Der verdrängte Völkermord

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde der Niedergang des Osmanischen Reiches, des kranken Mannes am Bosporus, immer deutlicher. Dies war auch aus den Verträgen ersichtlich, die die geschwächte Hohe Pforte eingehen mußte. In dem am 4. Juni 1878 geschlossenen, gegen Rußland gerichteten geheimen Verteidigungsbündnis mußte der Sultan gegenüber Großbritannien den Schutz und die Sicherheit seiner christlichen Untertanen garantieren. Und auf dem Berliner Kongreß 1878 (13. Juni bis 13. Juli) mußte das Osmanische Reich das Recht der Intervention der Großmächte zugunsten ihrer christlichen Minoritäten anerkennen. Dessenungeachtet bereitete der sich als fortschrittlich darstellende Sultan Abdul-Hamid den ersten großen Massenmord an den Armeniern vor. Er ging davon aus, daß die europäischen Mächte abgesehen von diplomatischen Noten nicht eingreifen würden. Das armenische Volk lebte seit Beginn des 16. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Osmanen, und die Beziehungen zwischen den Armeniern und ihren muslimischen Nachbarn, nicht jedoch zu den türkischen Beamten und den kurdischen Beys, waren weitgehend gut. Dieses gute Verhältnis zu zerstören, war Ziel des Sultans, und es gelang, indem er die in jedem Menschen angelegte Besitzgier nutzte. So durften in den Ebenen Kurdistans die Kurden nach Herzenslust rauben, plündern und vergewaltigen mit dem Versprechen, wegen dieser Untaten nicht vor Gericht gestellt zu werden. Unzählige Armenier wurden ermordet, und in vielen anatolischen Städten herrschte Chaos und Anarchie. Bereits 1895 gab es gegen Armenier schwere Pogrome 1895 begannen dann die vom Sultan und seiner Regierung geplanten und organisierten Massaker, so in Erzurum, Van, Bitlis, Harput, Sivas und Diyarbakir. Mindestens 200.000 Armenier fielen den Mordaktionen zum Opfer, 100.000 wurden zwangsbekehrt, etwa 100.000 Mädchen und Frauen landeten in den Harems der Muslime, 100.000 gelang die Flucht nach Transkaukasien, 60.000 nach Europa und nach Amerika. Dem Sultan war es jedoch nicht gelungen, das gesamte armenische Volk auszurotten. Das gelang erst 1915 den Jungtürken mit ihrem Traum vom großen gemeinsamen Reich aller Türkvölker, also einem neuen Imperium aller der türkischen Rasse Angehörenden. Geplant wurde die Ausrottung der Armenier in Istanbul. Das Operationszentrum war Erzurum, und die Drehscheibe für die Deportationen war Aleppo. Damit wurde der erste von staatlichen Stellen generalstabsmäßig geplante Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts eingeleitet. Die Ausmordung sollte diskret, also ohne großes Aufsehen geschehen. Zudem würde die Regierung mit dem Eigentum und den Bankguthaben der Armenier noch eine große Einnahme machen. Und die Mordbuben durften sich am Handgepäck bereichern. Der diabolische Plan wurde mit Akribie ausgeführt. Alles Schreckliche, was Menschen sich ausdenken können, geschah, unbeschreibliche Greuel wie beispielsweise die Vergiftung Hunderter von Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren, die Tötung von 1.000 Frauen, die zwischen Diyarbakir und Harput unweit Cenkus in eine Schlucht geworfen wurden, 700 Kindern aus einem deutschen Waisenhaus, die in einem See ertränkt wurden, oder 1.000 Kindern aus Bitlis, die vor der Stadt lebend verbrannt wurden. Deutsche Soldaten und Offiziere, die im verbündeten Osmanischen Reich stationiert waren, haben einige dieser Greueltaten gesehen und heimlich aufgenommen. Amnesty International veröffentlichte vor etlichen Jahren einen Teil dieser Aufnahmen in mehreren Bänden über diesen Völkermord. Allerdings wurden auch deutsche Offiziere in das Geschehen verwickelt. Graf Wolf von Wolfkehl in Urfa ließ mit der von ihm befehligten Artillerie die Befestigungen der Armenier unter Beschuß nehmen und ermöglichte den Türken die Einnahme der Armenierviertel. Liman von Sanders dagegen, dessen Truppen in Smyrna stationiert waren, widersetzte sich den Deportationen. Er ließ verlauten, daß er seine Truppen gegen die Polizei einsetzen würde, wenn diese Armenier deportierte. Das löste zwar diplomatische Auseinandersetzungen aus. Doch schließlich wurde der