Der Aufbau hat begonnen!

Viele Deutsche schämten sich ihrer Tränen nicht, als sie am vergangenen Sonntag die Weihe der Dresdner Frauenkirche miterlebten – ob als einer der Hunderttausend, die sich unter einem wolkenlosen Himmel in der Innenstadt der sächsischen Elbmetropole eingefunden, oder als einer von Millionen, die sich vor den Fernsehbildschirmen versammelt hatten, um dem historischen Ereignis beizuwohnen. Keinen, den die Rührung nicht ergriff, als die Glocken der strahlend wiedererstandenen Kirche zu läuten begannen und sich die Prozession junger Christen in Bewegung setzte, die das Altarkreuz, Kerzen und die Bibel in das Gotteshaus trugen. Gerhard Hauptmann, Bundespräsident Horst Köhler zitierte ihn, sagte 1945: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.“ Nun lernten es viele wieder, als sie die Wiederauferstehung der Stadt erlebten. Es war, als ob sich nicht nur eine Wunde für die Dresdner schlösse, deren mit ostdeutschen Flüchtlingen überfüllte barocke Innenstadt in einem infernalischen Terrorangriff am 13. Februar 1945 ausgelöscht wurde. Das Symbol dieser „Elbflorenz“ gepriesenen Stadt war die Frauenkirche, ihre bizarren Trümmer waren der stumme Schrei einer Stadt, die selbst zum Symbol aller im Bombenkrieg furchtbar zerstörten und entstellten deutschen Städte geworden war. Die Initiative, die direkt nach dem Mauerfall 1989 von einigen wenigen Dresdnern Bürgern ausging, die Frauenkirche – so wie sie einmal gewesen ist – wieder auferstehen zu lassen, ist ein beispielhaftes Ereignis in Deutschland. Welche schweren ideologischen Geschütze waren doch gegen diesen Ansatz aufgefahren worden! Relativierung sei das, als könne man das Geschehene ungeschehen machen. Wie schwer sich doch die Deutschen mit der Aussöhnung mit sich selbst tun. Wie leicht gehen hundertfach eingeübt die Selbstanklagen von den Lippen, die Beteuerungen über die Verbrechen der Vergangenheit, wie eilfertig reklamiert dieses Land an jedem Ort, zu jeder Zeit die Rolle des singulär Schändlichen für sich, das nicht das Recht auf die Souveränität über seine Identität mehr besitzt. Es gibt in Deutschland eine – für Ausländer übrigens kaum verständliche – tief neurotisierte Debatte um die Wiederherstellung des vernarbten Antlitzes der vom Bombenkrieg entstellten deutschen Städte. Darf das Bild des Vorkriegsdeutschland unbeschadet wiedererstehen? Tatsächlich ist Architektur immer auch Ausdruck der geistigen Verfassung eines Gemeinwesens, ob Dorf, Stadt, Land oder Staat. Und so wurden landauf, landab die von den Bombergeschwadern hinterlassenen Schneisen in Hamburg, Kassel, München, Nürnberg, Pforzheim, Frankfurt am Main, Köln und anderswo zubetoniert mit mehr oder weniger gesichtslosen Zweckbauten. Teilweise wurde selbst das historisch gewachsene Straßennetz planiert und durch „vernünftige“ Stadtplanung ersetzt. Wenn wiederaufgebaut wurde und wird, dann fast ausschließlich verfremdet. Das historisch Gewachsene soll „gebrochen“ werden – die Architektur gleichsam als Rückgrat des Volkes. Ein makabres Beispiel: Parallel zum Wiederaufbau der Frauenkirche wird das neoklassizistische Militärhistorische Museum in Dresden restauriert und umgebaut. Hier haben nicht engagierte Bürger das Sagen, sondern der Geschichtspolitik treibende und von Skrupeln der Political Correctness geplagte Staat – hier die Bundeswehr als Eigentümer. So wird pflichtschuldigst ein Entwurf des Architekten Daniel Libeskind verwirklicht, bei dem nun das gesamte Gebäude von einem riesigen Betonkeil in Giebelhöhe brutal durchschnitten wird. 35 Millionen Euro läßt sich das Verteidigungsministerium diese Barbarei kosten. Der Wiederaufbau der Frauenkirche, von Bürgern organisiert, kostete 180 Millionen. Wie weit klaffen diese beiden Ansätze auseinander. Das Wiedererstehen der Frauenkirche in Dresden ist nun wie der ihm vorausgehende „Ruf aus Dresden“, der nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt erhört wurde, zu einem alle ideologischen Mauern sprengenden, überzeugenden Appell geworden, die Wunden der Städte zu schließen, Schluß zu machen mit dem Verstümmeln, Verfremden, Verbiegen, Brechen, Stauchen. Es ist ein Appell, die Glasflächen und die Betonkeile auf die Schutthalden zu verfrachten. Es gibt eine ganze Reihe Bauvorhaben, die angepackt werden können: – In Berlin ist der Abriß der Betonruine des Palastes der Republik seit 15 Jahren überfällig. Für den Wiederaufbau des Stadtschlosses an dessen Stelle haben Tausende von Bürgern bereits einen mehrstelligen Millionenbetrag gestiftet, um die Rekonstruktion dieser für den historischen Berliner Stadtkern entscheidenden Hohenzollernresidenz zu ermöglichen. Ein Kartell von politischen Bedenkenträgern blockiert immer noch die letzten nötigen Entscheidungen. Außerdem soll auch hier partout die Wiederherstellung der vollständigen Fassade verhindert werden und eine „Verfremdung“ für einen typisch verklemmt-neudeutschen Kompromiß sorgen. – In Potsdam wird der originalgetreue Wiederaufbau der preußischen Garnisonkirche jetzt bejaht, das Nutzungskonzept der Kirche ist aber umstritten. Die private Initiative Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel, die den Wiederaufbau angestoßen und sieben Millionen Euro gesammelt hat, warf deshalb entnervt das Handtuch und hat sich selbst aufgelöst. Der Aufbau des Potsdamer Stadtschlosses, das künftig den Landtag von Brandenburg beherbergen soll, hat hingegen konkrete Konturen angenommen. – In Braunschweig ist der Wiederaufbau des Stadtschlosses in Angriff genommen, hier soll aber ausgerechnet ein Einkaufszentrum integriert und eine Fassadenseite „modern“ verfremdet werden. – In Frankfurt am Main ist angesichts des geplanten Abrisses des Technischen Rathauses ein heftiger Streit darum entbrannt, ob auf der entstehenden Brache Teile der historischen Fachwerkaltstadt rekonstruiert werden. Dies ist erst der Anfang! Dresden macht die Mutlosen wieder mutig, die Zaudernden fassen Hoffnung, die Pessimisten hören auf, schwarzzusehen. Es ist möglich! Die Widerstände der deutschen Neurose sind zu brechen! Ein ganz neuer Enthusiasmus kann das Land erfassen, sich der Wiederherstellung wenigstens der Kerne der geschundenen deutschen Altstädte und Residenzen zuzuwenden und damit der Gesundung der deutschen Identität. Deutschland braucht eine architektonische Renaissance, die die Seele seiner Städte und damit die Seele aller Deutschen gesunden läßt. Packen wir es an!

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles