Armee im Schatten der Gesellschaft

Der Historiker Dieter Langewiesche weist darauf hin, daß jede Nation über ein „Massensymbol“ verfüge. Bei den Briten sei dies „Das Meer“, bei den Niederländern „Der Deich“, bei den Franzosen „Die Revolution“. Und bei den Deutschen „Der Wald“. Durch die Reichsgründung 1871 sei ein neuer Massenmythos entstanden: „Das Heer“. Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 sei jedoch dieser Mythos untergegangen. Nach der Katastrophe des Dritten Reiches hatten die Deutschen wenig Interesse, sich in die Sphäre des Politischen zu begeben. Eine Armee ist militärischer Ausdruck des politischen Willens zur Selbstbehauptung. Zudem war Deutschland geteilt und besetzt. Also lautete die Parole für die Kriegsgeneration „Nie wieder“, da die Wiederbewaffnung in Bundesrepublik und DDR einen Bruderkrieg einschloß. Die Bundeswehr entstand parallel zur NVA im Zeichen der Blockkonfrontation und des anhaltenden Traumas des verlorenen Weltkrieges. Groß war und ist darum das Bemühen, den „Neubeginn“ militärischer Tradition zu betonen und sich beflissen von Reichswehr und Wehrmacht abzusetzen. Deshalb zwängte man den ersten Jahrgang in drollige Uniformen, in denen die frischgebackenen Bundeswehrsoldaten amerikanischen Tankwärtern ähnelten. Das Pendel schlug hier – typisch deutsch – von dem einen Extrem ins andere. Beherrschte das Militär einst stolz die Straßen, war der Rock des Soldaten das „Ehrenkleid“ der Nation, so empfehlen die Vorgesetzten heute häufig ihren Untergebenen, die Kasernen schamhaft in Zivilkleidung zu verlassen, weil Soldaten in Uniform Anstoß erregen könnten. Obwohl sie bereits seit zwölf Jahren in Auslandseinsätzen in Afrika, auf dem Balkan und in Afghanistan präsent sind, versteckt die mediale Öffentlichkeit und die Politik ihre Soldaten, die den stolzesten Beruf des Gemeinwesens ausüben: Sie geloben, ihr Leben einzusetzen, um Recht und Freiheit ihres Volkes zu verteidigen. Jedes Land der Erde verehrt und bewundert deshalb seine Soldaten! Die Wehrpflicht-Armee kann im Zeichen der Integration nach wie vor die „Schule der Nation“ sein. Diese Bedeutung wird angesichts lichterloh brennender französischer Vorstädte erst recht aktuell. Dann muß die Gesellschaft aber die Ehre dieser Armee bewahren und verteidigen. Die Soldaten müssen gebührende Achtung fordern und bekommen. Sie müssen dieser Erwartung in Haltung und Vorbild auch gerecht werden. Dazu gehört, daß sie Präsenz in der Öffentlichkeit zeigen. Die Kampagne „Du bist Deutschland“ konnte ihren Charakter nicht besser desavouieren, als nicht ein einziges Motiv die patriotische Tat schlechthin – den Dienst an der Waffe – aufgriff. Jugendliche Einwanderer, von der deutschen Neurose unbeleckt, bewahren einen wachen Instinkt für die innere Moral und die Ehre einer Gemeinschaft. Welches Ansehen genießt beispielsweise die Armee in der Türkei! Die jungen Türken nehmen genau wahr, wie die Deutschen mit ihren Helden umgehen. Und sie wissen instinktiv: Zu dieser ehrlosen Gemeinschaft wollen sie nicht gehören. Halten wir am Volkstrauertag noch das ehrende Andenken an die Gefallenen aller deutscher Armeen wach?

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