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Armee ohne Allüren

Wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem europäischen Schauplatz verständigten sich Großbritannien, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion auf der Potsdamer Konferenz darüber, wie mit dem besetzten und ihrer vollständigen Kontrolle unterliegenden Deutschland umzugehen sei. Manche ihrer Beschlüsse, denen sich Frankreich (als Mitsieger honoris causa) anschloß, wirken bis in die Gegenwart nach. Andere erwiesen sich aber schon einige Jahre später als obsolet. Insbesondere – und ausgerechnet – zu einer dauerhaften Entmilitarisierung Deutschlands sollte es nicht kommen. Bereits zehn Jahre nach Potsdam waren in der Bundesrepublik die Vorbereitungen zur Aufstellung der Bundeswehr in vollem Gange. Seit dem 8. Juni 1955 amtierte Theodor Blank als erster Bundesminister für Verteidigung. Am 12. November händigte er den ersten Freiwilligen in der Bonner Ermekeil-Kaserne ihre Ernennungsurkunden aus. Dieser Tag gilt gemeinhin als Gründungsdatum der Bundeswehr. Knapp zwei Monate später zog die DDR mit der Aufstellung der Nationalen Volksarmee (NVA) nach. Die neuen Streitkräfte waren keine Konzession der Westmächte an die junge, unter ihrer Ägide entstandene Bundesrepublik. Sie stellten vielmehr die unumgängliche Konsequenz aus einer veränderten weltpolitischen Konstellation dar, die sich unmittelbar nach dem Ende des Krieges herauskristallisiert hatte. Das, worauf namhafte Repräsentanten des Dritten Reiches bis zuletzt vergeblich gehofft hatten, geschah nach dessen Beseitigung: Die Allianz der Sieger zerfiel. Während der Westen demobilisierte, schien die Sowjetunion an ihrem Militärpotential keine nennenswerten Abstriche vornehmen zu wollen. Wo die Rote Armee stand, wurden zunächst formaldemokratische Regime durch unverblümt kommunistische Diktaturen ersetzt. Bürgerkriege wie in Griechenland und China signalisierten, daß Moskaus Ambitionen mit dem 1945 vollendeten Machtzuwachs noch nicht gestillt wären. Bundeskanzler Konrad Adenauer realisierte sehr rasch, daß diese neue Bedrohung eine Dimension angenommen hatte, die das in Washington, London und Paris dominante Bestreben, eine wieder entstehende deutsche Militärmacht schon im Ansatz zu verhindern, in den Hintergrund treten lassen würde. Schon Ende 1949 lancierte er die Anregung, daß die Bundesrepublik auch mit Streitkräften einen Beitrag zur Sicherheit Europas leisten könnte. Dies hätte jedoch seinen Preis: Ein Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik sei nur zu erwarten, wenn sie als gleichberechtigter Partner Anerkennung fände. Anfängliche Vorbehalte gegen derartige Überlegungen mußten spätestens vor dem Hintergrund des Korea-Krieges (1950 bis 1953) als anachronistisch angesehen werden. Zunächst schienen die Weichen in die Richtung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft unter westdeutscher Beteiligung gestellt. Nachdem diese jedoch an der französischen Nationalversammlung gescheitert war, wurde auf eine Integration der Bundesrepublik in die seit 1949 bestehende Nato umgesteuert. Am 9. Mai 1955 trat Westdeutschland der Nordatlantischen Allianz bei. Vier Tage zuvor war die – bis 1990 unter alliiertem Vorbehalt stehende – „Souveränität“ der Bundesrepublik verkündet worden. Kein Spielraum für einen „dritten Weg“ Von Anfang an war die Bundeswehr als eine „Armee im Bündnis“ konzipiert worden, ein Selbstverständnis, das bis heute für sie konstituierend ist. Die Erfahrung zweier verlorener Weltkriege, die den Glauben an die Möglichkeit einer eigenständigen Interessenpolitik im Konzert der Mächte genommen hatten, deckte sich mit den Schlußfolgerungen, die es für die Bundesrepublik aus dem Ost-West-Gegensatz zu ziehen galt: Zwischen den beiden Blöcken war für einen „dritten