohl die Methoden der medizinischen Technik als auch die Apotheose des „Prinzips Arbeit“ haben das Fatum der Geschlechtszugehörigkeit zu einer wählbaren Option, haben die Pole „Mann“ und „Weib“ zu diskutablen und dekonstruierbaren „Rollenentwürfen“ gemacht. Das heißt für die Frau, sie entfremdet sich – oder: wird entfremdet, hier müßte man das zugrunde liegende Menschenbild befragen – von einer ihrer ureigensten Potenzen: der Gebärfä-higkeit. Man möchte von der Fertilität gar als der eigentlichen Potenz der Frau sprechen, nicht, um sie darauf zu beschränken, sondern weil sie diese Fähigkeit exklusiv besitzt. Camille Paglia, jene amerikanische Philologieprofessorin und radikale Antifeministin, formuliert dies im ihr eigenen Stil unnachahmlicher Lakonie: „Der weibliche Körper ist eine chthonische Maschine, gleichgültig gegen den Geist, der ihn bewohnt. Organisch gesehen, hat er nur eine Bestimmung, die Schwangerschaft, deren Verhinderung uns ein Leben lang beschäftigen kann. Die Natur kümmert sich immer nur um die Gattung, nie um den einzelnen.“ ……………………………. Die gewollte Kinderlosigkeit entspricht nicht einer Akkumulation von sozialen und existentiellen Schieflagen, sondern bezeichnet zuvörderst eine schlichte Unlust am Gebären und der damit einhergehenden Verantwortung ……………………………. Nun dürfte der Glaube an eine „reine Natur“ eine fragwürdige, ungeschichtliche Vorstellung sein. Ob man die heute technisch möglichen und praktizierten Hilfsmittel einer negativen (Pränataldiagnostik) oder „positiven“ Auswahl (Präimplantationsdiagnostik) nur als moderne Spielarten des darwinistischen Prinzips der natürlichen Auslese begreifen soll? Wo hilft Technik der Natur auf die Sprünge, wo nimmt sie vollends ihren Platz ein? Längst jedenfalls ist die Frau kraft ihrer Leiblichkeit nicht mehr das Labyrinth, in dem der Mann sich verirrt, ist ihr Körper nicht mehr jener hortus conclusus, in dem die Natur ihre unberechenbare Zauberei wirkt. Jener Archetypus des verzaubernden, mitunter bedrohlich erscheinenden Weiblichen findet seine moderne Karikatur in der femme fatale (via realexistierender „Sex and the City“-Protagonistinnen, via „Vollweib“ Angelina Jolie mit ihrem soeben adoptierten Äthiopierkind), die heute längst durch eine ganze Bandbreite an Entmystifizierungstechniken – tatsächlich läutete wohl die Pille die letzte Schwundstufe des „Myteriums Weib“ ein – als role model der westlichen Welt gültig ist. Längst hat die moderne Frau sämtliche Aktionsformen tradierter Männlichkeit intus, längst ist sie eine Gleichberechtigte, die nicht mehr ihr globales „Menschenrecht“ (etwa jenes auf Arbeit, auf freigewählte Entfaltung), sondern ihre generative Pflicht zur Disposition stellt: Wozu gebären, wozu Brutpflege, wenn ein ganzer Apparat an technischen und institutionellen Möglichkeiten bereitsteht, ihr die unpopuläre Arbeit abzunehmen? Frau läßt machen oder verweist die geschlechtliche Bestimmung gleich in den Bereich abgelehnter Optionen – ohne daß dies gesellschaftlich als Selbstaufgabe subsu- miert würde. Das planmäßig auf den Weg gebrachte oder gleich künstlich erzeugte und staatlicher Fürsorge überantwortete Kind sind dabei originäre Kopfgeburten sowohl des Marxismus als auch des radikalen Feminismus. Die fremde Hand an der Wiege ist dies alles: technische Erzeugung, gläserne Schwangerschaft, Geburt als Wunsch-OP, an den Staat delegierte Kindeserziehung. Die ihrerzeit (1970) aufsehenerregende Vision der Feministin Shulamith Firestone verstand sich als humaner Gegenentwurf zur Orwellschen Höllenutopie. Firestones Traum fußte auf einer Befreiung der „genetischen Versklavung“ der Frau; als solche empfand sie die „barbarische Schwangerschaft“: eine menschenunwürdige Deformation des Körpers zum Zwecke der Arterhaltung. Die Frau, klagte Firestone, werde von ihrer Zuständigkeit für Fortpflanzung und Brutpflege absorbiert. In der Zukunft, so ihre hoffnungsvolle Prophezeiung, werden Kinder im Reagenzglas gezeugt, die Schwangerschaft mittels künstlicher Plazenta aufrechterhalten, die so entstandenen Kinder dem Kollektiv überantwortet: damit könnten sich positive Emotionen, die heute in der Familie wirksam seien, auf die ganze Gesellschaft ausdehnen. Die Mutter, die neun Monate schwanger war, so Firestone, werde immer denken, daß das Produkt ihrer Unbequemlichkeit und Schmerzen ihr Eigentum sei: „Wir aber wollen diesen Besitzanspruch mitsamt seinen kulturellen Verstärkern zerstören.