Der anarchische Almanach

Die Encyclopædia Britannica hat ihren Ursprung im Jahre 1768. Charles und Adam Black legten im schottischen Edinburgh den Grundstein zu dem Werk, welches für sich beanspruchte, das gesamte Wissen der Menschheit zu beinhalten. Weltbekannte Wissenschaftler verfaßten darin ihre Abhandlungen, beispielsweise James Maxwell über Elektrizität und Magnetismus oder Kelvin of Largs, der seine Theorie der Thermodynamik darstellte. Das Nachschlagewerk wurde über die Jahrhunderte eine Erfolgsgeschichte. Die Wende kam im späten zwanzigsten Jahrhundert. Neue Trends wurden verschlafen, Multimedia-CDs und DVDs kamen auf den Markt und die Encyclopædia Britannica stand kurz vor dem Aus. Das Multimedianachschlagewerk „Encarta“ von Microsoft war für unter 50 Dollar zu haben, während die Britannica mit 1.400 Dollar zu Buche schlug. Mit Hilfe eines Investors kam noch einmal die Wende. Der Verlag begann auch Multimediaprodukte herzustellen und konnte so seinem Untergang knapp entgehen. Mit dem Jahr 2001 ging es den etablierten Nachschlagewerken noch stärker an den Kragen. Damals etablierte sich das erste große Gratislexikon im Internet, die Wikipedia. Der Begriff setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Wiki stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet soviel wie „schnell“. Ein Wiki ist eine Sammlung von Internetseiten, die sich durch eine Bearbeitungsfunktion sofort und für alle anderen sichtbar verändern lassen. Der zweite Teil des Wortes stammt vom englischen „Enzyklopedia“. Durch den Zusammenzug der Wortteile entstand der Begriff Wikipedia. Redaktionelle Verantwortung hat die Internetgemeinschaft Die Idee von Wikipedia wurde 1993 im Usenet geboren. Das Usenet ist der Teil des Internets, welches aus Diskussionsforen und Nachrichtenbörsen besteht. Jeder User mit einem Browser kann Zugang dazu erhalten. Ein Usenet ist vergleichbar mit einem schwarzen Brett, an dem jemand einen Aushang macht. Die Antwort auf den Aushang wird wiederum an das schwarze Brett gehängt, so daß wieder Stellungnahmen möglich sind. Hier veröffentlichte Rick Gates erstmals seine Idee, eine Enzyklopädie über das Internet zu schaffen, an der Menschen unabhängig voneinander arbeiten können. Mehrere Versuche, das Projekt umzusetzen, scheiterten, bis im Jahre 2000 der Internetunternehmer Jimmy „Jimbo“ Wales das Heft in die Hand nahm. Seine Vision: Er wollte die größte weltweit verfügbare Enzyklopädie schaffen. Wales hatte schon mit „Nupedia“ eine Enzyklopädie initiiert, die sich allerdings an den konventionellen Redaktionsprozessen orientierte. Entsprechend langsam und schleppend verlief alles. Gleichzeitig startete Wales das englischsprachige Projekt Wikipedia im Januar 2001. Gedacht war es als eine Autorenplattform, die das gemeinschaftliche Erstellen von Artikeln für sein Werk „Nupedia“ ermöglichen sollte. Dort sollten die Ergebnisse dann den konventionellen Redaktionsprozeß durchlaufen und in die Enzyklopädie einfließen. Doch es kam anders als geplant. Da jeder ohne Registrierung an dem Projekt mitarbeiten konnte, entwickelte es sich in atemberaubendem Tempo. Nur zwei Monate später, im März 2001, starteten Wikipedias in mehreren weiteren Sprachen, darunter auch Deutsch. Im Dezember 2001 gab es Wikipedia in 18 verschiedenen Sprachen. Wales beschloß, auf einen Chefredakteur zu verzichten und die redaktionelle Verantwortung der Internetgemeinschaft zu überlassen. 2002 gab es erste Rückschläge, als Wales den Versuch unternahm, das Projekt durch Werbung zu finanzieren. Viele Mitstreiter zogen sich zurück und gründeten eigene Projekte, von denen aber keines mit dem Wikipedia-Erfolg mithalten konnte. Rasch ruderte Wales zurück und versprach, daß Wikipedia auch in Zukunft werbefrei bleiben werde. Im Juni 2003 gründete er eine gemeinnützige Stiftung, die Wikipedia-Foundation. Wales übertrug alle seine Rechte an den neuen Träger, der seitdem auch für die Infrastruktur verantwortlich ist. Die Finanzierung des Projekts erfolgt seitdem ausschließlich über Spenden. Inzwischen gibt es das Projekt in über hundert Sprachen, in Deutschland sind fast 250.000 Artikel verfügbar. Die englische Version ist inzwischen umfangreicher als der Brockhaus. Bei