Weg“ kein Spielraum. Der von Bonn aus regierte Teilstaat bedurfte des westlichen – und hier insbesondere des amerikanischen – Schutzes, um sich an der Nahtstelle zur sowjetischen Hemisphäre behaupten zu können – und der Westen benötigte das Potential, auch das militärische, der Bundesrepublik, um zu einer glaubwürdigen Abschreckung in der Lage zu sein. Die Aufstellung der Bundeswehr stellte die Verantwortlichen vor größere Probleme, als sie in ihren optimistischen Planungen zunächst angenommen hatten, eine Diskrepanz zwischen Wünschen und tatsächlichen Möglichkeiten, die Theodor Blank schon nach knapp einem Jahr zur Amtsaufgabe zwang. Er wurde durch Franz Josef Strauß ersetzt. Der personelle Aufwuchs zog sich hin. Gerät und Ausrüstung, zunächst von den neuen Verbündeten zur Verfügung gestellt, erfüllten die Anforderungen nicht uneingeschränkt. Eine deutsche wehrtechnische Industrie nahm, befreit von den Fesseln alliierter Verbote, erst allmählich Fahrt auf. Vieles im militärischen Alltag blieb zunächst der Improvisation überlassen. Am 7. Juli 1956 beschloß der Deutsche Bundestag die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht, am 1. April des folgenden Jahres rückten die ersten Grundwehrdienstleistenden in die Kasernen ein. Das Gerippe der neuen Streitkräfte bildeten Zehntausende von Offizieren und Unteroffizieren mit Weltkriegserfahrung, ein Faktum, das den Verbündeten als einstigen Gegnern weniger Kopfzerbrechen bereitete als der deutschen Öffentlichkeit. Heute tut sich sogar die Bundeswehr im Jubiläumsjahr sehr schwer, die mit einer entsprechenden Biographie ausgestatteten Angehörigen ihrer Gründergeneration angemessen zu würdigen – und straft damit ihre Behauptung Lügen, wenigstens die eigene Geschichte als Tradition zu begreifen. Adenauer hingegen wußte, daß er auf Bundeswehrangehörige, die den Weltkrieg erlebt hatten, nicht bloß angewiesen war, sondern sich auch auf sie verlassen konnte. Schon 1951 hatte er für die deutschen Soldaten, soweit sie „anständig“ gekämpft hätten, also keiner Vergehen gegen das Kriegsvölkerrecht zu bezichtigen wären, eine Ehrenerklärung abgegeben – und dies auch den Verbündeten als Voraussetzung für einen Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik abverlangt. Als Armee im Bündnis organisierte sich die Bundeswehr, was Struktur, Ausrüstung und Ausbildung betraf, auf der Grundlage der in der Allianz gültigen Doktrinen und Grundsätze. Die Bundesrepublik nahm diese jedoch nicht einfach hin, sondern versuchte, sie in ihrem eigenen Interesse zu beeinflussen. Sahen die anfänglichen Verteidigungsplanungen der Nato noch vor, im Falle eines östlichen Angriffes auf westdeutschem Territorium lediglich das Verzögerungsgefecht zu führen und eine Verteidigungslinie erst am Rhein zu errichten, wurde diese, dem Begehren Bonns folgend, zunächst auf die Linie Weser-Lech und schließlich an die innerdeutsche Grenze verlegt. Auf weniger Widerspruch deutscher Militärs stieß hingegen die seit 1952 gültige Strategie der massiven Vergeltung, die jeder auch bloß begrenzten, mit konventionellen Mitteln geführten Aggression die unverzügliche atomare Eskalation androhte. Sie setzte die Bundesrepublik zwar dem Risiko aus, unversehens der nuklearen Auslöschung anheim zu fallen, entband allerdings von der Verantwortung, auf konventionellem Gebiet für ein Gleichgewicht oder wenigstens eine angemessene Abschreckung zu sorgen. Diese Aufgabe stellte sich erst, als die Vereinigten Staaten und im folgenden die Nato angesichts des nuklearen Patts und als Schlußfolgerung aus der Kuba-Krise, in der eine Eskalation dank des sowjetischen Einlenkens noch einmal abgewendet worden war, zur Strategie der flexiblen Antwort übergingen. Nach dem Anfang der sechziger Jahre erfolgreich abgeschlossenen personellen Aufbau stand