“ Jene Utopie stieß damals auf große Resonanz, wurde letztlich aber selbst von ihren Mitschwestern im Geiste als unrealistisch belächelt. 35 Jahre später sind die Beschleunigungseffekte in der Fortpflanzungs- und Gentechnologie zum Greifen. Machbar ist, was denkbar ist. Wer sollte da laut aufschreien und Einhalt gebieten unter den hybriden, rundumversorgten Mischwesen, die wir per Zahnimplantat, künstlichem Hüftgelenk, Silikonbusen längst sind? Zumindest via Blutdruckmeßgerät, Körperfettwaage, standardmäßig ultra-schallüberwachter Schwangerschaft haben wir unser Vertrauen von uns selbst auf die Möglichkeiten der Technik verlagert. Körperbewußtsein bedeutet heute nicht das gestaltete Einfinden in ein leibliches Schicksal, sondern: Wasch-brettbauch, regelmäßige Pediküre und ganzjährige Sommerblondsträhnchen. Wer die Fatalität unserer Existenz als Grundsatz akzeptiert, hat sich längst auf einen Außenseiterstandpunkt begeben. Geburt und selbstverantwortete Pflege eines Kindes stehen da mit ihren bis heute noch unzähligen Risiken und Unwägbarkeiten als ein reichlich unzeitgemäßes Risiko da. Wie wenig paßt die gewöhnliche Schwangerschaft als durch und durch körperliches Phänomen in eine hygienische Vollkaskogesellschaft wie unsere – zumal, wenn sie leicht verhindert werden kann? Die Verhinderung ist dabei nur die eine Seite der Medaille, deren andere der Glaube an die Herbeiführbarkeit ist. „So wie die menschliche Natur erst zum Rätsel wurde“, schrieb Barbara Sichtermann in einem ihrer immer wieder lesenswerten Essays aus der Zeit vor ihrem Einschwenken in den bundesrepublikanischen mainstream, „seit offenbar war, daß die Gesetze, denen sie gehorcht, durch Kultur beeinflußbar sind, so wird auch Weiblichkeit erst zum Objekt der Forschung, seit sie sich nicht mehr in selbstverständlicher Übereinstimmung mit ihrer biologischen Gestalt befindet.“ Geschlechtsspezifische Kör-pereigenschaften, so Sichtermann, hätten ihre determinierende Kraft eingebüßt, das Postulat der „Machbarkeit“ sei von der Gesellschaftspolitik und Pädagogik in die Biologie übergewechselt. 750 künstliche Befruchtungen wurden 1982 vorgenommen, mittlerweile sind es jährlich knapp 100.000 in unserem Land, auch wenn sich diese Zahl nach der Gesundheitsreform und durch die nun erforderliche Selbstfinanzierung des künstlich produzierten – und das heißt in jedem Fall, ob In-vitro-Fer-tilisation (IVF) oder Intracytoplasma-tische Spermieninjektion (ICSI) lustfrei gezeugter – Wunschbabys deutlich reduziert, ja halbiert hat: Das Wunschkind mag den Paaren einiges wert sein; bemerkenswert, daß die Dringlichkeit solchen Begehrens auch bezifferbar ist. 2002 haben US-Wissenschaftler den Prototyp eines künstlichen Uterus entwickelt, der im nächsten Jahrzehnt marktfähig sein könnte, andere Forscher kündeten diesen Sommer von der Schaffung menschlicher Eizellen und Spermien aus Stammzellen. ……………………………. Im Zeitalter der Technik, das definitiv das unsere ist, bleibt der Frau allein, ihre Natur als Widerstandspunkt zu reklamieren, als bergende und später hütende Kraft, die einer Vergesellschaftung zuwiderläuft. ……………………………. Jene Techniken, die den Frauenkörper als Urgrund des neuen Lebens verzichtbar machen wollen, reüssieren mitnichten unter dem Vorzeichen einer feindlichen Übernahme. Sie treten als Freund der Frauen auf, als Nothelfer jener 1,5 Millionen deutschen Paare etwa, die ungewollt kinderlos geblieben sind. Es sind viele Leichen, nicht einmal kaulquappengroß zwar, die den steinigen Weg derer pflastern, die sich nach Jahren – oft Jahrzehnten – der hormonellen Verhütung, der Karrierepriorität oder einfach aus gottgege-bener, mangelhafter Fertilität in die Mühlen der Reagenzzeugung begeben. Zwar verbietet das deutsche Em-bryonenschutzgesetz im Gegensatz zur Praxis etwa in den skandinavischen Ländern noch