Wikipedia kann jeder mitarbeiten, der einen Internetzugang besitzt. Eine Registrierung ist nicht notwendig. Jeder kann Texte schreiben oder bestehende verändern, sollten sie ihm nicht gefallen. Großes technisches Wissen ist nicht notwendig. Nach minimaler Einarbeitungszeit kann jeder normal begabte Mensch sehr schnell starten. Alle Teilnehmer unterwerfen sich den Prinzipien des Projekts. Die sind schnell erzählt. Von den Autoren wird ein neutraler Standpunkt erwartet, und sie akzeptieren eine Lizenzvereinbarung, die aussagt, daß die Inhalte auch von Dritten kommerziell verwendet und verändert werden dürfen. Ansonsten verpflichtet sich jeder, die anderen nett, höflich und mit Respekt zu behandeln. Niemand darf aufgrund seines religiösen, wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Hintergrunds diffamiert werden. Das kann natürlich zu Problemen führen. Daher gibt es eine Richtlinie, die einen neutralen Betrachtungswinkel für jeden Artikel vorschreibt. Ziel ist es, daß Gegner und Befürworter zustimmen können. Probleme gibt es meist in den Bereichen Politik und Religion. Durch langwierige Diskussionen ist dann ein Kompromiß oder durch eine Abstimmung eine Lösung herbeizuführen. Bei wissenschaftlichen Themen gilt das Prinzip, daß bei zwei sich widerstreitenden Theorien die plausiblere angewandt wird, beziehungsweise die Theorie von „Ockhams Rasiermesser“ gilt. Diese besagt, daß bei mehreren gleichen Theorien die einfachere die Richtige ist. Die Entscheidungsfindung gestaltet sich sehr komplex. Wikipedia bezeichnet diese selbst als anarchisch, technokratisch, monarchisch und demokratisch. Aufgrund der Anonymität ist die Anarchie sicher eine vorherrschende Form. Andererseits haben sich eigene soziale Regeln und Hierarchien etabliert. Teilnehmer überzeugen aufgrund ihrer Kompetenz, ihres Engagements und der Qualität der Beiträge. Ähnlich wie bei anderen sozialen Organisationsformen bilden sich Meinungsführer heraus, auf die mehr gehört wird als auf andere. Umstritten ist bei Wikipedia die Qualität der Artikel. Bei anderen Enzyklopädien arbeiten hochqualifizierte Spezialisten an einzelnen Themen, die zusätzliche Redaktionsteams zur Unterstützung haben. Anders bei Wikipedia. Immer wieder stellt sich die Frage, wie zuverlässig die Informationen tatsächlich sind. Da jeder Änderungen und Korrekturen vornehmen kann, hat das durchaus Konsequenzen: Spinner und Sonderlinge verdrehen manchmal die Realität. Qualität steigt kontinuierlich, da Artikel mit der Zeit reifen Allerdings ist es oft überraschend, wie schnell solche Beiträge durch andere Autoren beseitigt werden. Die Einfachheit von Veränderungen ist ein wichtiger Punkt für die Vermeidung von Fehlern. Da sich ohne große Mühe Korrekturen und Verbesserungen einfügen lassen, geschieht dies auch oft. Die Artikel reifen mit der Zeit, die Qualität steigt kontinuierlich. Dabei hilft auch die Möglichkeit, Veränderungen nachvollziehen zu können. Die alten Versionen eines Artikels lassen sich anschauen, so daß schon einmal gemachte Fehler nicht wiederholt werden müssen. Probleme bereitet zum Teil die thematische Ausrichtung. Themen über Computer sind oft perfekt abgehandelt, große Philosophen oder Literaten fehlen dafür zum Teil komplett oder sind nur sehr unzureichend beschrieben. Über Dieter Bohlen ist beispielsweise ein mehrseitiger Artikel verfügbar, über bestimmt wichtigere Personen gibt es dagegen keinen Eintrag. Und auch vor Fälschungen und Betrügereien ist die Gemeinschaft nicht sicher. Vor wenigen Monaten machte bei allen Nachrichtenagenturen eine Meldung die Runde. Spiegel, Focus und auch Wikipedia berichteten über „Toothing“. In Londoner Vorortzügen funkten angeblich Besitzer von Bluetooth-Mobiltelefonen alle anderen Besitzer von solchen Telefonen an und boten Geschlechtsverkehr an. Nach einer kleinen Nummer in der Bahnhofstoilette würden die Leute dann entspannt zur Arbeit gehen. Während der Stern-Ableger Neon eine Gebrauchsanweisung für den neuen Sport entwickelte, wurde ein Wikipediaartikel verfaßt. Das Problem: Nach wenigen Tagen stellte sich heraus, daß sich zwei Engländer diesen absurden Anmachversuch ausgedacht hatten und diesen in einem Weblog über erfundene Erlebnisse publizierten. Trotz aller Mängel bleibt festzustellen, daß in verschiedenen Bereichen, beispielsweise der Informatik, die Qualität der Artikel deutlich besser ist als in kommerziellen Produkten. Das Projekt Wikipedia ist inzwischen eine Marke wie Google, Amazon oder Yahoo. Wer bei Google einen Begriff sucht, findet immer öfter Artikel von Wikipedia. Kein Wunder, daß auch vermehrt versucht wird, über das Nachschlagewerk Einfluß zu nehmen. Über ein Beispiel berichtet das Internetmagazin Telepolis. Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wurden die Einträge von Jürgen Rüttgers mehrfach geändert. Seine bis dahin kurz gehaltene Biographie bekam mehr Inhalt. Auch die von Peer Steinbrück mußte sich einer kräftigen Überarbeitung unterziehen lassen. So wurden aus den ehrenamtlichen Tätigkeiten plötzlich Nebentätigkeiten. In Wahlkampfzeiten verwundert so etwas nicht. Eine Verbesserung der Politikerporträts wurde nicht erzielt und die Änderungen machten andere Wikipedia-Mitarbeiter rasch wieder rückgängig. Eine Rückverfolgung der Internetadressen ergab, daß die Autoren über Server des deutschen Bundestages arbeiteten. Hier zeigt sich, daß die Politik die Bedeutung von Wikipedia mittlerweise hoch einschätzt. Bei Wikipedia setzt sich das bessere Argument durch Noch immer meiden viele Menschen das Internet, sei es wegen der technischen Hürden, aus dem Bewußtsein, daß es auch ohne geht, aus Unwissenheit oder Ignoranz. Die Folgen sind immer dieselben: Chancen werden verschlafen. Wie aktiv bereits die politische Linke ist, zeigt sich, wenn man bei Wikipedia unter junge freiheit nachschlägt. Sämtliche Klischees und Vorurteile sind hier breit beschrieben. Auch anderen geht es nicht besser. Burschenschaften haben „… zu ihrer teilweise dunklen Vergangenheit trotz positiver Ansätze und offizieller Verfassungstreue bisher keine überzeugende Abgrenzung vollzogen“, Abtreibungen „… führen nur selten zu Komplikationen“ und Fidel Castro gilt als „…uneigennütziger Held der sozialen Revolution nicht nur in Kuba“. Es geht aber auch anders. Der Gründer der Deutschlandbewegung, Alfred Mechtersheimer, ist kurz, präzise und seriös charakterisiert. Selbst der Fall des aus der CDU ausgeschlossenen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann ist im Vergleich zu anderen Medien seriös beschrieben, sogar Verweise auf das Buch von Fritz Schenk und seine Solidaritätskampagne fehlen nicht. Bei Wikipedia müssen die Konservativen stärker aktiv werden. Mit einfachen Mitteln lassen sich jeder einseitigen Information oder gar Propaganda Argumente entgegensetzen. Im Vergleich zu anderen Medien setzt sich bei Wikipedia das bessere Argument durch. Redakteure oder Zensoren gibt es nicht. Die dominante linke Repression hat keine Möglichkeiten, Diskussionsbeiträge zu unterdrücken. Gerade das Medium einer Enzyklopädie macht ein Handeln notwendig. Hier erwarten die Nutzer ausgewogene und seriöse Informationen. Lehrer empfehlen Schülern Wikipedia als Nachschlagewerk, Journalisten recherchieren Informationen und ganz normale Bürger schlagen Themen nach, über die sie etwas erfahren wollen. Daher sollten gerade die Konservativen darauf achten, daß Informationen über sie seriös und richtig dargestellt werden, und gegebenenfalls sofort aktiv werden. Stichwort: Wikipedia „Wikipedia ist eine von vielen ehrenamtlichen Autoren verfaßte, mehrsprachige, freie Online-Enzyklopädie. Zur Zusammenarbeit nutzt sie ein Wiki, eine Software, mit der jeder Internetnutzer im Browser neue Artikel schreiben oder bestehende verändern kann. Das im Januar 2001 gegründete Projekt bezeichnet sich als freie Enzyklopädie, weil alle Inhalte unter einer Lizenz stehen, die jedermann das Recht einräumt, die Inhalte unentgeltlich – auch kommerziell – zu nutzen, zu verändern und zu verbreiten. Es gilt als die umfangreichste Sammlung originär freier Inhalte. Der Begriff ‚Wikipedia‘ setzt sich aus ‚Wiki‘ und ‚Encyclopedia‘ zusammen. Betrieben wird das Projekt von der ‚Wikimedia Foundation‘, einer ‚Non-Profit-Organisation‘ mit Sitz in Florida, USA.“ Text des Wikipedia-Eintrages über das Portal „Wikipedia“ in der aktuellsten Ausgabe vom 17. Juli 2005

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