Den roten Dogmatismus mattgesetzt

Wieviel Divisionen hat der Papst“, soll Josef Stalin seinen Chefideologen Michail Suslow abgefertigt haben, als dieser in einer Strategiedebatte des Politbüros vorsichtig zu bedenken gegeben hatte, die Rolle der katholischen Kirche in der Weltpolitik nicht zu unterschätzen. Für den roten Despoten war nach der Doktrin des Marxismus/Leninismus Glaube gleich Aberglaube, Religion nach Marx das Opium des Volkes und die Kirche eine der wichtigsten Feindzentralen der Konterrevolution. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatten erst Lenin, dann noch konsequenter Stalin Abertausende von Priestern umbringen oder im GULag sich zu Tode schuften lassen, Kirchen in Viehställe oder Lagerhäuser „umzufunktionieren“ befohlen und den orthodoxen Oberhirten Rußlands zum bloßen Handlanger für das kommunistische Regime degradiert. Doch weder Jahrzehnte grausamster Verfolgung noch pausenlose ideologische Gehirnwäsche konnten den Glauben auslöschen. Das ist Geschichte. Wir wissen heute nicht, wen die geschriebene Historie dereinst einmal höher einstufen wird bei der Würdigung der welthistorischen friedlichen Revolution am Ausgang des zweiten Jahrtausends: den „polnischen“ Papst Johannes Paul II. oder Michail Gorbatschow, den Totengräber des sowjetischen Weltsystems. Aus heutiger Sicht sollte das Urteil eindeutig sein: Das Verdienst dieses soeben verschiedenen Papstes wiegt weitaus schwerer. Gorbatschow hatte das alles eigentlich nicht gewollt Das tut es allein schon deshalb, weil Gorbatschow ja eigentlich nicht gewollt hatte, wozu seine Politik schließlich führte. Er wollte das Sowjetsystem und den realen Sozialismus reformieren, effektiver machen. Daß er damit zu seinem Totengräber wurde, hatte er bei Verkündung seiner Reformabsichten weder gewollt noch vorausgesehen. Seine zu würdigende Leistung lag darin, daß er dem Druck der Hardliner widerstanden, die Truppen in den Kasernen gelassen und den von niemandem für möglich gehaltenen friedlichen Umbruch ermöglicht hat. Karol Wojtyla hat immer bewußt gehandelt und sich nie auf Spekulationen oder Experimente zur bloßen Befriedigung des Zeitgeistes eingelassen. Daß er als Christ sich nicht mit dem Kommunismus verbrüdern konnte, lag bei ihm auf der Hand. Damit gehörte er neben dem polnischen Primas Kardinal Wyszinski zu den katholischen Kirchenführern, die sich nicht von den Kommunisten vereinnahmen ließen. Polen war deshalb im gesamten sowjetischen Machtbereich ein Sonderfall. Auch Ungarn und die Tschechoslowakei waren stark katholisch geprägt – doch Polen spielte die Sonderrolle, weil seine Kirchenführer immer weit entfernt vom Staat und für jedermann erkennbar zuerst Hirten ihrer Gemeinden waren. Allein die Wallfahrten Hunderttausender zur Madonna von Tschenstochau, der „Retterin Polens“, waren für die Ostblock-Kommunisten eine Provokation ersten Ranges. Und bei diesen Prozessionen bewegte sich Kardinal Wojtyla in der Menge seiner Gemeinde wie der spätere Papst Johannes Paul II. bei seinen vielen Reisen rund um den Globus. Polen tanzte auch insofern aus der Reihe, als – ähnlich wie in den romanischen Ländern – selbst kommunistische Parteimitglieder sich nicht völlig von ihrer Kirche lossagten. Das entscheidende Datum für den Beginn der großen Wende im Kalten Krieg war aber ohne Zweifel der 16. Oktober 1978, als Karol Wojtyla zum Papst gewählt wurde. Nach Jahrhunderten ein nicht-italienischer Papst, und dann auch noch ein Pole. Was auch in der westlichen Welt zu erheblichen Irritationen führte, hat im sowjetischen Machtbereich wie eine Bombe eingeschlagen. Dort wußte man nämlich besser als im Westen, was der gesellschaftspolitische Antrieb dieses Papstes war: Die christliche Soziallehre, die er den Erfordernissen der Globalisierung und weltweiten Informationsvernetzung anpassen würde. Der Papst eignete sich nicht zur Verteufelung Dieser Papst eignete sich nun überhaupt nicht mehr zur Verteufelung der Kirche als „Steigbügelhalter des Großkapitals zur erbarmungslosen Ausbeutung der Arbeiter“. Jetzt hatten es die Kommunisten mit dem Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken zu tun, das Unternehmer wie Regierende und Verbandsfunktionäre gleichermaßen permanent an ihre menschlichen Pflichten erinnerte und dabei keinen Unterschied zwischen Kapitalismus oder Sozialismus machte. Dieses Lösen von den „Ismen“ machte sich vor allem die polnische Gewerkschaft Solidarnosc mit ihrem mutigen und „erzkatholischen“ Führer Lech Walesa zu eigen. In einem Interview mit dem Wochenmagazin Spiegel nach Ausrufung des Kriegsrechts im Jahr 1981 angesichts der Danziger Streikbewegung von Solidarnosc gab sich Walesa naiv, so als wisse er weder, was Kapitalismus oder Sozialismus oder Marxismus/Leninismus sei. Es gebe eine polnische Verfassung, danach hätten alle Bürger gleiche demokratische Rechte, und davon machten er und seine Arbeitskollegen Gebrauch. Es gehe ihnen um geregelte Arbeit, ordentliche Arbeits- und Arbeitsschutzbedingungen, sichere Lebensmittel- und Verbrauchsgüterversorgung, über Sozialismus oder Kapitalismus oder wie immer man das nennen wolle, rede er nicht, das sollten Ideologen und Berufspolitiker machen. Dieses einfache Denken hat den roten Dogmatismus mattgesetzt. Foto: Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Warschau (1979): „Die Nationen des östlichen Mitteleuropa haben trotz aller von der kommunistischen Diktatur aufgezwungenen Veränderungen ihre Identität bewahrt und sie sogar gefestigt. Für sie war nämlich der Kampf um die Wahrung der nationalen Identität ein Kampf ums Überleben. Heute sind die beiden Teile Europas – der westliche und der östliche – dabei, einander wieder näherzukommen. Das Phänomen, das in sich äußerst positiv ist, ist jedoch nicht frei von Gefahren. Die Hauptgefahr, der Osteuropa ausgesetzt ist, scheint mir in einer Trübung der eigenen Identität zu liegen. In der Zeit der Selbstverteidigung gegen den marxistischen Totalitarismus hat dieser Teil Europas eine Entwicklung geistiger Reifung durchgemacht, dank der einige für das menschliche Leben wesentliche Werte dort nicht so an Bedeutung verloren haben wie im Westen. … (Die Gefahr) besteht in einem unkritischen Nachgeben gegenüber dem Einfluß der im Westen verbreiteten negativen kulturellen Modelle.“ (Johannes Paul II. in seinem letzten Buch „Erinnerung und Identität“, 2005)

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