den selektiven Einzelem-bryonentransfer. Mehr als drei der in der Retorte gewonnenen Embryonen werden jedoch nicht dem Uterus eingepflanzt, was überzählig ist an Leben im sogenannten Vorkernstadium wird eingefroren und bei nicht mehr angezeigtem Bedarf entsorgt – eine fragwürdige Basis, von „Lust“ gar nicht mehr zu reden, anschließend „guter Hoffnung“ zu sein. Auch die weltweit stetig ansteigende Kaiserschnittrate ist ein Beleg für die These schwindender Gebärlust und -ob es um die medizinisch angeratene oder die immer populärere Sectio auf Wunsch geht – jedenfalls für eine Ausbreitung der Technik in diesem natürlichsten aller Vorgänge. Der Wunschkaiserschnitt gilt heute als wichtiges Marketinginstrument für Geburtskli-niken, nur wenige Ärzte nennen ihn wie Wulf Schiefenhövel (Humanethologi-sche Forschungsstelle der Max-Planck-Gesellschaft in Andechs) eine „Katastrophe“, da er ein „Herumfummeln in elementaren Lebensvorgängen“ bedeute, weil (und dies ist nur der medizinische Aspekt) hier fehlende, bei einer spontanen Geburt aber gewährleistete Ausschüttung spezieller Hormone eine grundlegende Bindung zwischen Mutter und Kind gefährde. Während in Deutschland die Schnittrate in den vergangenen zwei Jahrzehnten von 5 auf 20 Prozent angestiegen ist (bei einer Verringerung der Säuglingssterblichkeit im Promillebereich, die Mortalität der Frauen liegt bei Kaiserschnitten trotz modernster Techniken noch doppelt so hoch wie bei einer vaginalen Geburt), werden in Brasiliens Privatkliniken knapp 75 Prozent der Frauen per OP entbunden, in den USA und vielen südamerikanischen Ländern insgesamt etwa ein Drittel, in Korea und China gar die Hälfte. „Preserve your Lovechannel!“ und „too posh to push“ („Zum Pressen zu fein“) lauten die Devisen, unter denen die Reichen und Schönen des angelsächsischen Showbusiness und in deren Gefolge auch Medien-Leitbilder wie Claudia Schiffer und Verona Feldbusch eine eigenwillige Neudefinition der „selbstbestimmten Geburt“ propagieren. Gehetzt von den Imperativen der Gesellschaft möchte frau sich nicht nur Schmerzen und befürchtete Unattrak-tivität „untenrum“ ersparen, sondern auch dem Mann als selbstverständlichem Händchenhalter am Klinikbett das „widerwärtige Brimborium dieses ganzen animalischen Erlebnisses“, wie sich Protagonistinnen dieses Trends ausdrücken. Jene Preisgabe existentieller Körperfunktionen, die ja auch in der kunstmilchfütternden Jungmutter (Motto: Unabhängigkeit bewahren, die „jungfräuliche“ Brust bewahren) ihren Niederschlag findet, verweist auf eine schiefe Ebene, die folgerichtig bei der möglichst frühen Delegierung der Erziehungsarbeit jene Schräglage weiterführt. Weiblichkeit ist dann bestenfalls pure Funktion, als seinserfüllende Aufgabe aber deklassiert. Wer wollte unter solchen Gesichtspunkten der selbstge-wählten Kinderlosigkeit die Daseinsberechtigung als moderne Option absprechen? Der Kampf der Natur versus Technik, versus Kunst und Geschichte ist eine alte Dichotomie, die die gesamte abendländische Geistesgeschichte durchzieht. Im Zeitalter der Technik, das definitiv das unsere ist, bleibt der Frau allein, ihre Natur als Widerstandspunkt zu reklamieren, als bergende und später hütende Kraft (und welche Macht würde dies beinhalten!), die einer Vergesellschaftung zuwiderläuft, die auf Konformität und Unterordnung unter staatliche Wünschbarkeiten zielt. Das hat der (mittlerweile Staats-) Feminismus, ob er nun von der Vision einer Parthenogenese oder nur einer Ganztagsbeschulung träumt, nie begriffen. „Der Glücksbegriff, der sich am Kind orientiert, ist der einzige, der unserem Zeitalter der Emanzipation widerspricht. Das Kind will sich nicht emanzipieren. Das Kind will sein“ (Ursula Erler). Instinktiv wird dies wohl begriffen. Die parat liegende Alternative ist so schlicht wie populär: Das simple Nichtsein des Kindes – Gebärstreik. Ellen Kositza , 31, hat als Lehrerin gearbeitet und ist Mutter von fünf Kindern. Foto: Skulpturen von Gustav Vigeland in Oslo: Die neue Unlust am Kind ist ein hypermodernes Phänomen einer Leib- und Schicksalsfeindlichkeit

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