Deportationsbefehl annulliert. Die Armenier in Smyrna waren neben denen in Istanbul die einzigen, die von der Deportation verschont blieben. Natürlich sahen die Armenier in der Türkei dem Weltkrieg mit großer Sorge entgegen. Aber mehrheitlich waren sie loyal. Obwohl sie sich des türkischen Rassenfanatismus bewußt waren, meldete sich die armenische Jugend in den Rekrutierungsbüros. Die Priester zelebrierten Gottesdienste für den Sieg ihres osmanischen Vaterlandes. Zusätzlich stellten die Armenier ihre Loyalität auch noch durch Dienstleistungen und finanzielle Beiträge unter Beweis. Da ein Großteil der männlichen Armenier eingezogen war, gestaltete sich in perfider Weise die Ausgangslage für die Planer des Genozids ausgesprochen günstig. Armenische Soldaten wurden entwaffnet und erschossen Ende Januar 1915 wurde die Entwaffnung der armenischen Soldaten und Polizisten angeordnet. Um sie leichter ermorden zu können, wurden diese entwaffneten Soldaten in Arbeitsdiensteinheiten zusammengefaßt, als Arbeitssklaven der türkischen Truppen eingesetzt und abseits der Städte erschossen. Die Armenier mußten ihre Pässe abgeben, und die armenischen Beamten wurden beurlaubt. Damit niemand verschont blieb, wurde den Armeniern auch die Möglichkeit genommen, durch einen Glaubenswechsel ihr Leben zu retten. Die Mörder genossen staatlicherseits absolute Immunität. Die Deportationen waren Ende Dezember 1915 beendet, und gegen Ende 1916 war die Auslöschung der armenischen Bevölkerung in weiten Teilen der Türkei abgeschlossen. Für die Deportationen wurden die Eisenbahnen selbst dann genutzt, wenn sie für den Transport und den Nachschub der Truppen unbedingt notwendig waren. Die Anatolienbahn war die einzige, mit der eine Verstärkung der Truppen möglich war, als die Alliierten Istanbul bedrohten. Dessenungeachtet wurde sie schwerpunktmäßig für die Deportationen der ausgeplünderten und geschundenen Armenier eingesetzt – was Analogien in der späteren Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg fand. Ein ganzes Volk wurde ausgelöscht. Nur etwa 150.000 Armenier aus Istanbul und Smyrna entgingen der Deportation, wobei Vertreter der armenischen Elite auch in Istanbul am 24. April 1915 innerhalb weniger Stunden verhaftet und anschließend ermordet wurden, unter ihnen Parlamentsabgeordnete, Priester, Juristen, Ärzte oder Schriftsteller. Wie viele Frauen und Kinder in türkische Harems verschleppt oder in türkische Familien zwangsadoptiert wurden, ist nicht bekannt. Nur wenigen Armeniern gelang es, Widerstand zu leisten. Hier sind besonders die Armenier in den Küstendörfern des Jebel Musa im Vilayet Aleppo zu nennen. Dort verschanzten sich 5.000 Männer, Frauen und Kinder, und trotz der Belagerung durch 15.000 türkische Soldaten konnten französische Schiffe und ein englischer Kreuzer 4.000 Überlebende retten und nach Port Said transportieren. Franz Werfel hat diesen tapferen Verteidigern in seinem Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ ein Denkmal gesetzt. Diese Massaker und Deportationen sind seit langem bekannt. Ein Brite, Lord James Bryce ,veröffentlichte bereits 1916 ein sogenanntes Blaubuch. Es enthält Zeugnisse von Zivilisten, insbesondere von europäischen und amerikanischen Beamten und Missionaren, Lehrern und Krankenschwestern, auch von einigen überlebenden Armeniern. Der spätere Präsident der deutschen evangelischen Missionen im Orient, der Theologe Johannes Lepsius, brach das von der deutschen Regierung praktizierte Schweigen. Sein unersetzlicher Bericht erschien bereits 1915, noch vor dem Ende des Genozids. Von diesem Bericht wurden gegen den Willen der Reichsregierung 20.000 Geheimexemplare verteilt. Später wurde diese Darstellung noch vervollständigt, als alle die Ausrottung der Armenier betreffenden Dokumente aus den Archiven der Wilhelmstraße ausgewertet werden konnten. Armenier-Völkermord ist heute in der Türkei ein Tabu Sowohl in Deutschland als auch in Österreich-Ungarn bemühten sich viele bedeutende Personen, den Armeniern zu Hilfe zu kommen. Dazu gehören die Politiker Karl Liebknecht, Eduard Bernstein und Matthias Erzberger, die Erzbischöfe von Prag und Wien und der Primas von Ungarn