Joachim Kuhs

 

Das große Aussterben hat begonnen

Statistisch betrachtet sterben in den sechs Tagen, die zwischen Niederschrift und Veröffentlichung dieser Zeilen liegen, etwa zweihundert Tier- und Pflanzenarten auf unserem Globus aus. Das macht 33 Arten pro Tag oder über 12.000 Arten im Jahr, die der irdischen Lebensgemeinschaft auf Nimmerwiedersehen verlorengehen: Zahlen, deren Höhe so erschreckend ist, wie ihr Zustandekommen fahrlässig provoziert wird.

Der weltbekannte Dokumentarfilmer Sir David Attenborough erwartet für die kommenden einhundert Jahre ein Massenaussterben, wie es die Erdgeschichte bereits mehrfach gesehen hat – zuletzt beim Untergang der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Während damals ein gigantischer Asteroid, der nahe der mexikanischen Halbinsel Yucatán einschlug, die Katastrophe auslöste, zeichnet diesmal der Mensch für die Auslöschung seiner Mitwesen verantwortlich. Mindestens die Hälfte der heute noch den Planeten mit uns teilenden Spezies wird dem rücksichtslosen Wirken und Werken der Schöpfungskrone zum Opfer fallen. Nicht alle tragen so prominente Namen wie das kurzsichtige Rhinozeros, der majestätische Bengalische Tiger oder der stattliche Berggorilla, aber sie alle werden uns fehlen – aus ästhetischen und psychologisch-ideellen wie besonders auch aus materiellen Gründen.

Viele bedrohte oder "an der Kippe" stehende Arten dienen uns als Nahrung, Heilmittel- und Rohstofflieferanten. Etliche dieser zu unserem Nutzen instrumentalisierten Mitwesen – es hieß ja: "Macht euch die Erde untertan!" – gelten unter Biologen als "lebende Tote". Ihre Bestände wurden soweit dezimiert, daß die Anzahl der verbliebenen Individuen zu gering ist, um eine Population mittelfristig zu erhalten (Verarmung des Gen-Pools etc.).

Wer oder was verursacht dieses galoppierende Sterben

Wer oder was verursacht aber dieses galoppierende Artensterben, dessen konkrete Auswirkungen schon sehr bald für uns spürbar sein werden? In den Weiten der Ozeane, die als "Ursuppe" Geburtsstätte des Erdenlebens waren, verschuldet neben ausufernder Verschmutzung vor allem die Freibeuter-Mentalität riesiger Fischfangflotten irreversible Schäden. Grundschleppnetze und andere Verheerungsmethoden entvölkern in ihrem Aktionsradius den gesamten Meeresgrund, indem sie wahllos vernichten, was unter tonnenschwere Scherbretter und zwischen enge Maschen gerät. Etwa drei Viertel der gesamten Fischvorräte der Erde sind bereits ausgebeutet.

Mit dem durch kontinuierliche Erwärmung schmelzenden Meereis der Antarktis verschwinden die als Krill bekannten Krebstierchen. Vom dramatischen Rückgang dieser zum Zooplankton gehörenden Krebschen sind Wale, Robben, Pinguine und viele Arten mehr betroffen, eben sämtliche Glieder der auf dem Vorhandensein von Krill aufbauenden Nahrungskette. In den sogenannten "Todeszonen" der Meere, die auf Stickstoff-Einschwemmungen, die diesen folgende explosionsartige Algenvermehrung und den daraus resultierenden Sauerstoffmangel zurückzuführen sind, geht über Zigtausende Quadratkilometer jedes tierische und sauerstoffabhängige pflanzliche Leben zugrunde. Durch die Erwärmung der Meere kommt es zu vermehrter Korallenbleiche und Korallensterben. Ohne sofortige effiziente Maßnahmen im Klimaschutz wird auch das der Nordostküste Australiens vorgelagerte Große Barriereriff binnen weniger Jahrzehnte absterben. Die Zerstörung dieses größten zusammenhängenden Riffs der Erde würde als separiertes Ereignis betrachtet den Verlust von 6.000 Tier- und Pflanzenarten bedeuten.

An Land sind Fauna und Flora nicht minder nachhaltig in Bedrängnis geraten. Willkürliche Siedlungspolitik, großflächige Abholzung von Tropenwäldern und der russischen Taiga, Schadstoffemissionen, Landschaftsverbauung, Trockenlegung von Mooren, Einschleppung von Bio-Invasoren (gebietsfremden Organismen), Isolation einzelner Populationen durch Straßen, die Lebensräume als unüberbrückbare Schneisen durchtrennen, der florierende Handel mit Buschfleisch aus Afrika, Lateinamerika und Südostasien als zig-Millionen-Dollar-Markt: Die Aufzählung von Bedrohungsszenarien und Ausrottungsmechanismen ließe sich beliebig fortsetzen.