nun eine angemessene Ausrüstung auf der Tagesordnung. Sie wurde erst durch die voluminösen Beschaffungsprojekte unter dem sozialdemokratischen Minister Georg Leber in den siebziger Jahren Wirklichkeit. Diskrete und rigorose Abwicklung der NVA Mit der Wiedervereinigung Deutschlands, der Auflösung des Warschauer Paktes und dem Zerfall der Sowjetunion endete der Kalte Krieg. Zurecht nimmt die Bundeswehr für sich in Anspruch, einen relevanten Beitrag dazu geleistet zu haben, daß es in Europa zu keiner militärischen Auseinandersetzung zwischen den Blöcken gekommen ist. Nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes sah sie sich zunächst vor die Aufgabe gestellt, als „Armee der Einheit“ das Erbe der NVA abzuwickeln. Sie löste diese diskret und rigoros. Unter dem Strich wurden nur wenige Angehörige der einstigen DDR-Streitkräfte dauerhaft in die Bundeswehr übernommen, sie erfuhren dabei eine Rückstufung um ein bis zwei Dienstgrade. Im „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ hatte sich die Bundesrepublik verpflichtet, ihren Streitkräfteumfang deutlich zu reduzieren – von 588.000 Mann (490.000 Bundeswehr und 98.000 NVA) im Jahr 1990 auf 370.000 Mann, die für 1994 als Zielgröße gesetzt wurden. In jener Phase glaubten viele, daß eine Epoche ungekannter Stabilität begonnen hätte, in der man auf eine „Friedensdividende“ hoffen dürfe. Diese Einstellung spiegelte sich nicht zuletzt in einer Kürzung des Verteidigungshaushaltes um etwa 20 Prozent zwischen 1990 und 1995 wider. Durch die sicherheitspolitischen Tatsachen war sie jedoch sehr schnell überholt. Die Kriege auf dem Balkan, regionale Instabilitäten und Konflikte an der europäischen Peripherie und nicht zuletzt die sich allmählich herauskristallisierende Bedrohung durch einen weltweit operierenden islamistischen Terrorismus prägten ein diffuses Lagebild, aus dem die deutsche Politik neue Aufgaben für die Bundeswehr ableitete. Heute sind 6.300 ihrer Soldaten in Missionen auf drei Kontinenten eingebunden, die meisten von ihnen in Afghanistan, Bosnien-Herzegowina sowie im Kosovo. Was noch zu Beginn der neunziger Jahre in der Öffentlichkeit wie auch in den Streitkräften als undenkbar galt, ist unterdessen eine Selbstverständlichkeit. Die Bundeswehr begreift sich als eine „Armee im Einsatz“ und unterzieht sich der größten Reform ihrer Geschichte, um in ihrem „erweitertem Aufgabenspektrum“ mit einem zukünftig auf 252.000 Soldatinnen und Soldaten abgeschmolzenen Personalbestand in noch größerem Umfang tätig werden zu können. Bislang erstrecken sich ihre Mandate im wesentlichen auf „Stabilisierung“, doch vermag niemand auszuschließen, daß in absehbarer Zukunft nicht auch veritable Kampfaufträge hinzukommen werden. Halbwegs kalkulierbare Grenzen in ihrem weltweiten Engagement setzt der Bundeswehr weniger der politische Wille von Regierung und Parlament, sondern das limitierte Budget. Der aus den Fugen geratene Bundeshaushalt erlaubt keine Aufstockung des Verteidigungsetats, die eigentlich nötig wäre, um die ambitionierten Pläne zügig umzusetzen. Die Neuausrichtung vollzieht sich daher Schritt für Schritt in einem langwierigen Prozeß. Für die Bundeswehr mag die unfreiwillige Atempause auch eine gute Seite haben: Manche Aufgaben, die ihr heute in nonchalanter Routine aufgebürdet werden, könnten und sollten noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden. Fotos: Die ersten Wehrpflichtigen rücken ein (1957): Zivilgesellschaft Zum Appell angetretene Bundeswehrsoldaten: Die Neuausrichtung der Armee vollzieht sich Schritt für Schritt U-Boot der Klasse 212 A: Moderne Waffen trotz Unterfinanzierung Eurofighter des Jagdgeschwaders 72 „Steinhoff“: Abwehrbereit Überführung eines gefallenen Soldaten: Staatsbürger in Uniform

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