mit ihren Bittschriften, die deutsche Oberste Heeresleitung mit ihrer Intervention, die Großherzogin von Baden mit ihrem Protestbrief an Theodor von Bethmann-Hollweg, Friedrich Rode, der Herausgeber der Christlichen Welt. Recht unbekannt ist bislang, daß auch zahlreiche Diplomaten des Reiches und Österreich-Ungarns die opportunistische Politik ihrer Regierungen mißbilligten. Der Botschafter der Vereinigten Staaten, Henry Morgenthau sen., setzte sich persönlich bei den „Jungtürken“ Talat und Enver Pascha ein, um die Einstellung des verbrecherischen Tuns oder zumindest mildere Repressionsmaßnahmen zu erreichen. Die deutsche Regierung selbst verharmloste die Massaker vor der Öffentlichkeit. Mit den Verbrechen wollte man nichts zu tun haben, aber man wollte auch nicht die Waffenbrüderschaft mit der Türkei gefährden. Und die späteren Siegermächte des Ersten Weltkrieges hatten sich längst im geheimen über die zukünftige Aufteilung des Osmanischen Reiches geeinigt. Armenien war auf ihrer Karte schon nicht mehr verzeichnet. Atatürk selbst war an den Ermordungen nicht direkt beteiligt. Unter seiner Herrschaft wurden jedoch viele Massenmörder gefördert, wie beispielsweise Topal Osman, der im Gebiet von Trabzon wütete und der Chef seiner Leibgarde wurde, oder der Arzt Tevfik Rüstü Aras, der von 1925 bis 1938 Außenminister und während des Genozids als Mitglied des Hohen Gesundheitsrates für die Beseitigung unzähliger Leichen verantwortlich war. Einen Richter hat dieser Völkermord niemals gefunden. In der Türkei selbst sind nach den Mördern Straßen benannt, und sie stehen als Helden in Geschichts- und Schulbüchern. Neben den Armeniern wurden in diesem Genozid mindestens 500.000 Assyrer aus dem nordirakischen Grenzgebiet ermordet, Christen, die die Sprache Jesu, Aramäisch, sprachen. Hitler war von den gelungenen Massenmorden und Deportationen, die zur Auslöschung des ältesten christlichen Volkes auf dem Boden des Osmanischen Reiches führten, so beeindruckt, daß er sie als Modell für die Ausrottung des europäischen Judentums nahm. „Wer spricht denn noch von den Armeniern“, wird er zitiert. Besonders angetan war er von der nahezu perfekten Vertuschung der Mordaktionen. Darüber unterrichtete ihn Erwin von Scheubner-Richter, der als ehemaliger deutscher Vizekonsul in Erzurum 1915/16 Augenzeuge der Deportationen und Massenmorde war. Noch heute ist der Völkermord an den Armeniern und Assyrern in der Türkei ein Tabu. Selbst in Deutschland wird das Thema zunehmend ausgeklammert – insbesondere in den türkischen Ballungsräumen der Großstädte. Die Intervention türkischer Vertreter bei der Bundesregierung, den Völkermord an den Armeniern nicht zum Gegenstand der Gedenkpolitik zu machen, spricht gegen alle Anerkennung der Schuld, geschweige denn Wiedergutmachungsbemühungen aus Ankara. Die Armenier in aller Welt gedenken am 24. April erneut der barbarischen Auslöschung ihrer Nation im Osmanischen Reich. Wenigstens in ihrer Gedenkstätte Zizernakaberd in Jerewan, der Hauptstadt der armenischen Republik, ist das Grauen umfassend dokumentiert. Bild: „Les massacres d’Armenie“, aus Le Petit Journal, Paris 1916: Thema wird zunehmend ausgeklammert Stichwort: Deutsch-Armenische Gesellschaft (DAG) Die Deutsch-Armenische Gesellschaft (DAG) wurde 1914 in Berlin gegründet. Gründungsmitglieder waren neben dem evangelischen Pfarrer und erstem Vorsitzenden Johannes Lepsius der Publizist Paul Rohrbach und der armenische Schriftsteller Avetik Issahakyan. Lepsius‘ Initiative erfolgte aufgrund der Diskriminierung der Armenier im Osmanischen Reich. Diese sollte dann 1915 in den Genozid an 1,5 Millionen Armeniern münden. Vor allem durch die Bemühungen Lepsius‘ wurde das Ausmaß dieses Völkermords in Deutschland erst bekannt. Nach dem Tod ihres langjährigen Vorsitzenden Paul Rohrbach wurde die DAG 1956 aufgelöst. 1972 erfolgte die Wiedergründung in Frankfurt am Main. Derzeit zählt die DAG über 274 Mitglieder und gibt seit 1973 die Armenisch-Deutsche Korrespondenz (ADK) heraus. Kontakt: Dr. Jasmine Dum-Tragut, Institut für den christlichen Osten, Mönchsberg 2a, A-5020 Salzburg

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