Allein, die Ursachen bleiben stets dieselben und lassen sich in zwei Worten zusammenfassen: Technokratie und Übervölkerung! Die ungebremste Ausbreitung der Spezies Mensch läßt keinen Platz für unberührte Natur, grüne Korridore und Wildniszonen. Was sich aber nach einer relativ unspektakulären Erkenntnis anhört, birgt fatale Sprengkraft. Der unvergessene Konrad Lorenz wies in zahlreichen Versuchsreihen nach, daß sich der Zusammenbruch eines Lebensraums an der überproportionalen Zunahme einer Spezies ankündigt. Welche Spezies dies auf unserem zu klein gewordenen Erdball ist, läßt sich unschwer nachvollziehen. Nachdem rechtzeitige Aufklärungsarbeit aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht erfolgt, bleibt ein delikates Problem: Wohin mit all den Neugeborenen, wenn schon für ihre Eltern und Geschwister kein menschenwürdiger Wohn- und Lebensraum, kein sauberes Trinkwasser und kaum Nahrung zur Verfügung steht?

Zäumen wir den Gaul also von hinten auf. Wozu brauchen wir so etwas wie Artenvielfalt und funktionierende Ökosysteme überhaupt? Hierzu ein Beispiel: Die vor der kalifornischen Küste lebenden Seeotter fressen neben Muscheln bevorzugt Seeigel. Als man die Seeotter durch unkontrollierte Bejagung beinahe ausrottete, kam es zu Massenvermehrungen unter den Seeigeln. Seeigel ihrerseits weiden mit Vorliebe jene Kelpwälder ab, die die Grundlage der Lebensgemeinschaft vor Kalifornien bilden. Die Seeigel fraßen und vermehrten sich schrankenlos, und alsbald verschwand der Kelp. Mit dem Riesentang verloren die sonst in seiner Deckung aufwachsenden Jungfische dessen unverzichtbare Schutzfunktion und das gesamte im Kelp heimische Tierleben seine Existenzgrundlage.

Schließlich stellte man die Jagd auf den Seeotter ein, und der nunmehr Geschonte kehrte in sein Verbreitungsgebiet zurück. Mit ihm tat dies bald auch der Kelp, weil der Seeigelbestand durch den heimgekehrten Freßfeind wieder reguliert wurde. Nach einiger Zeit funktionierte der gesamte Lebensraum wieder in der durch Jahrtausende eingespielten, bewährten Weise.

Die Osterinseln als drohendes Mahnmal

Soweit ein Modell dessen, was der Mensch dabei ist, in globalen Dimensionen anzurichten. Einzelne Schlüssel (Keystone)-Arten sind für das Überleben ganzer Biozönosen unverzichtbar. Löscht man zehn solcher Arten aus, verliert man nicht nur diese zehn, sondern Hunderte, vielleicht sogar Tausende von den zehn Schlüssel-Akteuren abhängige Arten.

Der Tropenwald-Abholzung kommt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu, wie folgende Zahlen untermauern: Auf nur einem Hektar des peruanischen Regenwaldes fand man 600 Bäume vor, unter denen man 283 unterschiedliche Baumarten zählte. Auf einer untersuchten Fläche von 2,5 Quadratkilometern Amazonas-Regenwald wurden – neben diversen Reptilien, Amphibien und Insekten – 3.000 Pflanzen- und über 530 Vogelarten nachgewiesen. In einer einzigen Baumkrone lebten 600 verschiedene Käferarten. Zum Vergleich: Pro Tag fallen dem Wüten von Bulldozern und Kettensägen 685 Quadratkilometer Regenwald zum Opfer. Das macht im Jahr etwa 250.000 Quadratkilometer und damit die sechsfache Fläche der Schweiz.

Als drohendes Mahnmal einer solchen Entwicklung ragt die für ihre Kolossalfiguren berühmte, landschaftlich verödete Osterinsel aus dem südöstlichen Pazifik. Das einst reich bewaldete Eiland wurde von seinen polynesischen Besiedlern über Jahrhunderte ausgebeutet, bis der letzte Baum gerodet war. Ohne Holz konnte man bald weder Häuser noch Boote bauen. Ohne Boote gab es keine Fluchtmöglichkeit aus dem zerstörten Paradies. Es entbrannten verzweifelte und blutige Kämpfe um die letzten Ressourcen, bis mit diesen auch die Feindseligkeiten endeten und jedes Leben auf der Osterinsel erstarb.

Einen "Tag des Wassers" auszurufen, bringt wenig

Der rein materialistisch orientierte Fortschrittsgedanke des lebensfeindlichen Wirtschaftswachstumswahns, der unsere Gegenwart bestimmt, ist durchaus geeignet, unserem gesamten Planeten das Schicksal der Osterinsel anzutun – sollten wir uns nicht umgehend weitreichende Einschränkungen auferlegen. Alle Jahre wieder einen "Tag des Wassers", einen "Tag des Waldes" oder ähnliches auszurufen, wird auf Dauer zuwenig sein, um unseren Planeten, den einzigen für uns und unsere Mitgeschöpfe verfügbaren Lebensraum, nachhaltig zu schützen.

Unverzichtbare Primär-Voraussetzung unseres Überlebens ist die rigorose Verlangsamung der menschlichen Reproduktionsgeschwindigkeit, vorzugsweise in der hyperfertilen südlichen Hemisphäre. (Auch hier ein Vergleich: Um Christi Geburt bevölkerten etwa 300 Millionen Menschen den Erdball. Im Jahre 1900 waren es dann bereits 1,9 Milliarden. Heute sind es um die 6,5 Milliarden.)

Solange die menschliche Weltbevölkerung wächst, wird es effizienten Naturschutz nicht geben. Ohne intakte Natur, die durch eine entsprechende Artenvielfalt ausgewiesen wird, gibt es mittelfristig auch kein menschliches (Über)-Leben auf dem Blauen Planeten mit seinen grünen Oasen.

Verweigert der Mensch die zur Erhaltung der ihm anvertrauten Schöpfung erforderlichen Regulierungsmaßnahmen, werden die Selbstreinigungskräfte der Allmutter Natur ihm diese Aufgabe eines nicht zu fernen Tages abnehmen.

Gewiß, wir haben Bakterien nachgewiesen, die unterhalb der Erdoberfläche tief im Boden existieren. Wir konnten mikrobielles Leben entdecken, das, durch Kälteschutzproteine beschirmt, im Eis überlebt. Wir kennen Bakterien, die in 400 Grad Celsius heißen Tiefseequellen, in radioaktivem Müll und in den Wolken der Erdatmosphäre leben. An irgendeinem, uns bis zu diesem Zeitpunkt möglicherweise immer noch verborgen gebliebenen Ort des Planeten wird das Leben mit größter Wahrscheinlichkeit überleben. Es wird an diesem Refugium die Zeitspanne einer vorübergehenden Unbewohnbarkeit der Planetenoberfläche überdauern und alsbald einen neuen Zyklus von Entwicklung, Auslese, Weiterentwicklung, Kommen und Gehen, Geschaffen-Werden und Sterben, kurz: einen neuen Evolutionsprozeß beginnen. Aber vermag uns diese Aussicht zu trösten? Kaum.

Entweder wir begründen ein von unethischer Ausbeutungsmentalität befreites Zeitalter der Mitgeschöpflichkeit, oder aber dieses befreiende Zeitalter wird ohne uns anbrechen. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Stichwort: Biologische Invasion

Sie kamen und kommen eher zufällig per Schiff, Flugzeug oder Eisenbahn. Fremde Tier- und Pflanzenarten, Pilze und Mikroorganismen machen sich auf Westeuropas Wiesen und Feldern breit und treiben ihr "Unwesen". Oftmals ist es auch nur der natürliche Ausdehnungsdrang. Etwa bei der aus Indien stammenden Türkentaube, die seit den vierziger Jahren auf ihrem unaufhaltsamen Marsch nach Norden vielerorts die heimische Turteltaube von ihren Nistplätzen verdrängt hat. Allzu oft kamen sie nicht einmal freiwillig, sondern wurden von Königen für deren Schlossgarten und von Hobbygärtnern mittels Imports von Vogelfutter eingeschleppt. Die Invasoren stellen ein Problem dar. Nicht nur als außerplanmäßige Konkurrenz zu einheimischen Arten und als Krankheitsüberträger. Wer kennt schon all die Geschichten um die "Macht" des aus Nord-Amerika stammenden Kartoffelkäfers? Wer zeichnet dafür verantwortlich, wenn die in der Natur ausgesetzten Goldfische Kaulquappen, kleinen Fischen und Wasserinsekten unnatürlich zusetzen? Forscher warnen seit langem. Denn biologische Invasionen sind mittlerweile eine der Hauptursachen für den Artenrückgang.

Foto: Bengalischer Tiger im Rhantambore Nationalpark/Indien: Hinter dem dichten Blättermeer auf der Hut. Kaum auszumachen. Dennoch vom Aussterben bedroht und nur noch in Reservaten lebensfähig.

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